Baden

Die Grenze zu Frankreich ist nah, das Klima milder, die Sonnenstunden zahlreicher: Weine aus Baden kommen geschmacklich auf deutlich sanfteren Pfoten daher als jene aus nördlicheren Gefilden. Nicht umsonst genießt Baden eine rechtliche Sonderstellung und darf sich als einziges deutsches Gebiet der exklusiven EU-Weinbauzone B zurechnen, der ansonsten honorige Landstriche wie die Champagne, das Tal der Loire oder das Elsass angehören. Mit dem Slogan „Der Garten Deutschlands“ wirbt der dortige Weinbauverband, und das völlig zu recht, denn während Südhänge meist den Reben vorbehalten sind, gedeihen Richtung Norden Obstplantagen. Eine perfekte Aufteilung also, und für die Winzer oft auch eine Notwendigkeit. Denn obwohl mit knapp 16000 Hektar das drittgrößte Gebiet in Deutschland, sind die Parzellen oft zu klein, um sie wirklich gewinnbringend zu vermarkten. Aus diesem Grund blüht in Baden nach wie vor das Genossenschaftswesen, und das muss keineswegs heißen, dass es sich bei deren Erzeugnissen um langweilige Massenware handelt. Da die Winzergenossenschaft nicht selten der einzige Erzeuger am Ort ist - 80 Prozent des badischen Weines wird genossenschaftlich gekeltert -, landen dort eben nicht nur die durchschnittlichen Trauben, sondern auch die sehr guten.

 

 

Beim Begriff „Weinbaugebiet“ müssen wir direkt einhaken, ist er doch vielleicht nicht ganz zutreffend: Baden ist ein vergleichsweise unzusammenhängendes Territorium, und von der nördlichen Grenze an der Bergstraße auf Höhe Mannheim bis zur südlichen am Bodensee und bei Lörrach sind es fast 400 Kilometer. Bodensee? Ja, kaum ein Weingebiet ist auch touristisch so beliebt wie Baden. Ob Heidelberg, der Kaiserstuhl, der Breisgau mit seinem Zentrum Freiburg - auf natürliche Weise hegen Rhein und Schwarzwald sanft die Weinberge ein, aus denen der Rebensaft oft nur ein paar Kilometer zurücklegen muss, bevor er in der feinen Küche ein Hauptgericht abrunden darf. Denn nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Sterne-Restaurants als hier und auch aufgrund der hohen Dichte an gehobener Gastronomie kreieren die Winzer Tropfen, die sich als perfekte Begleiter für eine große Zahl von Gerichten eignen.

 

Waren es zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch an die 200 Rebsorten, machen nun noch sieben den allergrößten Teil des Ertrags aus. Bekannt ist Deutschlands südlichstes Weinbaugebiet vor allem für zwei Sorten: den Müller-Thurgau und den Spätburgunder. Insbesondere letzterer ist als Rebe mit seinem Gebiet verschmolzen wie sonst wahrscheinlich nur der Riesling mit der Mosel. Nicht verwunderlich, dass er hier ein Drittel der gesamten Anbaufläche für sich in Anspruch nehmen darf, in Hektar mehr als etwa in Neuseeland oder Australien. Er liebt die Wärme, besonders an der Grenze zu Frankreich, wo es die höchsten Durchschnittstemperaturen in Deutschland hat. Seinen internationalen Namen Pinot Noir verdankt der Wein der länglichen Form der Trauben, die an einen Kiefernzapfen - französisch „pin“ - erinnern sollen. Sehr alt ist diese gelegentlich als „König der Rotweine“ bezeichnete Rebsorte, schon vor 2000 Jahren wurde sie von Menschen kultiviert. Typisch ist die geringe Farbintensität und die Fruchtbetontheit in den ersten Jahren, die sich später in Aromen wie Haselnuss und Bittermandel wandeln kann. Und in Baden der für deutsche Weine recht hohe Alkoholgehalt, welcher aus dem vorgeschriebenen höheren Mostgewicht resultiert. Wahrscheinlich aus diesem Grund sind seit einigen Jahren auch andere kräftige Weine wie etwa der Südtiroler Lagrein, der aus Österreich stammende Zweigelt und auch der sonnenverwöhnte Tempranillo amtlich zugelassen.

 

 

 

Im äußersten Nordosten Badens, in Taubenfranken, beginnen wir unsere Reise. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die 600 Hektar am Unterlauf der Tauber wohl eher zum benachbarten Gebiet Franken gehört hätten, lägen sie nicht schon im Bundesland Baden-Württemberg. Einer robusten Rebe wie dem Müller-Thurgau verleiht der kalkreiche Boden denn auch einen erdigen Charakter wie „drüben“, und zusätzlich darf dieser auch noch auf die Bocksbeutelflasche gezogen werden, wie es sonst nur in Franken gestattet ist. Recht kühl kann es hier werden, gerade im Frühjahr für den Wein auch noch gefährlich frostig - was für die besondere Spezialität dieses Gebietes, den Schwarzriesling, aber kein Problem darstellt. Der deutsche Name ist ein wenig irreführend, denn mit Riesling hat er nichts zu tun. Er ist - der französische Name Pinot Meunier verrät es - eine rote Burgundersorte und teilt als solche die beerige Duftigkeit ihrer Verwandten.

 

Ein wenig weiter südwestlich scheint uns diese dann gleichsam entgegenzuwehen, atmen wir doch fast schon italienische Luft. Die Badische Bergstraße wird gern mal als „deutsche Riviera“ bezeichnet, und wenn man in der Region um Heidelberg herum Mandel- und Pfirsichbäume blühen sieht, versteht man warum. Die Liebe zum Rebensaft hat sich in vielen Ortsbezeichnungen erhalten: Weinheim und Weingarten geben mit ihren Namen Zeugnis von der über zweitausendjährigen Geschichte der Weinkultur südlich des Limes. Die Böden hier sind sehr vielfältig, durch Abtragungsprozesse wurde an manchen Stellen die in Baden typische Lösslehmschicht weggespült und der darunter liegende Buntsandstein freigelegt. Hin und wieder ist auch dieser nicht mehr vorhanden und die Reben wachsen direkt auf Urgestein. Während sich Silvaner und Riesling auf den Verwitterungsböden mit Anteilen von Quarzporphyr und Granit natürlich wie zuhause fühlen, kitzelt der Untergrund aus dem Spätburgunder eine beeindruckende dichte Mineralität heraus, die ihm normalerweise gar nicht eigen ist.

 

Mit einer weiteren badischen Spezialität wartet der etwas südlicher liegende Kraichgau auf. Der Auxerrois, auch ein Vertreter der illustren Burgunderfamilie, vermag mit reichem Bukett und sehr viel Frucht diejenigen zu überzeugen, denen der klassische Weißburgunder zu säurebetont ist. In der nach wie vor sehr landwirtschaftlich geprägten Region mit ihren vielen Bauerngärten herrschen Keuper- und Muschelkalkböden vor, auf denen die wohl leichtesten Weine Badens gedeihen.