Franken

Was für ein Wandel! Das mag man sich denken, wenn man die 40 000 Hektar Rebfläche, die Franken im Mittelalter mal hatte und damit das größte Anbaugebiet im Heiligen Römischen Reich war, mit den sehr zersplittert gelegenen 6300 Hektar vergleicht, auf die es heute zusammengeschrumpft ist. Aber dass Fläche allein kein Garant für Qualität ist, wissen wir. Und es ist ja auch schwer genug, bei klimatischen Bedingungen, wie wir sie hier vorfinden, gute Weine zu machen: die Sommer sind heiß und niederschlagsarm, und was die massive Trockenheit überlebt, leidet oft unter den Spätfrösten bis zu minus 15 Grad. Infolgedessen ist man auch so erfinderisch wie sonst fast nirgends, wenn es um neue Möglichkeiten geht, Temperaturextreme abzufedern: schnitt man früher die angedorrten Blätter an den Weinstöcken einfach ab, so lässt man sie heute bewusst hängen, damit sie den Trauben von oben her Schutz vor der sengenden Sonne bieten können.

 

 

Der absolute fränkische Klassiker ist, natürlich, der Silvaner. Damit ist Franken eine ziemliche Ausnahme in Deutschland, wo sonst der Riesling Hausherr ist, der hier aber nur auf magere fünf Prozent der Fläche kommt. Seit fast 400 Jahren wird Silvaner angebaut, aber die Franken waren ihm in all den Jahren nicht immer so treu, wie er es verdient gehabt hätte. Da er unter ungünstigen Umweltbedingungen verhältnismäßig stark leidet, gab man zwischendurch immer mal wieder dem Massenträger Müller-Thurgau den Vorzug. Mittlerweile liegen beide mit jeweils einem Viertel der Gesamtfläche gleichauf, und beim Silvaner ist noch viel Luft nach oben: das wärmer werdende Klima verträgt er deutlich besser als andere weiße Rebsorten. Außerdem nimmt er auf unnachahmliche Weise die geschmacklichen Beschaffenheit der Böden auf und speichert so das berühmte goût de terroir, das erdige Aroma der fränkischen Trias aus Gipskeuper, Buntsandstein und Muschelkalk. Seine besondere Frische verdankt er dem „fränkisch-trockenen“ Ausbau, der den Weinen höchstens vier Gramm Restzucker pro Liter lässt, obwohl bis zu neun für einen trockenen Wein zulässig wären. Diese Eigenschaften qualifizieren ihn als Essenbegleiter, der mit fast allen Gerichten der deftigen fränkischen Küche harmoniert. Anders als in anderen Regionen Deutschlands und sich darin mehr am Elsass orientierend, wird hier der Wein nämlich meist nicht des Weines wegen getrunken, sondern dient als alltäglicher Schoppen zur Vesper. Auch wenn diese Sitte immer mehr schwindet und infolgedessen viele der urigen Weinstuben vornehmen Restaurants gewichen sind, ist man in Franken noch deutlich weiter davon entfernt, Wein vom Volksgetränk zum elitären Status-Anzeiger werden zu lassen als in anderen Regionen. Man schwamm ja auch immer schon ein bisschen gegen den Strom: der in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in der restlichen Bundesrepublik beliebte, übersüße und geschmacklich flache Massenwein hatte hier nie eine Chance.

 

Wie um den Status als Weinregion auf ewige Zeiten zu verdeutlichen, bildet der Main hier im Herzen Deutschlands zusammen mit der Fränkischen Saale eine Art auf der Spitze stehendes, gleichschenkliges Dreieck, dass mit etwas Fantasie an die Form einer Traube erinnert. Im Osten dieser Traube lohnt besonders ein Besuch in Volkach, am besten während des Fränkischen Weinfestes im August, des größten ganz Frankens. Obwohl 60 000 Besucher heranströmen, erlebt man hier wie auch anderswo keinen Massentourismus, keine kitschigen Souvenirläden, keine durchgetakteten Bustouren. Die Franken haben anders als an Rhein und Mosel kein Interesse daran, sich bis zum Gehtnichtmehr zu vermarkten. Wenn jemand von außerhalb kommt, wird er natürlich herzlich bewirtet. Aber wenn er nicht kommt, trinkt man den Wein eben auch gern allein - einer der Gründe dafür, warum Wein von außerhalb der ganz bekannten Orte auch nur schwer zu bekommen ist. Aber wir sind ja schon vor Ort! Und ob wir nun die historische Altstadt mit ihrem Ensemble aus Türmen, Toren und zur Weinlagerung tief unterkellerten Häckerhäusern sehenswerter finden oder die Volkacher Mainschleife, man fühlt sich an beiden Plätzen mittendrin im Bereich Maindreieck.