{"id":200950,"date":"2023-09-02T17:00:00","date_gmt":"2023-09-02T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=200950"},"modified":"2023-08-03T14:57:11","modified_gmt":"2023-08-03T12:57:11","slug":"das-weinbaugebiet-champagne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2023\/09\/das-weinbaugebiet-champagne\/","title":{"rendered":"Das Weinbaugebiet Champagne"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber die wohl ber\u00fchmtesten Perlen der Welt<\/h2>\n\n\n\n<p>Es war im Jahr 1889, da trauten die Bauern und B\u00fcrger an der 150 Kilometer langen Strecke zwischen der Champagne und Paris ihren Augen nicht: zwei Dutzend schneewei\u00dfe Ochsen zogen ein riesengro\u00dfes Fass \u00fcber die Landstra\u00dfen. Wo es nicht durch enge Ortskerne passte, lie\u00df man schlicht die im Wege stehenden H\u00e4user kaufen und abrei\u00dfen. Dem jungen Organisator Eug\u00e9ne Mercier war jedes Mittel recht, seine Fracht zur Weltausstellung in die Hauptstadt zu bef\u00f6rdern: 200 000 Flaschen Champagner samt ihrer gigantischen \u201eVerpackung\u201c, an der fast zwei Jahrzehnte gezimmert worden war. Alles nur Show also? Mitnichten. Der gro\u00dfe, mitunter \u00fcbertriebene Auftritt, die r\u00fccksichtslose Selbstinszenierung geh\u00f6rt schlicht dazu. Man \u00fcbertreibt denn wohl auch nicht, wenn man behauptet, dass kaum ein anderes Getr\u00e4nk in der j\u00fcngeren Weltgeschichte eine derart herausragende Rolle gespielt hat wie der Champagner. Immer, wenn es etwas zu feiern gab &#8211; einen Vertragsabschluss, Geburtstag oder einfach das Leben &#8211; durfte Champagner nicht fehlen. Es ist der ganze Stolz Frankreichs und aus dem kulinarischen Repertoire des Landes ebenso wenig wegzudenken wie Camembert, Baguette und Foie gras. Nicht umsonst hat die UNESCO die Champagne mit dem Welterbestatus ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"801\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-4.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-200958\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-4.jpeg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-4-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-4-768x513.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei waren die Winzer mit dem Namen ihres Weinbaugebietes zuerst eigentlich gar nicht so gl\u00fccklich. Er leitet sich vom lateinischen campania her, was so viel wie offenes Feld bedeutet &#8211; und damals eine Fl\u00e4che bezeichnete, die so unfruchtbar war, dass sie lediglich als Viehweide genutzt werden konnte. Mehr oder weniger zuf\u00e4llig wurde der zu dieser Zeit noch stille Wein Speisebegleiter der M\u00e4chtigen: um das Jahr 500 herum lie\u00df sich Chlodwig, der Begr\u00fcnder des Frankenreiches, in Reims taufen. Aus diesem Ereignis leiteten die Bisch\u00f6fe das Recht ab, die franz\u00f6sischen K\u00f6nige in der dortigen Kathedrale zu kr\u00f6nen, was vom Hochmittelalter bis zur Revolution auch die Regel war. Im Anschluss an die Kr\u00f6nungsmesse fanden stets ausgiebige Bankette statt, zu denen regionale Weine gereicht wurden. Das trug ihnen den prestigetr\u00e4chtigen Beinamen \u201eWein der K\u00f6nige\u201c ein. Doch von dort bis zum \u201eWein des Teufels\u201c war es nicht weit. Kellermeister und ihre Helfer n\u00e4herten sich dem Champagner w\u00e4hrend der G\u00e4rung damals n\u00e4mlich nur mit &#8211; scheinbar ziemlich furchterregenden &#8211; Eisenmasken: diese sch\u00fctzten ihre Gesichter vor umherfliegenden Pfropfen oder Glassplittern, wenn es durch \u00dcberdruck zur Explosion der Flaschen kam. Das geschah h\u00e4ufig und l\u00f6ste meist Kettenreaktionen aus, sodass nur ein geringer Teil der abgef\u00fcllten Champagner auch tats\u00e4chlich bis zur \u201eMarktreife\u201c gelangte. Der Perleffekt war lange Zeit nur eine unbeabsichtigte Nebenerscheinung, was daher r\u00fchrte, dass man den Wein schon im Anbaugebiet in Flaschen abf\u00fcllte. Man wollte damit seinen jugendlichen Charakter erhalten, denn der ansonsten \u00fcbliche Transport in Holzf\u00e4ssern wirkte sich nachteilig auf den Geschmack aus. Allerdings gor er auf diese Weise in den Flaschen weiter &#8211; was man damals noch nicht wissenschaftlich erkl\u00e4ren konnte, denn die Hefepilze, die Zucker in Alkohol und Kohlendioxid umwandeln, wurden erst 1860 beschrieben. Zwar hatten Wissenschaftler bereits Friedrich dem Gro\u00dfen angeboten, der Sache auf den Grund zu gehen, dieser hatte sich jedoch strikt geweigert, eigene Flaschen des hei\u00df geliebten Champagners f\u00fcr Forschungszwecke zu opfern. Die Freude am Genuss siegt \u00fcber den Drang nach Wissen? Nicht immer &#8211; die folgenden Jahrhunderte zeigen, dass die besten Erkenntnisse derjenige erlangt, der beides zu verbinden wei\u00df.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-5.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-200959\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-5.jpeg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-5-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-5-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Einer der ersten, die den \u201evin fou\u201c, den verr\u00fcckten Wein, wie man ihn seiner Unberechenbarkeit wegen nannte, zu z\u00e4hmen vermochte, war der Benediktinerm\u00f6nch Dom P\u00e9rignon. Viele halten die konische Vertiefung im Flaschenboden f\u00fcr eine Hilfestellung, das Getr\u00e4nk besonders stilvoll einschenken zu k\u00f6nnen, indem man es dort mit dem Daumen stabilisiert, und tats\u00e4chlich funktioniert das ja auch gut. Der wahre Hintergrund liegt allerdings in der h\u00f6heren Stabilit\u00e4t, die eine solche Flasche im Vergleich mit einer mit flachem Boden aufweist. Diese Entdeckung geht ebenso auf sein Konto wie die Erfindung der ersten Agraffe: die Fixierung eines Korkens am Flaschenhals mithilfe eines Drahtgeflechts. Auch der Korken selbst setzte sich auf seinen Einsatz hin durch, da er die Vorteile von dessen Elastizit\u00e4t gegen\u00fcber den bisher \u00fcblichen, starren Holzstopfen erkannte. Ganz nebenbei geht die heute am weitesten verbreitete Flaschengr\u00f6\u00dfe von 0,75 Litern auf ihn zur\u00fcck, was er als die \u00fcbliche Menge Wein identifiziert hatte, die ein Mann w\u00e4hrend des Abendessens zu sich nahm. Dass von ihm \u00fcberliefert ist, er sei h\u00e4ufig betrunken gewesen, nimmt sich also nicht sonderlich originell aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die gesamte damalige Haute Cuisine litt auch der Champagner massiv unter den Auswirkungen der Franz\u00f6sischen Revolution: der Adel, bisher einer der gro\u00dfen Abnehmer, verlor sein Leben oder zumindest seine finanziellen Mittel. Einige Jahre war es fraglich, ob der Schaumwein im Land von Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit \u00fcberhaupt eine Zukunft haben w\u00fcrde &#8211; dann betrat Napoleon die B\u00fchne. Und der war &#8211; zumal selbst aus einer Winzerfamilie stammend &#8211; gl\u00fccklicherweise ein ausgemachter Genussmensch. Als solcher lag ihm der Erhalt der Reben besonders am Herzen. Gl\u00fccklicherweise hatte er mit seinem Innenminister Jean Antoine Chaptal einen Chemiker an der Hand, der direkt mit einigen Verbesserungsvorschl\u00e4gen aufwartete. Zun\u00e4chst erkannte er das Problem der geografischen Lage der Champagne: als n\u00f6rdlichstes Weinbaugebiet Frankreichs zwischen Breitengrad 48 und 49,5 &#8211; ziemlich genau auf einer H\u00f6he mit einer Stadt wie Saarbr\u00fccken &#8211; gab es hier in manchen Jahren zu wenig W\u00e4rme, um die Trauben komplett ausreifen zu lassen. Sie bildeten zu wenig Zucker, was wiederum einen niedrigen Alkoholgehalt und einen unrunden Geschmack im Endprodukt bedeutete. Also wollte Chaptal einfach Zucker zusetzen. Das war allerdings schwierig, denn Rohrzucker aus den Kolonien in \u00dcbersee war sehr teuer. Gl\u00fccklicherweise erkannte man, dass die heimische Zuckerr\u00fcbe ein ad\u00e4quater Ersatz sein konnte &#8211; die Methode des Chaptalisierens brachte so nebenbei die Zuckerproduktion im Inland ins Rollen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"625\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-200955\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-1.jpeg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-1-300x188.jpeg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-1-768x480.jpeg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-1-320x200.jpeg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nun geriert der Champagner dadurch aber nat\u00fcrlich s\u00fc\u00df. Die Franzosen mochten das ganz gern, die Engl\u00e4nder, damals wichtigste ausl\u00e4ndische Abnehmer, waren allerdings \u00fcberzeugte Trocken-Trinker. Also machte sich eine gewisse Louise Pommery ans Werk &#8211; und stellte schnell fest, dass es keineswegs ausreichte, wie fr\u00fcher den Zucker einfach nur wegzulassen. Zun\u00e4chst bedurfte es perfekten Lesegutes, da Qualit\u00e4tsm\u00e4ngel nicht mehr einfach unter S\u00fc\u00dfe versteckt werden konnten. Und dann nat\u00fcrlich sehr viel mehr Zeit bei der G\u00e4rung. Das Ergebnis war der erste Ultra Brut oder Brut Nature der Welt mit unter drei Gramm Restzucker. Dieses Extremum hat sich zwar nicht fl\u00e4chendeckend durchgesetzt, eher trocken m\u00f6gen die meisten Verbraucher ihren Champagner aber doch: drei Viertel aller Champagner heutzutage werden als Brut verkauft &#8211; also mit h\u00f6chstens 12 Gramm Zucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Champagner besteht aus dem Wein dreier Rebsorten: dem wei\u00dfen Chardonnay und den roten Pinot Noir und Pinot Meunier &#8211; meist jedenfalls, denn es gibt auch Blanc de blancs nur aus wei\u00dfen und Blanc de noirs ausschlie\u00dflich aus roten Trauben, die aber stets wie wei\u00dfe gekeltert werden. Jede von ihnen hat andere Anspr\u00fcche und tr\u00e4gt ihren ganz eigenen Teil dazu bei, den Schaumwein zur Vollendung zu bringen: der Chardonnay liebt die Kreideb\u00f6den um Epernay mit ihrer hervorragenden Wasserregulierung und steuert die Finesse bei, der Pinot Noir sch\u00e4tzt eher einen hohen Kalkanteil wie an der C\u00f4te des Bar, mit dessen Hilfe er dem Champagner K\u00f6rperreichtum verleiht und der Pinot Meunier bringt fruchtige Akzente mit, die er dem Mergel an den Ufern der Marne abtrotzt. Reinsortige Champagner sind aufgrund der N\u00e4hrstoffarmut der kargen B\u00f6den nicht selten recht eindimensional. Abhilfe schafft die Kunst der sogenannten Assemblage &#8211; die ist schon alt und geht ma\u00dfgeblich auf den bereits erw\u00e4hnten Dom P\u00e9rignon zur\u00fcck, der festgestellt hatte, dass der Pinot noir deutlich weniger zur zweiten G\u00e4rung neigte als der Chardonnay.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-3.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-200957\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-3.jpeg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-3-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-3-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zweite G\u00e4rung? Schauen wir uns einmal im Detail an, wie Champagner produziert wird. Zun\u00e4chst durchlauft der Grundwein nach der Pressung eine G\u00e4rung wie andere Weine auch. Dann findet die Assemblage statt, bei der nicht nur verschiedene Rebsorten miteinander verschnitten werden, sondern auch der aktuelle Wein mit \u00e4lteren Jahrg\u00e4ngen &#8211; etwa im Verh\u00e4ltnis 70 zu 30 -, was ein \u00fcber die Jahre konstantes Qualit\u00e4tsniveau gew\u00e4hrleistet. Nun wird der Wein in Flaschen abgef\u00fcllt, zus\u00e4tzlich Zucker und Hefe hinzugegeben &#8211; die zweite G\u00e4rung beginnt, in deren Verlauf die Haltbarkeitsdauer sich verl\u00e4ngert, der Geschmack pr\u00e4gnanter und komplexer wird, die Kohlens\u00e4ure sich bildet und der Alkoholgehalt ansteigt. 15 Wochen liegt der Wein auf der Hefe, Jahrgangschampagner sogar drei Jahre lang. Dann aber m\u00fcssen die hilfreichen Pilze, die sich als hellbrauner Schlamm am Boden absetzen, wieder entfernt werden. Dieser Meinung war zumindest die Witwe Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, die, entnervt davon, st\u00e4ndig Hefe in den Mund gesp\u00fclt zu bekommen, L\u00f6cher in ihren Esstisch s\u00e4gen lie\u00df, in die sich die Flaschen mit der \u00d6ffnung nach unten hineinstellen lie\u00dfen. Die sich unter dem Korken sammelnde Hefe wurde dann beim \u00d6ffnen durch den Druck der Kohlens\u00e4ure hinauskatapultiert. Im gro\u00dfen Ma\u00dfstab sind es sogenannte R\u00fcttelplatten, in welche die Flaschen gesteckt, dann t\u00e4glich um ein Zehntel gedreht und gegen Ende der drei Wochen dauernden Angelegenheit auch immer steiler gestellt werden. Fr\u00fcher gab es daf\u00fcr eigens hochspezialisierte R\u00fcttler, die mehrere Zehntausend Flaschen betreuten, heute geschieht das meist maschinell &#8211; und \u201ehandger\u00fcttelt\u201c ist ein seltenes und teures Pr\u00e4dikat. Auch die Entfernung des Hefesatzes, das Degorgieren, hat sich weiterentwickelt &#8211; mittlerweile taucht man den Flaschenhals in ein K\u00e4ltebad, wodurch der Hefeklumpen zu einem Block gefriert. Auf diese Weise ist der Fl\u00fcssigkeitsverlust bei dessen Entnahme kleiner. Aber er ist dennoch da und muss ausgeglichen werden. Der letzte Schritt ist folglich die sogenannte Dosage, bei der meist kein anderer Champagner hinzugef\u00fcgt wird, sondern bei s\u00fc\u00dferen Qualit\u00e4ten eine Zuckerl\u00f6sung in Kombination mit S\u00fc\u00dfweinen und Hochprozentigem, bei Brut-Varianten eher neutrale Mischung oder trockene Reserve-Weine. Mit der Dosage erreicht man also nicht blo\u00df wieder die regul\u00e4re F\u00fcllh\u00f6he, sondern kann auch Restzucker, Alkoholgehalt und das schlussendliche Geschmacksbild erheblich beeinflussen &#8211; die genaue Zusammensetzung der Dosage wird daher von jedem Hersteller streng geh\u00fctet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gesamte Anbaugebiet ist mit etwa 34 000 Hektar recht flachen H\u00fcgellandes mit im Schnitt nicht mehr als 12 Prozent Hangneigung zwar nicht gerade klein, andererseits auch nicht sonderlich gro\u00df, wenn man die riesengro\u00dfe weltweite Nachfrage bedenkt. Wichtigste Abnehmerl\u00e4nder sind Gro\u00dfbritannien und die USA, Deutschland belegt den vierten Platz. Die Pflanzdichte ist mit bis zu 8000 Rebst\u00f6cken pro Hektar schon au\u00dferordentlich hoch, und man konnte sich vor Kurzem endlich dazu durchringen, neue Rebfl\u00e4chen auszuweisen &#8211; auch wenn die \u00fcber 60 000 Hektar, \u00fcber die die Champagne vor Reblausplage und Erstem Weltkrieg verf\u00fcgte, kaum wieder erreicht werden d\u00fcrften, denn exklusiv zu bleiben geh\u00f6rt schlie\u00dflich zum Gesch\u00e4ft. \u00dcber den Ladentisch gehen aktuell etwa 325 Millionen Flaschen pro Jahr, mehr als die H\u00e4lfte davon nach wie vor in Frankreich selbst. Die Herkunftsbezeichnung ist streng gesch\u00fctzt und l\u00e4sst es nicht zu, dass Trauben von au\u00dferhalb verarbeitet werden. Auch die weiteren Regeln sind sehr strikt: zwingend vorgeschrieben sind etwa Handlese, Flascheng\u00e4rung und ein H\u00f6chstertrag von 15,5 Tonnen je Hektar. Die hohen Preise, die f\u00fcr den Schaumwein aufgerufen werden, sind also nicht allein auf die hohe Nachfrage bei begrenztem Angebot zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern mindestens genauso auf den sehr hohen Aufwand, den Champagner-Produzenten im Vergleich zu anderen Winzern betreiben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tip 1 also: scheuen Sie nicht vor vermeintlich hohen Preisen zur\u00fcck. Diese sind oft &#8211; wenn auch nicht immer &#8211; durch langj\u00e4hrige Expertise, kompromisslose Qualit\u00e4tsanspr\u00fcche und penibles Handwerk gerechtfertigt. Eine gute Flasche Champagner ist allemal besser als drei oder vier andere, nur mittelm\u00e4\u00dfige Weine.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eher un\u00fcblich, dass die fast 15 000 Winzer ihre Trauben selbst verarbeiten. Stattdessen beliefern sie die gro\u00dfen Champagnerh\u00e4user, die alle weiteren Arbeitsschritte \u00fcbernehmen &#8211; mit dieser Strategie vereinigen sie zwei Drittel der gesamten Produktion auf sich, obwohl ihnen selbst kaum Rebfl\u00e4che geh\u00f6rt. Ans\u00e4ssig sind sie in einer der Champagnermetropolen Reims und Epernay, wo sie meist in repr\u00e4sentativen Palais und Villen residieren. Ihre ikonischen Flaschenetiketten, die oft seit 200 Jahren keiner gro\u00dfartigen Ver\u00e4nderung unterlagen, trugen in einer noch nicht den Massenmedien verfallenen Epoche massiv zum Ruhm der Marken bei. Die meisten bekannten H\u00e4user geh\u00f6ren allerdings l\u00e4ngst nicht mehr den namensgebenden Familien, sondern sind im Besitz von Gro\u00dfkonzernen. Allein dem Global Player LVMH geh\u00f6ren etwa Mo\u00ebt &amp; Chandon, Ruinart, Mercier, Dom P\u00e9rignon, Veuve Clicquot und Krug. Den Reiz fr\u00fcherer Zeiten kann man aber dennoch erleben, wenn man sich die in den Kalkfelsen gegrabenen, manchmal etliche Kilometer langen Stollen ansieht, in denen die Flaschen aufbewahrt wurden und werden &#8211; weit \u00fcber eine Milliarde sind dort deponiert. Der Reiz liegt aber auch in den Produkten jeder Winzer, die nur \u00fcber kleine Fl\u00e4chen verf\u00fcgen und deswegen keine gro\u00dfartige Assemblage vornehmen &#8211; \u00fcberzeugte Puristen werden die sensorische Erfahrung der einzelnen Parzellen stets einem Cuvee von mehreren Dutzend Grundweinen vorziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tip 2 soll daher lauten: statt auf die durch Werbung in Hochglanzmagazinen oder diversen James-Bond-Filmen vertrauten Marken zu setzen, lohnt es sich durchaus, kleinen und wenig bekannten H\u00e4usern eine Chance zu geben, die nicht den Massengeschmack bedienen, sondern die Eigenheiten von Terroir und Jahrgang geschmacklich erleben machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Darreichungsform war im Laufe der Zeit einem Wandel unterworfen: im 18. Jahrhundert galt es als modisch, aus Champagnerschalen, im Franz\u00f6sischen Coupes genannt, zu trinken, die man heute eher aus Filmen wie \u201eDer gro\u00dfe Gatsby\u201c kennt, auch wenn sie in den 1920er Jahren bereits einen Anachronismus darstellten. Zwar lassen sich damit hervorragend Pyramiden errichten, einer der am h\u00e4ufigsten vorgetragenen W\u00fcnsche von Brautpaaren zu ihrer Hochzeit, der aber fast ebenso h\u00e4ufig aus Kostengr\u00fcnden und hoher Unfallgefahr wieder verworfen wird. Aber ehrlich gesagt ist die Schalenform das mit Abstand schlechteste Format, in dem man einen Schaumwein servieren k\u00f6nnte. Zum einen l\u00e4sst sich mit ihnen schlecht ansto\u00dfen, da der Inhalt bei raschen Bewegungen \u00fcberzuschwappen droht, zum anderen erw\u00e4rmt er sich sehr schnell, da man meist gezwungen ist, das Glas am Kelch und nicht am Stiel zu halten. Am allerschlimmsten aber: die aufsteigenden Bl\u00e4schen werden nicht mittig geb\u00fcndelt sind durch die gro\u00dfe Oberfl\u00e4che bereits nach kurzer Zeit verschwunden. Eingedenk dieser Probleme ersann man im 19. Jahrhundert ein v\u00f6llig neues Gef\u00e4\u00df: die Champagnerfl\u00f6te. Ihre schlanke, hohe Form setzt die Perlage deutlich besser in Szene und sammelte die Hefeteilchen, die vor dem Einfallsreichtum der Veuve Cliquot nicht entfernt wurden, ganz unten, sodass sie nicht in den Mund gelangten. Allerdings ist auch bei ihr der Bereich des Randes der breiteste, wodurch der Geruch in alle Richtungen entweichen kann. Erst vor vergleichsweise kurzer Zeit begann der Siegeszug der Champagnertulpe, die sich nach oben hin wieder verj\u00fcngt und damit die Aromen konzentriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Unart, stilistische Nebens\u00e4chlichkeiten aus Eitelkeit \u00fcber den eigentlichen Genuss zu stellen, hielt sich auch in anderen Bereichen hartn\u00e4ckig. Viel zu lange wurde Champagner lediglich als Aperitif oder zum Dessert gereicht. Oder klischeehaft mit Austern und Kaviar kombiniert. Aber ihn darauf zu reduzieren, w\u00e4re ein ziemlicher Verlust, zumal er mit S\u00fc\u00dfspeisen eigentlich eh nicht besonders harmoniert. Daf\u00fcr aber umso mehr mit Hauptgerichten, deren Aromen sich auf seiner hefig-erdigen Basis so richtig gut entfalten k\u00f6nnen. Fischgerichte sind pr\u00e4destiniert, aber auch Poulet, also H\u00fchnchen, dann nat\u00fcrlich Pasta und Risotto. Die asiatische K\u00fcche mit ihren Currys und Chilis dr\u00e4ngt sich geradezu auf. Auch deftige Kombinationen etwa mit Bratkartoffeln oder vermeintliche No-Gos &#8211; klassische Fastfood-Gerichte wie Hot Dogs oder Burger &#8211; sind einen Versuch wert.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-2.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-200956\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-2.jpeg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-2-300x203.jpeg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/image-2-768x518.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Tipp 3: lassen Sie sich nicht von \u00fcberholten Konventionen oder der Popkultur vorschreiben, wie Sie Ihren Champagner zu genie\u00dfen haben. Erlaubt ist, was gef\u00e4llt und der freudige \u00dcberraschungseffekt, wenn sie ein neues Food Pairing entdeckt haben, ist unbezahlbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Champagner hat schon Wilderes erlebt, als zusammen mit einer Currywurst genossen zu werden &#8211; er liefert den Stoff f\u00fcr die abenteuerlichsten Geschichten. Tolldreiste wie die von Charles Heidsieck, der es sich w\u00e4hrend Napoleons Russlandfeldzug in den Kopf gesetzt hatte, noch vor der Grande Armee in Moskau zu sein, um mit dem Feldherrn auf dem Roten Platz ansto\u00dfen zu k\u00f6nnen &#8211; eine der genialsten Werbeaktionen aller Zeiten. Napoleon setzte jedoch noch einen drauf, als er nach einer Schlacht in Russland im Siegestaumel das Sabrieren erfand &#8211; heute wird es rund um den Erdball betrieben, ob von betrunkenen Selbstdarstellern mit dem Brotmesser auf der Familienfeier, der \u00fcber eine Viertelmillion Mitglieder z\u00e4hlenden Bruderschaft Confr\u00e9rie du Sabre d\u2019Or oder mit 39 gek\u00f6pften Flaschen in einer Minute auf Weltrekordniveau. Auch tragikkomische gibt es, wie die des Champagnerkrieges im Jahre 1902. Damals hatte Kaiser Wilhelm II. eine amerikanische Werft beauftragt, eine Rennyacht f\u00fcr ihn zu bauen. F\u00fcr die Schiffstaufe in New York, bei der sehr viel Prominenz zugegen war, hatte man eine Magnumflasche Sekt der Rheingauer Kellerei S\u00f6hnlein vorgesehen, die aber durch einen gewieften Weinhandels-Magnaten, den \u201eChampagnerk\u00f6nig\u201c George Kessler, heimlich gegen eine Flasche der von ihm vertretenen Marke Mo\u00ebt &amp; Chandon ausgetauscht wurde. Als die deutsche \u00d6ffentlichkeit aus der feixenden franz\u00f6sischen Presse von diesem Coup erfuhr, brach ein Sturm der Entr\u00fcstung los: diplomatische Verwicklungen und ein Millionen-Prozess waren die Folge. Und schlussendlich gibt es die Geschichten, die erst in der Zukunft geschrieben werden, die aber schon jetzt Grauen erregen: erste Wissenschaftler haben prognostiziert, dass aufgrund der immer weiter steigenden Temperaturen und langer D\u00fcrreperioden in 50 Jahren keine Champagner-Produktion auf dem heutigen Gebiet mehr m\u00f6glich sein wird. Aber wahrscheinlich tr\u00e4gt diese Aussicht eher noch zu seinem \u00fcberschw\u00e4nglichen Tanz-auf-dem-Vulkan-Image bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Historie des Champagners ist so reich an Anekdoten wie er selbst an herrlich prickelnden Bl\u00e4schen. An ihr haben findige M\u00f6nche ebenso mitgewirkt wie kluge Witwen, schlitzohrige Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner ebenso wie k\u00f6nigliche und kaiserliche Feinschmecker. Die Kundschaft hat sich zwar gewandelt &#8211; waren es fr\u00fcher Offiziere, Adlige, K\u00fcnstler und Industrielle, so sind es heute Hollywoodstars, Rapper und Spitzensportler -, aber der Nimbus, der zwischen verruchter Erotik und gro\u00dfz\u00fcgiger Weltgewandtheit, zwischen dekadenter Selbstdarstellung und ausgelassener Gl\u00fcckseligkeit oszilliert, hat sich \u00fcber die Zeiten erhalten. Daher seien Sie mit einem letzten Tipp entlassen: genie\u00dfen Sie! Und zwar ohne falsche Zur\u00fcckhaltung oder Reue. Mit kaum einem Lebensmittel funktioniert das so gut wie mit Champagner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die wohl ber\u00fchmtesten Perlen der Welt Es war im Jahr 1889, da trauten die Bauern und B\u00fcrger an der 150 Kilometer langen Strecke zwischen der Champagne und Paris ihren Augen nicht: zwei Dutzend schneewei\u00dfe Ochsen zogen ein riesengro\u00dfes Fass \u00fcber die Landstra\u00dfen. 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