{"id":201443,"date":"2023-09-22T17:00:00","date_gmt":"2023-09-22T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=201443"},"modified":"2023-09-22T16:29:42","modified_gmt":"2023-09-22T14:29:42","slug":"krimsekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2023\/09\/krimsekt\/","title":{"rendered":"Krimsekt"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Krimsekt: Zwischen Tradition, Politik und der Suche nach Identit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Champagner aus Osteuropa? Das ist eigentlich unm\u00f6glich, denn die Herkunftsangabe des wohl bekanntesten franz\u00f6sischen Exportproduktes ist streng gesch\u00fctzt. Nein, es h\u00e4ngt eher damit zusammen, dass im Russischen landl\u00e4ufig jede Art von Schaumwein schlicht als \u201eschampanskoje\u201c bezeichnet wird. Ironischerweise soll das f\u00fcr den \u201eechten\u201c Schampus seit 2021 nicht mehr gelten: Moskau verf\u00fcgte j\u00fcngst, dass alle ausl\u00e4ndischen Importe nur noch als \u201eigristoje vino\u201c zu bezeichnen sind, w\u00e4hrend die Bezeichnung \u201eschampanskoje\u201c allein russischen Erzeugnissen vorbehalten ist. Die Franzosen tobten, sahen sich in ihrer Ehre verletzt, drohten mit Handelsboykott &#8211; allein, es half nichts. Nun darf tats\u00e4chlich mit Fug und Recht bezweifelt werden, dass eine \u201erussische Stra\u00dfenrandrebe\u201c, wie ein w\u00fctender Kommentator nach der Entscheidung in der Presse polemisierte, mit den edlen Gew\u00e4chsen rund um Reims mithalten kann. Und dennoch ist es durchaus spannend, sich einmal in die Geschichte osteurop\u00e4ischen Schaumweines zu vertiefen. Denn Krimsekt ist, seine Qualit\u00e4t hin oder her, auch \u00fcber 30 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion immer noch ein Produkt, dass zahlreiche Assoziationen weckt: vom Kampf Ost gegen West, zaristischer ebenso wie stalinistischer Dekadenz, von Erfindungsreichtum und Pioniergeist, von Minderwertigkeitskomplexen und Gr\u00f6\u00dfenwahn. Und nicht zuletzt ber\u00fchrt man angesichts der aktuellen geopolitischen Ereignisse auch noch eine weitere Frage: wem geh\u00f6rt denn nun der Krimsekt, von dem j\u00e4hrlich immerhin 50 Millionen Flaschen in alle Welt exportiert werden? Den Russen oder den Ukrainern?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber beginnen wir von vorn. Durch seine Lage an der europ\u00e4ischen Peripherie waren russischer Adel und insbesondere der Zarenhof seit jeher darauf bedacht, die aktuellen Moden aus dem Herzen des Kontinents zu sich zu holen, um nicht nur nicht den Anschluss zu verlieren, sondern geradezu auf dem allerneuesten Stand zu sein. Und um die Mitte des 18. Jahrhunderts lag das Epizentrum der h\u00f6fischen Kultur in Versailles. Alles, was man dort an Kleidung trug, an Romanen las oder an Architektur bewunderte, galt auch in Russland als der letzte Schrei. Ebenso verhielt es sich mit Kulinarik: das Getr\u00e4nk der herrschenden Klasse schlechthin war Champagner. Sich diesen direkt aus Frankreich schicken zu lassen, das konnte sich zwar der Hochadel leisten, die zahlreichen weniger beg\u00fcterten Landadligen allerdings blieben au\u00dfen vor &#8211; wollten aber nat\u00fcrlich auf diese Art der Repr\u00e4sentation nicht verzichten. Also begann man damit, Schaumwein auch in Russland herzustellen. Zun\u00e4chst noch nicht auf der Krim, die zu dieser Zeit gar nicht Teil des Reiches war, sondern am Unterlauf des Don. Der rote Perlwein, hergestellt auf vergleichsweise primitive Art und vermarktet unter dem Namen \u201eZimljanskoje\u201c, kam gut an, war geschmacklich aber meilenweit vom Original entfernt. Doch der Grundstein war gelegt und es dauerte nicht lange, bis das noch recht junge Herrscherhaus der Romanows das Prestige erkannte, welches eine heimische Sektindustrie bieten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Chance er\u00f6ffnete sich, als unter Katharina der Gro\u00dfen die Osmanen die Krim abtreten mussten. Schnell avancierte die Halbinsel am Schwarzen Meer dank ihrer pittoresken K\u00fcstenlandschaften und des f\u00fcr russische Verh\u00e4ltnisse sehr milden Klimas zum beliebten Ziel f\u00fcr Reiselustige. Die zeigten sich allerdings wenig zufrieden mit der Infrastruktur vor Ort &#8211; Landwirtschaft, Stra\u00dfenbau und Verwaltung waren von den ans\u00e4ssigen Krimtartaren kaum gepflegt worden. Also schickte Zarin Katharina ihr Multitalent F\u00fcrst Potjomkin, um f\u00fcr ein wenig Ordnung zu sorgen. Ob es daran lag, dass er nebenbei auch ihr Liebhaber war, kann nur gemutma\u00dft werden, jedenfalls wusste der F\u00fcrst recht genau Bescheid \u00fcber die Ambitionen Katharinas, ihr Land in der Weinwelt zu einer echten Nummer zu machen. Aus ganz Europa lie\u00df er Rebst\u00f6cke heranschaffen und in die gerade erst urbar gemachte Erde setzen, wobei er klugerweise darauf achtete, solche aus klimatisch \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnissen auszuw\u00e4hlen. Besonders erfolgreich war er damit zwar nicht &#8211; insbesondere die klassischen Champagner-Reben f\u00fchlten sich auf der Krim nicht wohl -, kann aber dennoch als der Erste gelten, der dort auf professionelle Weise wieder Weinbau betrieb, seitdem der m\u00e4chtige Seefahrer-Stadtstaat Genua einige hundert Jahre zuvor seinen Einfluss dort verloren hatte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Krimsekt_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"801\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Krimsekt_2-1200x801.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-201521\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Krimsekt_2-1200x801.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Krimsekt_2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Krimsekt_2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Krimsekt_2.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"> <\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Katharina wollte die Angelegenheit nun in professionelle H\u00e4nde geben. Selbst geb\u00fcrtige Deutsche und der Mode folgend, die sich an den im Zuge der Franz\u00f6sischen Revolution stark erkalteten Frankreich-Hype anschloss &#8211; n\u00e4mlich milit\u00e4rische und wissenschaftliche Posten bevorzugt mit Deutschen zu besetzen -, engagierte sie den preu\u00dfischen Naturforscher Peter Simon Pallas. Der erkor schnell den optimalen Standort aus: die St\u00e4dte Aluschta und Sudak im S\u00fcdosten sollten es sein, die fruchtbaren B\u00f6den und Sonnenschein an vier von f\u00fcnf Tagen hatten ihn \u00fcberzeugt. Anders als sein Vorg\u00e4nger setzte sich Pallas nicht nur mit den Anbaum\u00f6glichkeiten etablierter europ\u00e4ischer Reben auseinander, sondern bezog in seine wissenschaftlichen Untersuchungen auch etwa drei Dutzend auf der Krim heimische Sorten mit ein &#8211; damals ein geradezu unerh\u00f6rtes Novum. In Feodossija entstand die erste Weinkeltereischule und im Jahre 1799 war es dann so weit: der erste auf der Krim erzeugte Schaumwein erblickte das Licht der Welt &#8211; und wurde direkt exklusiv nach Sankt Petersburg an den Zarenhof geschickt. Ob Pallas nun in dessen Qualit\u00e4t selbst oder aber in die Bereitschaft der Russen, Sekt aus dem eigenen Land zu erwerben, kein Vertrauen hatte, ist nicht \u00fcberliefert &#8211; jedenfalls fand nach anf\u00e4nglichen Erfolgen seine Karriere in Russland ein j\u00e4hes Ende, als sich herausstellte, dass er Krim-Weine ganz stumpf mit franz\u00f6sischen Etiketten versehen hatte, um sie besser verkaufen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Russen lernten aus diesem unappetitlichen Vorfall und beschlossen, fortan nur noch Landsleute mit dem Projekt zu betrauen. Im 19. Jahrhundert taten sich bei den Versuchen, weintechnisch in die erste Liga aufzusteigen, zwei M\u00e4nner besonders hervor: der erste war Michail Woronzow, ein verdienter Offizier, der als Generalgouverneur von Neurussland, wie das Gebiet aus Krim und S\u00fcd- und Ostukraine damals genannt wurde, wichtige Modernisierungsma\u00dfnahmen in dem damals kaum besiedelten Landstrich anstie\u00df und es in dieser Hinsicht vor allem verstand, statt der nur widerwillig flie\u00dfenden Staatsmittel das Geld privater Investoren zu akquirieren. 1820 erwarb er in Jalta gro\u00dfe Fl\u00e4chen f\u00fcr ein Weingut, das sich zu einem wahren Musterbetrieb entwickelte: Woronzow wusste n\u00e4mlich die hohe Arbeitsmoral aus anderen Teilen Russlands vor ihren Herren geflohener Leibeigener f\u00fcr sich zu nutzen, indem er sie nicht verfolgen und zur\u00fcckbringen lie\u00df, sondern wie freie Lohnarbeiter behandelte. Fast 200 Jahre alt ist au\u00dferdem das durch ihn begr\u00fcndete und noch immer bestehende Weinbauinstitut Magarach, heutzutage das mit der zweitgr\u00f6\u00dften Rebenvielfalt in Europa. Die meisten anderen seiner Anstrengungen hingegen wurden w\u00e4hrend des Krimkrieges in den 1850er Jahren zunichte gemacht. F\u00fcr diese milit\u00e4rische Intervention, mit der Osmanisches Reich, Gro\u00dfbritannien und Frankreich die russischen Expansionsbestrebungen zur\u00fcckdr\u00e4ngen wollten, sollte sich ein zweiter Mann allerdings ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter auf sehr subtile Weise r\u00e4chen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcrst Lew Golitzin war als verm\u00f6gender und sehr belesener Adliger viel in der Welt herumgekommen &#8211; insbesondere Frankreich hatte es ihm angetan, wo er sich mit Techniken des Weinbaus vertraut machte. 1878 gr\u00fcndete er sein eigenes Weingut unter dem poetischen Namen Nowyj Swet &#8211; \u201eNeue Welt\u201c &#8211; und erschuf geschmacklich tats\u00e4chlich eine ebensolche, denn er ging den Weinbau direkt in riesengro\u00dfem Ma\u00dfstab an und erm\u00f6glichte damit Produktionsmengen, die sich kommerziell vermarkten lie\u00dfen. Zu dieser Zeit war die Herstellung des Schaumweines von der Schwarzmeerk\u00fcste weitestgehend professionalisiert: es gab zum einen einen meist trockenen wei\u00dfen aus den Rebsorten Chardonnay, Grauburgunder, Riesling und Aligot\u00e9 sowie einen deutlich beliebteren roten aus Merlot, Cabernet Sauvignon, Saperavi und Matrassa. Letzterer pr\u00e4sentiert sich je nach Qualit\u00e4t und Vorlieben leicht bis nahezu unertr\u00e4glich s\u00fc\u00df und ist meistens gemeint, wenn von Krimsekt die Rede ist. Zum anderen hatte sich aber nach vielem nicht zufriedenstellendem Herumprobieren auch die Champagner-Methode etabliert: nach konventioneller Herstellung der Grundweine wurden diese zusammen mit Zucker und Hefe in Flaschen gef\u00fcllt. Neun Monate beim wei\u00dfen, beim roten Krimsekt bis zu einem Jahr vollzog sich nun die G\u00e4rung, dann wurde die Hefe abger\u00fcttelt, durch Degorgieren entfernt und der Verlust an Inhalt durch Zugabe der Dosage ausgeglichen. Alles lehrbuchm\u00e4\u00dfig franz\u00f6sisch.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/krimsekt_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"682\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/krimsekt_1-682x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-201524\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/krimsekt_1-682x1024.jpg 682w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/krimsekt_1-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/krimsekt_1-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/krimsekt_1.jpg 853w\" sizes=\"auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"> <\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Umso gr\u00f6\u00dfer war die Emp\u00f6rung der franz\u00f6sischen Weinbauern auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900, als Golitzins Krimsekt v\u00f6llig unerwartet den Grand Prix der internationalen Jury gewann: die Russen hatten nicht nur dreist die Herstellungsweise kopiert, sondern auch noch durchschlagenden Erfolg damit! Anfang des 20. Jahrhunderts war der russische Schaumwein endlich am Ziel: weltweite Anerkennung war ihm gewiss, die sich schon bald in astronomischen Preisen manifestierte, die jene der klassischen Champagner-H\u00e4user in den Schatten stellten. W\u00e4hrend deren Erzeugnisse l\u00e4ngst zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit auch im gehobenen B\u00fcrgertum geworden waren, galt der Krimsekt als geradezu mythisches Getr\u00e4nk, das in der Vorstellung der Europ\u00e4er vom Zaren allein aus edelsteinbesetzten Kelchen genossen wurde. Ironischerweise war es F\u00fcrst Golitzin, der vom Hype um \u201esein\u201c Getr\u00e4nk am wenigsten profitierte: seine an sich lobenswerte Philosophie, jeder Russe solle unabh\u00e4ngig von seinen finanziellen Mitteln in der Lage sein, guten Wein zu trinken, f\u00fchrte ihn schlie\u00dflich in den Ruin. Sein Gesch\u00e4ft in Moskau wurde Tag und Nacht von zechw\u00fctigen Studenten belagert, die sich mit dem hochwertigen, aber zu spottbilligen, keineswegs kostendeckenden Preisen angebotenen Schaumwein auf offener Stra\u00dfe betranken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das goldene Zeitalter dauerte aber nicht mal anderthalb Jahrzehnte, dann brach der Erste Weltkrieg \u00fcber den Kontinent herein. Der Zar verbot 1914 die Herstellung, da Schaumwein nicht als kriegsnotwendiges Lebensmittel galt und Alkoholkonsum die Moral der Truppen zu schw\u00e4chen drohte. Ein in Krisenzeiten demonstrativer Verzicht auf Luxus, denn das war Krimsekt zu dieser Zeit noch immer, d\u00fcrfte f\u00fcr den weltfremden Nikolaus II. hingegen kaum eine Rolle gespielt haben. Erst mit Lenins Tod endete der Bann, dann aber ging es so richtig los: Stalin sah nicht ein, das Getr\u00e4nk der Bourgeoisie zuzurechnen und damit der ideologischen Verdammnis anheimfallen zu lassen, sondern schaffte es in den 30ern zum ersten Mal, es tats\u00e4chlich in gro\u00dfen Mengen herzustellen &#8211; was freilich zulasten der Qualit\u00e4t ging, da man statt langwieriger Flascheng\u00e4rung jetzt auf spezielle Tanks setzte, in denen der Wein nur noch einen Monat verblieb. Und einem Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung immer noch nichts n\u00fctzte, da diese durch kommunistische Misswirtschaft nun selbst f\u00fcr diesen historisch g\u00fcnstigen Krimsekt zu arm war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem der Zweite Weltkrieg das Sekttrinken ohnehin f\u00fcr einige Jahre obsolet gemacht hatte, startete man in den 50ern eine neue Offensive &#8211; allerdings unter anderen Vorzeichen. Die Menschen sollten nicht mehr in den Genuss von einst dem Adel vorbehaltenen G\u00fctern kommen, sondern im Sinne einer hilflosen Ern\u00e4hrungsp\u00e4dagogik haupts\u00e4chlich dazu gebracht werden, vom weit verbreiteten hochprozentigen Wodka auf den weniger alkoholischen Schaumwein umzusteigen und sich zumindest etwas langsamer zugrunde zu richten. Zu dieser Zeit galt die Sowjetunion als drittgr\u00f6\u00dfter Weinproduzent der Welt &#8211; und w\u00e4hrend das im Inland nur wenig gew\u00fcrdigt wurde, setzte eine schleichende internationale Popularit\u00e4t ein, die sich nicht nur auf die Reichen und Sch\u00f6nen erstreckte, sondern geradezu Teil der Popkultur wurde. Hatten 150 Jahre zuvor russische Dichter wie Puschkin in ihren Werken die franz\u00f6sischen Champagner gelobt, waren es nun Franzosen wie Gilbert B\u00e9caud mit seinem Chanson \u201eNathalie\u201c und Deutsche wie die Gruppe Dschingis Khan mit ihrem Schlager \u201eMoskau\u201c, die dem Krimsekt musikalische Denkm\u00e4ler setzten. In der Nachkriegszeit mit ihrem Verlangen nach unkomplizierten, s\u00fc\u00dfen Weinen schlug der Sowjet-Sprudel ein wie eine Bombe und war im Westen wahrscheinlich eines der beliebtesten Produkte \u00fcberhaupt von jenseits des Eisernen Vorhangs. Ausgerechnet der gro\u00dfe Reformer Michail Gorbatschow war es, der im Zuge von Glasnost und Perestroika dem Krimsekt fast den Todessto\u00df versetzt h\u00e4tte: angesichts der gigantischen Ausma\u00dfe, die der Alkoholismus aufgrund der Perspektivlosigkeit innerhalb der russischen Bev\u00f6lkerung angenommen hatte, lie\u00df er in den 80er Jahren gnadenlos Weinberge roden und dezimierte etwa die Anbaufl\u00e4che in der Ukrainischen SSR um zwei Drittel. Womit wir wieder bei der Ukraine angelangt w\u00e4ren. Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde sie &#8211; und mit ihr die Krim &#8211; ein souver\u00e4ner Staat. Im knappen Vierteljahrhundert, das folgen sollte, bis Russland die Halbinsel annektierte, blieb nicht viel Zeit, um einem urrussischen Produkt wie dem Krimsekt ein ukrainisches Image zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugute kommt der Ukraine da, dass dieser &#8211; anders als etwa Champagner &#8211; keine gesch\u00fctzte Herkunftsbezeichnung ist und deshalb auch in anderen Gebieten erzeugt werden darf. Besonders die Ostukraine mit Odessa, Charkiw und Artjomowsk, dem heutigen Bachmut, steuern erhebliche Mengen bei. Laut EU-Recht muss jedoch zumindest ein Teil der Lagerung auf der Krim selbst stattgefunden haben. Allerdings d\u00fcrfte er dann wiederum nicht in die EU eingef\u00fchrt werden, weil Br\u00fcssel nach 2014 ein Embargo \u00fcber die Halbinsel verh\u00e4ngte. Folglich handelt es sich bei allem, was aktuell in Deutschland zu erwerben ist, entweder um Restbest\u00e4nde aus der Zeit vor der Annexion &#8211; die aber schon sehr bald zur Neige gehen d\u00fcrften &#8211; oder aber zumindest juristisch betrachtet nicht um Krimsekt. Text: Dario Sellmeier<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann angesichts des blutigen Krieges in der Ukraine durchaus die Frage stellen, ob solche Spitzfindigkeiten gerade angebracht sind. Dass aber mit Alkohol noch immer Politik gemacht wird, ist Tatsache: als Putin 2014 auf der gerade erst annektierten Krim Silvio Berlusconi empfing, besuchten beide das Weingut Massandra, gegr\u00fcndet Ende des 19. Jahrhunderts durch den uns schon bekannten F\u00fcrsten Golitzin f\u00fcr die Versorgung des Zaren, dessen Sommerresidenz Liwadija direkt nebenan lag. Die in den endlosen unterirdischen Stollen eingelagerten Sch\u00e4tze hatten sowohl zwei Weltkriege als auch die Revolution und den Stalinismus unbeschadet \u00fcberstanden. Ausgerechnet aus der Privatsammlung des fortschrittlichen Krim-F\u00f6rderers Woronzow w\u00e4hlten Putin und Berlusconi einen 200 Jahre alten Sherry, den sie sich medienwirksam einverleibten. Ob der ukrainische Staat als Eigent\u00fcmer des Weingutes allerdings jemals die 80 000 Euro, welche die Flasche wert gewesen sein soll, zur\u00fcckerh\u00e4lt, steht ebenso in den Sternen wie die Antwort auf die Frage, ob man in Deutschland demn\u00e4chst einmal wieder echten Krimsekt trinken kann &#8211; oder ob der s\u00fc\u00dfe Geschmack nur eine sch\u00f6ne Erinnerung aus fr\u00fcheren Tagen bleiben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimsekt: Zwischen Tradition, Politik und der Suche nach Identit\u00e4t Champagner aus Osteuropa? Das ist eigentlich unm\u00f6glich, denn die Herkunftsangabe des wohl bekanntesten franz\u00f6sischen Exportproduktes ist streng gesch\u00fctzt. 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