{"id":202461,"date":"2024-01-14T17:00:00","date_gmt":"2024-01-14T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=202461"},"modified":"2024-01-08T08:39:02","modified_gmt":"2024-01-08T07:39:02","slug":"das-weinbaugebiet-toskana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/01\/das-weinbaugebiet-toskana\/","title":{"rendered":"Das Weinbaugebiet Toskana"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Toskana: Ein Kaleidoskop von Geschichte, Kultur und exquisiten Weinen \u2013 Eine Reise durch das Herz der italienischen Weintradition<\/h2>\n\n\n\n<p>Regionen, die das gewisse Etwas haben, polarisieren immer. So ist es bei Sylt, Kitzb\u00fchel und eben auch bei der Toskana. Ein regelrechtes politisches Schimpfwort in den 90ern war etwa \u201eToskana-Fraktion\u00e4r\u201c f\u00fcr all jene Sozialdemokraten und Gr\u00fcnen, die ab einem gewissen Alter einen arrivierten Lebensstil zu sch\u00e4tzen gelernt hatten und deshalb ihren Urlaub mit Vorliebe in der norditalienischen Region verbrachten. Wasser predigen und Wein trinken? Andersherum w\u00e4re ja wohl deutlich schlimmer. Warum soll man sich f\u00fcr guten Geschmack auch sch\u00e4men? Dass dieser hier seit alters her bedient wird, steht v\u00f6llig au\u00dfer Frage. Und daf\u00fcr brauchte es damals wie heute einen gut betuchten Kreis an Feinschmeckern mit gewissem Hang zum Hedonismus. In der Toskana waren das vor allem die schwerreichen Medici, die im 15. Jahrhundert die Herrschaft \u00fcbernahmen &#8211; erst in der Stadt Florenz, dann in der gesamten gleichnamigen Republik, welche durch die Familie faktisch in eine Erbmonarchie umgewandelt wurde. Bewegte Zeiten mit blutigen Kriegen, Verschw\u00f6rungen und Attentaten, die sich kein Drehbuchautor besser h\u00e4tte ausdenken k\u00f6nnen, aber ebenso eine Bl\u00fctezeit f\u00fcr Kunst und Kultur, denn bei aller Machtbesessenheit f\u00f6rderten die Medici auch Michelangelo, Botticelli und Leonardo da Vinci.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"796\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/vigne-Kopie-1200x796.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202477\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/vigne-Kopie-1200x796.jpeg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/vigne-Kopie-300x199.jpeg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/vigne-Kopie-768x509.jpeg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/vigne-Kopie.jpeg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Und ebenso erhaben, wie sich die alte Stadt Florenz, das Zentrum der italienischen Renaissance, mit seinem Dom, den Uffizien und der Ponte Vecchio gibt, so ehrw\u00fcrdig pr\u00e4sentieren sich auch die hiesigen Weine. So viele gro\u00dfe Namen sind darunter, dass man fast denken k\u00f6nnte, alle ber\u00fchmten Weine Italiens stammen von diesen knapp 65 000 Hektar &#8211; was gar nicht so falsch w\u00e4re. Beginnen wir am besten mit dem bekanntesten von allen, dem Chianti, meistproduzierter Qualit\u00e4tswein des Landes. Er ist damit das Sinnbild f\u00fcr italienische Rotweine, ja f\u00fcr das oft beschworene Dolce Vita schlechthin und \u00fcberdies allzu h\u00e4ufig Grund f\u00fcr Kopfschmerzen beim Servicepersonal, wenn statt eines \u201eKianti\u201c mal wieder mal ein \u201eTschianti\u201c bestellt wird. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen man ihn in bauchigen, mit Stroh umflochtenen Gro\u00dfflaschen servierte, und seitdem hat sich auch sein Ruf im Ausland deutlich verbessert. Das Gebinde, dessen polsternde \u00e4u\u00dfere Schicht das damals noch recht d\u00fcnne Glas vor dem Zerbrechen bewahren sollte, hei\u00dft im Italienischen \u201efiasco\u201c, und tats\u00e4chlich stammt der ins Deutsche \u00fcbernommene Ausdruck f\u00fcr einen kompletten Fehlschlag davon ab, auch wenn der Grund daf\u00fcr bisher nicht zuverl\u00e4ssig hergeleitet werden konnte. Ganz und gar kein Fehlschlag, sondern im Gegenteil eine wahre Erfolgsgeschichte ist die \u00fcber 300j\u00e4hrige Historie des Chianti, die, wie k\u00f6nnte es anders sein, mit einem Medici beginnt. Cosimo III. war es, der 1716 ein bestimmtes Gebiet eingrenzte, aus welchen unter dem Namen Chianti vermarktete Weine stammen d\u00fcrfen und damit die wahrscheinlich erste gesch\u00fctzte Ursprungsbezeichnung der Welt erschuf. Und gleichzeitig den Grundstein legte f\u00fcr die heute in Italien gebr\u00e4uchlichen Qualit\u00e4tsstufen DOC und DOCG.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Obacht: Chianti ist nicht gleich Chianti. Zum einen gibt es den Chianti Classico: seine Herkunftsregion ist die Herzkammer des Gesamtgebietes, eine von vielen W\u00e4ldern gepr\u00e4gte Fl\u00e4che zwischen Florenz und Siena. Erkennbar ist er am \u201eGallo Nero\u201c, dem schwarzen Hahn auf der Flasche. Der Legende zufolge verdanken ihm die Florentiner den Sieg in einer Grenzstreitigkeit mit den Senesi: man hatte sich darauf geeinigt, beim ersten Hahnenschrei von beiden St\u00e4dten aus einen Reiter in Richtung der jeweils anderen auszuschicken &#8211; der Ort ihres Zusammentreffens sollte dann die Grenze markieren. Der wei\u00dfe, gepflegte und gem\u00e4stete Gockel von Siena verschlief jedoch seinen Einsatz, w\u00e4hrend der schwarze Hahn von Florenz am Vorabend hatte Hunger leiden m\u00fcssen und nun am fr\u00fchen Morgen aus Leibeskr\u00e4ften kr\u00e4hte &#8211; so gelangte der allergr\u00f6\u00dfte Teil der Chianti-Region an Florenz, das dem Federvieh aus Dankbarkeit ein Denkmal setzte. Ob wahr oder nicht: der Classico gilt als der \u201eUrspr\u00fcngliche\u201c. Er muss zu mindestens 80 Prozent aus Sangiovese bestehen; es gibt aber durchaus auch Winzer, die allein auf diese Traube setzen und nicht auf die schmeichlerischen, s\u00e4uremildernden Eigenschaften des Canaiolo oder seit j\u00fcngerer Zeit auch internationaler Reben wie Cabernet Sauvignon oder Merlot. Vom Classico unterscheidet man den Chianti DOCG, dessen Anbaugebiet drei Mal so gro\u00df ist und das des \u00e4lteren Bruders umgibt. Bei ihm muss der Sangiovese-Anteil nur 70 Prozent betragen, neben anderen Roten f\u00fcr Farbe und Samtigkeit kommt f\u00fcr einen leichteren Trinkfluss oft auch die wei\u00dfe Malvasia zum Zuge &#8211; dieser Dreiklang ist das ber\u00fchmte \u201eRezept\u201c f\u00fcr einen perfekten Chianti, wie der Weinfunktion\u00e4r Baron Ricasoli es vor 150 Jahren niederschrieb. Beim Classico ist der Einsatz wei\u00dfer Reben hingegen komplett untersagt. Bis vor einiger Zeit war es noch gestattet, Wein aus der Classico-Region nachtr\u00e4glich als DOCG zu vermarkten, wenn die strengen gesetzlichen Bestimmungen, die sich auch auf Kelter und Ausbau beziehen, nicht eingehalten werden konnten &#8211; das ist nun untersagt und Weinfreunde m\u00fcssen sich entscheiden, welcher Machart sie den Vorzug geben.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1199\" height=\"799\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/1-Kopie.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202478\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/1-Kopie.jpeg 1199w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/1-Kopie-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/1-Kopie-768x512.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1199px) 100vw, 1199px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>So viel ist jetzt \u00fcber Sangiovese geredet worden, dass es sinnvoll erscheint, die Traube einmal etwas n\u00e4her zu betrachten, zumal sie mit 100 000 Hektar die beliebteste Rebe des gesamten Landes ist. Ja, das ist viel, n\u00e4mlich ziemlich genau die Rebfl\u00e4che ganz Deutschlands. Der klangvolle Name r\u00fchrt nicht, wie man in einer Hochburg der Heiligenverehrung wie Italien vielleicht annehmen k\u00f6nnte, von einem San Giovanni her, sondern vom lateinischen \u201esanguis Jovis\u201c, was so viel wie \u201eBlut des Jupiter\u201c hei\u00dft. Aufgrund der Anleihe beim h\u00f6chsten r\u00f6mischen Gott liegt ein Anbau schon in der Antike zwar nahe, ist aber nicht gesichert &#8211; die erste schriftliche Erw\u00e4hnung findet sich Ende des 16. Jahrhunderts. Zudem muss die Benennung auch eher auf die au\u00dferordentliche G\u00fcte des Weines zur\u00fcckzuf\u00fchren sein als auf optische Aspekte, denn der Most ist vergleichsweise hell und damit ganz und gar nicht blut\u00e4hnlich. Daf\u00fcr aber ausgestattet mit viel S\u00e4ure und Gerbstoffen und mit einer reichhaltigen Aromenpalette, die durch die Mutationsfreudigkeit der Rebe zus\u00e4tzlich bereichert wird: wartet der klassische Sangiovese mit dunklen Beeren und dezenten Noten von Veilchen, aber auch Tabak und Leder auf, bestechen Abarten mitunter auch mit von Milchschokolade unterlegter Sauerkirsche. Mittlerweile hat er als Mitbringsel der Millionen italienischer Auswanderer in alle Welt auch eine internationale Karriere eingeschlagen und wird unter anderem in den USA, S\u00fcdafrika, S\u00fcdamerika und sogar in Thailand angebaut. Auf den leichten lehmigen B\u00f6den der Toskana mit ihrem hohem Kalkanteil gedeiht er aber mit Abstand am besten und der sanfte Kontrast zwischen hei\u00dfen, trockenen Sommern, die den Rebst\u00f6cken alles abverlangen, und den regenreichen, milden Wintern, die ihnen zur Erholung dienen, tut sein \u00dcbriges f\u00fcr die Entwicklung tiefgr\u00fcndig-komplexer Tropfen mit hohem Alkoholgehalt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend dem Chianti in der Regel andere Rebsorten beigemischt werden, um die gewisse Strenge des Sangiovese etwas zu mildern, finden Puristen im Brunello genau das Richtige, der zu hundert Prozent aus dieser Traube bestehen muss. Wiederum anders als der Chianti, der von einfachen Varianten f\u00fcr wenige Euro bis zu Topweinen eine gro\u00dfe Spannbreite kennt, ist der Brunello, \u00fcbrigens einfach eine andere, lokale Bezeichnung f\u00fcr den Sangiovese, ausnahmslos ein Spitzenerzeugnis und neben Barolo und Amarone Teil des Triumvirats italienischen Weinbaus. Dass er trotz der eher hellen Traube die tiefdunkle, schon br\u00e4unlichrote Farbe aufweist, die ihm seinen Namen eingetragen hat, ist vor allem seiner mindestens zwei Jahre w\u00e4hrenden Lagerung im Eichenfass geschuldet. Dieser Prozess schleift auch das m\u00fcrbe Tannin herrlich rund und unterlegt die intensiv-konzentrierte Aromatik mit einer feinen Vanille-Note. Noch vor einigen Jahrzehnten waren es nicht einmal hundert Hektar, auf denen er kultiviert wurde, und auch heute ist der Anbau auf 2000 Hektar in der Umgebung des St\u00e4dtchens Montalcino beschr\u00e4nkt. Dort wei\u00df man um den Wirtschaftsfaktor und h\u00e4lt seit nunmehr 30 Jahren die Qualit\u00e4ten der einzelnen Jahrg\u00e4nge mittels k\u00fcnstlerisch gestalteter Fliesen an der Fassade des Rathauses fest.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IsoleeOlena-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202479\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IsoleeOlena-Kopie.jpg 1024w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IsoleeOlena-Kopie-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IsoleeOlena-Kopie-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Von einem oder zwei Gl\u00e4schen gest\u00e4rkt k\u00f6nnen wir uns auf die Weiterreise begeben, im besten Falle nat\u00fcrlich landestypisch auf dem Sozius einer sympathisch schnurrenden Vespa. Die leicht gewellte H\u00fcgellandschaft mit ihren mannigfaltigen Gr\u00fcnschattierungen und dem silbrig schimmernden Horizont erscheint wie gemalt und erinnert immer wieder an einen sanften Ozean, \u00fcber den man friedlich hingleitet. Schlanke Zypressen s\u00e4umen die scheinbar endlosen Landstra\u00dfen zu uralten, einsam gelegenen Anwesen, sodass man sich manchmal fragt, ob man wirklich noch durch den wirtschaftsstarken italienischen Norden f\u00e4hrt oder traumwandlerisch zwischen Himmel und Erde treibt. Ein Sehnsuchtsort. Hier muss man einfach Weinbau betreiben, alles andere w\u00e4re ein Frevel. Das dachten sich wohl schon die Etrusker, die vor zweieinhalb Jahrtausenden hier die ersten Reben kultivierten. Schon sie erkannten das Potential einer Region, die im Spannungsfeld zwischen kontinentalen und mediterranen klimatischen Einfl\u00fcssen liegt. Das sp\u00e4ter in den R\u00f6mern aufgegangene Volk d\u00fcrfte bereits damals kleine Weinberge an s\u00fcdlich ausgerichteten Hanglagen, vorzugsweise zwischen 100 und 500 Meter Seeh\u00f6he angelegt haben &#8211; genauso, wie sie auch heute noch bewirtschaftet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einmal 40 Kilometer von Montalcino entfernt wartet der Dritte im Bunde auf uns. Hier liegt das \u00d6rtchen Montepulciano, wo mit dem Vino Nobile ein weiterer ehrenwerter Name wartet. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn einer Anekdote zufolge war es fr\u00fcher nur adligen Familien gestattet, ihn anzubauen. Auch wenn das wahrscheinlich nicht stimmt, gilt es doch als gesichert, dass er die h\u00f6chsten Kreise erfreut hat, etwa den m\u00e4chtigen Renaissancepapst Paul III. Ganz sortentypisch will auch er sich in seiner Jugend nicht offenbaren, legt im Gegenteil eine gewisse Herbheit an den Tag, die erst durch einige Jahre Reife einer herrlichen Samtigkeit weicht. In seiner Komposition aus mindestens 70 Prozent Sangiovese, erg\u00e4nzt um Canaiolo und die wei\u00dfen Trebbiano und Malvasia ist er einem Chianti DOCG sehr \u00e4hnlich, was sich auch geschmacklich bemerkbar macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun haben wir ja schon \u00fcber so einige sehr edle Tropfen gesprochen, kann man sich da \u00fcberhaupt noch steigern? Das mag sich vor \u00fcber 50 Jahren auch der Marchese Antinori gefragt und sich selbst mit einem \u00fcberzeugten \u201eS\u00ec, certo!\u201c geantwortet haben. Mit ihm beginnt n\u00e4mlich der Siegeszug der Supertoskaner, die, das kann man ohne \u00dcbertreibung sagen, eine neue \u00c4ra in der italienischen Weinwelt eingel\u00e4utet und \u00fcber die Zeit einen absoluten ikonischen Status erreicht haben. Doch der Reihe nach\u2026 Ausl\u00e4ndische Rebsorten, vor allem die klassisch franz\u00f6sischen, waren in Italien schon seit langer Zeit bekannt. Allerdings, sei es aus patriotischer Eitelkeit, sei es, weil das Weinrecht bei Qualit\u00e4ts- und Pr\u00e4dikatsweinen keine Experimente zulie\u00df, traute sich niemand so recht an sie heran. Doch Antinori scherte das nicht, er ging das Risiko ein, seinen revolution\u00e4ren Rebensaft als Vino da Tavola vermarkten zu m\u00fcssen &#8211; zu einem Preis, der selbst die meisten DOCGs in den Schatten stellte. Er war damit schon etwas sp\u00e4t dran, denn sein Verwandter, der Marchese Incisa della Rocchetta, hatte schon Mitte der 40er begonnen, eigentlich bordeauxtypische Reben wie Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc als Versuchsanbau nach Norditalien zu holen. Zwanzig Jahre lang dienten diese der Familie lediglich als private Tischweine, dann bedr\u00e4ngte Antinori ihn, seine Experimente der \u00d6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren. Anfang der 70er kam mit dem Jahrgang 1968 der erste Sassicaia auf den Markt, und wie im Summer of Love junge Menschen weltweit mit den Dogmen ihrer Elterngeneration brachen, so brach der mit der Massigkeit einer Abrissbirne ausgestattete Wein mit allen bisherigen geschmacklichen Konventionen italienischer Feinschmecker. Antinori tat es seinem Verwandten gleich, setzte mit in Italien bisher v\u00f6llig unbekanntem Barrique-Ausbau sogar noch einen drauf und lancierte wenig sp\u00e4ter den Tignanello, der sich als noch deutlich kultiger erweisen sollte. Weitere Winzer sprangen nach und nach auf den Zug auf und kreierten mit Ornellaia, Masseto und Co. ein ganz eigenes Universum an Unkonventionalit\u00e4t. Mittlerweile ist man regulatorisch deutlich liberaler, ja die Erfolgsgeschichte einigerma\u00dfen anerkennend geworden, sodass mit dem Suvereto ein DOCG vollst\u00e4ndig aus Merlot und Cabernet Sauvignon bestehen darf und Sassicaia als einziger Wein Italiens mit einer eigenen DOC geadelt wurde.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"692\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-3-Kopie-1200x692.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202480\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-3-Kopie-1200x692.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-3-Kopie-300x173.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-3-Kopie-768x443.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-3-Kopie-1536x886.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-3-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings mehren sich in letzter Zeit die Stimmen, die Supertoskaner kritisch sehen: weder w\u00fcrden lokale Traditionen gepflegt, noch sei der Einfluss eines spezifischen Terroirs schmeckbar. Purer Neid oder doch berechtigte Warnung vor zu viel Globalismus in der Weinwelt? Wie so vieles in ebendieser: Geschmackssache. Wer von den bleischweren Tropfen nicht \u00fcberzeugt ist, der kann aber immerhin den Einsatz sch\u00e4tzen, der im Zuge des Hypes einer Region zukam, die bis dato nicht f\u00fcr Weinbau bekannt war: die Maremma im toskanischen S\u00fcden galt bis vor nicht allzu langer Zeit als recht \u00f6der K\u00fcstenstreifen, sumpfig und malariaverseucht. Auch nach der aufw\u00e4ndigen Entw\u00e4sserung war hier nicht viel los &#8211; bis die verr\u00fcckten Winzer der Supertoskaner anr\u00fcckten und Goldgr\u00e4berstimmung verbreiteten. Neue Rebsorten, neue Wege, alles geht &#8211; in der Maremma ist der Sangiovese nur ein Rotwein unter vielen. Rund um Grosseto ist so ein wahrer Szene-Hotspot entstanden und wer das n\u00f6tige Kleingeld hat, kauft sich ein paar Hektar, um in einer der aktuell spannendsten und dynamischsten Weinregionen Italiens mitmischen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wei\u00dfweinliebhaber m\u00fcssen hingegen stark sein, denn f\u00fcr sie h\u00e4lt die Toskana immer noch nicht allzu viel bereit. Der einzige von einem gewissen Ruf ist der Vernaccia di San Gimignano, der 1966 als erster Wein Italiens den Status einer DOC erhielt, 1983 dann auch den h\u00f6chsten einer DOCG. Mit dem S\u00fcdtiroler Vernatsch hat er nichts zu tun &#8211; der ist rot. Die Namens\u00e4hnlichkeit r\u00fchrt daher, dass im Italienischen \u201evernacolo\u201c schlicht so viel hei\u00dft wie \u201estammt aus\u201c, also lediglich auf eine Herkunft hinweist und damit der Name unz\u00e4hliger italienischer Reben ist: ohne zus\u00e4tzliche geografische Angabe nicht einzuordnen. Sein \u00fcppiges florales Bukett und die charakteristische Mandelnote m\u00f6gen ein wenig an Wei\u00dfburgunder erinnern und kommen besonders in der Riserva-Variante gut zur Geltung. San Gimignano ist dennoch aus einem anderen Grunde sinnbildlich f\u00fcr den toskanischen Weinbau: hier finden sich noch etliche der sp\u00e4tmittelalterlichen Geschlechtert\u00fcrme, Adlige Familien hatten die recht schmucklosen, daf\u00fcr aber ausgesprochen hohen, das Stadtbild dominierenden Bauwerke nicht nur zum pers\u00f6nlichen Schutz gegen Diebe und Meuchelm\u00f6rder errichten lassen, sondern auch als steingewordene Visitenkarte &#8211; je weiter sie in den Himmel ragten, desto einflussreicher die Bauherren. Als diese Art der Selbstdarstellung aus der Mode kam, suchte man sich ein neues Spielfeld: den Weinbau. Blaubl\u00fctige Familien legten sich hunderte Hektar zu, das heute gr\u00f6\u00dfte Weingut Italiens tr\u00e4gt nicht umsonst den Namen des uns bereits bekannten Marchese Antinori. Sp\u00e4ter taten es ihnen Textilmagnaten und an der Mail\u00e4nder B\u00f6rse reich gewordene Spekulanten gleich.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"513\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-1-Kopie-1200x513.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202481\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-1-Kopie-1200x513.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-1-Kopie-300x128.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-1-Kopie-768x328.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-1-Kopie-1536x657.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Vigneti-1-Kopie-2048x876.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Vernaccia di San Gimignano kultiviert man auch noch die Nummer eins der italienischen Wei\u00dfen, den Trebbiano, zudem Vermentino, Malvasia und Chardonnay, die aber zumeist keine herausragenden Qualit\u00e4ten erreichen und eben eher rar ges\u00e4t sind. Aber vertr\u00e4gt sich dieser Umstand \u00fcberhaupt mit der feinen toskanischen K\u00fcche? Im Grunde schon, denn diese kennt aufgrund der Mittelmeerk\u00fcste zwar Fischrezepte, ist aber eher auf Fleisch- und vor allem Wildgerichten aufgebaut. Beim Gem\u00fcse bedient man sich vor allem der Bohnen, die hier traditonell angebaut werden, und der landschaftspr\u00e4genden Esskastanien. Galten diese fr\u00fcher als Arme-Leute-Essen, ist das nussig-s\u00fc\u00dfe Kastanienmehl heute die Grundlage sowohl f\u00fcr Brot und feine Kuchen als auch f\u00fcr Pasta. In Florenz als Snack zwischendurch \u00fcberaus beliebt, im Rest des Landes aber wahlweise unbekannt oder mit dezentem Argwohn betrachtet wird das Lampredotto. Daf\u00fcr wird der Labmagen des Rindes, der optisch an Kutteln erinnert, aber deutlich zarter ist, mit Gem\u00fcse und Kr\u00e4utern in Br\u00fche gekocht. Anschlie\u00dfend serviert man die Innereien mit etwas So\u00dfe in einem Panino-Br\u00f6tchen auf die Hand. Als ebenso gaumenschmeichlerisch, egal ob zwischendurch oder als unkomplizierte Vorspeise, erweisen sich einige Scheiben Salame Finocchiona, die mit ihrem cremigen Fett und der pikanten Fenchelsamenw\u00fcrzung geradezu nach einer gehaltvollen Weinbegleitung schreit. Wer sich ein bisschen Zeit nehmen will und kann, der sollte Rag\u00f9 vom Wildschwein kosten. Oder direkt Bistecca alla fiorentina. Moment, ein einfaches Steak? Ja, aber was f\u00fcr eines! Die gigantischen, am Knochen gegrillten Fleischportionen stammen vom Chianina-Rind, der gr\u00f6\u00dften Rinderrasse der Welt, deren m\u00e4nnliche Exemplare gut und gern anderthalb Tonnen auf die Waage bringen k\u00f6nnen. Bestrichen wird es ganz simpel mit heimischem Oliven\u00f6l &#8211; neben Wein dem zweiten fl\u00fcssigen Gold der Toskana, das ebenso wie dieser meist in Hanglagen gedeiht, wo maschinelle Vollernter nicht weit kommen und Handarbeit wie anno dazumal noch immer die Regel ist. Eine K\u00fcche des \u00dcberflusses also? In gewisser Weise schon, denn ein zeitlich begrenzter Mangel wird oft als so gravierend empfunden, dass man sich seiner noch Jahrhunderte sp\u00e4ter erinnert. So wird das Pane Sciocco, ein Weizenbrot, bis heute ohne Salz gebacken, weil im Mittelalter das verfeindete Pisa eine Zeit lang mal keines lieferte. Die K\u00f6nigsdisziplin der hiesigen Kochkunst aber sind die Desserts. Das Cantuccini genannte knusprige Mandelgeb\u00e4ck, die Panforte di Siena, eine Art Lebkuchen mit N\u00fcssen, getrockneten Fr\u00fcchten und Gew\u00fcrzen oder die Schiaccia briaca von der Insel Elba, bei der fluffiger Hefeteig mit Wein und Lik\u00f6r getr\u00e4nkt wird, finden auch nach dem reichhaltigsten Hauptgang noch Platz im Magen. Und was k\u00f6nnte zu diesen himmlischen S\u00fc\u00dfspeisen besser passen als ein ebenso s\u00fc\u00dfer Tropfen? Der tr\u00e4gt hier in der Toskana nat\u00fcrlich einen standesgem\u00e4\u00dfen Namen: Vin Santo, der heilige Wein &#8211; darunter macht man es nicht. Um ihn herzustellen, werden schon teilweise rosinierte Beeren auf den Dachb\u00f6den der Weinbaubetriebe getrocknet &#8211; Grundlage f\u00fcr eine unglaubliche Aromenkonzentration. Durch die st\u00e4ndigen massiven Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht erh\u00e4lt der Wein eine z\u00e4hfl\u00fcssige Konsistenz und ist quasi unkaputtbar. Und was bei Sauternes oder Beerenauslese undenkbar w\u00e4re, geh\u00f6rt f\u00fcr die Italiener ganz selbstverst\u00e4ndlich dazu: in den \u00f6ligen Nektar werden Cantuccini ganz nonchalant hineingestippt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher galt die Toskana und insbesondere Florenz als obligatorische Station auf der Grand Tour, der Bildungsreise verm\u00f6gender junger Adliger zu den glorreichsten St\u00e4tten des Kontinents. Und auch heute noch pflegt man den Nimbus des vornehmen Hortes europ\u00e4ischer Kultur &#8211; auch wenn das Publikum mit Sting, Gianna Nannini oder Modedesigner Gianni Bulgari heute ein anderes ist, das sich als kostspieliges kleines Hobby ein eigenes Weingut in der Toskana leistet. Aber nat\u00fcrlich verrichten sie die ganze Arbeit nicht selbst, sondern vertrauen auf die Expertise altgedienter Kellermeister, die oft mehr K\u00fcnstler als Techniker sind. Denn was Michelangelo mit seinem Marmorkoloss David gelang, der heute in Florenz bewundert werden kann, ist 500 Jahre sp\u00e4ter auch f\u00fcr die toskanischen Winzer der Anspruch: ikonische Tropfen, die ob ihrer handwerklichen Perfektion, \u00fcberw\u00e4ltigenden Individualit\u00e4t und zeitlosen Eleganz Geist und Seele gleicherma\u00dfen ansprechen. Damit machen sie die Toskana und ihre elf DOCG-Tropfen zu einem der bedeutendsten Weinbaugebiete nicht nur Italiens, sondern der ganzen Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Toskana: Ein Kaleidoskop von Geschichte, Kultur und exquisiten Weinen \u2013 Eine Reise durch das Herz der italienischen Weintradition Regionen, die das gewisse Etwas haben, polarisieren immer. So ist es bei Sylt, Kitzb\u00fchel und eben auch bei der Toskana. 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