{"id":202501,"date":"2024-01-31T17:00:00","date_gmt":"2024-01-31T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=202501"},"modified":"2024-03-15T14:24:05","modified_gmt":"2024-03-15T13:24:05","slug":"das-anbaugebiet-piemont","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/01\/das-anbaugebiet-piemont\/","title":{"rendered":"Das Anbaugebiet Piemont"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Piemont: Mehr als nur Kirschen und Pralinen &#8211; Entdecken Sie die Vielfalt der piemontesischen Weine und Region<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Piemont, das ist doch bekannt f\u00fcr\u2026 Kirschen? Da haben ein gro\u00dfer italienischer S\u00fc\u00dfwarenkonzern, seine rosaroten Pralinen und der sinnliche Blick Claudia Bertanis ganze Arbeit geleistet, bei der deutschen Kundschaft diese Verkn\u00fcpfung herzustellen. Zeit, auch die Piemonteser Trauben etwas im Ged\u00e4chtnis zu verankern! Ja die Region \u00fcberhaupt &#8211; denn w\u00e4hrend etwa die angrenzende Toskana seit Jahrzehnten das mond\u00e4ne Reiseziel l\u00e4ngst nicht nur \u00e4lterer Studienr\u00e4te ist und mit Florenz eine wahre Schatzkammer zu bieten hat, kann im Piemont die f\u00fcr ihre Automobilbranche bekannte Industriestadt Turin vergleichsweise wenig Anziehungskraft entfalten. Auch das Umland gilt immer noch als ein wenig rustikal und keineswegs so gut touristisch erschlossen wie andere italienische Landstriche. Doch ein zweiter Blick lohnt. Denn das Piemont bietet vieles, was andere nicht haben: unter den sage und schreibe 100 hier kultivierten Rebsorten sehr viele, die au\u00dferhalb dieser Region eigentlich nirgendwo sonst in Italien angebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"><br>Die wichtigste ist zweifellos der Nebbiolo, hier oft Spanna genannt. Nicht, dass man es nicht versucht h\u00e4tte, ihm auch anderswo, sogar au\u00dferhalb Europas, die Qualit\u00e4t zu entlocken, die er im Piemont erreicht &#8211; jedoch vergeblich. Die autochthone Rebe ist halt eine Diva, was ihr Terroir angeht. Aber auch nur in dieser Hinsicht. Denn geschmacklich erweist sie sich keineswegs als damenhaft: sie strotzt nur so vor Gerbstoffen und ist eine der am langsamsten reifenden Rebsorten der Welt. Es sei also davon abgeraten, sich einen aktuellen Jahrgang f\u00fcr den baldigen Konsum zuzulegen. Auf der anderen Seite verleihen die Tannine dem Nebbiolo eine unglaubliche Haltbarkeit &#8211; auch wenn keine Exemplare aus der Antike mehr erhalten sind, in welcher er wohl schon angebaut wurde: m\u00f6glicherweise von den Griechen, wahrscheinlich von den Etruskern, ziemlich sicher aber von den R\u00f6mern. Der Name taucht dann im sp\u00e4ten Mittelalter zum ersten Mal auf &#8211; er geht auf das italienische \u201enebbia\u201c zur\u00fcck, das den Nebel bezeichnet, der zur Zeit der Lese im Oktober oft von den Bergh\u00e4ngen herabwallt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1125\" height=\"452\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0685.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202709\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0685.jpg 1125w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0685-300x121.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0685-768x309.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><br>Der bekannteste aus Nebbiolo gekelterte Wein ist zweifellos der Barolo &#8211; in Deutschland sp\u00e4testens seit den fr\u00fchen 2000ern ein Begriff, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der verlautbaren lie\u00df, dass es sich dabei um seinen Lieblingswein handele. Keine schlechte Wahl, denn zu den vom Brioni-Kanzler ebenfalls gesch\u00e4tzten kubanischen Cohiba-Zigarren macht ein Barolo sicherlich keine schlechte Figur. Auf lediglich 1800 Hektar gedeiht der \u201eWein der K\u00f6nige\u201c, so genannt, weil er als Favorit des Hauses Savoyen galt, das im Mittelalter als einfaches Grafengeschlecht startete, sich in Oberitalien &#8211; weit \u00fcber das heutige Piemont hinaus &#8211; nach und nach gro\u00dfe Gebiete untertan machte und infolge der italienischen Einigung Mitte des 19. Jahrhunderts dann zum K\u00f6nigshaus des gesamten Landes aufstieg. Zu verdanken ist das vor allem dem Ehrgeiz des aus Turin stammenden Staatsmannes und sp\u00e4teren ersten Ministerpr\u00e4sidenten des neuen italienischen Staates, Graf Cavour. Er wollte in Rom die Ehre seiner Heimat hochhalten und griff daf\u00fcr auf den bereits bekannten Barolo zur\u00fcck, der allerdings bisher immer eine Rests\u00fc\u00dfe aufgewiesen hatte. Man lie\u00df ihn n\u00e4mlich auf Dachb\u00f6den g\u00e4ren, die zur Winterzeit fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf Minusgrade ausk\u00fchlten, wodurch die G\u00e4rung gestoppt wurde und ein Rest Zucker im Wein verblieb. Cavour ordnete an, die G\u00e4rung in den Keller verlagern, wo es konstante und vor allem nicht zu kalte Temperaturen hatte &#8211; und schuf einen durchgegorenen, damit trockenen und geschmacklich v\u00f6llig neuen Barolo. Viktor Emanuel II. war davon derart begeistert, dass er ihn zu seiner Kr\u00f6nung als K\u00f6nig von Italien ausschenken lie\u00df und ihm damit den Nimbus eines edlen National-Rebensaftes verlieh.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Heimat des Barolo ist die Bassa Langa, der untere Teil der Langhe &#8211; eine sanft gewellte, von H\u00fcgelketten zungenf\u00f6rmig eingehegte Landschaft &#8211; daher der Name. Schaut man aus einem der auf den Anh\u00f6hen gelegenen romantischen D\u00f6rfer in die Ferne, erkl\u00e4rt sich auch der Name der gesamten Region: Piemont stammt vom lateinischen \u201ead pedem montium\u201c, was soviel wie \u201eam Fu\u00df der Berge\u201c hei\u00dft. Damit sind die Alpen gemeint, die den Landstrich von Norden, S\u00fcden und Westen her abschirmen. Dieses himmlische Fleckchen Erde hat der Barolo allerdings nicht f\u00fcr sich allein, sondern teilt es mit dem Barbaresco. Auch der liebt die B\u00f6den aus Lehm, Ton und vor allem Kalkmergel mit hohem Sandsteinanteil, Hinterlassenschaften des Binnenmeers, der vor Urzeiten die Gegend \u00fcbersp\u00fclte und dessen R\u00fcckzug allerhand organisches Material freilegte, das sich im Untergrund ablagerte. Und auch er macht als reiner Nebbiolo-Wein winzige Feinheiten in der Mineralstruktur des Bodens, unsichtbare Einlagerungen wie das h\u00e4ufig vorkommende Eisen auf faszinierende Weise schmeckbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber unterscheidet Barolo von Barbaresco? Gar nicht so einfach zu beantworten, denn sie wachsen gerade mal 20 Kilometer voneinander entfernt und nicht selten ist einer dem anderen \u00e4hnlicher, als es sich manche Exemplare derselben DOCG sind. Ganz normativ l\u00e4sst sich die Zeit der Reife nennen: w\u00e4hrend Barbaresco 26 Monate, davon neun im Fass lagert, sind es beim Barolo 38, bei der Riserva-Variante sogar 62 Monate, davon jeweils 18 im Fass. Aber geschmacklich? Oft bem\u00fcht wird das Bild vom \u201emaskulinen\u201c Barolo: er ist der K\u00f6rperreiche mit viel Dichte, wuchtig in Frucht und Tannin. Der \u201efeminine\u201c Barbaresco hingegen besticht mit mehr Eleganz und Finesse sowie einem weicheren, seidigeren Mundgef\u00fchl. Dennoch sollte betont werden, dass es \u201eden\u201c Barolo oder Barbaresco nicht gibt &#8211; die Varianz des Ersteren reicht, um es ein wenig anschaulich zu machen, vom massigen Ringer bis zum beweglichen Mittelgewichtsboxer, die des Letzteren vom durchtrainierten Kunstturner bis zum fintenreichen Florettfechter. Gemeinsam ist ihnen aber die Benennung nach ihrer jeweiligen Herkunft, kleinen, gerade einmal etwas mehr als 600 Einwohner z\u00e4hlenden D\u00f6rfern.<br>Kein solches Dorf, sondern eine Rebsorte bezeichnet unsere Nummer drei, die &#8211; Sie werden es vielleicht schon ahnen &#8211; auch wieder mit \u201eBar-\u201c beginnt. Die Piemonteser scheinen eine Affinit\u00e4t f\u00fcr diesen Anlaut zu haben, oder es macht ihnen einfach Spa\u00df, Unkundige ein wenig aufs Glatteis zu f\u00fchren. Sprachliche Verwechslungen mit den Nebbiolo-Abk\u00f6mmlingen sind somit durchaus m\u00f6glich, geschmackliche aber nahezu ausgeschlossen: die Barbera ist nicht ansatzweise so herb wie Barolo und Barbaresco, weshalb sie schon in den ersten Jahren nach Abf\u00fcllung genossen werden kann. Was sie an Gerbstoffen entbehrt, wird jedoch von ihrer hohen S\u00e4ure wieder wettgemacht. Auch der Alkoholgehalt ist nicht zu untersch\u00e4tzen, bringt aber die typische Pflaumenfrucht perfekt zur Geltung. Man unterscheidet den ebenfalls in der Umgebung der beiden uns schon bekannten D\u00f6rfer wachsenden, schlanken Barbera d\u2019Alba vom nord\u00f6stlich davon angebauten Barbera d\u2019Asti, der etwas volumin\u00f6ser und dunkler in der Farbe ausf\u00e4llt. Die Toleranz gegen\u00fcber vielen verschiedenen Bodenprofilen, der ausgesprochen starke Wuchs sowie ihre relative Unanf\u00e4lligkeit gegen die meisten Krankheiten haben daf\u00fcr gesorgt, dass die Barbera Nera als eine der ganz wenigen Piemonteser Reben eine italienweite Karriere einschlagen durfte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1125\" height=\"633\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Image-1-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202707\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Image-1-Kopie.jpg 1125w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Image-1-Kopie-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Image-1-Kopie-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><br>Wer denkt, mit den drei Bs sei die Palette der Roten ersch\u00f6pft und wir k\u00e4men jetzt schon zum S\u00fc\u00dfwein, der irrt. Obwohl der Name des Dolcetto eigentlich genau das vermuten l\u00e4sst, bedeutet \u201edolce\u201c im Italienischen doch schlicht \u201es\u00fc\u00df\u201c. Das trifft keineswegs zu, gerade im Gegenteil wird er stets knochentrocken ausgebaut &#8211; allerdings verf\u00fcgt er weder \u00fcber die brachialen Tannine des Nebbiolo noch \u00fcber die pr\u00e4gnante S\u00e4ure der Barbera und wirkt dadurch f\u00fcr viele Piemonteser fast schon unerh\u00f6rt mild. Anders als der Sonnenanbeter Nebbiolo bevorzugt er aufgrund seiner viel schnelleren Reife eher ein k\u00fchles Pl\u00e4tzchen und dankt es mit schwarzbeeriger Aromatik, schmelzig-weicher Textur und leichter Bittermandel- und S\u00fc\u00dfholznote. Kenner behaupten, der Titel des optimalen Weines zur Pizza geb\u00fchre eigentlich viel eher ihm als dem Chianti. Obwohl man Pizza im Piemont eher selten finden d\u00fcrfte: wenn man der heimischen Gastronomie einen Besuch abstattet, lernt man das weitgehende Fehlen von Touristen schnell richtig zu sch\u00e4tzen. Studiert man dort ein wenig eingehender die Weinkarte, wird einem m\u00f6glicherweise auffallen, dass es zwar Tisch- und Qualit\u00e4tsweine, jedoch keine Landweine gibt &#8211; Winzer m\u00fcssen sich also entscheiden, ob sie sehr einfache oder sehr hochwertige Weine produzieren wollen, ein Mittelding gibt es nicht. Diese Ganz-oder-Garnicht-Mentalit\u00e4t polarisiert, ist aber verst\u00e4ndlicher Ausdruck des selbstbewussten Piemonteser Charakters, der durch die als schickimickihaft empfundene toskanische Konkurrenz auf dem Rotweinmarkt seit jeher kompetitiv gepr\u00e4gt ist und mit dem IGT gerade jene Kategorie verbannt, in der die bekannten Supertoskaner zuhause sind. Merlot und Cabernet mit heimischen Reben verschneiden? F\u00fcr die Winzer des Piemont undenkbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo viele halbwegs geografisch Bewanderte noch ohne gr\u00f6\u00dfere Probleme die Lage S\u00fcdtirols, Kalabriens oder Latiums innerhalb Italiens angeben k\u00f6nnen, wird es beim Piemont schon schwieriger &#8211; und das, obwohl es die fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte Region des Festlandes ist, \u00fcbertroffen nur von der Insel Sizilien. Irgendwo im Norden, oder? Richtig, im \u00e4u\u00dfersten Nordwesten, um genau zu sein. Das Piemont geh\u00f6rt zu den wenigen Regionen, die nicht \u00fcber eine Mittelmeerk\u00fcste verf\u00fcgen &#8211; die beansprucht das s\u00fcdlich gelegene Ligurien f\u00fcr sich. F\u00fcr diesen Verzicht wird es aber, ebenfalls eine Seltenheit in Italien, mit zwei direkten Nachbarstaaten entsch\u00e4digt: der Schweiz und Frankreich. Insbesondere zu letzterem bestand fr\u00fcher ein gespaltenes Verh\u00e4ltnis. Immer wieder wurden Teile Piemonte von Frankreich besetzt. Zwar kamen sie nach den Friedensschl\u00fcssen stets zur\u00fcck, dennoch verleibte sich der gro\u00dfe Nachbar letztlich gewaltige Gebiete ein: als Gegenleistung daf\u00fcr, dass Frankreich den F\u00fcrstent\u00fcmern auf der Apenninhalbinsel half, gegen den Widerstand \u00d6sterreichs 1860 einen einheitlichen Nationalstaat zu bilden, musste Piemont das Herzogtum Savoyen und die Grafschaft Nizza abtreten. Hundert Jahre sp\u00e4ter kn\u00fcpfte man schlie\u00dflich im Weinbau Bande \u00fcber die Staatsgrenzen hinweg, vor allem nach Burgund. Das war kein Zufall, sondern lag darin begr\u00fcndet, dass die Regionen \u00fcber nicht wenige Gemeinsamkeiten verf\u00fcgen: in beiden ist das Terroir ausgesprochen wichtig f\u00fcr die Qualit\u00e4t des Weines und minimale Ver\u00e4nderungen in der Bodenstruktur entscheiden &#8211; Spitze oder Mittelma\u00df? Dar\u00fcber hinaus \u00e4hneln sich die \u00f6konomischen Strukturen: die Betriebe sind in aller Regel klein und b\u00e4uerlich gepr\u00e4gt. Riesenwinzer mit mehreren hundert oder gar tausend Hektar, wie man sie in vielen anderen Teilen Italiens antrifft, sucht man hier vergebens. Viele junge Weinbauern pilgerten also ins ihnen vertraut erscheinende Burgund, um ihre Fertigkeiten zu verfeinern. Denn in den 70ern, als es in anderen Regionen Italiens weintechnisch allm\u00e4hlich aufw\u00e4rts ging, steckte der Piemonteser Weinbau in einer Krise: die sehr schweren, extrem tanninreichen Nebbiolo-Weine, gepr\u00e4gt durch lange Maischestandzeit und Mitverg\u00e4rung der Stiele, passten nicht mehr in die Zeit, es drohte massive \u00dcberproduktion, zudem wurde oft unsauber gearbeitet. In der Folge wanderten viele junge Menschen aus der Branche in gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte ab, der Lange drohte ein wahrer Aderlass. Die Rettung brachten Anregungen aus dem Burgund: radikale Ertragsreduktion, bessere Kellerhygiene, der Ausbau in kleinen Barriques anstatt in Gro\u00dff\u00e4ssern. Damit brach ein Streit zwischen Traditionalisten der \u00e4lteren Generation und Modernisten, den \u201eBarolo Boys\u201c um Angelo Gaja und Elio Altare aus, dessen Nachwirkungen noch bis heute zu sp\u00fcren sind.<br><\/p>\n\n\n\n<p>2014 w\u00fcrdigte die UNESCO die seit der Antike betriebene und ab dem Hochmittelalter immer weiter verfeinerte Weinbaukunst in den Landschaften Langhe, Roero und Monferrat mit dem Welterbetitel &#8211; ein Grund mehr f\u00fcr eine kulinarisch-kulturelle Erkundungstour. Das kontinental-gem\u00e4\u00dfigte Klima k\u00f6nnte optimaler kaum sein: die Sommer sind zwar hei\u00df, werden aber durch Gew\u00e4sser wie den Lago Maggiore oder den Po angenehm reguliert &#8211; fast meint man einen Hauch der nahegelegenen franz\u00f6sischen Riviera zu sp\u00fcren. Die Winter hingegen sind oft schneereich, was f\u00fcr die Rebst\u00f6cke von gro\u00dfem Vorteil ist: das langsam schmelzende Wei\u00df k\u00f6nnen ihre Wurzeln nach und nach aufnehmen und w\u00e4hrend des Sommers davon zehren &#8211; was sie auch m\u00fcssen, denn eine k\u00fcnstliche Bew\u00e4sserung ist den Winzern per Weingesetz untersagt. W\u00e4hrend die Pflanze Reserven anlegt, kann der Mensch sich auf der Piste austoben: in Sestriere etwa, wo neben regelm\u00e4\u00dfigen Skiweltcups auch die Olympischen Winterspiele von 2006 stattfanden. Unwetter m\u00fcssen dabei beide kaum f\u00fcrchten: sie werden durch die den gigantischen Talkessel umgebenden Alpen zuverl\u00e4ssig ferngehalten, sodass die Trauben kaum Gefahr laufen, durch Starkregen oder Hagel besch\u00e4digt zu werden.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1125\" height=\"452\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0723-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202710\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0723-Kopie.jpg 1125w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0723-Kopie-300x121.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0723-Kopie-768x309.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><br>Das wissen nicht nur die roten Reben zu w\u00fcrdigen, sondern auch die wei\u00dfen. Zwar spielen diese auf den insgesamt knapp 50 000 Hektar nur eine untergeordnete Rolle, bilden aber dennoch einen ganz eigenen Kosmos. Da sind zum einen die internationalen Sorten, etwa der Chardonnay, der hier im Piemont so grandios ger\u00e4t wie kaum sonst irgendwo in Italien. Da sind aber vor allem die autochthonen Klassiker, deren Aroma absolut unvergleichlich ist, weil sie au\u00dfer ein paar wenigen Freaks in \u00dcbersee niemand sonst anbaut. Parallelen zum Nebbiolo? Absolut, deswegen wird die Arneis auch gern mal \u201eBarolo bianco\u201c genannt. Das ist deutlich schmeichelhafter als die \u00dcbersetzung ihres eigenen Namens, der so viel bedeutet wie \u201ekleine Schwierige\u201c, wahrscheinlich zur\u00fcckzuf\u00fchren auf ihre Anf\u00e4lligkeit gegen\u00fcber dem Echten Mehltau. Wohl auch aus diesem Grund nahm ihr Bestand immer weiter ab, bis sie in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts fast vollst\u00e4ndig in Vergessenheit geraten war. Erst in den 90ern entdeckte man sie wieder, ihr verf\u00fchrerisch fruchtiges Bukett nach Honigmelone, Birne und Aprikose, ihr Abgang nach feinem Mandelpudding passten perfekt in die nach Exotik lechzende Zeit und sind auch heute noch einen Versuch wert. Dank ihrer sehr zur\u00fcckhaltenden S\u00e4ure ist sie genau das Richtige f\u00fcr alle mit einem empfindlichen Magen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1125\" height=\"864\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0716.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202711\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0716.jpg 1125w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0716-300x230.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/DJI_0716-768x590.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><br>Ganz und gar nicht hinter dem Berg mit seiner S\u00e4ure h\u00e4lt hingegen der Timorasso, welcher wie der Arneis seit einiger Zeit eine Renaissance feiert. Noch gilt er als kleiner Geheimtipp, aber seine steinige Mineralit\u00e4t und markante S\u00e4ure &#8211; die durchaus Assoziationen mit Riesling hervorrufen -, gepaart mit Noten von wei\u00dfen Bl\u00fcten und dezenter Kr\u00e4uterw\u00fcrze machen ihn zu einer spannenden, ganz und gar nicht \u201eitalienisch\u201c schmeckenden Angelegenheit. W\u00e4hrend Arneis und Timorasso in Deutschland nahezu unbekannt sind, gibt es kaum einen guten Italiener, der keinen Gavi im Angebot hat. Benannt ist er vertrackterweise wieder einmal nach dem \u00d6rtchen, in dessen Umfeld er auf kalkreichen B\u00f6den w\u00e4chst, die zugrunde liegende Rebsorte hingegen ist der Cortese. Gerade zu Fischgerichten macht er dank seiner s\u00e4urebetonten Ankl\u00e4nge von Zitrusfr\u00fcchten und gr\u00fcnen \u00c4pfeln eine gute Figur. Wei\u00dfer Rebensaft schmeckt aber nat\u00fcrlich nicht nur als Stillwein, sondern mindestens ebenso als Sch\u00e4umer. Auf diesem Gebiet hat sich der preisg\u00fcnstige, s\u00fc\u00dfe Asti Spumante aus Moscato Bianco, also Gelbem Muskateller, zu einem internationalen Verkaufsschlager gemausert und d\u00fcrfte schon unz\u00e4hlige M\u00e4delsabende und Junggesellinnenabschiede begleitet haben. Gemeinsam ist allen Wei\u00dfen, dass sie keiner ewigen Kellerreife bed\u00fcrfen, sondern schon in fr\u00fcher Jugend zug\u00e4nglich sind und deutlich unkompliziert-trinkiger daherkommen als ihre roten Kollegen.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen teilen sie aber wiederum die Eigenschaft, wie so ziemlich alle italienischen Weine optimale Speisebegleiter zu sein. Zeit also, sich diese ein wenig genauer anzusehen. Die regionale K\u00fcche ist zwar meist einfach, aber \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltig und kann auf allerbeste Zutaten zur\u00fcckgreifen. Au\u00dfer dem mittlerweile weltbekannten Vitello tonnato, d\u00fcnn aufgeschnittenem, gekochtem Kalbfleisch mit Thunfischso\u00dfe und Kapern, haben jedoch kaum Gerichte eine ausl\u00e4ndische Anh\u00e4ngerschaft. Schade eigentlich, denn die meisten sind einfach zuzubereiten und leicht variierbar, sodass man immer wieder auf sie zur\u00fcckgreifen kann. Zu den absoluten Grundzutaten im Piemont geh\u00f6rt Reis, der seit der Zeit der Renaissance in der Poebene angebaut wird und die Region zum gr\u00f6\u00dften Anbaugebiet des S\u00fc\u00dfgrases in ganz Europas macht. Zusammen mit Zwiebeln in \u00d6l anger\u00f6stet und dann in Br\u00fche und Wei\u00dfwein gegart, zum Schluss mit Parmesan abgebunden, entsteht in weniger als einer Dreiviertelstunde ein herrliches Risotto. Eine besonders feine Version erschafft man unter Einbeziehung von Tr\u00fcffeln, die man hier \u00fcber die Gerichte hobelt statt sie mitzugaren, da der Wei\u00dfe Tr\u00fcffel von Alba im Gegensatz zu seinem Verwandten aus dem Perigord beim Erhitzen an Geschmack verliert. Der Pilz erreicht in der Regel etwa die Gr\u00f6\u00dfe einer Apfelsine und kommt \u00e4u\u00dferlich mit seinem knubbeligen, schmutzigbraunen Aussehen zun\u00e4chst nicht so sympathisch daher. Schneidet man ihn aber an\u2026 was f\u00fcr eine Aromenvielfalt! Ein erdig-nussiger Grundton, aus dem sich schnell Ankl\u00e4nge an milden Knoblauch und Weichk\u00e4se heraussch\u00e4len, flankiert von zarten Zwischent\u00f6nen nach Moschus, Honig und Heu. Da er nicht gez\u00fcchtet werden kann, sondern aufw\u00e4ndig in der Natur gesucht werden muss, geh\u00f6rt er zu den teuersten Lebensmitteln der Welt. Tr\u00fcffelbegeisterte sollten w\u00e4hrend der letzten drei Monate des Jahres nach Alba reisen, wenn mit der Internationalen Messe des Wei\u00dfen Albatr\u00fcffels dort an jedem Wochenende ein wahres Hochamt f\u00fcr den \u201etartufo bianco\u201c gefeiert wird. Wer den einzigartigen Geschmack nicht sch\u00e4tzt oder aber eher auf der Suche nach einem preisg\u00fcnstigeren Mahl ist, d\u00fcrfte mit einer Portion Agnolotti bestens bedient sein. Die gef\u00fcllten Teigtaschen erinnern optisch an die wesentlich bekannteren Ravioli, unterscheiden sich von diesen aber dadurch, dass sie aus einem einzigen Teiglappen gefertigt sind, der umgeschlagen wird, w\u00e4hrend man f\u00fcr einen Raviolo zwei einzelne Schichten aufeinander legt. Sehr beliebt in gr\u00f6\u00dferen Runden ist auch das dem schweizerischen Fondue nicht un\u00e4hnliche Bagna cauda, bei dem man Gem\u00fcsest\u00fccke in einen hei\u00dfen Sud aus mit Knoblauch und Sardellen gew\u00fcrztem Oliven\u00f6l stippt. Zum Abschluss ein Dessert gef\u00e4llig? Das entsteht h\u00e4ufig unter Einbeziehung der Haseln\u00fcsse, die man im oberen Teil der Langhe anbaut, der zu hochgelegen und rau f\u00fcr Wein ist. Es muss ja nicht gerade die weltbekannte Nuss-Nougat-Creme sein, die aus demselben, in Alba beheimateten Stall stammt wie unsere Kirschpraline vom Anfang \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Und Zeit f\u00fcr einen Absacker ist auch noch. Was w\u00e4re da besser geeignet als ein Grappa? Der Tresterschnaps ist zwar gesamtitalienisches Kulturgut, findet aber einige seiner feinsten und charakterst\u00e4rksten Vertreter hier oben im Norden, wo man ihn \u201eBranda\u201c nennt und oft noch in traditionellen, seit vielen Generationen \u00fcberlieferten Verfahren destilliert. Zum Wohl! Also falls er noch hineinpasst nach zwei oder drei Baroli, wie die Mehrzahl des Weines analog zu Begriffen wie Espresso lautet. Oder einem anderen der unglaublichen 17 DOCG-Weine, womit im Piemont mehr dieser absoluten Spitzen der Qualit\u00e4tspyramide gez\u00e4hlt werden als in irgendeiner anderen italienischen Region. D\u00fcrfte man f\u00fcr den Rest seines Lebens nur noch Wein aus einem einzigen Anbaugebiet trinken, das Piemont w\u00e4re daf\u00fcr mit Sicherheit keine schlechte Wahl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piemont: Mehr als nur Kirschen und Pralinen &#8211; Entdecken Sie die Vielfalt der piemontesischen Weine und Region Piemont, das ist doch bekannt f\u00fcr\u2026 Kirschen? Da haben ein gro\u00dfer italienischer S\u00fc\u00dfwarenkonzern, seine rosaroten Pralinen und der sinnliche Blick Claudia Bertanis ganze Arbeit geleistet, bei der deutschen Kundschaft diese Verkn\u00fcpfung herzustellen. 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