{"id":202811,"date":"2024-02-14T17:00:00","date_gmt":"2024-02-14T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=202811"},"modified":"2024-02-14T22:33:35","modified_gmt":"2024-02-14T21:33:35","slug":"das-weinbaugebiet-venetien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/02\/das-weinbaugebiet-venetien\/","title":{"rendered":"Das Weinbaugebiet Venetien"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Venetien: Italiens Weinparadies zwischen Tradition und Moderne<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Jede Weinbaunation braucht dieses eine Gebiet, das richtig viel abwirft, um all die durstigen Kehlen im Land zu befeuchten. Deutschland hat Rheinhessen, Frankreich Languedoc, Spanien die Mancha. Und Italien hat Venetien. Damit keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen: hohe Lesemengen bedeuten hier keineswegs, dass die Qualit\u00e4t nicht stimmt, sondern dass man auf kluge Weise geschmackliche Trends erkannt oder sogar selbst gesetzt hat &#8211; in Italien und kein bisschen weniger auch international. Zwar ist das Veneto, wie die Einheimischen es nennen, mit seinen etwa 75 000 Hektar nicht wirklich das gr\u00f6\u00dfte Weinbaugebiet Italiens, Apulien und Sizilien legen noch einen drauf. Aber es produziert aufgrund der hohen Hektarertr\u00e4ge die gr\u00f6\u00dfte Weinmenge. Und wer sich in irgendeiner Weise mit italienischen Weinen auseinandersetzt, wird einfach nicht vorbeikommen an den hiesigen Tropfen, die von einfachen Alltagsqualit\u00e4ten bis zu exklusiven Charakterk\u00f6pfen f\u00fcr jeden Anlass etwas zu bieten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gilt, eine Seltenheit f\u00fcr Italien, f\u00fcr Rot- und Wei\u00dfweine gleicherma\u00dfen, ja man k\u00f6nnte fast so weit gehen zu behaupten, die Wei\u00dfen h\u00e4tten hier die Nase vorn. Schwer nicht nur, \u201eden einen\u201c Wein zu benennen, der stellvertretend f\u00fcr die \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltige Region stehen k\u00f6nnte, sondern \u00fcberhaupt erstmal einen Anfang zu finden. Machen wir es wie beim Essen und beginnen mit etwas Sprudelndem als Aperitif. Wie k\u00f6nnte man die Apenninhalbinsel erkl\u00e4ren ohne den Prosecco, der mit seinem Prickeln wie der Getr\u00e4nk gewordene Ausdruck italienischer Unbek\u00fcmmertheit und Lebensfreude erscheint? \u00dcberall auf der Welt kennt man ihn, und nicht selten werden sogar spanischer Cava, franz\u00f6sischer Cremant oder deutscher Sekt f\u00e4lschlicherweise unter diesem Begriff subsumiert. Doch wie es so oft geschieht, ist der Prosecco Opfer seines eigenen Erfolgs geworden: Anfang der 2000er bekam man ihn als Landwein etikettiert schlicht hinterhergeworfen &#8211; denn Prosecco konnte jeder auf seine Flasche schreiben, der mit den entsprechenden Trauben arbeitete. Z\u00e4hneknirschend beobachtete man in Venetien den Ausverkauf eines einst hochangesehenen Namens als Ramschprodukt. Also wurde durchgegriffen: den Anbau derjenigen Weine, die sich fortan Prosecco nennen durften, schr\u00e4nkte man auf wenige Provinzen n\u00f6rdlich von Treviso ein. Gleichzeitig wurde die Rebsorte in die deutlich prosaischer klingende Glera umbenannt &#8211; womit es nun nicht mehr m\u00f6glich ist, einen Prosecco als auf billigste Weise produzierten IGT zu verkaufen. Diese Qualit\u00e4tsoffensive hat ihm gutgetan und vermag eine Blaupause daf\u00fcr sein, wie man in Zukunft das von Kennern immer noch leicht bel\u00e4chelte allgemeine Niveau des venetischen Weines weiter steigern k\u00f6nnte. Es gibt Prosecco \u00fcbrigens nicht nur als sch\u00e4umenden Spumante und feinperligen Frizzante, sondern ebenso als Stillwein, in dem sich das Bukett von Apfel und Birne, nussig unterlegt und mit leicht bitterem Abgang, vielleicht sogar am besten entfaltet. Zugleich ist Prosecco neben Pfirsichp\u00fcree die Hauptzutat des Signature-Cocktails Venetiens, des Bellini &#8211; entwickelt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Harry\u2019s Bar in der N\u00e4he des Markusplatzes.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"777\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Aerea-Cantina_300dpi-Kopie-1200x777.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202844\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Aerea-Cantina_300dpi-Kopie-1200x777.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Aerea-Cantina_300dpi-Kopie-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Aerea-Cantina_300dpi-Kopie-768x497.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Aerea-Cantina_300dpi-Kopie-1536x995.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Aerea-Cantina_300dpi-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir direkt beim Thema w\u00e4ren: das Veneto ist benannt, das l\u00e4sst sich leicht herleiten, nach der gr\u00f6\u00dften Stadt der Region, die gleichzeitig deren Kapitale ist: die altehrw\u00fcrdige Lagunenstadt Venedig. Als diese noch eine eigenst\u00e4ndige Adelsrepublik war, bildete das heutige Venetien deren Hinterland. Dank der traditionsreichen Glasbl\u00e4serindustrie von Murano hatte man, w\u00e4hrend die Anderen noch Tonkr\u00fcge nutzten, ein verpackungstechnisches Alleinstellungsmerkmal, das einen guten Absatz der heimischen Reben garantierte. Weine f\u00fcr den eigenen Konsum hingegen importierte man vorwiegend &#8211; vor allem Malvasia aus Griechenland. Aber nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen verlor man die Vorherrschaft im \u00f6stlichen Mittelmeerraum und es ging langsam, aber stetig bergab mit der m\u00e4chtigen Seefahrernation. Nach einer Weile ergriff \u00d6sterreich seine Chance und verleibte sich die L\u00e4ndereien ein. Ein kurzes Intermezzo als Marionette des napoleonischen Frankreichs \u00e4nderte nichts daran, dass die Habsburger mehr als ein halbes Jahrhundert den Ton angaben: wer die Sissi-Filme gesehen hat, wird sich an den darin gezeigten Besuch des Kaiserpaares in Venedig und die ihm gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferst feindselige Haltung der Venezianer erinnern. Auch mit dem italienischen Nationalstaat wurde man nicht recht warm: dass man nach der Niederlage \u00d6sterreichs gegen Preu\u00dfen in der Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz wieder an Frankreich fiel &#8211; einerlei. Dass man dann aber als reine Verf\u00fcgungsmasse, als blo\u00dfes Tauschobjekt herhalten musste, dass Frankreich an Italien abtrat, um daf\u00fcr im Gegenzug Savoyen und Nizza zu erhalten, kr\u00e4nkte die stolzen Venezianer massiv. Separatistische Str\u00f6mungen gibt es darum wie in ganz Norditalien bis zum heutigen Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Eingliederung ins nationale Gef\u00fcge brachte f\u00fcr Venetien auch Vorteile: im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit wandelte sich die kleinb\u00e4uerlich gepr\u00e4gte Region zu einem Zentrum der Industrialisierung: riesige Betriebe dr\u00e4ngten in die Landwirtschaft und ver\u00e4nderten die traditionellen agrarischen Strukturen hin zur hochprofitablen Plantagenwirtschaft. Gleichzeitig nahm der Tourismus rasant an Fahrt auf und damit auch schnell Debatten dar\u00fcber, wie viel Ausw\u00e4rtige die Region pro Saison verkraften kann, ohne am eigenen Ausverkauf mitzuarbeiten. Und obwohl die Angst Venedigs vor dem eigenen Untergang fast so alt sind wie die Stadt selbst, hat die Diskussion in den vergangenen Jahren an Sch\u00e4rfe gewonnen angesichts gigantischer Kreuzfahrtschiffe, die wie UFOs in der Lagune ankern. Immerhin m\u00fcssen Tagestouristen seit einiger Zeit ein Eintrittsgeld f\u00fcr den Besuch der Stadt entrichten und viele Reisende, besonders jene, die eher f\u00fcr den Wein kommen, lassen die \u00fcberlaufenen Hotspots links liegen und wenden sich eher Netzwerken wie \u201eI borghi pi\u00f9 belli d\u2019Italia\u201c oder Citt\u00e0slow zu, in denen kleinere Gemeinden wie das malerische, im Prosecco-Gebiet gelegene Asolo organisiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem die Adriak\u00fcste dominierenden Venedig hat sich auch das im Landesinneren gelegene Verona als quirlige junge Universit\u00e4tsstadt zum touristischen Magneten gemausert. Ebenso wie die venezianische steht auch die veronesische Altstadt als Welterbe unter dem Schutz der UNESCO, und wo dort Kan\u00e4le und Adelspal\u00e4ste locken, sind es hier vor allem die architektonischen \u00dcberbleibsel der r\u00f6mischen Antike, insbesondere die Arena, in welcher jeden Sommer die international bekannten Opernfestspiele veranstaltet werden. Wer kein Freund der klassischen Musik oder einfach nur zur falschen Jahreszeit da ist, der wird sicherlich einen Blick auf die andere gro\u00dfe Sehensw\u00fcrdigkeit der Stadt werfen: den gotischen Balkon der Casa di Giulietta, in welcher die als Vorbild f\u00fcr die Capulets dienende Familie in Shakespeares Drama \u201eRomeo und Julia\u201c einst lebte. Auf dem Vorbau l\u00e4sst der Dichter seine Protagonistin die schmachtenden Worte sprechen, mit denen sie ihr Liebesleid beklagt, und oft bilden sich hunderte Meter lange Schlangen aus all jenen, die die rechte Brust der Julia-Statue im Garten ber\u00fchren wollen, was angeblich Gl\u00fcck bringt, oder Hilfe in Beziehungsangelegenheiten suchen und deshalb Briefchen mit ihren Problemen zur\u00fccklassen, die von flei\u00dfigen Freiwilligen beantwortet werden.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/vigneti-1022-Kopie-1200x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202845\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/vigneti-1022-Kopie-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/vigneti-1022-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/vigneti-1022-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/vigneti-1022-Kopie-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/vigneti-1022-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nun aber endlich wieder zum Wein zur\u00fcck! Benannt nach einem kleinen St\u00e4dtchen \u00f6stlich Veronas ist der Soave. Er besteht zum gro\u00dfen Teil &#8211; mindestens 70 Prozent ist Pflicht &#8211; aus der autochthonen, schon seit vielen Jahrhunderten bekannten Garganega, die zwar erst sp\u00e4t reift, daf\u00fcr aber zuverl\u00e4ssig hohe Ertr\u00e4ge liefert. Erg\u00e4nzt wird sie meist um Trebbiano und Chardonnay. Wie die meisten Wei\u00dfweine des Veneto kommt er eher s\u00e4urearm daher und eignet sich daher optimal, wenn man als gr\u00f6\u00dfere Runde einen Kompromisswein sucht, mit dem alle gut bedient sind. Das feine Zitrusaroma und die Mandelw\u00fcrzigkeit entsch\u00e4digen S\u00e4ureliebhaber meist sehr schnell. Manche Winzer erkl\u00e4ren den Namen des Soave damit, dass im Mittelalter von Norden her eingewanderte Schwaben ihn zuerst kelterten, und in der Tat weist sein sanfter Charakter eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit den s\u00fcffigen Wei\u00dfweinen W\u00fcrttembergs auf, aber deutlich wahrscheinlicher hat man einfach nur den italienischen Begriff f\u00fcr \u201esanft\u201c oder \u201emild\u201c auf ihn \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Begeben wir uns vom Soave-Gebiet aus Richtung Nordwesten, gelangen wir in die Heimat des roten Valpolicella. Der klangvolle Name bedeutet \u00fcbersetzt \u201eTal der vielen Keller\u201c, in denen die Weine fr\u00fcher gelagert wurden. Auch heutzutage produziert man Riservas, die eine bemerkenswerte Komplexit\u00e4t an den Tag legen. Der Gro\u00dfteil der Weine jedoch ist f\u00fcr den unkomplizierten Genuss als Jungwein konzipiert und harmoniert mit seiner nussigen Note perfekt mit den aromatischen, aber dennoch eher leichten Gerichten der regionalen K\u00fcche. Ihm sehr \u00e4hnlich ist der Bardolino, der nicht nur durch seinen verspielten Namen das Zeug zu Everybody\u2019s Darling hat, sondern noch mehr durch seine ausgepr\u00e4gte Kirschfrucht. Beide Rotweine werden aus autochthonen Trauben gekeltert: der Corvina Veronese, der Rondinella und der Molinara &#8211; je nach Mischverh\u00e4ltnis dominieren andere Nuancen den Wein. Allen dreien ist neben ihrer sp\u00e4ten Reife mehr oder weniger gemein, dass sie zwar arm an Gerbstoffen, daf\u00fcr aber reich an S\u00e4ure sind. Und eine sehr dunkle F\u00e4rbung aufweisen: so hat die Corvina ihren Namen von der \u00c4hnlichkeit mit dem Gefieder des Raben, die Rondinella von jener mit dem Federkleid der Schwalbe. So gut die Reben im Zusammenspiel funktionieren, so schwierig gelten sie als Solisten: sortenrein ausgebaut wird man sie kaum finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur der St\u00e4dtetourismus lockt, auch die Natur hat viel zu bieten: mit dem Gardasee das gr\u00f6\u00dfte und wohl bekannteste Gew\u00e4sser ganz Italiens &#8211; und von Verona nur einen Katzensprung entfernt. Grenzt das Bardolino-Gebiet im Osten an ihn, l\u00e4sst sich s\u00fcdlich die Heimat eines Wei\u00dfweines verorten, der sich in der deutschen Gastronomie besonderer Beliebtheit erfreut &#8211; des Lugana. Seine DOC ist so gro\u00df, dass sie in zwei verschiedenen Anbaugebieten liegt: neben Venetien auch noch in der Lombardei, mit der man sich auch den Gardasee jeweils etwa zur H\u00e4lfte teilt. Der Wein, der in den letzten Jahren dem Pinot Grigio den Rang als Favorit der Deutschen zu leichteren mediterranen Speisen abzulaufen drohte, hat aus genau diesem Grund &#8211; als Kultwein der Masse sozusagen &#8211; ein vergleichsweise hohes Preisniveau, das bei gut gemachten, finessereichen Vertretern durchaus gerechtfertigt sein kann, es aber im Basisbereich nicht immer ist. Hinter ihm steckt die Rebsorte Trebbiano &#8211; dank ihres Ertragsreichtums ist sie die meistangebaute nicht nur Italiens, sondern auch Frankreichs, wo sie allerdings eher zu Hochprozentigem wie Cognac und Armagnac verarbeitet wird &#8211; kaum zu glauben, dass zwei so unterschiedliche Getr\u00e4nke ein und denselben Ursprung haben. Der Lugana profitiert besonders vom Temperaturschwankungen ausgleichenden Charakter des 370 Quadratkilometer gro\u00dfen Gew\u00e4ssers &#8211; im hei\u00dfen Sommer schickt er eine k\u00fchle Brise \u00fcbers Land, im Winter dient er als W\u00e4rmespeicher und mildert die K\u00e4lte der Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ganz Italien ist auch Venetien von den klimatischen Auswirkungen zweier Faktoren beeinflusst: des Wasser und der Berge. Diese wirken sich allerdings noch einmal in deutlich st\u00e4rkerer Weise aus als in vielen anderen Regionen. Was im Westen der Gardasee mit seiner Fl\u00e4che gr\u00f6\u00dfer als die Stadt M\u00fcnchen, ist im Osten die 150 Kilometer lange Adriak\u00fcste, welche mit ihren Wassertemperaturen von im Sommer gern mal 24 Grad der Gegend um Venedig ein gem\u00e4\u00dfigt mediterranes Klima verleiht. Ganz anders geht es in der Provinz Belluno im Norden zu, wo Venetien bis an die \u00f6sterreichischen Bundesl\u00e4nder K\u00e4rnten und Tirol heranreicht. Hier bestimmen die schroffen, teils \u00fcber 3000 Meter hohen Dolomiten das Bild, besonders deren ber\u00fchmteste Formation, die Drei Zinnen. In diesem hochalpinen Klima gedeiht zwar kein Wein, daf\u00fcr kann man im ehemaligen Olympia-Austragungsort Cortina d\u2019Ampezzo hervorragend Wintersport betreiben. Kaum ist man im Tal angekommen, pr\u00e4sentiert sich die Luft aber herrlich mild: die Berge halten kalte Winde, Starkregen und andere Unwetter fern und erm\u00f6glichen unerschrockenen Winzern Weinbau mehrere hundert Meter \u00fcber dem Meeresspiegel, auch wenn die Ertr\u00e4ge aufgrund der steinigen Untergr\u00fcnde, die kaum Wasser halten k\u00f6nnen, \u00e4hnlich gering bleiben wie in vielen Teilen des benachbarten S\u00fcdtirol. Daf\u00fcr geraten sie in den kalkreichen Voralpen charakterst\u00e4rker als in der flachen, sehr fruchtbaren Po-Ebene im S\u00fcden, wo die Reben dank n\u00e4hrstoffreicher, wasserspeichernder Lehm- und Schwemmlandb\u00f6den deutlich leichteres Spiel haben. Hier wird vor allem auf Masse mit viel Fruchtaromatik, allerdings ohne allzu hohen Wiedererkennungswert gesetzt: kilometerweit ziehen sich die eng bepflanzten Weinberge mit Merlot, Chardonnay oder Pinot Grigio. Interessante Ausnahmen bilden lediglich die sich aus der Po-Ebene erhebenden H\u00fcgelketten vulkanischen Ursprungs wie die Colli Berici oder die Colli Euganei, die ein deutlich w\u00fcrzigeres Geschmacksprofil zutage treten lassen. Im Allgemeinen kann man im Veneto also zwei Gef\u00e4lle beobachten: eines zwischen Norden und S\u00fcden, weil sich die Spitzenqualit\u00e4ten eher auf kargen als auf fetten B\u00f6den entwickeln, und eines zwischen West und Ost, weil die Weine um den Gardasee und Verona herum den Ton angeben, w\u00e4hrend jene aus der K\u00fcstengegend kaum eine Rolle spielen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/santoAutunno2011-6606-Kopie-1200x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202846\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/santoAutunno2011-6606-Kopie-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/santoAutunno2011-6606-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/santoAutunno2011-6606-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/santoAutunno2011-6606-Kopie-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/santoAutunno2011-6606-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wie so ziemlich alle ihrer Landsleute sind auch die Menschen Venetiens einem guten Essen samt passender fl\u00fcssiger Begleitung gegen\u00fcber stets aufgeschlossen. Besonders \u00e4ltere Herren l\u00e4uten die Mittagszeit regelm\u00e4\u00dfig mit \u201eun ombra\u201c, einem Schatten, ein. Das gern zu zweit oder dritt genossene Gl\u00e4schen hat seinen Namen von einer f\u00fcr die leutseligen Italiener nur zu allt\u00e4glichen Situation: man trifft sich zuf\u00e4llig auf der Piazza, beginnt ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott und die Welt, ist nach einigen Minuten aber die vom Himmel herabgl\u00fchende Sonne leid. Also zieht man sich vorzugsweise in den Schatten des Kirchturms zur\u00fcck, wo fr\u00fcher stets &#8211; und heute manchmal auch noch &#8211; schon ein findiger Weinh\u00e4ndler mit seinem W\u00e4gelchen wartete, der die vor der Hitze Fl\u00fcchtenden mit einem zwanglosen Tropfen versorgte. Da die Sonne nat\u00fcrlich immer weiter wandert, muss man seine Position immer wieder ein klein bisschen \u00e4ndern, um weiterhin Schatten zu haben &#8211; und ermisst oft eher an der zur\u00fcckgelegten Strecke als an der Uhrzeit die bisherige Dauer des Gespr\u00e4chs.<\/p>\n\n\n\n<p>Da \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum und dann auch noch mit landestypisch gro\u00dfem Enthusiasmus gef\u00fchrte Unterhaltungen durchaus erm\u00fcdend sein k\u00f6nnen, scheint es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter geboten, sich nach \u201eil pranzo\u201c, dem Mittagessen, umzuschauen. Stets einen Gefallen tut man sich mit Cicchetti, kleinen H\u00e4ppchen, die die perfekte Erg\u00e4nzung zu einem Glas Wein darstellen, \u00e4hnlich wie spanische Tapas. Die richtige Anlaufstelle ist eine Osteria oder noch besser, weil original venezianisch, ein Bacaro. In den Weinbars, die allerdings nicht den \u00fcberkandidelten Gro\u00dfstadt-Chic verstr\u00f6men, die Touristen aus dem Norden erwarten, sondern eher an eine Kneipe erinnern, gibt es meist eine gro\u00dfe Auswahl davon f\u00fcr kleines Geld &#8211; zumindest dann, wenn man so klug ist, die marktschreierischen Vertreter direkt auszusortieren und stattdessen dort zu speisen, wo es auch die Einheimischen zu tun pflegen. In aller Regel serviert man im Veneto auf die Frage nach Cicchetti Bruschettascheiben oder Polenta, die auf sehr kreative Art mit den unterschiedlichsten Leckereien belegt sind: getrockneten Tomaten, Kapern, Taleggio, Anchovis, Artischocken, Zucchinibl\u00fcten und vieles mehr. Ebenfalls f\u00fcr den Verzehr am Tresen geeignet ist das Carpaccio, noch eine Erfindung aus der uns bereits bekannten Harry\u2019s Bar in Venedig. Das Gericht aus hauchd\u00fcnn aufgeschnittenem, rohem Rindfleisch, verfeinert mit Rucola, Parmesan, Oliven\u00f6l und Tr\u00fcffeln diente einer Gr\u00e4fin einst dazu, ihre Di\u00e4t einzuhalten, welche ihr den Genuss gekochter Speisen verbot.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben ausgedehnten Anpflanzungen von Mais, Weizen und Reis werden auch viele Gem\u00fcsesorten kultiviert &#8211; etwa Erbsen, die sich in Kombination mit dem Reis zu Risi Bisi verarbeiten lassen, einem einfachen, auch bei Kindern beliebten Gericht, das einst am Markustag zur Feier des beginnenden Fr\u00fchlings f\u00fcr den Dogen von Venedig zubereitet wurde. Eine besondere Spezialit\u00e4t ist der Radicchio. Die leicht bitter schmeckende Pflanze ist in Deutschland eigentlich nur in ihrer r\u00f6tlichen Erscheinung mit wei\u00dfem Strunk bekannt, wartet in Venetien aber in ganz unerwarteten Variationen auf, die teilweise sogar mit gesch\u00fctzter geografischer Angabe vermarktet werden. Auch isst man ihn eher selten im Salat, sondern genie\u00dft ihn gegrillt oder im Risotto.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/TENUTA_VEDUTA-AEREO_SANTONIO-Kopie-1200x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-202847\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/TENUTA_VEDUTA-AEREO_SANTONIO-Kopie-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/TENUTA_VEDUTA-AEREO_SANTONIO-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/TENUTA_VEDUTA-AEREO_SANTONIO-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/TENUTA_VEDUTA-AEREO_SANTONIO-Kopie-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/TENUTA_VEDUTA-AEREO_SANTONIO-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss, vielleicht nach einem deftigen Fegato alla veneziana, einer geschnetzelten Kalbsleber als Hauptgang. Und das ist ohne jeden Zweifel der Amarone, neben Barolo und Brunello einer der drei gro\u00dfen Rotweine Italiens. Wer ihn kostet, braucht danach keine Dolci und keinen Espresso mehr. Von den beiden anderen feinen Tropfen unterscheidet er sich n\u00e4mlich geh\u00f6rig, und zwar vor allem aufgrund seiner Herstellungsweise. Denn w\u00e4hrend f\u00fcr jene schlicht reife Trauben gelesen und direkt im Anschluss gepresst werden, trocknet man diese f\u00fcr den Amarone mehrere Monate auf Holzgestellen oder Gittern &#8211; st\u00e4ndig in Augenschein genommen und zur Vorbeugung von Schimmel gedreht und gewendet, was miturs\u00e4chlich f\u00fcr den sp\u00e4teren hohen Preis ist. W\u00e4hrend dieser Zeit vollzieht sich der als Apassimento bezeichnete Vorgang: in den Beeren enthaltenes Wasser verdunstet, wodurch sich ihr Gewicht um 30 bis 50 Prozent reduziert, gleichzeitig werden Aroma, S\u00e4ure und Zucker konzentriert. Geografisch ist der Amarone dem Bardolino und dem Valpolicella aus dem gleichnamigen Tal nahe, weswegen er als offizielle Bezeichnung \u201edella Valpolicella\u201c angeh\u00e4ngt bekommt. Und auch die verwendeten Rebsorten sind dieselben: die aufgrund ihrer dicken Schale besonders gut f\u00fcr den Verdunstungsprozess geeignete Corvina, erg\u00e4nzt um die durch ihre Widerst\u00e4ndigkeit gegen Pilzerkrankungen ebenfalls gut trocknenden Rondinella und Molinara. Sie sorgen f\u00fcr ein Geschmackserlebnis der ganz besonderen Art, das sich aus einem sehr hohen Alkoholgehalt von bis zu 17 Prozent, extremer Aromendichte und einer leichten Bitternis speist. Ebenjene war es, die ihm seinen Namen eingetragen hat: schon seit sehr langer Zeit kannte man im Veneto den Recioto, einen Wein aus ebenfalls rosinierten Trauben, der jedoch nicht vollst\u00e4ndig durchg\u00e4rt und daher eine sp\u00fcrbare Rests\u00fc\u00dfe aufweist. In den 1940ern jedoch verga\u00df ein Kellermeister ein Fass desselben, wodurch s\u00e4mtlicher Zucker vergor und ein trockener Wein entstand. Als besagter Kellermeister neugierig von diesem probierte, soll er erstaunt ausgerufen haben, wie \u201eamaro\u201c, also bitter dieser doch sei. Wem der \u00e4u\u00dferst gehaltvolle Amarone eine Spur zu heftig sein sollte, der findet in einem Valpolicella Ripasso eine gute Alternative: der schon durchgegorene Wein wird mit den abgepressten Schalen aus der Amarone-Herstellung vermischt und einer zweiten G\u00e4rung unterzogen. Heraus kommt quasi eine Light-Version des gewaltigen Aush\u00e4ngeschildes der Region, der dennoch deutlich mehr Extrakt aufweist als ein gew\u00f6hnlicher Rotwein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, Venetien\u2026 wo jede gr\u00f6\u00dfere Stadt Welterbestatus genie\u00dft &#8211; denn auf einer Tour von Venedig an den Gardasee sollte man sich Padua mit seiner 800 Jahre alten Universit\u00e4t und den Fresken Giottos sowie das Renaissance-Juwel Vicenza nicht entgehen lassen -, wo man am Morgen Skifahren und noch am selben Abend im Meer schwimmen gehen kann, wo mit Verona und der dort stattfindenden Weinmesse Vinitaly das vinophile Zentrum des ganzen Landes lockt. Eine Hochburg des Easy Drinking, die mit in aller Regel sehr preiswerten bis wirklich g\u00fcnstigen Tropfen lockt, weswegen man nichts falsch machen kann, wenn man einfach aufs Geratewohl ausprobiert. Zwar geht der Vorwurf, ein Massenweinproduzent zu sein, nicht v\u00f6llig ins Leere, aber die 14 DOCGs und 29 DOCs vereinen immerhin die H\u00e4lfte der Gesamternte auf sich. Und auch f\u00fcr ausgemachte Gourmets stehen mit Amarone oder den Superiore-Versionen von Soave und Bardolino ja herausfordernde Gaumenkitzler parat. Eine landschaftliche, kulturelle und weinbauliche Vielfalt, die zu unerwarteten Entdeckungen einl\u00e4dt. Die sowohl f\u00fcr Einsteiger als auch f\u00fcr Fortgeschrittene allerhand bereit h\u00e4lt. Und die es in Italien und weit dar\u00fcber hinaus so kein zweites Mal gibt. Text: Dario Sellmeier<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Venetien: Italiens Weinparadies zwischen Tradition und Moderne Jede Weinbaunation braucht dieses eine Gebiet, das richtig viel abwirft, um all die durstigen Kehlen im Land zu befeuchten. Deutschland hat Rheinhessen, Frankreich Languedoc, Spanien die Mancha. Und Italien hat Venetien. 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