{"id":203206,"date":"2024-03-08T17:00:00","date_gmt":"2024-03-08T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=203206"},"modified":"2024-02-22T09:27:33","modified_gmt":"2024-02-22T08:27:33","slug":"das-weinbaugebiet-suedtirol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/03\/das-weinbaugebiet-suedtirol\/","title":{"rendered":"Das Weinbaugebiet S\u00fcdtirol"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">S\u00fcdtirols Weinbau: Ein kulturelles Kaleidoskop zwischen alpiner Tradition und mediterraner Innovation<\/h2>\n\n\n\n<p>Vom Elsass einmal abgesehen gibt es in ganz Europa wohl kein Weinbaugebiet, das so wenig mit den Traditionen des \u00fcbrigen Landes gemein hat wie S\u00fcdtirol. Und bei beiden Landstrichen ist der Grund daf\u00fcr identisch: sie hatten sehr lange Zeit eine andere staatliche Zugeh\u00f6rigkeit. Im Falle von S\u00fcdtirol war das Mutterland \u00d6sterreich. Erst 1920 \u00e4nderte sich das: \u00d6sterreich stand auf der Verliererseite des Ersten Weltkriegs, Italien auf jener der Gewinner. Die zeitgleich an die Macht gekommenen Faschisten unter Mussolini setzten alles daran, die S\u00fcdtiroler per Zwang zu assimilieren. Das reichte vom Verbot der deutschen Sprache im \u00f6ffentlichen Leben \u00fcber die \u00c4chtung althergebrachter Baustile bis zur Ansiedlung tausender italienischer Arbeiterfamilien, um die S\u00fcdtiroler zur Minderheit im eigenen Land zu machen. Teilweise nahm es geradezu absurde Z\u00fcge an, wenn zum Beispiel deutsche Inschriften auf Grabsteinen untersagt oder allen geografischen Bezeichnungen, f\u00fcr die es kein althergebrachtes italienisches \u00c4quivalent gab, schlicht und einfach ein -o angeh\u00e4ngt wurde, um den Ortsnamen eine romanische Anmutung zu verleihen: aus Meran wurde Merano, aus dem Brenner der Brennero und so weiter. Aus diesem Umbenennungsexzess stammt auch der Name Alto Adige, zu deutsch Etschtal, an dessen H\u00e4ngen sich der Weinbau zum gro\u00dfen Teil abspielt und der sich alternativ, meist aber lediglich erg\u00e4nzend zu \u201eS\u00fcdtirol\u201c auf dortigen Weinetiketten findet. Zusammen mit Trentino, dem fr\u00fcher ebenfalls \u00f6sterreichischen Trient, bildet es eine Region, die im Norden und Osten an die \u00f6sterreichischen Bundesl\u00e4nder Tirol und Salzburg, s\u00fcdlich an die italienischen Regionen Venetien und Lombardei und im Westen ans schweizerische Graub\u00fcnden grenzt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"790\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards19_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x790.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203257\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards19_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x790.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards19_FlorianAndergassenHQ-Kopie-300x197.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards19_FlorianAndergassenHQ-Kopie-768x505.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards19_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1536x1011.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards19_FlorianAndergassenHQ-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>So sehr die Bev\u00f6lkerung unter den Zwangsma\u00dfnahmen litt, so unber\u00fchrt blieb der Weinbau von alldem: zwar brachen zun\u00e4chst die historisch gewachsenen Vertriebswege und Absatzm\u00e4rkte in den Norden weg, es gab jedoch keine nennenswerten Versuche, Reben von weiter aus dem S\u00fcden in der nun n\u00f6rdlichsten Region anzusiedeln. Das w\u00e4re wahrscheinlich ohnehin schwierig geworden, denn die klimatischen Verh\u00e4ltnisse lassen Sonnenanbeter-Sorten, die sonst in der feuchtwarmen Luft der Adria gedeihen, kaum eine Chance &#8211; dar\u00fcber k\u00f6nnen auch klimatische Inseln wie das au\u00dfergew\u00f6hnlich milde Meran mit seinen Palmen- und Zedernbest\u00e4nden nicht hinwegt\u00e4uschen. Zwar halten die umgebenden Bergketten allzu k\u00fchle Winde und auch einen betr\u00e4chtlichen Teil der Niederschl\u00e4ge weitgehend fern, dennoch ist das Klima hier keineswegs schon mediterran, sondern noch durch und durch kontinental. Ganz allgemein gesprochen zumindest, denn die unterschiedlichen Lagen, die auf 200 Metern Seeh\u00f6he beginnen und sich bis auf 1000 Meter hinauf ziehen, unter einen einzigen Begriff zu subsumieren, wird der Vielfalt der etlichen Mikroklimata nicht gerecht. Teilweise befinden sich bl\u00fchende Weinberge nur wenige Kilometer Luftlinie von lebensfeindlichen Gletschern entfernt. Und Vielfalt ist nicht nur Grundlage des Klimas, sondern auch der Geologie: als erdgeschichtlich besonders bewegte Region weist S\u00fcdtirol \u00fcber 150 verschiedene Bodenprofile auf. W\u00e4hrend in den Tallagen Schotter, sandhaltiger Mergel und Dolomitgestein vorherrschen, sind es weiter oben auch verwitterte Urgesteinsb\u00f6den mit Glimmer, Quarz und Schiefer &#8211; auf diese Weise erhalten die Weine ganz unterschiedliche Pr\u00e4gungen, von salzig \u00fcber rauchig bis zu fruchtig und floral. Alles in allem ein ziemlich breites Spektrum f\u00fcr ein Weinbaugebiet mit gerade einmal knapp 5500 von etwa ebensovielen Winzern bewirtschafteten Hektar, das sich verschwindend klein ausnimmt in einem Land, wo viele andere Gebiete mit knapp sechsstelligen Hektarzahlen aufwarten. Auch wenn die Weinberge um die vorletzte Jahrhundertwende noch doppelt so viel Fl\u00e4che f\u00fcr sich beanspruchen konnten, sind ihrer Ausdehnung nat\u00fcrliche Grenzen gesetzt: die H\u00e4lfte S\u00fcdtirols ist bewaldet, weitere mehr als 40 Prozent sind H\u00f6henlagen, in denen klimatisch kein Weinbau mehr m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch kann sich in diesem Kaleidoskop der verbleibenden zehn Prozent jede Rebsorte eine Nische suchen, die ihre jeweiligen Bed\u00fcrfnisse am besten befriedigt und ihr Potential optimal zur Geltung bringt. Eher nah an der Talsohle bleibt die bekannteste rote Rebe der Region, der autochthone Lagrein. Alles \u00fcber 300 Metern ist ihm als W\u00e4rmeliebhaber suspekt und seinem Aroma abtr\u00e4glich. W\u00e4rme in S\u00fcdtirol? Auf jeden Fall &#8211; mit knapp 2000 Sonnenstunden pro Jahr liegt die Region weit \u00fcber dem deutschen, aber nur ganz leicht unter dem italienischen Schnitt. Die vorwiegend s\u00fcd\u00f6stlich und s\u00fcdwestlich ausgerichteten Lagen fangen das Sonnenlicht dabei bestm\u00f6glich ein. Besonders um Bozen herum f\u00fchlt der Lagrein sich wohl und legt sich auf den leichten, durchl\u00e4ssigen B\u00f6den aus Kies, Sand oder vulkanischem Porphyr seine granatrote Farbe und seinen unverwechselbaren Geschmack zu: vollmundig-schmelzig und w\u00fcrzig, s\u00e4urebetont und mit durchaus pr\u00e4senten, aber sehr geschliffenen Tanninen. Noten von Sauerkirschen treten dabei neben jene von Brombeeren, dunkler Schokolade und Veilchen. Galt er fr\u00fcher eher als Massentr\u00e4ger von \u00fcberschaubarer Qualit\u00e4t, setzte ab den 90ern ein Trend zu teils extremer Ertragsreduktion ein, der eine bemerkenswerte Verdichtung der Aromen zur Folge hatte. Als man diesem \u201eneuen\u201c Lagrein dann auch noch ein bisschen Fassreife und damit eine unvergleichliche Samtigkeit angedeihen lie\u00df, entstand ein Wein, der aktuell sicher zu den am meisten untersch\u00e4tzten Roten der Welt z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"778\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards06_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x778.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203258\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards06_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x778.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards06_FlorianAndergassenHQ-Kopie-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards06_FlorianAndergassenHQ-Kopie-768x498.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards06_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1536x995.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_vineyards06_FlorianAndergassenHQ-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wer es ein bisschen leichter mag, ist hingegen mit dem Vernatsch bestens bedient, der auf \u00fcber einem F\u00fcnftel der Fl\u00e4che kultiviert wird und damit klar Platz eins unter allen S\u00fcdtiroler Sorten einnimmt. Die Rebe ist autochthon, aber auch in Deutschland bekannt, wo man besonders in W\u00fcrttemberg aus der dort Trollinger genannten Sorte vorwiegend sehr leichte, ros\u00e9\u00e4hnliche Weine keltert. Hier in S\u00fcdtirol geraten sie hingegen etwas gerbstoffbetonter und expressiver, sind aber nichtsdestotrotz fr\u00fch trinkreif &#8211; am besten schmecken sie den Einheimischen zufolge sp\u00e4tnachmittags, leicht gek\u00fchlt und von ein paar deftigen Kleinigkeiten begleitet. Dass Easy Drinking also auch mit Rotwein m\u00f6glich ist, beweisen insbesondere die St. Magdalener, die ebenfalls im warmen Bozner Talkessel gedeihen und mit dem Geschmack von S\u00fc\u00dfkirschen, Himbeeren und roten Johannisbeeren aufwarten, alles unterlegt von einer feinen Mandelnote.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer gern den Vergleich eines S\u00fcdtiroler Terroirs mit einem einem anderen oder auch einem von au\u00dferhalb sucht, dem sei zum Blauburgunder geraten, den man in Deutschland als Sp\u00e4tburgunder und international als Pinot Noir kennt. Als perfekter Terroiranzeiger ist er wie kein anderer geeignet, die feinen Unterschiede zwischen Eppan und Salurn, Kaltern und Montan erfahrbar zu machen. Und als eine der wohl hochwertigsten Reben kann der Blauburgunder auch als Gradmesser daf\u00fcr betrachtet werden, wie pr\u00e4zise ein Winzer arbeitet, denn empfindlich und d\u00fcnnschalig wie er ist, verzeiht er keinen Fehler. Alte Reben finden sich oft noch auf der traditionellen Pergel-Erziehung, ein aufw\u00e4ndiges System, das nur von unten gepflegt werden kann, den Trauben aber Schatten spendet und die Verdunstung von im Boden gespeichertem Wasser minimiert.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_25_WolfgangKlotzWilli-Stuerz_AntieBraitoHQ-1200x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203259\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_25_WolfgangKlotzWilli-Stuerz_AntieBraitoHQ-1200x600.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_25_WolfgangKlotzWilli-Stuerz_AntieBraitoHQ-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_25_WolfgangKlotzWilli-Stuerz_AntieBraitoHQ-768x384.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_25_WolfgangKlotzWilli-Stuerz_AntieBraitoHQ-1536x768.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_25_WolfgangKlotzWilli-Stuerz_AntieBraitoHQ.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Dass wir den Rotweinen den Vortritt gelassen haben, wirkt wie eine g\u00f6nnerhafte Geste der wei\u00dfen Reben, denn S\u00fcdtirol ist, f\u00fcr Italien wiederum ungew\u00f6hnlich, in erster Linie die Heimat ebensolcher, die 60 Prozent der Weinberge f\u00fcr sich beanspruchen. Das war nicht immer so: Anfang der 70er vereinte allein der Vernatsch fast 70 Prozent der Anbaufl\u00e4chen auf sich, und auch vor 30 Jahren noch galt ganz S\u00fcdtirol als ausgemachtes Rotweinland. Eine Rebe, die von dieser Ver\u00e4nderung stark profitierte, noch dazu eine von Weltrang, verdankt ihren Namen sogar einem kleinen S\u00fcdtiroler Ort: der bereits seit dem Mittelalter bekannte Gew\u00fcrztraminer. W\u00e4hrend er in S\u00fcdtirol seine Fl\u00e4che innerhalb von 60 Jahren mehr als verzw\u00f6lffachen konnte und jetzt auf immerhin 620 Hektar gedeiht, r\u00e4umt man ihm anderswo in der Welt noch deutlich mehr Platz ein: besonders beliebt ist er im franz\u00f6sischen Elsass und den USA, aber selbst nach Chile, S\u00fcdafrika und Israel hat die Rebe mit ihrer markanten, leicht r\u00f6tlichen F\u00e4rbung es geschafft. Doch wohl kaum an einem dieser Orte wird er so charakteristisch und komplex geraten wie hier auf den kalkhaltigen Lehmb\u00f6den, welche die Ertragsschwankungen der eher schwierigen Sorte gut im Zaum halten. An seinem Geschmack, den man nach einmaligem Genuss wahrscheinlich sein Leben lang wiedererkennen wird, scheiden sich die Geister wie an kaum einem anderen Wein: zwar kommt er durch seinen niedrigen S\u00e4uregehalt zun\u00e4chst einmal gef\u00e4llig daher, die Aromatik von Rosenbl\u00fcten, Litschi, Bitterorange und Muskat ist aber extrem ausdrucksstark und f\u00fcr manche schlicht zuviel des Guten. Insbesondere zu asiatischer und orientalischer K\u00fcche kann er aber eine wahre Offenbarung sein. Kann man ihm etwas abgewinnen, sollte man sich auch seine rests\u00fc\u00dfen Varianten nicht entgehen lassen: nicht umsonst hat ein solcher, der 2009er \u201eEpokale\u201c der Kellerei Tramin, als erster italienischer Wei\u00dfwein \u00fcberhaupt 100 Punkte bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben Gew\u00fcrztraminer sind es vor allem Pinot grigio und Pinot bianco, also Grau- und Wei\u00dfburgunder, Chardonnay und Sauvignon Blanc, die hier zur H\u00f6chstform auflaufen und S\u00fcdtirol auch f\u00fcr ein ausl\u00e4ndisches Publikum interessant machen, das autochthonen Reben gegen\u00fcber eher skeptisch eingestellt ist. Und auch klassisch deutsche Sorten wie M\u00fcller-Thurgau, Silvaner, Kerner oder Riesling werden angebaut und geraten in der klaren, k\u00fchlen Luft oft geradezu lehrbuchm\u00e4\u00dfig sortentypisch. Eine ausgesprochen wichtige Rolle in der Herstellung alljener spielen die zw\u00f6lf gro\u00dfen Genossenschaften: fast drei Viertel der Gesamtproduktion gehen auf ihr Konto, man erkennt ihren Wein an den W\u00f6rtern \u201eKellerei\u201c oder \u201eCantina\u201c auf dem Etikett. Etwaige Vorbehalte l\u00f6sen sich schnell in Luft auf, wenn man sich klar macht, dass \u00fcber 98 Prozent aller S\u00fcdtiroler Weine DOC-Status besitzen, mehr als irgendwo sonst in Italien. Genossenschaftliches Arbeiten ist hier also nicht allein die M\u00f6glichkeit vieler Nebenerwerbswinzer, die Erzeugnisse ihrer kleinen Parzellen an den Mann bringen zu k\u00f6nnen, sondern ein wahrer Innovationsmotor, ausgestattet mit h\u00f6chstem Know-how und Kellertechnik auf dem allerneusten Stand. So ziemlich jede Genossenschaft hat darum auch einen oder mehrere Premium-Weine im Angebot, f\u00fcr die dreistellige Preise aufgerufen werden. Und davon profitieren wiederum die beteiligten Winzer: ihre Verg\u00fctung liegt im Schnitt beim Dreifachen dessen, was ihre deutschen Kollegen erhalten. Auch deswegen kommen S\u00fcdtiroler Weine meist etwas etwas teurer daher in der allgemein recht preisg\u00fcnstigen Weinnation Italien. Hauptkostentreiber sind aber nach wie vor die f\u00fcr das Land sonst un\u00fcblichen, oft sehr steilen Lagen, die meist terrassiert werden m\u00fcssen, um darauf \u00fcberhaupt wirtschaftlich arbeiten zu k\u00f6nnen. Kommt wie im Eisacktal oder im Vinschgau auch extreme H\u00f6he dazu, wird es entsprechend noch komplizierter.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_12_Willi-Stuerz_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203260\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_12_Willi-Stuerz_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_12_Willi-Stuerz_FlorianAndergassenHQ-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_12_Willi-Stuerz_FlorianAndergassenHQ-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_12_Willi-Stuerz_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_12_Willi-Stuerz_FlorianAndergassenHQ-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Eignung der B\u00f6den f\u00fcr den Weinbau erkannte man schon sehr fr\u00fch. Dem vielleicht bekanntesten S\u00fcdtiroler, der Gletschermumie \u00d6tzi, wird sie noch nicht bekannt gewesen sein, aber sp\u00e4testens dem Stamm der R\u00e4ter vor \u00fcber 2500 Jahren. Lange konnte es deshalb nicht dauern, bis im 1. vorchristlichen Jahrhundert aus dem S\u00fcden die R\u00f6mer heranr\u00fcckten und sich die Region einverleibten. Wahrscheinlich kamen sie, die Wein vor allem in Tongef\u00e4\u00dfen und Lederschl\u00e4uchen aufbewahrten, hier zum ersten Mal mit Gebinden aus Holz in Kontakt, wie sie vor allem bei den Kelten verwendet wurden. Sich technologisch gegenseitig befruchtend, gelangte die S\u00fcdtiroler Rebenzucht so zu einer ersten Bl\u00fcte. In den unruhigen Zeiten der V\u00f6lkerwanderung ging es dann, wie eigentlich im gesamten europ\u00e4ischen Weinbau, zun\u00e4chst wieder abw\u00e4rts: die durchs Land streifenden Langobarden und Bajuwaren kelterten, wenn \u00fcberhaupt, nur auf einem sehr niedrigen Niveau. Erst als im fr\u00fchen Mittelalter Kl\u00f6ster aus Bayern und Schwaben Fl\u00e4chen in diesem Teil der Alpen erwarben, stabilisierte sich die Lage wieder: der Rebensaft gelangte zu \u00fcberregionaler Bekanntheit, auch weil er strategisch g\u00fcnstig an der Hauptroute zwischen dem Heiligen R\u00f6mischen Reich und Reichsitalien lag, die jeder Kaiser nehmen musste, der sich in Rom vom Papst kr\u00f6nen lassen wollte. Auch die Macht\u00fcbernahme der Habsburger, die diesen Teil der Grafschaft Tirol in der Folge \u00fcber ein halbes Jahrtausend lang regieren sollten, wirkte sich positiv aus: sie erlie\u00dfen auf dem Fu\u00dfe einen Importstopp f\u00fcr italienische Weine, der lange Zeit inkraft blieb und wohl mit einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr das unverf\u00e4lschte weinbauliche Erbe der Region ist. Als sich dieses jedoch irgendwann als Hemmnis erwies, durch das S\u00fcdtirol den Anschluss an die Moderne zu verlieren drohte, war wiederum \u00d6sterreich zur Stelle. Erzherzog Johann, der gro\u00dfe Erneuerer der Steiermark, sorgte daf\u00fcr, dass sich die Winzer f\u00fcr neue Sorten \u00f6ffneten: seit den 1840ern erg\u00e4nzten Burgunderreben und Riesling das klassische Portfolio, in den 1890ern, nach den Erfahrungen der Mehltau- und Reblausplage, gesellten sich dann auch Bordeauxreben wie Merlot und Cabernet hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wurzeln des durch eine Periode des charakterlosen Massenweins angeschlagenen, aktuell aber wieder exzellenten Rufs S\u00fcdtiroler Weines liegt in den 70er Jahren: damals f\u00fchrte man die noch heute verbindlichen gesch\u00fctzten Herkunftsbezeichnungen \u201eS\u00fcdtirol\u201c und \u201eKalterersee\u201c ein, womit man hier schon deutlich fr\u00fcher \u00fcber die noch relativ neuen DOCs verf\u00fcgte als andere italienische Weinbaugebiete. Ein Zeichen guten Willens aus Rom? M\u00f6glicherweise, denn die 70er standen allgemein im Zeichen der Entspannung zwischen der Regierung und der widerspenstigen Region im Norden. Zwar war schon direkt nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt worden, dass \u00d6sterreich fortan wieder als Schutzmacht fungieren sollte, aber die separatistischen Kr\u00e4fte gewannen in der Folgezeit starken Auftrieb: eine Reihe von Bombenanschl\u00e4gen ersch\u00fctterte die Region, die in der ber\u00fcchtigten Feuernacht 1961 ihren H\u00f6hepunkt fand. Sogar bis vor die Vereinten Nationen gelangte die Causa, bis Italien nachgab und weitgehende Autonomie zusicherte. Heutzutage ist S\u00fcdtirol, wo nach wie vor \u00fcber 60 Prozent der Menschen Deutsch als Muttersprache angeben, dank der Hoheit in Budgetangelegenheiten eine der reichsten Regionen Italiens. Und kann als mit dem Nordteil zwar nicht faktisch, aber kulturell wiedervereinigte Europaregion, die auch in Br\u00fcssel eine gemeinsame Vertretung unterh\u00e4lt, ungehindert grenz\u00fcbergreifende Projekte realisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur im Bereich Wein, auch bei sonstiger Kulinarik tun sich gro\u00dfe Unterschiede zum Rest Italiens auf. Pasta im eigentlichen Sinne kennt man hier nicht, stattdessen orientiert man sich eher an klassisch \u00f6sterreichischen Gerichten wie Schupfnudeln. Am ehesten haben wahrscheinlich noch die ber\u00fchmten Schlutzkrapfen \u00c4hnlichkeit mit italienischer Machart &#8211; sie erinnern mit ihrer deftigen F\u00fcllung an Ravioli. Ihre Hauptzutat ist Mehl, das, aus Weizen, Roggen oder Dinkel gemahlen, fr\u00fcher auch die Grundlage diverser Gr\u00fctzen und Suppen bildete und heute vor allem f\u00fcr gehaltvolle Brote wie das Vinschgauer und die aus der \u00f6sterreichischen K\u00fcche \u00fcbernommenen, sehr variantenreichen S\u00fc\u00dfspeisen wie diverse Krapfen, Strudel und Kn\u00f6del verwendet wird. Daneben kann vor allem auf tierische Erzeugnisse zur\u00fcckgegriffen werden, denn die Viehwirtschaft hat seit der Antike Tradition und das Jagen meist obsolet gemacht. Neben K\u00e4se und Wurst ist das vor allem Schmalz, das man nicht nur aufs Brot streicht, sondern auch zum Anbraten, Frittieren, W\u00fcrzen und Konservieren nutzt. Apropos, eine Gemeinsamkeit vieler Produkte ist ihre lange Haltbarkeit: Kohl wird zu Sauerkraut verarbeitet, das bekannte Sch\u00fcttelbrot enth\u00e4lt so gut wie keine Feuchtigkeit mehr und Fleischerzeugnisse werden nicht selten ger\u00e4uchert &#8211; all dies Relikte aus einer Zeit, als w\u00e4hrend der langen Winter viele Stra\u00dfen durch Schneefall unpassierbar wurden und man sich in den von der Au\u00dfenwelt abgeschnittenen T\u00e4lern entsprechend bevorratet haben musste. Will man die optimale Kombination aus authentischen, typischerweise eher unkomplizierten Speisen und Wein genie\u00dfen, besucht man am besten das T\u00f6rggelen. Das etablierte sich urspr\u00fcnglich im 19. Jahrhundert als die Gelegenheit f\u00fcr erholungsuchende St\u00e4dter, im Sp\u00e4therbst nach dem \u201eWimmen\u201c, der Weinlese, mal raus aufs Land zu fahren und dort den gerade leicht angegorenen Most, den man hier \u201eSia\u00dfen\u201c nennt, oder den als \u201eNuien\u201c bezeichneten Jungwein zu verkosten. Damals fand es noch recht bescheiden-pragmatisch direkt im Presshaus statt, seit dem Beginn des S\u00fcdtiroler Tourismus-Booms in den 70ern jedoch hat es sich zu einer echten Institution gemausert, vergleichbar mit der \u00f6sterreichischen Heurigenkultur. Wie in alter Zeit werden manchmal noch \u201eKeschtn&#8220; und \u201eNussn&#8220;, also hei\u00dfe Maronen und N\u00fcsse zum Wein gereicht. Ist der Hunger gr\u00f6\u00dfer, bestellt man sich typischerweise eine Marende, die S\u00fcdtiroler Version der \u00fcberall im Alpenraum verbreiteten Brotzeit, die mit einer deftigen Kombination aus Essiggurken, Speck, Kaminwurzen, Bergk\u00e4se und anderen traditionell hergestellten K\u00f6stlichkeiten aufwartet. Spitzengastronomen wie der mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete Norbert Niederkofler haben dabei in den vergangenen Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass alpine K\u00fcche keineswegs eint\u00f6nig und b\u00e4uerlich daherkommen muss. Niederkofler verfolgt mit seiner \u201eCook the mountain\u201c benannten Herangehensweise ein radikal regionales Konzept und verzichtet in der Folge auf alle nicht heimischen Lebensmittel: er nutzt etwa keine Zitrusfr\u00fcchte und &#8211; anderswo in Italien v\u00f6llig unvorstellbar &#8211; auch kein Oliven\u00f6l. Stattdessen wird jedes Produkt bis auf den letzten Kr\u00fcmel verwertet. Was heute oft gro\u00dfspurig als \u201eZero Waste\u201c daherkommt, war f\u00fcr die S\u00fcdtiroler damals eben schlichte Notwendigkeit &#8211; was von Niederkofler auch dadurch gew\u00fcrdigt wird, dass er sich w\u00e4hrend der Winterzeit, wenn die meisten Produkte keine Saison haben, mit zur rechten Zeit eingemachten Konserven behilft.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_06_buildingcantina_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203261\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_06_buildingcantina_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_06_buildingcantina_FlorianAndergassenHQ-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_06_buildingcantina_FlorianAndergassenHQ-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_06_buildingcantina_FlorianAndergassenHQ-Kopie-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Tramin_06_buildingcantina_FlorianAndergassenHQ-Kopie.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Weinbaugebiet, das auf nicht einmal ein Prozent der italienischen Gesamtrebfl\u00e4che und -produktion kommt, sollte eigentlich kaum beachtenswerte Akzente setzen k\u00f6nnen, m\u00f6chte man meinen. Und doch ist hier an Etsch und Eisack eines der unbestrittenen qualitativen Zentren des Landes entstanden, in welchem einige der besten Wei\u00dfweine gedeihen, die man zwischen Alpen und Sizilien \u00fcberhaupt finden kann. Anders als in anderen Regionen fokussiert man sich nicht blo\u00df auf eine Handvoll Rebsorten, sondern auf ganze 20. Kann man da \u00fcberhaupt den \u00dcberblick behalten? Man kann, denn in nur sehr wenigen Weinbaugebieten wird man durch liebevoll gepflegte Internetauftritte so gut an die Hand genommen wie hier in S\u00fcdtirol. \u00dcberhaupt liegt das Erfolgsgeheimnis der Region wahrscheinlich im hochprofessionellen Marketing, das sowohl Weinkenner als auch normale Touristen anzusprechen wei\u00df und ein reiches, aber nicht immer leicht zug\u00e4ngliches Erbe charmant vermittelt. Denn w\u00e4hrend die Skigebiete in den Dolomiten oder dem Ahrntal ebenso wie die zahlreichen Apfelsorten der Region vielen Deutschen noch ein Begriff sind, haben die meisten noch nie einen S\u00fcdtiroler Wein oder gar Sekt (ja, die gibt es auch!) getrunken. Dabei sollte man das unbedingt, wenn man denn an einen herankommt, denn blo\u00df ein Drittel von ihnen gelangt \u00fcberhaupt ins Ausland. In diesem Schmelztiegel, wo \u00f6sterreichische Gastfreundschaft auf italienische Ungezwungenheit trifft, alpine H\u00f6henluft von den ersten mediterranen Anmutungen durchwoben ist und sich b\u00e4uerliche Tradition und technikaffiner Zukunftsoptimismus die Hand reichen, wird man wom\u00f6glich auf Weine treffen, die geschmacklich unkonventionell sind, herausfordernd oder sogar wirklich umstritten. Nur auf eines wird man garantiert nicht treffen: schlecht gemachte Weine. Die sind in der S\u00fcdtiroler Philosophie einfach nicht vorgesehen. Text: Dario Sellmeier<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00fcdtirols Weinbau: Ein kulturelles Kaleidoskop zwischen alpiner Tradition und mediterraner Innovation Vom Elsass einmal abgesehen gibt es in ganz Europa wohl kein Weinbaugebiet, das so wenig mit den Traditionen des \u00fcbrigen Landes gemein hat wie S\u00fcdtirol. Und bei beiden Landstrichen ist der Grund daf\u00fcr identisch: sie hatten sehr lange Zeit eine andere staatliche Zugeh\u00f6rigkeit. 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