{"id":203580,"date":"2024-04-21T17:00:00","date_gmt":"2024-04-21T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=203580"},"modified":"2024-03-01T11:04:43","modified_gmt":"2024-03-01T10:04:43","slug":"das-weinbaugebiet-abruzzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/04\/das-weinbaugebiet-abruzzen\/","title":{"rendered":"Das Weinbaugebiet Abruzzen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wein, Wildnis und Wohlgeschmack: Eine Entdeckungsreise durch die Abruzzen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Abruzzen scheinen anf\u00e4llig zu sein f\u00fcr Verwechslungen. Anders ist es kaum zu erkl\u00e4ren, dass viele Weintrinker beim Montepulciano immer nur an die Toskana denken. Und Pecorio? Ist das nicht ein strenger K\u00e4se? Ja, auch. Aber nicht nur. Doch alles der Reihe nach. Und vor allem sch\u00f6n gem\u00e4chlich. Denn hier gehen die Uhren etwas langsamer, die Menschen nehmen sich Zeit &#8211; f\u00fcr gute Gespr\u00e4che, ein feines Essen und nat\u00fcrlich den hervorragenden Wein der Region. Dieser wird gepr\u00e4gt von \u201emare e monti&#8220;, vom Gegensatz zwischen dem Adriatischen Meer und dem H\u00f6henzug der Apenninen. Dieser, der sich durch ganz Italien zieht, erreicht hier mit dem fast 3000 Metern hohen Corno Grande seinen h\u00f6chsten Gipfel. Solche H\u00f6henluft werden die Reben allerdings niemals schnuppern, denn f\u00fcr sie ist bei h\u00f6chstens 600 Metern Schluss &#8211; noch, muss man sagen, denn in Zeiten immer hei\u00dferer Sommer ist ein solches H\u00f6henlagen-Backup immer eine gute Sache. In diesem Spannungsfeld zwischen K\u00fcste und Gebirge sind hohe Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht die Regel. Das klingt zun\u00e4chst anstrengend f\u00fcr die Rebst\u00f6cke, beg\u00fcnstigt aber die Reifung und eine optimale Balance zwischen S\u00e4ure und Zucker. Ohnehin k\u00f6nnte das Klima kaum besser sein: die Apenninen halten schlechtes Wetter aus dem Westen fern, Niederschl\u00e4ge sind ohnehin eher gering und die maritime Luft, die von Osten hereinweht, wirkt wie eine nat\u00fcrliche Klimaanlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar wird in jeder der vier Provinzen Wein erzeugt, der L\u00f6wenanteil von \u00fcber 80 Prozent entf\u00e4llt allerdings auf die Provinz Chieti direkt an der Adriak\u00fcste. Dort gedeihen die Rebst\u00f6cke auf Sand und Kies, weiter im Landesinneren dann auf Lehm, dessen Kalksteinanteil ansteigt, je weiter man sich Richtung Gebirge bewegt, und den Weinen nicht selten eine unerwartete Mineralik verleiht. Das nahe Beieinanderliegen von malerischen Sandstr\u00e4nden, sanften, gr\u00fcnen H\u00fcgeln, die hier liebevoll \u201ecolline dolce\u201c genannt werden, und kargem, oft schneebedecktem Hochland ist es, was die Abruzzen zu einer der landschaftlich vielf\u00e4ltigsten Regionen Italiens macht. Ein gro\u00dfer Teil, besonders im bergigen Hinterland, ist nach wie vor fast frei von menschlichen Eingriffen und pr\u00e4sentiert sich sehr urspr\u00fcnglich. Damit dies auch so bleibt, stehen ein Drittel der Abruzzen unter Naturschutz und bieten wilden Tieren wie W\u00f6lfen, Luchsen und Braunb\u00e4ren eine Heimat &#8211; sicherlich auch ein Grund daf\u00fcr, weshalb Weinbau hier auf \u201enur\u201c 30 000 Hektar betrieben wird, was sich gegen andere italienische Regionen wie Venetien oder Sizilien recht gering ausnimmt.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"542\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/200127_barba-Kopie-min.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203607\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/200127_barba-Kopie-min.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/200127_barba-Kopie-min-300x163.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/200127_barba-Kopie-min-768x416.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Man liegt sicher nicht falsch damit, wenn man feststellt, dass die Abruzzen eine der unbekanntesten der 20 italienischen Regionen ist. Das hat entsprechende Auswirkungen auch auf das Wein-Portfolio, dem besonders im Ausland h\u00e4ufig nicht die Aufmerksamkeit geschenkt wird, die ihm eigentlich geb\u00fchren w\u00fcrde. Es kann aber auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass einiges an informativer Vorarbeit geleistet werden muss, will man die Genuss-Eigenheiten dieses Landstrichs genau erfassen. Blicken wir also zun\u00e4chst einmal auf das Aush\u00e4ngeschild des hiesigen Weinbaus, den autochthonen Montepulciano d\u2019Abruzzo, der mehr als die H\u00e4lfte der Rebfl\u00e4che f\u00fcr sich beansprucht. Er ist h\u00e4ufiges Opfer einer Verwechslung mit dem ungleich bekannteren, toskanischen Vino Mobile de Montepulciano, der allerdings nach seinem Herkunftsort benannt ist und aus Sangiovese gekeltert wird. Anders als dieser bringt der Montepulciano d\u2019Abruzzo keine Spitzengew\u00e4chse hervor, sondern haupts\u00e4chlich unkomplizierte Tropfen f\u00fcr den Alltag &#8211; geeignet eher f\u00fcr den Abend, denn der Alkoholgehalt liegt mit durchschnittlich 14 Prozent doch im h\u00f6heren Bereich. Seine eher zur\u00fcckhaltende S\u00e4ure und der Geschmack nach Kirschen, roten Beeren und Pflaumen harmonieren perfekt mit fast allen Klassikern der mediterranen K\u00fcche. Erblickt man einen Hang mit s\u00fcdlicher Ausrichtung, kann man sich fast sicher sein, dass dieser mit Montepulciano bepflanzt ist, denn die Rebe ist ausgesprochen sonnenliebend &#8211; so sehr, dass sie im k\u00fchleren Norden Italiens gar nicht angebaut wird. Obwohl er f\u00fcr den baldigen Konsum gedacht ist und in den ersten drei bis vier Jahren nach Abf\u00fcllung am besten schmeckt, k\u00f6nnen durch den verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohen Tanningehalt manche Vertreter auch bis zu zehn Jahre gelagert werden. Immer noch gilt er durch seine leichte Zug\u00e4nglichkeit als idealer italienischer Restaurant-Wein, auch wenn ihm in Deutschland in den vergangenen Jahren der Primitivo etwas den Rang abgelaufen hat.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Sein kr\u00e4ftiges Rubinrot war wohl auch Anregung f\u00fcr den Ros\u00e9 der Region, sich eine deutlich dunklere Farbe zuzulegen, als man von Vertretern dieses Weinstils allgemein erwarten w\u00fcrde. Cerasuolo ist sein Name, was vom Dialektwort \u201ecerasa\u201c f\u00fcr Kirsche herr\u00fchrt und so viel bedeutet wie kirschroter Wein &#8211; eine T\u00f6nung, die er einer 24st\u00fcndigen Mazeration auf den extrem farbstoffreichen Schalen des&nbsp; Montepulciano verdankt. Dabei gilt der Cerasuolo, den man auch in anderen Regionen MIttel- und S\u00fcditaliens kennt, noch als die hellere Variante &#8211; die dunklere wird als Chiaretto bezeichnet. Vorgeschrieben sind mindestens 85 Prozent Montepulciano d\u2019Abruzzo, was ihm dann neben einem intensiven Bukett nach Kirschen, Erdbeeren und Rhabarber auch einen w\u00fcrzig-rauchigen Beigeschmack und eine zarte Mandelnote im Abgang verleihen kann. Vom leichten deutschen Sp\u00e4tburgunder-Ros\u00e9 oder den blassrosafarbenen Tropfen aus der Provence ist er ziemlich weit entfernt und durchaus in der Lage, nicht nur als sommerlicher Terrassenwein zu gl\u00e4nzen, sondern auch deftige Speisen zu begleiten, etwa einen Pecorino, den kr\u00e4ftigen Rohmilchk\u00e4se.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir bei der zweiten Verwechslung w\u00e4ren, die sich dieses Mal auf dem Gebiet der Wei\u00dfweine zutr\u00e4gt. Hier kennt man n\u00e4mlich auch einen Pecorino, und die Namensherkunft beider geht tats\u00e4chlich auf denselben Ursprung zur\u00fcck. Im Italienischen ist \u201epecora\u201c n\u00e4mlich das Schaf, und w\u00e4hrend der K\u00e4se aus der Milch ebenjener Schafe hergestellt wird, galten die Trauben in alten Zeiten als Leckerbissen, der von den in den Weinbergen weidenden Tieren zur Zeit der Reife begierig gefressen wurde. Warum in alten Zeiten? Nun, der Pecorino war lange Jahre komplett von der Bildfl\u00e4che verschwunden. Nur alte Schriftst\u00fccke zeugten noch von der Existenz der Traube, die einst von den Griechen ins Land gebracht worden war, bis ein Winzer sie Anfang der 80er zuf\u00e4llig in einem uralten Weinberg wiederentdeckte. Die hohen Anspr\u00fcche, die der Pecorino an die Lage stellt, seine Empfindlichkeit zu hoher Sonneneinstrahlung gegen\u00fcber und die eher geringen Ertr\u00e4ge waren f\u00fcr seine Renaissance zun\u00e4chst ein echtes Hindernis, aber der sehr charakteristische Wein fand schnell Liebhaber der Tatsache, dass sich bei ihm jede Erwartungshaltung in Luft aufl\u00f6st. Er verbl\u00fcfft mit leicht salzigen floralen Noten von Jasmin und Akazie, wobei das Aromenspektrum sich eher auf der w\u00fcrzig-kr\u00e4uterigen als der fruchtigen Ebene bewegt. Das S\u00e4urelevel wie auch die Mineralit\u00e4t sind f\u00fcr einen italienischen Wei\u00dfen erstaunlich hoch, und schon einige Male hat man ihn salbungsvoll als \u201eRiesling der Adria\u201c bezeichnet. Ohne Zweifel geh\u00f6rt der Pecorino, der au\u00dfer in den Abruzzen nur noch in den angrenzenden Marken in nennenswertem Umfang angebaut wird, zu den bemerkenswertesten Rebsorten des Landes. Und Profis schw\u00f6ren sogar, dass er blind verkostet h\u00e4ufig f\u00fcr einen Rotwein gehalten werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"608\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Panorama-vigneti-Kopie-min.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203608\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Panorama-vigneti-Kopie-min.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Panorama-vigneti-Kopie-min-300x182.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Panorama-vigneti-Kopie-min-768x467.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Einen \u00e4hnlich kometenhaften Aufstieg hat die Cococciola hingelegt, auch wenn sie noch eher unter dem Label \u201eGeheimtipp\u201c rangiert als der Pecorino. Die sp\u00e4t reifende Traube wurde lange Zeit &#8211; wie der Gro\u00dfteil der abbruzzesischen Weinproduktion &#8211; nur f\u00fcr den Verschnitt mit Weinen von au\u00dferhalb genutzt, mausert sich aber immer mehr zum interessanten Solisten, der mit Prim\u00e4rfrucht nach Pfirsich und Birne und bet\u00f6render Kr\u00e4uteraromatik, insbesondere einer feinen Salbeinote aufwartet. Auch die Cococciola bringt eine frische S\u00e4ure mit und ist damit genau das Richtige f\u00fcr alle, die in italienischen Wei\u00dfen sonst ein bisschen die Spannung vermissen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die vorigen eher als Nischenprodukte f\u00fcr Weinfreaks auf der Suche nach dem Besonderen gelten k\u00f6nnen, ist der Trebbiano d\u2019Abruzzo neben dem Montepulciano der zweite gro\u00dfe Name in der Weinwelt Abruzzens &#8211; aber auch ganz Italiens, dessen meistangebauter Wei\u00dfwein zu sein der Trebbiano f\u00fcr sich verbuchen darf. Bereits seit 500 Jahren ist er hier in der Mitte des Stiefels beheimatet, und man sch\u00e4tzt ihn vor allem f\u00fcr seine zuverl\u00e4ssig hohen Lesemengen. Dieser Umstand gereicht ihm leider nicht immer zur Ehre, denn der Gro\u00dfteil des Lesegutes wird zu leichten, wenig komplexen So-nebenbei-Weinen verarbeitet. Reduziert man allerdings die Ertr\u00e4ge und baut den Wein im Fass aus, kann er eine erstaunliche Finesse erreichen und perfekt das Terroir widerspiegeln, dem er entstammt. Der sortentypisch eher neutrale Geschmack wird dann mit Aromen von wei\u00dfem Pfirsich, Zitrus und gr\u00fcnem Apfel angereichert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos angereichert: profitiert hat man seit jeher von der N\u00e4he zu Rom, das von der Grenze der Abruzzen gerade mal 100 Kilometer entfernt liegt. Mussten viele weiter entfernt liegende Weinbaugebiete, besonders jene in Oberitalien, erst anderen Volksst\u00e4mmen entrissen werden, geh\u00f6rten die Abruzzen praktisch zum Kernland des R\u00f6mischen Reiches und wurden schon lange vor Christus von den R\u00f6mern bewirtschaftet. Auch deshalb finden sich bemerkenswert viele literarische Zeugnisse \u00fcber den dortigen Wein, dem sowohl das Potential zur St\u00e4rkung der vielen Soldaten als auch ein ausreichendes Niveau attestiert wurde, um an den reich gedeckten Tafeln der Patrizierfamilien ausgeschenkt zu werden. Diese Entwicklung fand ihr j\u00e4hes Ende, als Kaiser Domitian sein fatales Edikt erlie\u00df: um den in allen Teilen des Reiches ausufernden Weinbau einzud\u00e4mmen, der sich nachteilig auf die Qualit\u00e4t auswirkte und dar\u00fcber hinaus die Versorgung mit anderen landwirtschaftlichen G\u00fctern wie Getreide gef\u00e4hrdete, befahl er massive Rodungen. Versetzte dies den Abruzzen schon einen herben Schlag, kamen sie durch die bald darauf einsetzende V\u00f6lkerwanderung vollends zu Fall: \u00fcber Jahrhunderte versank er im Dunkel der Geschichte. Erst die ordnende Hand der Kl\u00f6ster ebnete den Abruzzen im Hochmittelalter den Weg zu einer zweiten weinbaulichen Bl\u00fcte: neben dem Hauptexportgut Wolle fand auch der Rebensaft im K\u00f6nigreich Neapel, zu dem die Abruzzen viele Jahrhunderte lang als dessen n\u00f6rdlichste Provinz geh\u00f6rten, guten Absatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Heutzutage liefert die Region ein eher uneinheitliches Bild: es dominieren riesige Genossenschaften, die zum gro\u00dfen Teil einfache, g\u00fcnstige Weine ohne besonderen Wiedererkennungswert produzieren. Sehr laxe beh\u00f6rdliche Vorgaben beg\u00fcnstigen unerfreuliche Rekorde dabei zus\u00e4tzlich, denn nur durch ein fehlendes \u00fcbergeordnetes Qualit\u00e4tsmanagement sind groteske Hektarertr\u00e4ge von bis zu 140 Hektolitern \u00fcberhaupt m\u00f6glich. Nicht wenige Winzer aber haben in den vergangenen Jahrzehnten diesem System den R\u00fccken gekehrt und sind ihren eigenen Weg gegangen: f\u00fcr sie steckt in den Reben und den B\u00f6den zu viel Potential, als dass man sein Licht unter den Scheffel stellen m\u00fcsste. Das Winzerhandwerk ist in der Tat eine der nicht allzu vielen Zukunftsperspektiven einer Region, die wie viele l\u00e4ndlich gepr\u00e4gte Teile Italiens unter einer Abwanderung junger Menschen leiden &#8211; was durch verheerende Naturkatastrophen wie das Erdbeben von 2009, das die Hauptstadt L\u2019Aquila zum gro\u00dfen Teil zerst\u00f6rte, noch bef\u00f6rdert wird. Ein nicht geringer Teil des Geldes, der von der Regierung f\u00fcr den Wiederaufbau der mittelalterlichen Altstadt gedacht war, verschwand in den Taschen der Mafia. Wer konnte, suchte sein Gl\u00fcck woanders und \u00fcberlie\u00df die ohnehin schon einsam-verschlafenen Abruzzen der \u00dcberalterung und dem langsamen Verfall. Doch muss es trotz allem einen Grund daf\u00fcr geben, dass seit Jahrzehnten brachliegende, v\u00f6llig verwilderte Weinberge das Interesse einer neuen Winzergeneration wecken, die sich vor allem aus Quereinsteigern speist. Ist es die geringe Konkurrenz, die ein Herumexperimentieren ohne enormen Preisdruck erm\u00f6glicht? Abenteuerlust und Pioniergeist, die sich in dieser wilden Gegend besser ausleben lassen als im verst\u00e4dterten Rest Italiens? Oder sind es die liebenswerten Traditionen rund ums Thema Genuss, die nach wie vor h\u00f6chste Wertsch\u00e4tzung ausdr\u00fccken f\u00fcr die Arbeit alljener, die Oliven, Getreide, Fleisch und eben Wein erzeugen?&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/53-Kopie-min.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203609\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/53-Kopie-min.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/53-Kopie-min-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/53-Kopie-min-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Will man eine solche perfekte Symbiose von Wein und Kulinarik erleben, untermalt von liebenswertem Brauchtum und selbstloser Gastlichkeit, besucht man am besten eine der Sagras, die \u00fcber das Jahr verteilt in fast jedem \u00d6rtchen stattfinden. Eine derartige Veranstaltung als Dorffest zu beschreiben, wird ihr jedoch kaum gerecht. Darauf weist schon der Name hin, der vom lateinischen \u201esacrum\u201c herr\u00fchrt, was so viel wie \u201eheilig\u201c bedeutet. Damit ist nicht nur gemeint, dass diese Festivit\u00e4t mit ihrem obligatorischen Feuerwerk als kr\u00f6nendem Abschluss f\u00fcr viele Einwohner den stolzen H\u00f6hepunkt des gesamten Jahres darstellt. Auch der Anlass ist weniger das profane Bed\u00fcrfnis nach einem von V\u00f6llerei und Ausschweifung gepr\u00e4gten Wochenende: h\u00e4ufig begeht man den Namenstag des lokalen Schutzpatrons und zelebriert im Zuge dessen das Gemeinschaftsgef\u00fchl &#8211; vordergr\u00fcndig christliches Brauchtum vermengt sich dabei mit deutlich \u00e4lteren, noch in heidnischer Zeit wurzelnden Riten. Fr\u00fcher war es f\u00fcr die im Umland lebenden Bauern die Gelegenheit, das harte Tagewerk einmal ruhen zu lassen und stattdessen selbst die Fr\u00fcchte ihrer Arbeit zu genie\u00dfen. \u201eFr\u00fcchte\u201c kann hier durchaus im Wortsinn verstanden werden, denn bei einer Sagra steht meist ein bestimmtes Obst, Gem\u00fcse oder Fleisch im Mittelpunkt. Das k\u00f6nnen Bohnen sein, Esskastanien, Kirschen und Oliven oder auch Wildschwein und Hase. Und so ist die liebenswerte Mischung aus Erntedank, musikuntermalter Kost\u00fcmparade, d\u00f6rflicher Leistungsschau und Gourmetfestival eine Feier des Lebens, wie man sie in dieser herzlichen Ausgelassenheit nur selten findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo wir gerade beim Thema sind: was isst man klassischerweise zu den Tropfen der Abruzzen? Wie in anderen Weinbaugebieten auch gilt hier, dass sich Wein und Speisen \u00fcber Jahrhunderte gemeinsam entwickelt haben und sich daher gegenseitig perfekt erg\u00e4nzen. Typisch ist der Fokus auf wenige, daf\u00fcr aber sehr frische Produkte. Allgemein lassen viele Rezepte noch ihre Entstehung in einer l\u00e4ndlich und b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Umgebung durchschimmern, etwa die deftigen Arrosticini. Hierf\u00fcr schneidet man Schaffleisch in St\u00fccke und mariniert es in mit rotem Sulmona-Knoblauch und Majoran versehenem Oliven\u00f6l. Auf einem speziellen Grill, breit und sehr schmal in der Form, wird es dann gebraten. Die Tradition stammt noch aus einer Epoche, als mit ihren Herden im Gebirge umherziehende Viehhirten im Freien lebten und auf kaum andere Nahrung zur\u00fcckgreifen konnten als jene, die ihre Tiere ihnen boten &#8211; auch, weil Felderwirtschaft hier aufgrund der geografischen Gegebenheiten lange Zeit kaum m\u00f6glich war. Klingt dieses Gericht noch vergleichsweise harmlos gew\u00fcrzt, braucht man f\u00fcr viele andere eine gewisse Sch\u00e4rfetoleranz. Eine der liebsten Zutaten ist den Einheimischen n\u00e4mlich der Peperoncino, was \u00fcbersetzt \u201ekleine Paprika\u201c hei\u00dft, aber eine Chili meint. Man verwendet sie bevorzugt getrocknet, und wer schon einmal in einem traditionellen italienischen Feinkostgesch\u00e4ft war, wird sich an die leuchtend roten B\u00fcndel erinnern, die dort von der Decke h\u00e4ngen. Die beliebteste Sorte hei\u00dft nicht ohne Grund \u201eDiavoletto\u201c, Teufelchen, und besonders in den hei\u00dfen Sommern sch\u00e4tzt man sie, weil sie durch ihre Feurigkeit den Schwei\u00dffluss anregen und damit zur Abk\u00fchlung beitragen. Zum Einsatz kommen sie auch im regionaltypischen Pastagericht, das die Abruzzen trotz ihrer langen geografischen Isolation genauso kennen wie der Rest des Landes. Spaghetti alla chitarra werden sie genannt, weil das Werkzeug zur Herstellung der Nudeln optisch stark an eine Gitarre erinnert. Es verleiht ihnen eine por\u00f6se Oberfl\u00e4che, die sich perfekt dazu eignet, ein Maximum an So\u00dfe aufzunehmen, etwa eine \u201eall\u2019amatriciana\u201c aus den omnipr\u00e4senten Tomaten, erg\u00e4nzt um R\u00e4ucherspeck, Peperoncini und Pecorino &#8211; also dem K\u00e4se, nicht dem Wein.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"643\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2205e6b2-720b-559e-b6da-6e40ea6d23ef-Kopie-min.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203610\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2205e6b2-720b-559e-b6da-6e40ea6d23ef-Kopie-min.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2205e6b2-720b-559e-b6da-6e40ea6d23ef-Kopie-min-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2205e6b2-720b-559e-b6da-6e40ea6d23ef-Kopie-min-768x494.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>So einfach die K\u00fcche der Abruzzen auf den ersten Blick wirkt, sie h\u00e4lt auch einige \u00dcberraschungen bereit. Denn obwohl au\u00dfer vielleicht das h\u00fcgelige Hinterland wenig an Toskana oder Piemont denken l\u00e4sst, finden sich hier genauso wie dort feinste Tr\u00fcffel in allen Variationen: der Burgunder- ebenso wie der schwarze P\u00e9rigord- und sogar der wei\u00dfe Albatr\u00fcffel. Und auch ein Gew\u00fcrz, dass in Deutschland allenfalls in hom\u00f6opathischen Dosen verwendet wird, hat in Abruzzen jeder Koch bei der Hand: den Safran, der in seiner Rohform als bl\u00fchender Krokus die ansonsten ausgestorben wirkende Hochebene von Navelli mit einem violetten Teppich \u00fcberzieht. Besonders Fischgerichten wie dem Brodetto verleiht er seine goldgelbe Farbe und leicht bitteren Geschmack. Und wirklich vollkommen ist das kulinarische Erlebnis um Spezialit\u00e4ten wie Dornhai, Rochenfl\u00fcgel und Tintenfisch, wenn man in einem Trabucco speist, einer auf Stelzen ins Meer hinein gebauten Holzh\u00fctte, ehemals die windschiefe Behausung armer Fischer, heute hipper Gourmet-Treffpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die 130 Kilometer lange K\u00fcstenlinie mit ihren malerischen Str\u00e4nden ist nur eine Momentaufnahme, kann \u00fcber die sich immer wieder ins Bewusstsein dr\u00e4ngende Dominanz der Berge nicht hinwegt\u00e4uschen. Kaum zu glauben, dass man dort oben, gef\u00fchlt am Rande der Welt, nur anderthalb Stunden Autofahrt vom pulsierenden Rom entfernt sein soll. Man k\u00f6nnte glauben, sich im tiefsten Zentralasien zu befinden: so weit das Auge reicht Hochplateaus, die in weiten Teilen kaum zug\u00e4nglich sind, und wenn, dann nur mit F\u00fchrer oder Sondergenehmigung. Besonders zug\u00e4nglich sind daf\u00fcr aber die Weine &#8211; kaum eine gr\u00f6\u00dfere Runde, die man mit Montepulciano oder Trebbiano nicht zufriedenstellen k\u00f6nnte. Auch wenn nach wie vor \u00fcber die H\u00e4lfte der Ertr\u00e4ge gar nicht den Weg in die Flasche findet, sondern in F\u00e4sser gef\u00fcllt und als sehr preisg\u00fcnstiger Gastro-Wein rund um den Globus geschippert wird, ist die Anzahl der Jungwinzer in letzter Zeit stark gewachsen, das Preisniveau aber immer noch niedrig. Erfreulicherweise spielen f\u00fcr die meisten ambitionierten Weinbau-Neulinge internationale Sorten wie Merlot oder Chardonnay kaum eine Rolle. Neben den beiden zuverl\u00e4ssigen Zugpferden der Region sind es n\u00e4mlich vor allem die unbekannteren Reben, die den Reiz Abruzzens ausmachen und in deren unangepasstem Geschmack man die Unverf\u00e4lschtheit der Landschaft geradezu auf der Zuge sp\u00fcrt. 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