{"id":203859,"date":"2024-05-21T17:00:00","date_gmt":"2024-05-21T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=203859"},"modified":"2024-03-15T13:23:06","modified_gmt":"2024-03-15T12:23:06","slug":"das-weinbaugebiet-sizilien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/05\/das-weinbaugebiet-sizilien\/","title":{"rendered":"Das Weinbaugebiet Sizilien"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sizilien: Ein Mosaik aus Kulturen, Geschm\u00e4ckern und Traditionen \u2013 Entdecken Sie das verborgene Weinparadies Italiens<\/h2>\n\n\n\n<p>Ach, wie italienisch! Das mag man sich oft denken, wenn man durch Sizilien streift. Um dann einige Meter weiter wieder eines Besseren belehrt zu werden. Das soll Italien sein? Sieht eher aus wie Griechenland. Oder Nordafrika. Diese Eindr\u00fccke sind beileibe nicht verkehrt, denn Italiens gr\u00f6\u00dfte Insel wurde l\u00e4ngst nicht nur von Rom allein gepr\u00e4gt. Ganz im Gegenteil vereinen sich hier so viele kulturelle Einfl\u00fcsse wie fast nirgendwo sonst in Europa &#8211; ein ber\u00fchmter sizilianischer Schriftsteller pr\u00e4gte daf\u00fcr mal das treffende Bonmot vom \u201eAmerika der Antike\u201c. Und das schl\u00e4gt sich auch in der Weinwelt nieder. Wie gut, dass die ersten Kolonisatoren die Weinbautechnik schon im Gep\u00e4ck hatten! Fast zeitgleich erreichten die eigentlich aus der Levante stammenden Ph\u00f6nizier, die sich aber schon vorher im nordafrikanischen Karthago niedergelassen hatten und dieses als Basis f\u00fcr weitere Expeditionen nutzten, und die Griechen die Insel. Beide lieferten sich \u00fcber Jahrhunderte immer wieder heftige Scharm\u00fctzel um die Oberhoheit, von denen die Rebenzucht jedoch meist unbehelligt blieb &#8211; aus Agrigent etwa ist eine solche ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert konstant nachgewiesen. Dabei setzten die ausw\u00e4rtigen Siedler meist sogar auf heimische Wildreben, die schon seit vormenschlicher Zeit hier gediehen. Der wichtigste Zweig der Landwirtschaft war jedoch ein anderer, n\u00e4mlich der Getreideanbau, der auf Sizilien au\u00dferordentlich hohe Ertr\u00e4ge brachte. Das bekamen irgendwann auch die R\u00f6mer spitz, die im Norden zu einer ernstzunehmenden milit\u00e4rischen Macht herangewachsen waren und sich das Eiland schlie\u00dflich als ihre erste Provinz einverleibten. Diese r\u00f6mische Herrschaft wird landl\u00e4ufig als die pr\u00e4gendste f\u00fcr das Eiland angesehen, war letztlich aber nur eine unter vielen. Weintechnisch haben sie jedoch auf jeden Fall ihre Spuren hinterlassen, denn Berichte \u00fcber damalige Tropfen sind sogar bis zum heutigen Tag \u00fcberliefert: zum einen der Haluntium aus der Gegend von Syrakus, zum anderen der Mamertina aus Messina, der von C\u00e4sar hoch gesch\u00e4tzt worden sein soll. Beide schmeckten ziemlich s\u00fc\u00df und standen damit in Kontrast zu vielen Festland-Weinen, die als sehr sauer beschrieben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesem Erbe wollten die neuen Herren, die nach der V\u00f6lkerwanderung und einem kurzem Intermezzo Siziliens bei Byzanz schlie\u00dflich das Ruder \u00fcbernahmen, nichts wissen: die muslimischen Eroberer, die sich mit der Gr\u00fcndung eines Emirates f\u00fcr 250 Jahre dort festsetzten, lehnten den Genuss von Wein entschieden ab. Allerdings gelangte durch sie die Technik der Destillation ins Land, die sie selbst zwar nur zur Herstellung von Duftstoffen nutzten, die sich sp\u00e4ter aber als bahnbrechende Errungenschaft auch im alkoholischen Bereich erweisen sollte. Kurz nach der Jahrtausendwende machten sich dann die Normannen daran, die Insel wieder unter christliche Kontrolle zu bringen. Sizilien wurde zuerst zur Grafschaft, kurz darauf dann zum K\u00f6nigreich, dem nach und nach weitere Gebiete in S\u00fcditalien zufielen und das sein bald Territorium bald bis in die Abruzzen hinein ausdehnen konnte. Auf die Normannen folgten zun\u00e4chst die Staufer, die sich dort jedoch nicht lange halten konnten: das junge K\u00f6nigreich zerbrach schnell wieder in zwei Teile, das eigentliche Sizilien und das K\u00f6nigreich Neapel, das sich aber ebenfalls Sizilien nannte. Die Insel wurde fortan vom spanischen Haus Arag\u00f3n regiert, das nach vielen Jahrhunderten die sprichw\u00f6rtliche wie praktische Durststrecke beendete und wieder in gro\u00dfem Stil den Weinbau f\u00f6rderte. Dadurch, dass die aufstrebenden Habsburger sich diesen Thron durch geschickte Heiratspolitik unter den Nagel rissen, entwickelte auch \u00d6sterreich einen Anspruch auf das Eiland. Solange die Personalunion zwischen Spanien und \u00d6sterreich intakt war, gab es kein Problem, allerdings ging diese irgendwann in die Br\u00fcche. Der sich anschlie\u00dfende Spanische Erbfolgekrieg endete damit, dass Savoyen Sizilien zugesprochen kam, das aber viel lieber Sardinien haben wollte und entsprechend tauschte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"1021\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Baglio-Soria-Kopie-1200x1021.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203890\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Baglio-Soria-Kopie-1200x1021.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Baglio-Soria-Kopie-300x255.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Baglio-Soria-Kopie-768x654.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Baglio-Soria-Kopie-1536x1307.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Baglio-Soria-Kopie.jpg 1772w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Noch eine weitere Gro\u00dfmacht wurde zu dieser Zeit aufmerksam, wenn auch nicht im territorialen Sinne: England war mangels eigenen Weinbaus stets auf der Suche nach edlen Tropfen aus dem Rest Europas. Weil es mit Frankreich st\u00e4ndig im Clinch lag, die dortigen Weine also meist mit Strafz\u00f6llen belegt waren, richtete sich der Blick weiter s\u00fcdlich. Waren es in Spanien Malaga und Sherry und in Portugal der Portwein, die das Verlangen nach s\u00fc\u00dfen Digestifs befriedigten, konnte Sizilien mit dem Marsala punkten. Ab 1770 begann ein reger Handelsverkehr mit diesem, der wie seine Verwandten von der Iberischen Halbinsel aufgespritet wurde, um auf dem Seeweg nicht zu verderben. Diese Entwicklung verschaffte Sizilien zwar ein internationales Renommee, barg aber auch Gefahren, wie sich sp\u00e4ter herausstellen sollte. Denn der Erfolg verf\u00fchrte so gut wie alle Winzer dazu, nur noch Grundweine f\u00fcr den Marsala anzubauen und andere Trauben links liegen zu lassen. Und als der Lik\u00f6r aus der Mode kam und nach und nach zum billigen Kochwein herabdegradiert wurde, stand man relativ blank da. Es gab auch normale Stillweine, klar. Aber die waren meist von sehr bescheidener Qualit\u00e4t und dienten allenfalls dazu, farbschwachen Roten aus anderen Teilen Europas einen dunkleren Ton zu verleihen. Die Eigenvermarktung lag komplett brach, das Weinbausystem war starr und tr\u00e4ge, gerade mal ein Dutzend Betriebe exportierten \u00fcberhaupt ins Ausland. Was also tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten, man orientiert sich an dem, was international ohnehin schon gut l\u00e4uft, dachte man sich in den 80ern und begann, zun\u00e4chst Syrah, dann auch Merlot und Chardonnay zu produzieren. Allerdings stellte man schnell fest, dass der Preisdruck steigt, je mehr Wettbewerber es gibt, und deren Zahl wuchs in Australien, S\u00fcdamerika und Co. stetig an. Franz\u00f6sische Reben waren dabei in Sizilien im Gegensatz zur Neuen Welt nicht unbedingt etwas Unbekanntes, denn ja, nat\u00fcrlich stand Sizilien auch mal ein Weilchen unter der Herrschaft der Grande Nation, die den heimischen Reben nicht vertraute und selbstbewusst eigene mitbrachte. Daf\u00fcr war Napoleon verantwortlich &#8211; er eroberte die Insel von den spanischen Bourbonen, die es wiederum zwischenzeitlich \u00d6sterreich entrissen hatten. Wie die meisten napoleonischen Eroberungen blieb es nach dem Abtreten des Kaisers aber nicht bei Frankreich, sondern kam zu seinen spanischen Vorbesitzern zur\u00fcck &#8211; mit Unteritalien vereinigt als K\u00f6nigreich beider Sizilien. Das blieb so, bis knapp 50 Jahre sp\u00e4ter der italienische Nationalstaat entstand. Darin mauserte sich die Insel ganz im S\u00fcden schnell zum fl\u00e4chengr\u00f6\u00dften Weinproduzenten &#8211; \u00fcber 100 000 Hektar sind es heute und damit mehr als in ganz Deutschland, dabei ist das dreiecksf\u00f6rmige Eiland nur ein klein wenig gr\u00f6\u00dfer als Mecklenburg-Vorpommern.<\/p>\n\n\n\n<p>So, nach diesem wilden Ritt durch die Geschichte haben wir uns ein kleines Belohnungsgl\u00e4schen verdient, finden Sie nicht auch? Nur was? Denn das sich die franz\u00f6sischen Reben nicht fl\u00e4chendeckend w\u00fcrden durchsetzen k\u00f6nnen, war schnell klar. Man brauchte also etwas Eigenes, ein Alleinstellungsmerkmal. F\u00fcndig wurde man in der Umgebung des im S\u00fcden gelegenen St\u00e4dtchens Avola, wo man seit jeher einen tiefdunklen Wein kelterte. Den Einheimischen war er als Calabrese bekannt, was sich als unverhohlener Verweis auf die Nachbarregion jedoch sehr schlecht f\u00fcr die Eigenwerbung gemacht h\u00e4tte. Man kreierte also den so nobel klingenden wie eing\u00e4ngigen Namen Nero d\u2019Avola &#8211; und traf damit voll ins Schwarze. Ein Easy-Drinking-Wein, mit seiner pflaumigen Prim\u00e4rfrucht einem apulischen Primitivo nicht un\u00e4hnlich, dazu mit sehr weichen Tanninen &#8211; das passte perfekt in die 90er und ist auch heute noch ein guter Einstieg in die Welt der italienischen Rotweine. Wenn er gut gemacht ist, vermag er mit seiner kr\u00e4uterig-pfeffrigen W\u00fcrze durchaus an einen Syrah zu erinnern. Weniger bekannt, daf\u00fcr im Qualit\u00e4tsweinbereich deutlich interessanter ist der autochthone Frappato. Vom Nero d\u2019Avola l\u00e4sst er sich recht einfach durch seinen hellen Ton unterscheiden, denn in den d\u00fcnnen H\u00e4uten seiner Beeren finden sich nur wenige Farbstoffe. Wo er seinem Kollegen in K\u00f6rper und Tiefe etwas nachsteht, gleicht er mit Frische und seinem komplexen Aromenspiel wieder aus. Rote und schwarze Beeren vermischen sich dabei mit zarten Ankl\u00e4ngen an mediterrane Kr\u00e4uter, Tabak und Tee. Kann man sich schwerlich zwischen Nero d\u2019Avola und Frappato entscheiden, ist auch der gemeinsame Genuss m\u00f6glich: der Cerasuolo di Vittoria vereint sie. Besonders stolz war man Anfang der 2000er darauf, mit ihm die erste (und bisher einzige) DOCG Siziliens zu erhalten. Seine kirschrote Farbe, der er auch den Namen verdankt, kann manchmal sogar ins Violette tendieren, dem Fassausbau sei dank. Dieser ist es auch, der dem Cerasuolo ein beachtliches Alterungspotential und eine unerwartet ernsthafte, fast burgundische Aromatik verleiht, die sich in Noten von Schokolade, Leder oder Veilchen kleiden kann.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Bottaia-Kopie-1200x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203891\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Bottaia-Kopie-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Bottaia-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Bottaia-Kopie-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Bottaia-Kopie-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Firriato-Bottaia-Kopie-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der internationale Erfolg der Rotweine darf jedoch nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass in Sizilien deutlich mehr Wei\u00df- als Rotwein angebaut wird &#8211; das Erbe der Marsala-Epoche. Die heute dominierenden wei\u00dfen Reben sind nach wie vor jene, die damals die Grundlage f\u00fcr den Lik\u00f6rwein bildeten. Zum einen ist dies der Cataratto &#8211; ein Name, der selbst vielen Weinkennern nur ein Stirnrunzeln entlocken d\u00fcrfte, obwohl er nach dem Trebbiano die zweith\u00e4ufigste wei\u00dfe Rebe Italiens ist. Aber ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich eben nur auf Sizilien und einen Teil Kalabriens, au\u00dferhalb davon wird sie praktisch nirgends kultiviert. Auch ein Gro\u00dfteil der aus ihm gekelterten Weine pr\u00e4sentiert sich eher wenig komplex, nicht selten wird der Most gleich zu Branntwein oder Konzentrat verarbeitet. Dabei sollte er mit seinem hohen Alkoholgehalt und dem ebensowenig zu verachtenden Ma\u00df an S\u00e4ure eigentlich zu H\u00f6herem berufen sein: w\u00e4chst er nicht in br\u00fctend hei\u00dfen T\u00e4lern, sondern in etwas h\u00f6heren Lagen, k\u00f6nnen fruchtige Weine mit ausgepr\u00e4gter Zitrusaromatik und leicht nussigem Abgang entstehen, deren beste Vertreter gern mal den Eindruck eines Viognier von der Rhone erwecken. Die zweite Traube mit Marsala-Vergangenheit ist der deutlich hitzetolerantere Grillo &#8211; ausnahmsweise nicht autochthon, sondern wegen ihrer Robustheit nach der Reblausplage aus Apulien importiert. Nachdem sie sich lange Zeit auf dem R\u00fcckzug befunden hatte, stieg ihr Anteil ab den 90ern kontinuierlich wieder an und ist jetzt dreimal so hoch wie noch vor 30 Jahren. Als ertragreiche, aber sp\u00e4tausreifende Sorte nimmt sie alles an Sonne und Terroir mit, was sie kriegen kann und ist deshalb auch kein Leichtgewicht, sondern mit ordentlich K\u00f6rper und Extrakt versehen. Das blumig-frische Zitrusbukett und die feine, hintergr\u00fcndige W\u00fcrze gewinnen durch den recht hohen Alkoholgehalt noch an Ausdruck und machen den Grillo damit zum perfekten Begleiter auch deftiger Speisen &#8211; den auch S\u00e4ureempfindliche nicht scheuen m\u00fcssen, denn in dieser Hinsicht gibt er sich sehr mild.<\/p>\n\n\n\n<p>Speisen &#8211; wo sich s\u00e4mtliche Mittelmeeranrainer irgendwann mal die Klinke in die Hand gegeben haben, m\u00fcsste doch auch eine extrem vielf\u00e4ltige K\u00fcche vorzufinden sein? Und genau das ist der Fall! Den gr\u00f6\u00dften Beitrag auf diesem Gebiet leisteten nicht etwa die R\u00f6mer, sondern die Araber &#8211; m\u00f6glicherweise, um damit ihre Vernachl\u00e4ssigung des Weinbaus zu kompensieren. Sie brachten Reis mit, der vorzugsweise zu Arancini verarbeitet wird: kleinen Reisb\u00e4llchen, die man oft mit Fleisch oder Gem\u00fcse f\u00fcllt und dann frittiert. Auch Zitrusfr\u00fcchte sind Teil ihres Erbes, ganz besonders aber die sehr gehaltvollen Desserts der arabischen Welt: die Kreationen aus Mandeln, orientalischen Gew\u00fcrzen und sehr viel Zucker sind fast schon kleine Hauptgerichte. Schokolade hingegen kannten sie noch nicht, die f\u00fchrten erst die Spanier ein. Nicht aus ihrem Land nat\u00fcrlich, sondern aus S\u00fcdamerika, woher au\u00dferdem heute unverzichtbare Gem\u00fcsesorten wie Tomaten, Paprika und Auberginen stammen. Die vorhin galant \u00fcbergangenen R\u00f6mer sollten dennoch nicht zu wenig gew\u00fcrdigt werden, denn auf sie geht der Anbau von Hartweizen zur\u00fcck, der die Grundlage der vielen Pastagerichte der Insel ist, etwa die aus Catania stammende Pasta alla Norma, die mit ihren f\u00fcnf Farben die italienische Trikolore und den \u00c4tna symbolisieren soll. Ein ebensolcher Klassiker ist der Farsu magru, ein von der normannischen Tradition inspirierter Rollbraten aus dem bergigen Landesinneren &#8211; galt er fr\u00fcher als Arme-Leute-Essen, weil nur seine \u00e4u\u00dfere Schicht aus Fleisch besteht, bildet er heute durch seine saftig-deftige F\u00fcllung den perfekten Partner f\u00fcr die Rotweine der Insel. Und auch zu den Wei\u00dfweinen f\u00e4llt das Foodpairing nicht schwer, denn Fisch wird hier mehr gefangen als irgendwo sonst in Italien: in den Netzen landen vor allem Thun- und Schwertfisch, Sardellen und Sardinen, die man mit Vorliebe als Sarde a beccafico, gef\u00fcllt mit einer Farce aus Brot, Oliven\u00f6l, Knoblauch, Zwiebeln und Gew\u00fcrzen verspeist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das alles umgebende Meer kann sowohl verbindend als auch isolierend wirken. Denn obwohl an der schmalsten Stelle der Stra\u00dfe von Messina, welche die Insel vom italienischen Festland trennt, nur drei Kilometer zwischen ihr und Kalabrien liegen, unterscheidet sich das Erscheinungsbild beider doch wesentlich. Der Apennin, jener durch ganz Italien verlaufende H\u00f6henzug, der dessen S\u00fcdteil sehr gebirgig erscheinen l\u00e4sst, hat es nicht bis nach Sizilien geschafft. Dieses wartet daf\u00fcr mit ganz eigenen Erhebungen auf: Vulkanen, darunter auch der gr\u00f6\u00dfte Europas, der \u00c4tna. Er ist nach wie vor sehr aktiv und spuckt regelm\u00e4\u00dfig Asche und Lava &#8211; ein Umstand, der f\u00fcr seine direkte Umwelt zun\u00e4chst einmal nicht besonders f\u00f6rderlich klingt. Allerdings erweist sich die verwitternde Lava seit jeher als besonders fruchtbar und wird deswegen f\u00fcr den Anbau von Oliven, Feigen, Zitrusfr\u00fcchten, Pistazien und eben von Wein intensiv genutzt. Die Reben innerhalb der \u00e4ltesten DOC Siziliens gedeihen hier bis in klimatisch schon alpin zu nennende, teils sehr steile H\u00f6henlagen auf 1100 Meter und legen sich auf dem sehr mineralienreichen Untergrund eine gro\u00dfe F\u00fclle und einen unvergleichlich warmen Ausdruck zu. Insbesondere der Nerello Mascalese hat sich im Laufe der Zeit an die k\u00fchlen Temperaturen gew\u00f6hnt &#8211; wo Sorten wie der Nero d\u2019Avola schon lange aufgegeben h\u00e4tten, bringen seine teils uralten Rebst\u00f6cke tanninreiche Tropfen hervor, die sich vor manchem piemontesischen Nebbiolo nicht verstecken m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"798\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/weine-feinkost_italien_sizilien_firriato_2-Kopie-1200x798.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-203892\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/weine-feinkost_italien_sizilien_firriato_2-Kopie-1200x798.jpg 1200w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/weine-feinkost_italien_sizilien_firriato_2-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/weine-feinkost_italien_sizilien_firriato_2-Kopie-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/weine-feinkost_italien_sizilien_firriato_2-Kopie-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/weine-feinkost_italien_sizilien_firriato_2-Kopie.jpg 1772w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Vom schneebedeckten Gipfel des \u00c4tna sollte man keineswegs auf das allgemeine Klima schlie\u00dfen: dieses ist ausgesprochen mediterran, was sich an milden, recht feuchten Wintern, vor allem aber den gl\u00fchend hei\u00dfen Sommern zeigt, in denen kaum ein Tropfen Regen f\u00e4llt. Insbesondere der S\u00fcden der Insel bildet ein Einfallstor f\u00fcr den von Nordafrika her wehenden Scirocco, der Temperaturen von 40 Grad und mehr mit sich bringen kann. Nachts wird es daf\u00fcr vielerorts empfindlich kalt &#8211; f\u00fcr die Trauben vorteilhaft, denn das verz\u00f6gert ihren Reifeprozess und f\u00f6rdert die Entwicklung eines gewissen S\u00e4ureanteils, der die hohen Alkoholgehalte abfedert. Die Extreme haben die Menschen seit jeher erfinderisch gemacht. Auf der Sizilien vorgelagerten Insel Pantelleria findet sich mit der \u201eVite ad alberello\u201c eine &#8211; mittlerweile sogar mit Welterbestatus versehene &#8211; Form der Rebenerziehung, die noch aus Zeiten der Ph\u00f6nizier stammen soll. Dabei versucht man den \u00f6rtlichen Widrigkeiten &#8211; der Inselname bedeutet \u00fcbersetzt \u201eTochter der Winde\u201c &#8211; durch das Graben einer Mulde um den Rebstock herum zu trotzen. In dieser ist die junge Pflanze vor den starken Winden gesch\u00fctzt, zudem sammeln sich hier die geringen Niederschl\u00e4ge und sickern nach und nach direkt zu ihren Wurzeln hinab &#8211; ein perfektes Mikroklima entsteht. Wird der Stock dann gr\u00f6\u00dfer, richtet man seine Triebe so aus, dass sie wie bei einem Baum in alle Richtungen auseinanderstreben: durch diese robuste, buschige und nah am Boden liegende Form bietet er dem Wind wenig Angriffsfl\u00e4che und beschattet zudem das Erdreich, wodurch weniger Wasser verdunstet. In Kombination mit der hier obligatorischen Handlese eine nachhaltige und umweltfreundliche Anbaumethode, die ohne k\u00fcnstliche Bew\u00e4sserung oder andere technische Hilfsmittel auskommt und in Zeiten rascher klimatischer Ver\u00e4nderungen kein bel\u00e4chelnswerter Anachronismus ist, sondern definitiv ihre Daseinsberechtigung hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, hei\u00dfes Sizilien\u2026 Schattige Orte gibt es kaum in der Landschaft, denn die einst stark bewaldete Insel wurde massiv gerodet. Das hatte nicht nur Folgen f\u00fcr die Artenvielfalt, die dadurch stark dezimiert wurde, sondern f\u00f6rderte auch die Bodenerosion. Einen nicht gerade verantwortungsvollen Umgang mit der Insel legten nicht nur ihre Bewohner lange Zeit an den Tag, auch seitens des italienischen Festlandes waren die Vorbehalte gro\u00df: das sehr feudalistisch und agrarisch gepr\u00e4gte Sizilien fremdelte schon in den ersten Jahren nach er italienischen Einheit mit den neuen politischen und sozialen Gegebenheiten. Die jetzt den Ton angebende Oberschicht bestand vor allem aus B\u00fcrgerlichen aus dem Norden des Landes, die Handel und Industrie f\u00f6rderten und wenig \u00fcbrig hatten f\u00fcr das aus ihrer Sicht v\u00f6llig \u00fcberholte gesellschaftliche Gef\u00fcge auf der Insel. Die steuerlichen Belastungen der Landwirtschaft nahmen rapide zu, was Aufst\u00e4nde nach sich zog, die blutig niedergeschlagen wurden. Viele Sizilianer kehrten ihrer Heimat desillusioniert den R\u00fccken und wanderten in die USA aus. Dort, aber vor allem auf der Insel selbst entstand in der Folge eine Gruppierung, die sich f\u00fcr den Weinbau als nicht besonders f\u00f6rderlich erweisen sollte: die Mafia. Nicht geringe Anteile der eigentlich f\u00fcr eine zukunftsf\u00e4hige, technisch schritthaltende Weinwirtschaft gedachten Agrarsubventionen fanden nicht den Weg in die Scheunen und Keller der Winzer, sondern in die Taschen der Cosa Nostra. Besserung trat erst ein, als sich in den 90ern nach der brutalen Ermordung der beiden popul\u00e4ren Mafia-J\u00e4ger Falcone und Borsellino die Stimmung in der Bev\u00f6lkerung drehte. Dennoch sind die Rahmenbedingungen f\u00fcr Winzer nach wie vor alles andere als gut: die Infrastruktur besonders im Inneren der Insel l\u00e4sst stark zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, auch verf\u00fcgen viele Betriebe nach wie vor nicht \u00fcber eigene Abf\u00fcllanlagen, sodass immer noch ein gro\u00dfer Teil des Weines als namen- und gesichtslose Tanklaster-Ware aufs Festland kommt. Auch das erforderliche Ma\u00df an Handarbeit, sei es bei der Lese kleiner Parzellen oder der Instandhaltung von Trockensteinauern an Hanglagen, ist sehr hoch. So liegen viele eigentlich hochwertige, aber nicht einfach zu bewirtschaftende Fl\u00e4chen brach. Einen Anreiz f\u00fcr mehr Investitionen in den kommenden Jahren k\u00f6nnte jedoch der Tourismus setzen, der gerade auf Sizilien nicht nur Strandkorbhocker, sondern auch kulinarisch offene Kulturreisende anzieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die kommen hier in beiderlei Hinsicht voll auf ihre Kosten. Denn als w\u00e4re das reiche architektonische Erbe, die griechischen Tempel, r\u00f6mischen Amphitheater, staufischen Festungen und barocken Pal\u00e4ste nicht facettenreich genug, pr\u00e4sentiert sich auch der Weinbau h\u00f6chst abwechslungsreich und ist immer f\u00fcr eine Entdeckung gut. Der Qualit\u00e4tswein-Anteil ist mit etwa einem Viertel der Gesamtmenge zwar nicht besonders hoch, liegt f\u00fcr italienische Verh\u00e4ltnisse aber im oberen Mittelfeld. 23 recht weit voneinander entfernte DOCs bilden die Vielfalt der Terroirs eindrucksvoll ab, und auch mancher Landwein zeigt eine unerwartete Finesse. Der relativen Unbekanntheit der Ursprungsbezeichnungen au\u00dferhalb der Insel beugt man seit einigen Jahren dadurch vor, dass man einfach Sizilien als Ganzem einen DOC-Status verliehen hat, wodurch der erl\u00e4uternde Zusatz \u201eSicilia\u201c auf jedem Qualit\u00e4tswein erscheinen darf &#8211; eine h\u00fcbsche Art von Corporate Identity und Zeugnis f\u00fcr den liebenswerten Zusammenhalt vor Ort. Gemein ist allen Weinen, dass sie in der Regel sofort trinkbar sind &#8211; und sehr preisg\u00fcnstig. Auch Bio-Fans kommen dabei auf ihre Kosten, denn im hei\u00dfen, windigen Klima haben Sch\u00e4dlinge und Pilzerkrankungen kaum Chancen, weshalb auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oft verzichtet werden kann. In den folgenden Jahren wird es mehr als von allem Anderen von den Weinliebhabern abh\u00e4ngen, ob Sizilien auf der Qualit\u00e4tsleiter weiter aufsteigt: fragen sie die vielen au\u00dferhalb der Insel kaum bekannten autochthonen Reben verst\u00e4rkt nach, wird es sich f\u00fcr die dortigen Winzer lohnen, statt der hinl\u00e4nglich bekannten Massenweine auch mal unkonventionelle Aromen in die Flasche zu bringen. Perricone, Inzolia, Carricante und Corinto Nero stehen wie noch viele Dutzend weitere autochthone Sorten schon in den Startl\u00f6chern. Nicht mal auf Dessertweine muss man dabei verzichten: zum schweren Marsala gibt es mit diversen Muskatellern und Malvasiern feine Alternativen. Vinophile Genie\u00dfer sollten also am Ball bleiben: hier wartet ein unermesslicher Schatz darauf, endlich gehoben zu werden! Text: Dario Sellmeier<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sizilien: Ein Mosaik aus Kulturen, Geschm\u00e4ckern und Traditionen \u2013 Entdecken Sie das verborgene Weinparadies Italiens Ach, wie italienisch! Das mag man sich oft denken, wenn man durch Sizilien streift. Um dann einige Meter weiter wieder eines Besseren belehrt zu werden. Das soll Italien sein? Sieht eher aus wie Griechenland. Oder Nordafrika. 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