{"id":204054,"date":"2024-06-02T17:00:00","date_gmt":"2024-06-02T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=204054"},"modified":"2024-05-27T11:31:04","modified_gmt":"2024-05-27T09:31:04","slug":"das-weinland-u-s-a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/06\/das-weinland-u-s-a\/","title":{"rendered":"Das Weinland U.S.A."},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von Foxton zur Weltklasse: Die Erfolgsgeschichte des amerikanischen Weinbaus<\/h2>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Aufstieg! Innerhalb weniger Jahrzehnte pirschten sich die USA auf Platz 4 der Weltrangliste in Sachen Gesamtertrag. Und schafften es gleichzeitig auch noch, in der Breite von einfachen Land- auf hochwertige Qualit\u00e4tsweine umzusatteln. Das ist umso erstaunlicher, weil es anders als in den etablierten L\u00e4ndern der Alten Welt hier keine jahrtausendealte Tradition des Weinbaus gibt. Zwar existierten durchaus Wildreben in Nordamerika, von deren enorm gro\u00dfen Beeren bereits&nbsp;\u00fcberlieferte Texte der Wikinger berichten, die um das Jahr 1000 herum, von Island kommend, als erste Europ\u00e4er einen Fu\u00df&nbsp;auf den Kontinent setzten &#8211; und ihn deshalb sogar als&nbsp;\u201eVinland\u201c&nbsp;bezeichnet haben sollen. Doch der Wein, den die Kolonisten im 16. Jahrhundert daraus kelterten, erinnerte sie an den penetranten Geruch nassen Fuchsfells und erfreute sich keiner gro\u00dfen Beliebtheit &#8211; wer der als Foxton bezeichneten Geschmacksnote heute nachsp\u00fcren m\u00f6chte, kann ins&nbsp;\u00f6sterreichische Burgenland reisen, wo der sogenannte Uhudler aus importierten amerikanischen Urreben als lokale Spezialit\u00e4t gilt. Pflanzversuche europ\u00e4ischer Reben scheiterten etliche Male, entweder am ung\u00fcnstigen Klima oder an Krankheiten und Sch\u00e4dlingen, gegen die man damals noch kein Mittel wusste. Denn der Wein aus der alten Heimat hatte dem hiesigen zwar besseren Geschmack voraus, jedoch keine Resistenz gegen die gr\u00f6\u00dfte aller Plagen, die Reblaus, die&nbsp;\u00fcbrigens genau wie der Falsche und der Echte Mehltau urspr\u00fcnglich aus Amerika stammen und katastrophale Verw\u00fcstungen in Europa anrichteten, als man im 19. Jahrhundert auf die Idee kam, amerikanische Reben dorthin zu verschiffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"495\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/RodneysVineyard-01-forPrint.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204058\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/RodneysVineyard-01-forPrint.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/RodneysVineyard-01-forPrint-300x149.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/RodneysVineyard-01-forPrint-768x380.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Doch springen wir nochmal ein klein bisschen in der Zeit zur\u00fcck. M\u00e4\u00dfige Erfolge wie die Weing\u00e4rten der franz\u00f6sischst\u00e4mmigen Hugenotten in Florida konnten nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die wohlschmeckenden Sorten Europas keine Zukunft in&nbsp;\u00dcbersee zu haben schienen. Eine L\u00f6sung ergab sich schlie\u00dflich durch eine ausgekl\u00fcgelte Kombination aus Alter und Neuer Welt: man pfropfte Triebe europ\u00e4ischer Reben auf einheimische Wurzelst\u00f6cke! Diese Hybriden mit dem Namen&nbsp;\u201eAlexander\u201c&nbsp;erwiesen sich als ausreichend resistent, gleichzeitig aber auch als so wohlschmeckend, dass Weinbau in gro\u00dfem Ma\u00dfstab mit ihnen m\u00f6glich wurde &#8211; 1798 entstand auf dieser Grundlage in Kentucky der erste kommerziell betriebene Weinberg der USA. Auf die gleiche Weise bekam man&nbsp;\u00fcbrigens auch die Reblausplage in Europa wieder in den Griff &#8211; sowieso sind heutzutage bis auf ein paar wenige Ausnahmen an Orten, an denen sich der Sch\u00e4dling aufgrund der Bodenverh\u00e4ltnisse nicht weiterverbreiten konnte, weltweit alle Weinst\u00f6cke solche Hybridreben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Zeitpunkt dieser bahnbrechenden botanischen Entdeckung, noch vor dem B\u00fcrgerkrieg, war Ohio der wichtigste Bundesstaat f\u00fcr Weinbau &#8211; Kalifornien trat den Vereinigten Staaten erst 1850 bei, vorher geh\u00f6rte es zu Mexiko. Der Immobilienmogul Nicholas Longworth hatte bereits zu Beginn des Jahrhunderts im Tal des Ohio River, des&nbsp;\u201eRhine of America\u201c, erste Reben angepflanzt &#8211; den uns schon bekannten&nbsp;\u201eAlexander\u201c&nbsp;sowie die&nbsp;\u201eCatawba\u201c&nbsp;und die&nbsp;\u201eIsabella\u201c, ebenfalls Hybriden. In erster Linie waren es Schaumweine, die er daraus kelterte und die sich unter der mehrheitlich deutschen Bev\u00f6lkerung Cincinnatis gro\u00dfer Beliebtheit erfreuten: die Stadt wurde zeitweise zum bedeutendsten Umschlagpunkt f\u00fcr Rebensaft in den gesamten USA, zumal Longworth seine&nbsp;\u201eSparkling Wines\u201c&nbsp;bald auch nach Europa zu exportieren begann. Nat\u00fcrlich zog sein Erfolg schnell Nachahmer an, aber statt sie aus dem Gesch\u00e4ft dr\u00e4ngen zu wollen, offerierte er ihnen eine garantierte Abnahme ihres Lesegut samt anschlie\u00dfender Kelterung. Durch dieses quasi-genossenschaftliche Arbeiten entstand am Ohio River ein gigantisches Weinbaugebiet, das sich hunderte Kilometer lang Richtung Nordosten, bis weit&nbsp;\u00fcber das s\u00fcdliche Ufer des Eriesee hinaus zog. Wer die au\u00dferordentliche Wertsch\u00e4tzung erfahren will, die diesen Weinen damals zuteil wurde, dem sei Longfellows&nbsp;\u201eOde to Catawba Wine\u201c&nbsp;empfohlen, die&nbsp;\u00fcberdies einen sehr interessanten Einblick auch in das sonstige weinbauliche Geschehen der damaligen Zeit gibt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6784.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204059\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6784.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6784-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6784-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Recht angetan von diesen als&nbsp;\u201edulcet, delicious and dreamy\u201c&nbsp;gepriesenen Erzeugnissen zeigte sich auch der fr\u00fchere Pr\u00e4sident Thomas Jefferson &#8211; er verglich den&nbsp;\u201eCatawba\u201c&nbsp;glatt mit einem Chambertin. Er musste es ja wissen, war er doch einige Jahre Botschafter der jungen Vereinigten Staaten in Frankreich gewesen und hatte sich durch Reisen ins Burgund, die Champagne, das Bordelais, an die Rhone und auch nach Norditalien oder in den Rheingau und an die Mosel zum passionierten Weinliebhaber gemausert. Die Franzosen sch\u00e4tzten seine Expertise so sehr, dass man seine privaten Aufzeichnungen&nbsp;\u00fcber die G\u00fcte einzelner Bordeaux-Weing\u00fcter in die bis heute g\u00fcltige f\u00fcnfstufige Klassifizierung des Medoc miteinbezog. Obwohl er&nbsp;\u00f6ffentlich gern kundtat, wie viel Potential er im amerikanischen Weinbau sah, hortete er in seiner privaten Sammlung unz\u00e4hlige gro\u00dfe Namen aus Europa. Legend\u00e4r ist etwa sein Faible f\u00fcr Chateau d\u2019Yquem, dessen Erzeugnisse er gern an Freunde wie George Washington verschenkte. Seine Angewohnheit, f\u00fcr ihn bestimmte Flaschen mit den Initialen&nbsp;\u201eTh.J.\u201c&nbsp;markieren zu lassen, hat Auswirkungen bis in die heutige Zeit, denn ebenjene geh\u00f6ren zu den teuersten Auktionsweinen&nbsp;\u00fcberhaupt &#8211; auch wenn sie mittlerweile aufgrund von F\u00e4lschungsskandalen als unverk\u00e4uflich gelten. Ausgestattet mit einem enormen Erfahrungsschatz beschloss Jefferson w\u00e4hrend seines Ruhestandes schlie\u00dflich, auf seinem Landsitz Monticello in Virginia selbst als Winzer t\u00e4tig zu werden und setzte wichtige Impulse auf diesem ersten Weingut des Bundesstaates. Zwar galt er als ausgemachter Genussmensch, war aber letztlich auch beinharter Protestant und als solcher&nbsp;\u00fcberzeugt, dass Weinkonsum kein Selbstzweck sei, sondern einer gewissen Pr\u00e4misse folgen m\u00fcsse. Wein galt ihm als geradezu therapeutisches Getr\u00e4nk, das, wolle man es voll auskosten, die Tugend der M\u00e4\u00dfigung erfordere und damit der Vervollkommnung eines perfekten Christenmenschen diene. Als jemand, dem wohl bewusst war, welche Unmengen an Whiskey viele seiner Landsleute t\u00e4glich in sich hineinsch\u00fctteten, versuchte er, Wein im Namen der Volksgesundheit als zumindest etwas weniger sch\u00e4dliche Alternative zu etablieren &#8211; womit er jedoch kl\u00e4glich scheiterte, obwohl amerikanischer Wein zeitweise das einzige unbesteuerte alkoholische Getr\u00e4nk war. Gegen Bier und Schnaps vermochte er sich nicht durchzusetzen und ist bis zum heutigen Tage kein wirkliches Alltagsgetr\u00e4nk geworden, sondern besonderen Anl\u00e4ssen vorbehalten geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der US-Weinbau also deutlich weniger als der europ\u00e4ische unter der Reblaus-Katastrophe litt, kam der brutale Einschnitt einige Jahrzehnte sp\u00e4ter &#8211; und war dabei ganz und gar menschengemacht. Die Prohibition ab 1920 verbot nicht nur den Konsum von Alkohol, sondern schon deren kommerzielle Erzeugung, was den Winzern die Lebensgrundlage unter den F\u00fc\u00dfen wegriss: Weinberge wurden gerodet, ehemals prosperierende Betriebe verfielen, Nachwuchs wurde nicht mehr ausgebildet und Fachwissen ging verloren. Anders als beim Whiskey lohnte sich auch der Weg in die Illegalit\u00e4t nicht, zu auff\u00e4llig w\u00e4re ein Weiterbetrieb der Anbaufl\u00e4chen gewesen. Ein einziges Schlupfloch fanden clevere Winzer in der Herstellung von Messwein f\u00fcr das Abendmahl, der aufgrund der Religionsfreiheit weiterhin genutzt werden durfte. Diese Periode warf, obwohl sie selbst nur 13 Jahre dauerte, den amerikanischen Weinbau um viele Jahrzehnte zur\u00fcck &#8211; w\u00e4hrend man vorher eigentlich schon auf dem besten Weg an die internationale Spitze war, sollte es nach dem Ende der Prohibition 1933 noch einmal 50 Jahre brauchen, bis die Anerkennung in Europa zur\u00fcckkehrte. Denn direkt nach dem staatlich verordneten Alkoholbann schlug die Gro\u00dfe Depression ein, die wiederum in den Zweiten Weltkrieg&nbsp;\u00fcberging &#8211; kein besonders guter Hintergrund f\u00fcr betriebswirtschaftliche Experimente, sodass vom Anfang der 20er bis zum Ende der 40er in den USA kein einziges neues Weingut gegr\u00fcndet wurde. Wie schon zuvor schien man Inspiration von au\u00dfen zu brauchen, und so wandte man sich &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; nach Frankreich. Hier fand der Napa-Valley-Winzer Robert Mondavi die Inspiration f\u00fcr seinen&nbsp;\u201eFum\u00e9&nbsp;Blanc\u201c, einen im Barrique ausgebauten Sauvignon Blanc im Stil eines Pouilly Fum\u00e9&nbsp;von der Loire, und leitete damit ein neues Zeitalter im amerikanischen Weinbau ein. Schon kurz darauf konnte er sogar Philippe de Rothschild f\u00fcr sich gewinnen, Eigent\u00fcmer des weltber\u00fchmten Chateau Mouton-Rothschild, und entwickelte gemeinsam mit ihm die Idee, in Kalifornien einen bordeauxtypischen Rotwein zu erzeugen. Dieses Projekt fand seinen Ausdruck im&nbsp;\u201eOpus One\u201c, bis heute einer der am besten bewerteten amerikanischen Tropfen und damals der Ausl\u00f6ser eines regelrechten Booms, der die Bodenpreise in einschl\u00e4gigen kalifornischen Landstrichen explodieren lie\u00df&nbsp;und dem ber\u00fchmten Goldrausch anderthalb Jahrhunderte fr\u00fcher in nur wenig nachsteht.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6763.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204061\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6763.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6763-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aa2P4A6763-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die US-Rebenzucht in erster Linie mit Kalifornien assoziiert wird, das weit&nbsp;\u00fcber 80 Prozent der Gesamtreibfl\u00e4che beherbergt, und in zweiter vielleicht auch noch mit Oregon, New York und Washington, haben Weinreben mittlerweile in jedem einzelnen Bundesstaat eine Heimat gefunden, sogar in gl\u00fchend hei\u00dfen wie New Mexico oder frostigen wie Alaska. Der Gro\u00dfteil des amerikanischen Weinbaus spielt sich indes in vergleichbar gem\u00e4\u00dfigten Breiten wie den europ\u00e4ischen ab: das Burgund etwa liegt auf dem 48. Breitengrad und damit auf einer H\u00f6he mit Washington State, das Bordelais ist mit dem Staat New York auf einer Ebene und Kalifornien teilt sich den 38. Breitengrad mit Sizilien und dem zentralen Griechenland. Einen&nbsp;\u00dcberblick&nbsp;\u00fcber Klima- und Bodenverh\u00e4ltnisse zu geben, ist aufgrund der schieren Gr\u00f6\u00dfe der Vereinigten Staaten kaum m\u00f6glich &#8211; sollte man eine pr\u00e4gnante Zusammenfassung liefern, k\u00f6nnte man sagen, dass der Sonnenschein sich auf nahezu den gesamten Jahresverlauf verteilt und die Rebst\u00f6cke w\u00e4hrend der Vegetationsperiode auf Regen gr\u00f6\u00dftenteils verzichten m\u00fcssen. Allerdings lassen sich bei den Rebsorten klare Favoriten benennen &#8211; die meisten von ihnen stammen urspr\u00fcnglich aus Frankreich. Bei den Roten dominiert der Cabernet Sauvignon, bei den Wei\u00dfen der Chardonnay.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zu Anerkennung der beiden als jeweils einer der besten Vertreter ihrer Rebsorte weltweit begann im Mai 1976 in Paris. Damals veranstaltete der Weinh\u00e4ndler Steven Spurrier mit zehn weiteren renommierten Feinschmeckern eine Blindverkostung amerikanischer und franz\u00f6sischer Weine. Das Ergebnis kam einem Donnerschlag gleich: sowohl bei den Wei\u00dfweinen, Chardonnays aus dem Burgund gegen solche aus Kalifornien, als auch bei den Roten, Cabernet Sauvignons aus dem Bordeaux wiederum gegen kalifornische, hatten die USA die Nase vorn. Die Teilnehmer, zum allergr\u00f6\u00dften Teil selbst Franzosen, waren schlicht nicht in der Lage, ihre&nbsp;\u201eeigenen\u201c&nbsp;Weine, darunter von legend\u00e4ren G\u00fctern wie Haut-Brion oder Montrose, von den&nbsp;\u00fcberseeischen zu unterscheiden und gaben teils abenteuerliche Statements ab, die in ihrer Einsch\u00e4tzung der individuellen Qualit\u00e4t zwar fachlich absolut korrekt waren, aufgrund von Vorurteilen allerdings zu v\u00f6llig falschen Schl\u00fcssen gelangten. Frankreich als bisher unangefochtener Nabel der Weinwelt war d\u00fcpiert, auch wenn die franz\u00f6sische Presse die Ergebnisse herunterzuspielen versuchte. Veranstalter Spurrier wurde mit Hassbriefen&nbsp;\u00fcbersch\u00fcttet, durfte dar\u00fcber hinaus ein Jahr lang nicht an Spitzenweinproben teilnehmen. Einige der Juroren sprachen aus Scham, die Ehre der franz\u00f6sischen Weinwelt beschmutzt zu haben, niemals&nbsp;\u00f6ffentlich&nbsp;\u00fcber jenen Tag. Nat\u00fcrlich kamen schnell Forderungen nach einer Wiederholung mit anderen Teilnehmern auf, doch sowohl die schon kurz darauf stattfindende als auch die zum 10. Jahrestag best\u00e4tigten das Ergebnis nicht nur, sondern betonten die geschmackliche F\u00fchrerschaft der amerikanischen Weine sogar noch eindeutiger. Und selbst anl\u00e4sslich des 30. Jubil\u00e4ums 2006&nbsp;\u00e4nderte sich nichts: die kalifornischen Rotweine belegten die ersten f\u00fcnf Pl\u00e4tze und verwiesen die Annahme des unschlagbaren Alterungspotentials der franz\u00f6sischen Tropfen ins Reich der Mythen.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Force-Majeure-Vineyard-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204062\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Force-Majeure-Vineyard-3.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Force-Majeure-Vineyard-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Force-Majeure-Vineyard-3-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Reifung im Eichenfass hatten die Amerikaner eben in Windeseile adaptiert und auf ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse zugeschnitten. Der aus dieser Lagerung resultierende, holzige bis w\u00fcrzig-pfeffrige Geschmack mit Toast- und Vanillearomen ist darum auch die eine m\u00f6gliche Auspr\u00e4gung amerikanischer Weine, die andere ist eine ausgesprochen fruchtbetonte &#8211; kein Wunder, wenn die Trauben zum gro\u00dfen Teil aus Regionen stammen, in denen auch Zitrusfr\u00fcchte und Avocados angebaut werden. Manche w\u00fcrden auf den Begriff&nbsp;\u201efett\u201c&nbsp;zur\u00fcckgreifen, und selbst wenn das der Komplexit\u00e4t der Ami-Tropfen mit Sicherheit nicht gerecht wird, sind diese in Sachen K\u00f6rper und geschmacklicher Intensit\u00e4t eher nichts f\u00fcr&nbsp;\u00fcberzeugte Kabinett-Trinker. Aufgrund der verbreiteten recht sp\u00e4ten Lese bewegt sich auch der Alkoholgehalt eher im oberen Bereich, 14 bis 15 Volumenprozent sind durchaus an der Tagesordnung.&nbsp;Dennoch kommt man in Zukunft um eine gewisse Anpassung an aktuelle Trends wohl kaum herum: die Nachfrage nach alkoholstarken Weinen befindet sich im Sinkflug,&nbsp;von Konsumenten gefordert werden&nbsp;hingegen zunehmend leichtere&nbsp;Easy-Drinking- und zur\u00fcckhaltendere Cool-Climate-Weine. Daf\u00fcr stehen Cabernet Sauvignon und Chardonnay nicht unbedingt, aber es gibt ja gl\u00fccklicherweise noch zahlreiche andere Reben: so erfreuen sich auf roter Seite auch Merlot, Syrah, Grenache, Pinot Noir und Zinfandel gro\u00dfer Beliebtheit, auf wei\u00dfer Seite Colombard, Sauvignon Blanc und der Riesling, der sich gut f\u00fcr den Anbau in k\u00fchleren Regionen eignet und ebenso wie der Pinot Noir ein deutlich frischeres und filigraneres Gegengewicht zu bilden vermag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Exportanteil amerikanischer Weine ist mit zehn Prozent au\u00dferordentlich gering, was kein Wunder ist, denn die USA sind beim Weinkonsum mit 34 Millionen Hektolitern pro Jahr weltweit f\u00fchrend &#8211; das sind noch einmal fast zehn Millionen Liter mehr als die eigene Gesamtproduktion und wahrscheinlich ein Zeichen daf\u00fcr, dass die Anbaufl\u00e4che in den n\u00e4chsten Jahren weiter zunehmen wird.&nbsp;Der enorme Gesamtkonsum sollte&nbsp;jedoch&nbsp;in Relation zur Einwohnerzahl&nbsp;gesetzt werden: tut man das, ergibt sich f\u00fcr jeden Amerikaner ein j\u00e4hrlicher Verbrauch von etwas mehr als 12 Litern &#8211; womit das Land nicht nur weit hinter klassischen Weinbaunationen wie Portugal, Frankreich und Italien zur\u00fcckbleibt, sondern sogar hinter L\u00e4ndern wie Belgien und Schweden. Das kann durchaus als Nachwirkung der Prohibition gedeutet werden, denn&nbsp;\u00f6ffentlicher Alkoholkonsum ist noch immer verp\u00f6nt, in manchen Countys der Verkauf gar weiterhin verboten. Obwohl die Amerikaner in Bezug auf Alkohol allgemein also nach wie vor recht restriktiv sind, gibt es f\u00fcr den Weinbau kaum Regeln. Weder werden Qualit\u00e4tsstufen differenziert noch existiert ein Lagensystem, das besonders beg\u00fcnstigte Anbaufl\u00e4chen kenntlich machen w\u00fcrde. Auch die Ertragsregulierung&nbsp;\u00fcberl\u00e4sst der Staat komplett dem Winzer. All das klingt zun\u00e4chst einmal nachteilig f\u00fcr den Kunden, der es in der Tat als Neuling nicht so leicht hat, sich auf dem US-Weinmarkt zurechtzufinden und edle Tropfen von sogenannten&nbsp;\u201ejug wines\u201c, also Schoppenweinen, zu unterscheiden. Nur einige wenige American Viticultural Areas, kurz AVAs, sind auch in Europa bekannt &#8211; zumeist kalifornische wie etwa das Napa Valley oder Sonoma, w\u00e4hrend man von der seit 1980 bestehenden Mutter aller AVAs, Augusta in Missouri, kaum schon einmal geh\u00f6rt haben d\u00fcrfte. Dennoch f\u00e4hrt man mit dieser Art und Weise, Appellationen auszuweisen, recht gut: ihre Anzahl steigt stetig und liegt mittlerweile bei etwa 270, gut zwei Drittel davon in Kalifornien. Die jeweilige Gr\u00f6\u00dfe reicht dabei von gerade einmal zwei Dutzend bis zu fast sieben Millionen Hektar, und h\u00e4ufig gibt es zwischen ihnen&nbsp;\u00dcberschneidungen oder eine AVA ist vollst\u00e4ndig Teil einer gr\u00f6\u00dferen, die dann wiederum zu einer gr\u00f6\u00dferen geh\u00f6rt. Was auf etablierte Weinbaunationen etwas wurschtig wirkt, hat in Wahrheit aber nicht wirklich etwas mit Selfmade zu tun, sondern wird knallhart von Washington aus gesteuert: die gef\u00fcrchtete ATF ist zust\u00e4ndig, eine nicht etwa dem Landwirtschafts-, sondern dem Justizministerium unterstehende Bundespolizeibeh\u00f6rde, in deren Zust\u00e4ndigkeit neben Alkohol auch noch Tabakwaren, Schusswaffen und Sprengstoffe liegen. Amerika eben.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aaThe-Offering-2023-48.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204063\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aaThe-Offering-2023-48.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aaThe-Offering-2023-48-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/aaThe-Offering-2023-48-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>In den Weinbergen selbst bleiben die Winzer aber wie gesagt von staatlichen Vorgaben nahezu g\u00e4nzlich unbehelligt. Und diese mangelnde Regulierung bietet einige Vorteile: au\u00dfer den bereits erw\u00e4hnten gibt es auch keinerlei Restriktionen in Bezug auf die Rebsorten, als Winzer kann man schlicht anbauen, was man m\u00f6chte. So fanden auch Reben, von denen man es kaum erwartet h\u00e4tte, in den Staaten eine neue Heimat, etwa der Gew\u00fcrztraminer, der Gr\u00fcne Veltliner oder der Elbling &#8211; insgesamt sind&nbsp;mittlerweile&nbsp;\u00fcber 100 urspr\u00fcnglich europ\u00e4ische Trauben&nbsp;\u201eeingeb\u00fcrgert\u201c. Streng reguliert hingegen ist in den meisten Staaten nach wie vor der Verkauf: meist m\u00fcssen Erzeuger, Gro\u00dfh\u00e4ndler und Einzelh\u00e4ndler voneinander getrennt sein &#8211; das sogenannte three tier system -, sodass eine Direktvermarktung durch den Winzer eher un\u00fcblich ist. Das sorgt neben anderen Faktoren daf\u00fcr, dass amerikanischer Wein im Schnitt nicht allzu g\u00fcnstig ist &#8211; nicht im Inland und erst recht nicht als Exportware. Gerade Spitzenerzeugnisse oder rare Garagenweine schlagen gern mit einigen hundert Euro zu Buche und nach oben ist die Skala faktisch offen &#8211; teilweise werden ab Hof mittlere vierstellige Summen aufgerufen, was sich meist nicht mal die renommierten G\u00fcter aus Burgund und Bordelais trauen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Preise: die werden h\u00e4ufig von Amerikanern gemacht. Nicht nur f\u00fcr amerikanische Weine selbst, das ist ja klar, sondern auch f\u00fcr europ\u00e4ische. Ohne die Urteile von James Suckling, Antonio Galloni, David Schildknecht oder James Laube kommt kaum eine Fachpublikation aus. Der ber\u00fcchtigtste Name aber ist zweifellos Robert Parker. Obwohl eigentlich gelernter Jurist, eignete er sich nach und nach alles n\u00f6tige Fachwissen an und verschrieb sich ab Mitte der 70er Jahre dem Weinjournalismus, der bis dahin als von Briten dominiert galt. Seine Zielsetzung war dabei durchaus ehrenwert: Stimme der Verbraucher wollte er sein, die ohne eigene kommerzielle Interessen und unabh\u00e4ngig von Winzern und H\u00e4ndlern Empfehlungen aussprach &#8211; damals ein ebensolches Novum wie seine Blindverkostungen. Mit seinem Ger\u00fcchten zufolge auf eine Million Dollar versicherten Geruchsverm\u00f6gen und Schule machender 100-Punkte-Skala legte er in bester amerikanischer Manier ein kapitalistisches Gitternetz&nbsp;\u00fcber den Weinmarkt. Mittlerweile kommt kaum ein US-Winzer in der Vermarktung ohne Nennung der in bares Geld&nbsp;\u00fcbersetzbaren Parker-Punkte aus, und auch in der Alten Welt schreibt man diese gern dazu. Ironischerweise ist es somit nun ein Amerikaner, der ebenjenen franz\u00f6sischen Weing\u00fctern die Preise diktiert, die vor nicht allzu langer Zeit nichts von den USA wissen wollten und allenfalls mit feinem Spott&nbsp;\u00fcber den Gro\u00dfen Teich blickten. Bei einer solchen Machtf\u00fclle lassen kritische Stimmen nat\u00fcrlich nicht lang auf sich warten: Parker erhebe seinen pers\u00f6nlichen, sehr auf die marmeladig-molligen kalifornischen Weine fokussierten Geschmack zum universellen Anspruch. Sein britischer Kollege Hugh Johnson bezeichnete ihn in einer Mischung aus Anerkennung und Abneigung gar als&nbsp;\u201edictator of taste\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch immer man selbst zu diesen Weinen stehen mag: gut ist es allemal, dass nicht nur im Sunshine State feine Tropfen erzeugt werden, sondern auch in interessanten Regionen wie den traditionsreichen Finger Lakes in New York oder am Columbia River in Washington, wo nicht&nbsp;\u201ebig and bold\u201c&nbsp;im Vordergrund steht, sondern ordentlich S\u00e4ure im Spiel ist und Terroirtrinker wie Geschmacksextremisten durchaus auf ihre Kosten kommen. Auch wenn das sprichw\u00f6rtliche&nbsp;\u201eLand der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten\u201c&nbsp;heutzutage in vielen Bereichen des amerikanischen Lebens nicht mehr als solches empfunden werden mag: in Sachen Weinbau sind die Vereinigten Staaten nach wie vor genau das!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Foxton zur Weltklasse: Die Erfolgsgeschichte des amerikanischen Weinbaus Was f\u00fcr ein Aufstieg! Innerhalb weniger Jahrzehnte pirschten sich die USA auf Platz 4 der Weltrangliste in Sachen Gesamtertrag. Und schafften es gleichzeitig auch noch, in der Breite von einfachen Land- auf hochwertige Qualit\u00e4tsweine umzusatteln. 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