{"id":204692,"date":"2024-07-19T17:00:00","date_gmt":"2024-07-19T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=204692"},"modified":"2024-07-19T18:01:23","modified_gmt":"2024-07-19T16:01:23","slug":"das-weinland-australien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/07\/das-weinland-australien\/","title":{"rendered":"Das Weinland Australien"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vom Str\u00e4flingswein zur Spitzenklasse: Australiens einzigartige Weinbaugeschichte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"s3\"><br class=\"Apple-interchange-newline\" \/>Strafgefangene und Alkohol zusammenzubringen, ist eigentlich keine gute Idee, sollte man meinen. Und doch ist es streng genommen genau das, was in Australien geschehen ist. Denn der Weinbau dort setzt ein, als der Kontinent noch eine Str\u00e4flingskolonie des Vereinigten K\u00f6nigreiches ist. Nun k\u00f6nnte man auch argumentieren, es sei ja etwas Gutes, wenn H\u00e4ftlinge sich in der Landwirtschaft einbringen, dann kommen sie nicht auf dumme Gedanken. Und tats\u00e4chlich scheinen die M\u00e4nner ihren Job gar nicht schlecht gemacht zu haben &#8211; zumal in der K\u00fcrze der Zeit, denn w\u00e4hrend Weinbau auf der S\u00fcdhalbkugel etwa in den L\u00e4ndern S\u00fcdamerikas schon seit dem 16. Jahrhundert betrieben wurde, dauerte es in Down Under deutlich l\u00e4nger: man schreibt das Jahr 1788, als&nbsp;die ersten Reben&nbsp;im Garten des neuen Gouverneurs&nbsp;gepflanzt&nbsp;werden.&nbsp;Viel fr\u00fcher w\u00e4re das auch nicht m\u00f6glich gewesen, denn erst 1770 entdeckte James Cook mit dem Einlaufen seiner&nbsp;\u201eEndeavour\u201c&nbsp;in der Botany Bay die riesige Landmasse offiziell. Ger\u00fcchte um einen legend\u00e4ren S\u00fcdkontinent jenseits des 40. Breitengrades hatte es schon seit der Antike gegeben, und tats\u00e4chlich war die australische K\u00fcste lange vor Cook schon von Seefahrern aus Portugal und den Niederlanden gesichtet und kartografiert worden. Allerdings hielt sich das Interesse sowohl an einer tiefergehenden Erforschung als auch an einer Inbesitznahme in Grenzen: die w\u00fcsten\u00e4hnliche Trockenheit verhie\u00df&nbsp;nichts Gutes im Hinblick auf landwirtschaftliches Potential und auch die Ureinwohner wirkten auf die Besatzungen nicht so, als k\u00f6nnte man in irgendwelche vorteilhaften Gesch\u00e4ftsbeziehungen mit ihnen treten. Nun, so zimperlich waren die Briten nicht, die bekannterweise so ziemlich jeden Landstrich kolonisierten, der ihnen vor das Fernrohr kam &#8211; 18 Jahre nach Cooks Besuch landete also die sogenannte First Fleet nach einer siebeneinhalbmonatigen Odyssee in der Botany Bay. Die recht zwielichtige Reisegruppe bestand aus 550 Mann regul\u00e4rer Besatzung, die 750 Strafgefangene im Schlepptau hatten &#8211; und zusammen gr\u00fcndete man die erste Siedlung, die heutige Metropole Sydney.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Wer vorhin gut aufgepasst hat, dem mag aufgefallen sein, dass die ersten Reben bereits im Jahr der Ankunft gepflanzt worden waren. Konnten die Siedler den Genuss frischen Weines also gar nicht erwarten? Naja, der Grund daf\u00fcr liegt wahrscheinlich eher woanders. Denn als raue Gesellen, die sowohl die H\u00e4ftlinge als auch die Matrosen waren, verlangten die neuen Bewohner wohl eher nach etwas St\u00e4rkerem, namentlich nach Rum, der auf der Hinreise in Brasilien noch in gro\u00dfen Mengen an Bord geschafft worden war. F\u00fcr Wein interessierte man sich, von den wenigen Offizieren und h\u00f6heren Beamten mal abgesehen, die einen etwas feineren Gaumen hatten, wohl in erster Linie aus wissenschaftlichen Gr\u00fcnden &#8211; man wollte herausfinden, was im ungewohnten Klima denn&nbsp;\u00fcberhaupt zu wachsen imstande war. Und im besten Falle in ein paar Jahren nach London melden k\u00f6nnen, dass fortan Lieferungen vorz\u00fcglichsten Rebensaftes aus der Neuen in die Alte Welt erwartet werden d\u00fcrften. Von englischen Feinschmeckern goutierte Getr\u00e4nke waren zur damaligen Zeit vor allem Lik\u00f6rweine &#8211; diese hatten den Vorteil, durch die Aufspritung&nbsp;\u00fcberhaupt&nbsp;\u00fcber l\u00e4ngere Distanzen transportiert werden zu k\u00f6nnen, ohne zu verderben. Aus diesem Grund waren auch die in den ersten Jahrzehnten erzeugten Weine vornehmlich s\u00fc\u00dfe, alkoholreiche Tropfen im Stil eines Sherrys.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"652\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/the-old-crusher-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204950\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/the-old-crusher-Kopie.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/the-old-crusher-Kopie-300x196.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/the-old-crusher-Kopie-768x501.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Das englische Mutterland war hellauf begeistert von den neuen M\u00f6glichkeiten, die Australien er\u00f6ffnete. War man nach der Unabh\u00e4ngigkeit der nordamerikanischen Kolonien im Jahr 1776 zun\u00e4chst etwas ratlos gewesen, wohin man all die Verurteilten k\u00fcnftig bringen sollte, hatte man pl\u00f6tzlich wieder eine Art gigantischer Abstellkammer, in die sich alles verbannen lie\u00df, was zuhause irgendwie st\u00f6rte. Das waren keineswegs nur brutale Meuchelm\u00f6rder, sondern zumeist eher Kleinkriminelle, Prostituierte oder einfach nur Arme, Obdachlose oder sonstige Menschen aus den untersten Gesellschaftsschichten, die aus Sicht der politisch Verantwortlichen die britischen St\u00e4dte zu&nbsp;\u00fcberfluten drohten. Die Bev\u00f6lkerungszahl wuchs also stetig an. Zudem kamen viele H\u00e4ftlinge irgendwann frei und beschlossen daraufhin, sich niederzulassen und Familien zu gr\u00fcnden &#8211; Platz war ja genug vorhanden. Bei der Suche nach geeignetem Farmland stellte man schnell fest, dass das australische Klima keineswegs&nbsp;\u00fcberall so gl\u00fchend hei\u00df&nbsp;ist wie in New South Wales im Westen des Kontinents. Pr\u00e4sentierte sich der Norden noch ganz&nbsp;\u00e4hnlich, stellte man schnell fest, dass es im S\u00fcden deutlich k\u00fchler ist &#8211; eine klimatische Vielfalt, die neben den Ex-Gefangenen auch viele Gl\u00fccksritter anzog, f\u00fcr die das&nbsp;\u201eeng\u201c&nbsp;in England zum buchst\u00e4blichen Hindernis geworden war und die sich stattdessen am anderen Ende der Welt richtig austoben wollten. Zu ihnen geh\u00f6rte etwa James Busby, ein geb\u00fcrtiger Schotte, von dem man eigentlich annehmen sollte, dass er noch weniger praktischen Bezug zum Winzerhandwerk habe als seine weiter s\u00fcdlich lebenden Landsleute. Doch weit gefehlt &#8211; Busby hatte in Frankreich Weinbau studiert und konnte sich so auf fachm\u00e4nnische Expertise st\u00fctzen, als er Down Under ein gewaltiges Potenzial in dieser Hinsicht attestierte. Um seine Zuversicht praktisch zu untermauern, brachte er im Jahr 1833 hunderte Setzlinge europ\u00e4ischer Sorten ins Land. Damit erweiterte er den Kanon der Rebsorten in Australien enorm. Denn genauso wie die europ\u00e4ischen Einwanderer sind auch die Reben, die hier angepflanzt wurden und werden, samt und sonders Ausl\u00e4nder. Anders als etwa in Nordamerika fanden sich in Australien n\u00e4mlich keine heimischen Wildreben, die von den Kolonisten h\u00e4tten kultiviert werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Besonders eine von Busby eingef\u00fchrte Sorte sollte sich als pr\u00e4gend erweisen, und zwar bis zum heutigen Tag. Die Rede ist vom Shiraz, in seiner franz\u00f6sischen Heimat als Syrah bekannt. Die sp\u00e4treifende Traube ben\u00f6tigt hei\u00dfes und trockenes Klima und f\u00fchlt sich deshalb sowohl im Rhonetal als auch in Australien sehr wohl. Dennoch unterscheiden sich die Erzeugnisse beider L\u00e4nder insbesondere geschmacklich recht stark: denn w\u00e4hrend in Frankreich schon seit ewiger Zeit recht strikte Gr\u00fcnlese betrieben wurde, um der von Natur aus ertragreichen Sorte eine gewisse Finesse zu erhalten, lie\u00df&nbsp;man in Australien lange einfach wachsen. In Kombination mit der Neigung des Shiraz, bei massiver Sonnenstrahlung schnell vom vollreifen in den&nbsp;\u00fcberreifen Bereich abzudriften, entstanden so&nbsp;\u00fcber viele Jahrzehnte Tropfen, die wenig mit der Feinheit eines&nbsp;C\u00f4te-R\u00f4tieoder Hermitage gemein hatten, sondern fett und sehr alkoholisch waren, dabei kaum noch S\u00e4ure aufwiesen und allgemein geschmacklich mehr an Beerenkompott erinnerten als an Wein.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"611\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/dowie_doole_mclaren_vale_australien_6-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204951\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/dowie_doole_mclaren_vale_australien_6-Kopie.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/dowie_doole_mclaren_vale_australien_6-Kopie-300x183.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/dowie_doole_mclaren_vale_australien_6-Kopie-768x469.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Harvesting at Rock Paddock Dowie Doole, McLaren Vale<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"s3\">Diese Machart war jedoch weniger in den fehlenden F\u00e4higkeiten der Winzer begr\u00fcndet, sondern allgemein so gew\u00fcnscht. Zum einen kam sie der Pr\u00e4ferenz der Engl\u00e4nder f\u00fcr schwere, lik\u00f6rartige Weine entgegen. Dadurch, dass die Produzenten von Madeira, Port und Sherry pl\u00f6tzlich in gigantische geografische Ferne ger\u00fcckt waren, sch\u00e4tzte man sich gl\u00fccklich, einigerma\u00dfen&nbsp;\u00e4hnliche Alkoholika jetzt quasi im eigenen Garten erzeugen zu k\u00f6nnen &#8211; die man&nbsp;\u00fcbrigens bis zu einem Abkommen mit der EU in den 1990er Jahren auch konsequent so benannte wie die europ\u00e4ischen Originale. Zum anderen hielt sich aber auch lange Zeit der inbr\u00fcnstige Glaube an eine heilende Wirkung dieser Weine: egal ob Erk\u00e4ltung, Rheuma oder Zahnweh, ein Schl\u00fcckchen Rotwein w\u00fcrde da schon kurieren. Viele Weing\u00fcter wie etwa Lindeman\u2019s wurden in der Tat von praktizierenden&nbsp;\u00c4rzten gegr\u00fcndet &#8211; ob diese nun wirklich den Gedanken von Wein als Tonikum unterst\u00fctzten oder es sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter als recht lukrativ erwies, neben der Diagnose auch direkt das passende Medikament mit auf die Rechnung setzen zu k\u00f6nnen, sei mal dahingestellt. Ironischerweise war es mit Penfolds ein Winzer, der diesen&nbsp;\u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdigen medizinischen Nutzen jahrzehntelang selbst angepriesen hatte, bevor er ab den 1950er Jahren zum Motor einer rapiden Qualit\u00e4tssteigerung werden sollte. Fr\u00fchestens ab dieser Zeit l\u00e4sst sich n\u00e4mlich in Australien&nbsp;\u00fcberhaupt von Qualit\u00e4tsweinbau sprechen, und bis ein mitleidiges Bel\u00e4cheltwerden einer tats\u00e4chlichen internationalen Anerkennung wich, sollte es noch deutlich l\u00e4nger dauern. Ein echter Meilenstein auf diesem Weg war der von Kellermeister Max Schubert kreierte Grange Hermitage. Schon seit 1945 hatte er mit Shiraz herumexperimentiert, 1952 dann war er sich sicher, etwas aus diesen Breitengraden bisher v\u00f6llig Unbekanntes erschaffen zu haben. Das war in der Tat so, denn f\u00fcr den tiefdunklen Tropfen mit seinem kleinen Cabernet-Anteil fanden sich zun\u00e4chst kaum Abnehmer. Australia goes Bordeaux? Daf\u00fcr war die Welt noch nicht bereit. Viele Jahre und etliche kleinere Modifizierungen sollten n\u00f6tig sein, bevor die gro\u00dfen Weinkritiker auf den Grange aufmerksam wurden &#8211; dann aber schlug er ein wie eine Granate, wurde reihenweise mit 100 Punkten bewertet und gar zum besten Wein der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re gek\u00fcrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Das Weingut Penfolds liegt im wohl bekanntesten Anbaugebiet des Kontinents, dem Barossa Valley in South Australia, etwa eine Autostunde von der Stadt Adelaide entfernt. Neben Einwanderern aus England waren es vor allem Deutsche, die sich hier niederlie\u00dfen. Als Lutheraner, die sich nicht den preu\u00dfischen Tendenzen einer Unionskirche unterwerfen wollten, war Australien f\u00fcr sie eine M\u00f6glichkeit auf ein Leben in religi\u00f6ser Freiheit gewesen. Viele der kleinen D\u00f6rfer bergen darum nicht nur ein architektonisches deutsches Erbe, sondern trugen auch ebensolche Namen wie Bethanien, Gnadenfrei oder Hoffnungsthal, bis sie im Zuge des Ersten Weltkrieges umbenannt wurden. Auch wenn sich auf der Landkarte so kaum noch Spuren der deutschen Vergangenheit finden lassen &#8211; in Sachen Weinbau kommt man hier kaum an deutschen Einfl\u00fcssen vorbei. W\u00e4hrend Namen wie Peter Lehmann und Wolf Blass noch heute in aller Munde sind, hat sich um die wirklichen Patriarchen des australischen Weinbaus wie den Schlesier Ernst Seppelt, immerhin Gr\u00fcnder der heute gr\u00f6\u00dften Kellerei des gesamten Landes, inzwischen ein Schleier des Vergessens gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">So bekannt f\u00fcr seine Spitzenerzeugnisse das Barossa Valley auch ist, rein deklaratorisch unterscheidet nichts das 10 000 Hektar gro\u00dfe Tal von jedem anderen, in dem Weinbau betrieben wird. Ein System h\u00f6her- und niedrigerwertiger Lagen nach franz\u00f6sischem Vorbild kennt man in Australien mit seiner extrem liberalen Weingesetzgebung nicht. Man unterscheidet lediglich zwischen sechs Gro\u00dfzonen, die mit den australischen Bundesstaaten einigerma\u00dfen identisch sind, und, auf einer kleinteigigeren Ebene, nochmal zwischen Geographic Indication, kurz GI genannten Herkunftsbezeichnungen. Bevor eine solche staatlicherseits gew\u00e4hrt wird, m\u00fcssen jedoch mindestens 500 Tonnen Jahresertrag nachgewiesen werden &#8211; eine Regelung, die leider versinnbildlicht, dass man an vielen Stellen noch immer mehr auf Masse als auf Klasse setzt. W\u00e4hrend jedoch zum Beispiel im riesigen Queensland im Nordosten so gut wie gar kein Wein angebaut wird, hat sich ein anderer Teil Australiens trotz seiner vergleichsweise geringen Gr\u00f6\u00dfe zu einem der interessantesten Anbaugebiete gemausert: die direkt s\u00fcdlich von Melbourne gelegene Insel Tasmanien. Obwohl der Anteil an der australischen Gesamtlese nur sehr gering ist, spielt die Landmasse von der Gr\u00f6\u00dfe Irlands eine historisch bedeutsame Rolle: hier wurde ab Anfang der 1820er Jahre der erste kommerzielle Weinberg des Kontinents bewirtschaftet. Tasmanien ist Cool Climate &#8211; die mildernden Einfl\u00fcsse des umgebenden Pazifiks sind stets pr\u00e4sent. Obwohl breitengradtechnisch mit Rom vergleichbar, sorgt das ozeanische Klima und die gar nicht mehr allzu weit entfernte Antarktis daf\u00fcr, dass man sich hier in einem der k\u00e4ltesten Weinbaugebiete der Welt befindet und eher in die Champagne versetzt f\u00fchlt. Wie dort ist&nbsp;tats\u00e4chlich&nbsp;nach der&nbsp;M\u00e9thode Traditionnelle&nbsp;hergestellter Schaumwein eines der hiesigen Aush\u00e4ngeschilder &#8211; die daf\u00fcr n\u00f6tige S\u00e4ure bleibt durch das langsame und gleichm\u00e4\u00dfige Traubenwachstum anders als auf dem Festland perfekt erhalten. Den w\u00e4rmeliebenden Shiraz findet man hier hingegen kaum.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"664\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/kalleske_denver_and_bear_in_the_vineyard-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204952\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/kalleske_denver_and_bear_in_the_vineyard-Kopie.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/kalleske_denver_and_bear_in_the_vineyard-Kopie-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/kalleske_denver_and_bear_in_the_vineyard-Kopie-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Wie dieser, der&nbsp;\u00fcbrigens zunehmend zu seiner Alte-Welt-Bezeichnung Syrah zur\u00fcckkehrt, wenn das Klima eine ausreichende&nbsp;\u00c4hnlichkeit zul\u00e4sst, sind auch alle anderen bedeutenden Rebsorten Australiens urspr\u00fcnglich franz\u00f6sischer Herkunft: auf der roten Seite vor allem Cabernet Sauvignon und Merlot, auf der wei\u00dfen Chardonnay und Sauvignon Blanc. Das Verh\u00e4ltnis zwischen beiden ist gar nicht so rotweinlastig, wie man in einer sehr warmen Weinbaunation annehmen k\u00f6nnte, sondern mit 55 Prozent rot zu 45 Prozent wei\u00df&nbsp;nahezu ausgeglichen. Ein betr\u00e4chtlicher Anteil davon wird ins Ausland exportiert, ja muss sogar exportiert werden, denn mit ihrem Pro-Kopf-Konsum von etwa 26 Litern k\u00f6nnten die Australier die gigantischen Mengen, die das Land zum sechstgr\u00f6\u00dften Weinproduzenten der Welt machen, kaum selbst vertrinken. Wichtigster Abnehmer sind schon seit langer Zeit die Vereinigten Staaten, die ebenso wie die Australier ein Faible f\u00fcr sehr extraktreiche Tropfen haben. In Europa hingegen ist der Absatz keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit: zwar sind die Preise des oft nicht einmal in Flaschen, sondern in f\u00fcnf oder noch mehr Liter fassende Bags-in-Boxes abgef\u00fcllten Weines &#8211; den&nbsp;\u201egoons\u201c&nbsp;&#8211; unschlagbar, aber den sich&nbsp;\u00e4ndernden geschmacklichen Pr\u00e4ferenzen entsprach der althergebrachte Stil irgendwann einfach nicht mehr. Konnte man dar\u00fcber zun\u00e4chst hinwegsehen und sich in Asien neue M\u00e4rkte erschlie\u00dfen, begannen sich viele Winzer sp\u00e4testens ab dem Zeitpunkt Gedanken zu machen, als selbst die Einheimischen vermehrt zu leichteren, verspielteren Weinen aus dem nahen Neuseeland griffen. Nun stand endg\u00fcltig fest: es musste eine Alternative gefunden werden zu den sehr k\u00f6rperreichen und holzbetonten Tropfen. Schnell zeigte sich, dass dieses Ziel mit den etablierten Rebsorten allein kaum zu erreichen sein w\u00fcrde &#8211; am ehesten vielleicht noch mit dem Sauvignon Blanc, aber ansonsten brauchte die Weinwelt in Down Under frischen Wind. Der wehte zun\u00e4chst die Burgunderrebsorten ins Land, allen voran den Pinot Noir. Ihn bei der Eingew\u00f6hnung ins australische Klima zu unterst\u00fctzen war durchaus keine Angelegenheit, die man mal locker neben dem Tagesgesch\u00e4ft verrichtet. Im Gegenteil: die sehr anspruchsvolle Traube verlangte Winzern, die sich mutig genug f\u00fcr ihren Anbau gezeigt hatten, in Sachen Bodenverh\u00e4ltnisse und Pflege alles ab. Daf\u00fcr schenkte sie dem australischen Weinbau jedoch auch etwas, das diesem vorher nahezu v\u00f6llig unbekannt gewesen war: den Terroir-Gedanken. Australische Weine waren n\u00e4mlich bisher nicht im Weinberg entstanden, wie es insbesondere die Franzosen seit Jahrhunderten propagieren, sondern im Keller &#8211; sie waren&nbsp;\u201egemachte\u201c&nbsp;und keine&nbsp;\u201egewachsenen\u201c&nbsp;Weine. Nun, mit dem Pinot Noir&nbsp;\u00e4nderte sich das radikal &#8211; pl\u00f6tzlich konnte man schmecken, wo ein Wein seine Wurzeln hatte. Auch wenn viele Winzer dem etablierten Stil bis heute treu geblieben sind, hatten einige Blut geleckt: welche Trauben b\u00f6ten sich f\u00fcr frische, filigrane Weine noch an? Es konnte nicht lange dauern, bevor irgendjemandem der Geistesblitz kam: Riesling! Auch diese waren mit ihrer Pr\u00e4zision meilenweit entfernt von den sehr buttrigen Chardonnays und sorgten ab den 2000ern daf\u00fcr, dass sich die australische Weinwelt einmal mehr neu erfand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Dass innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit eine solche Kurskorrektur stattfand, lag auch am Druck aus der Gastronomie. Klar, die auch heute noch omnipr\u00e4sente Barbecue-Kultur ist mit den bleischweren, leicht s\u00fc\u00dflich wirkenden Shiraz nach wie vor gut bedient. Die besseren Restaurants in den Metropolen hatten sich jedoch langsam, aber sicher von der schwer im Magen liegenden britischen Kolonialk\u00fcche mit viel Fleisch und Fett emanzipiert &#8211; durch Einwanderer zun\u00e4chst aus Deutschland und China, sp\u00e4ter dann aus Italien, Griechenland, Thailand und Vietnam entstand im Laufe der Zeit ein bunter kulinarischer Schmelztiegel. Gab es zun\u00e4chst nur jeweilige landestypische Imbissbuden, die meist nur von ihren Landsleuten besucht wurden und sich h\u00f6chstens zaghaft dem Massengeschmack ann\u00e4herten, entstand nach und nach immer mehr Crossover. Die Mischung aus klassisch europ\u00e4ischen Kochtechniken, asiatischer Aromenvielfalt und hochwertigen heimischen Produkten bildete schlie\u00dflich die Grundlage der Modern Australien Cuisine, die&nbsp;deutlich mehr&nbsp;ist&nbsp;als das ber\u00fchmte&nbsp;\u201evegemite sandwich\u201c&nbsp;-Koriander verm\u00e4hlt sich hier mit Thymian, Sojaso\u00dfe mit Oliven\u00f6l, hinzu kommen exotische, sonst nirgendwo zu bekommende Produkte wie K\u00e4nguru-, Strau\u00df- oder Krokodilfleisch. Wohl nirgendwo auf der Welt k\u00f6nnen K\u00f6che so aus dem Vollen sch\u00f6pfen und sich gleichzeitig entspannt selbst verwirklichen, und wer New York stets f\u00fcr den unbestrittenen Ausgangspunkt einer kulinarischen Weltreise auf wenigen Quadratkilometern gehalten hat, sollte einmal Sydney besuchen, das wie ganz Australien bisher noch nicht vom Guide Michelin kartiert wurde und darum viele eigene Entdeckungen erm\u00f6glicht: von Fish and Chips auf die Hand f\u00fcr wenige Dollar bis zum feinsten Omakase-Men\u00fc&nbsp;wird alles geboten. Selbst das lange Zeit geflissentlich ignorierte&nbsp;\u201eBush Food\u201c&nbsp;der Aborigines setzt mittlerweile immer mehr Akzente, gerade in Sachen Fisch &#8211; radikale Regionalit\u00e4t ist f\u00fcr die Ureinwohner eben kein Trend, sondern seit 60 000 Jahren gelebte Kultur. Auch weitere Rebsorten dr\u00e4ngen durch fortw\u00e4hrende Zuwanderung ins Land: Gew\u00fcrztraminer, Tempranillo, Sangiovese und andere bringen beeindruckende Ergebnisse hervor. Im Zuge dessen ist der Grange l\u00e4ngst nicht mehr der einzige australische Spitzenwein &#8211; den vielen Garagen-Weing\u00fctern sei dank, deren Pioniergeist und ehrliches Handwerk die oft tr\u00e4gen und bis an die Haare durchtechnisierten Gro\u00dfbetriebe daran erinnert, dass Winzertum vor allem Herzensangelegenheit ist und die Zukunft nur mit und nicht gegen die Natur gemacht werden kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-054-Kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-204953\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-054-Kopie.jpg 1000w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-054-Kopie-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-054-Kopie-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Von den insgesamt etwa 2500 Weing\u00fctern wurden die allermeisten erst in den vergangenen 40 Jahren gegr\u00fcndet &#8211; nicht nur deswegen ist Australien eines der Weinl\u00e4nder mit der h\u00f6chsten Dynamik&nbsp;\u00fcberhaupt, auch wenn davon in Deutschland aufgrund der gro\u00dfen Entfernung selten etwas zu h\u00f6ren ist. H\u00f6chstens dann, wenn mal wieder&nbsp;\u00fcber die heftigen Buschfeuer berichtet wird, die riesige Fl\u00e4chen in eine Flammenh\u00f6lle verwandeln. Aber genau damit sind wir schon beim Thema: die klimatischen Extreme machen es immer schwieriger, im Weinbau langfristig zu planen. Schon jetzt sind die Kosten f\u00fcr die in vielen Teilen des Landes obligatorische Bew\u00e4sserung der Rebst\u00f6cke enorm hoch, ein Ende nicht abzusehen &#8211; die Frage, ob es&nbsp;\u00fcberhaupt nachhaltig ist, f\u00fcr einen Liter Wein bis zu 800 Liter Wasser aufzuwenden, mal au\u00dfen vor. Ob die aktuell 170 000 Hektar Rebfl\u00e4che also eine stabile Gr\u00f6\u00dfe sind oder doch wieder schrumpfen, wird sich noch zeigen m\u00fcssen. Ziemlich sicher werden sie sich anders verteilen: weg aus hei\u00dfen und trockenen Regionen im Westen und Norden, hinein in k\u00fchlere und regenreichere Landstriche insbesondere im S\u00fcden. Oder man geht einfach in die H\u00f6he, wie es das Wei\u00dfwein-Eldorado Adelaide Hills schon seit fast 200 Jahren vormacht. In einem Land, das gr\u00f6\u00dfer ist als ganz Europa, hat es dabei Platz f\u00fcr alle: ehrw\u00fcrdige Fossile des australischen Weinbaus wie das McLaren Vale mit seinen uralten Rebst\u00f6cken und Kellern ebenso wie aufstrebende Cool-Climate-Hotspots und Finessetrinker-Paradiese wie Mornington Peninsula oder das Yarra Valley. Leben und leben lassen, ein unaufgeregtes Nebeneinander von Avantgarde und Tradition, Basic und High End, dazu&nbsp;eine Aromenpalette von Milchschokolade, eingekochten Pflaumen und R\u00f6stholz bis zu&nbsp;burgundischer Kirsche,&nbsp;Veilchen und Graphitstaub&nbsp;&#8211; lange, sehr lange hat es gedauert, bis sich herauskristallisierte, was den f\u00fcnften Kontinent zu einer sicheren Bank macht. Doch auch in der Weinwelt will gut Ding eben Weile haben. Und hat man passenden australischen Tropfen einmal an Gaumen und Herz gelassen, ist klar, dass sich das Warten definitiv gelohnt hat. Text: Dario Sellmeier<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Str\u00e4flingswein zur Spitzenklasse: Australiens einzigartige Weinbaugeschichte Strafgefangene und Alkohol zusammenzubringen, ist eigentlich keine gute Idee, sollte man meinen. Und doch ist es streng genommen genau das, was in Australien geschehen ist. Denn der Weinbau dort setzt ein, als der Kontinent noch eine Str\u00e4flingskolonie des Vereinigten K\u00f6nigreiches ist. 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