{"id":205144,"date":"2024-09-22T17:00:00","date_gmt":"2024-09-22T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=205144"},"modified":"2024-09-25T15:05:22","modified_gmt":"2024-09-25T13:05:22","slug":"das-weinland-chile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/09\/das-weinland-chile\/","title":{"rendered":"Das Weinland Chile"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vom Dornr\u00f6schenschlaf zur Weinwelt: Die Wiedergeburt des chilenischen Weinbaus<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es war ausgerechnet Augusto Pinochet, der 1974, kurz nach seiner Macht\u00fcbernahme, den chilenischen Weinbau in gr\u00f6\u00dferem Stil wieder zulie\u00df. Ein Gewaltherrscher als Weinliebhaber? Es w\u00e4re nicht das erste Mal in der Geschichte. Aber die Entscheidung geht wohl kaum auf die pers\u00f6nlichen Vorlieben des Generals zur\u00fcck, war stattdessen angesichts der ultraliberalen Wirtschaftspolitik der Milit\u00e4rdiktatur nur konsequent: im Gegensatz zum Sozialismus Salvador Allendes, gegen den die Armee im Vorjahr geputscht hatte, setzten die neuen Machthaber auf Privatisierung und Deregulierung. Der Weinbau profitierte dabei eher beil\u00e4ufig, denn in erster Linie sollte der Export von Kupfer, wichtigster Rohstoff des Landes, gef\u00f6rdert werden. Warum aber hatte die Weinerzeugung Chiles zur damaligen Zeit \u00fcberhaupt so einen schweren Stand? Florierte das Business im direkt nebenan liegende Argentinien nicht und wartete jedes Jahr mit neuen Rekorderntemengen auf? Vorsicht, ein Vergleich mit den Nachbarstaaten ist in Chile immer ein gewagtes Unterfangen, bei einer solchen Debatte ist schnell Nationalstolz im Spiel und dieser ebenso schnell gekr\u00e4nkt. Auch und gerade in Sachen Alkohol.<\/p>\n\n\n\n<p>Um all das zu verstehen, m\u00fcssen wir ein wenig weiter zur\u00fcckreisen in die Vergangenheit, genauer gesagt ins Jahr 1551. Das Land selbst war den Europ\u00e4ern zu dieser Zeit schon seit einigen Jahrzehnten bekannt, auch die heutige Hauptstadt Santiago bereits gegr\u00fcndet. Wein gab es allerdings noch keinen &#8211; wie im gesamten S\u00fcdamerika, das keine autochthonen Reben aufzuweisen hat. Ein Umstand, den der umtriebige Konquistador Francisco de Aguirre unbedingt ge\u00e4ndert wissen wollte &#8211; nicht, weil er selbst so durstig gewesen w\u00e4re, sondern weil die M\u00f6nche und Priester der zahlreichen in dieser Zeit aus dem Boden schie\u00dfenden Kirchen und Kl\u00f6ster Wein zur Feier des Messopfers brauchten. Die Stadt La Serena erkor er sich daf\u00fcr aus, und so wurde diese auf Grundlage der aus Spanien importierten Reben Pa\u00eds zum ersten Zentrum des chilenischen Weinbaus. Obwohl nicht viel Konkretes aus dieser Zeit \u00fcberliefert ist, kann davon ausgegangen werden, dass das Land schon sehr bald einen regen Handelsverkehr mit anderen Staaten S\u00fcd- und Mittelamerikas aufnahm, die aus klimatischen Gr\u00fcnden zu eigenem Weinbau nicht in der Lage waren. Bereits im Jahr 1578 kaperten englische Freibeuter ein Schiff, das Aberhunderte Schl\u00e4uche Wein nach Peru transportieren sollte. Die Weine waren zwar nur billige Massenware ohne jeden h\u00f6heren Anspruch, entwickelten sich aber durch ihre schiere Menge zu einem nicht unbedeutenden Wirtschaftsfaktor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ironischerweise war es genau dieser fr\u00fche Erfolg, der dem Weinbau in Chile sp\u00e4ter zum ersten Mal das Genick brechen sollte. Denn das spanische Mutterland hatte zwar nichts dagegen, dass in S\u00fcdamerika Wein angebaut, gehandelt und konsumiert wurde, aber sehr wohl etwas dagegen, dass dieser Wein sich seinen Weg auf die Iberische Halbinsel bahnte und dort zu einer ernsthaften Konkurrenz f\u00fcr die heimischen Winzer wurde. Zudem verschiffte man als Nebenerwerb gern selbst seine \u00dcbersch\u00fcsse in die Kolonien. Also untersagte Madrid kurzerhand die Anpflanzung neuer Rebst\u00f6cke im gesamten Land. Viele Jahrzehnte versank Chile daraufhin in einen weintechnischen Dornr\u00f6schenschlaf, aus dem es erst ab 1818, dem Jahr der chilenischen Unabh\u00e4ngigkeit, wieder wachgek\u00fcsst wurde. Verantwortlich daf\u00fcr waren aber nicht in erster Linie die Chilenen selbst, sondern franz\u00f6sische Einwanderer. Obwohl Chile haupts\u00e4chlich f\u00fcr seine gro\u00dfe deutsche Einwanderer-Community bekannt ist, dominierten die Franzosen von Beginn an die Weinwirtschaft &#8211; die Deutschen brauten eher Bier. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die meisten neu ins Land kommenden Rebsorten franz\u00f6sischen Ursprungs waren und es bis heute geblieben sind: w\u00e4hrend in vielen anderen Teilen der Neuen Welt der Riesling irgendwann mal seine Wurzeln in die Erde geschlagen hat, ist er in Chile noch immer nahezu v\u00f6llig unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders ein Mann erwarb sich h\u00f6chste Meriten auf diesem Feld: Bertrand Silvestre Ochagavia Echazareta war es, der 1851 etliche Sorten einf\u00fchrte und damit nicht nur das Repertoire von einer Handvoll auf mehr als vier Dutzend erweiterte, sondern auch faktisch den Qualit\u00e4tsweinbau im Land begr\u00fcndete. Eine Traube stach dabei schnell hervor und entwickelte sich in der Folgezeit zu einer Art Nationalgew\u00e4chs, was sie mehr oder weniger bis heute geblieben ist &#8211; die Carm\u00e9n\u00e8re. Urspr\u00fcnglich stammt sie aus dem Bordelais, wo sie im 19. Jahrhundert als ein \u00e4u\u00dferst beliebter Verschnittpartner f\u00fcr Bordeauxweine galt, und auch heute noch ist sie unter den sechs daf\u00fcr zugelassenen Rebsorten, auch wenn ihre Popularit\u00e4t sehr stark nachgelassen hat. Bei k\u00fchlerer Witterung neigt sie n\u00e4mlich zum Verrieseln und liefert daher nur sehr unzuverl\u00e4ssige Ertr\u00e4ge. Zumindest in Europa &#8211; denn in Chile mit seinen v\u00f6llig anderen klimatischen Bedingungen stellte diese Eigenschaft pl\u00f6tzlich gar kein Problem mehr da. Insofern ist die Carm\u00e9n\u00e8re wie auch der Malbec oder der Chenin Blanc eine jener Sorten, die es in der Ferne zu h\u00f6herem Ansehen gebracht haben als in ihrer alten Heimat. Der Weg dorthin war gar nicht so leicht, denn zun\u00e4chst blieb der Carm\u00e9n\u00e8re die Anerkennung als eigenst\u00e4ndige Rebsorte versagt: aufgrund ihrer optischen \u00c4hnlichkeit zum Merlot wurde sie bis Mitte der 90er Jahre f\u00fcr ebendiesen gehalten, erst dann erkl\u00e4rte ein Gentest, warum die \u201eMerlots\u201c aus Chile so anders schmeckten als im Rest der Welt. Gut, dass die Carm\u00e9n\u00e8re ihren s\u00fcffigen, tanninarmen und beerig-schokoladigen Geschmack mittlerweile wieder aufs eigene Konto verbuchen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die folgenden Jahrzehnte entwickelten sich f\u00fcr den Weinbau Chiles zu einem ersten goldenen Zeitalter. Man war nicht nur wirtschaftlich auf Kurs, wie die Gr\u00fcndung von noch heute ma\u00dfgeblichen Betrieben wie Err\u00e1zuriz oder Concha y Toro zu dieser Zeit belegt. Die geografische Randlage und die recht restriktive Einfuhrpolitik sorgten auch daf\u00fcr, dass Chile von der vor allem in Europa w\u00fctenden Reblausplage, die dort neun von zehn Rebst\u00f6cken das Leben kostete, v\u00f6llig verschont blieb &#8211; als einziges Land weltweit. Viele franz\u00f6sische Winzer und Kellermeister, die in ihrer Heimat nach den Verheerungen des Sch\u00e4dlings keine Zukunft sahen, wanderten nach Chile aus und brachten ihre Expertise in den dortigen Weinbau ein. Nicht nur die Weine, sondern vor allem die Pflanzen selbst entwickelten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem begehrten Handelsgut, mit deren Hilfe die Weinberge in L\u00e4ndern wie Frankreich wieder neu best\u00fcckt werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Chiles Reben kamen schlie\u00dflich aus ganz anderen Gr\u00fcnden ins Straucheln. 1920 brach mit den USA ein \u00e4u\u00dferst wichtiger Absatzmarkt weg &#8211; dort hatte man in jenem Jahr die Prohibition in die Verfassung geschrieben. Der damals und auch heute noch sehr kleine Binnenmarkt des nicht einmal 20 Millionen Einwohner z\u00e4hlenden Landes konnte das kaum ausgleichen. 1938 kam es dann noch schlimmer: in Chile selbst wurde ein faktisches Alkoholverbot verh\u00e4ngt. \u00dcber die Gr\u00fcnde ist nichts Genaues bekannt, aber ein Vorfall aus dem Jahr 2010 k\u00f6nnte aufschlussreich sein: damals wurden mehrere Bergleute in einem Schacht der unz\u00e4hligen Minen des Landes versch\u00fcttet. Statt um etwas f\u00fcr den Zeitvertreib bis zu ihrer Rettung zu erbitten, forderten sie vehement Bier, Schnaps und Wein. Offensichtlich hatten viele von ihnen die unter Tage auftretenden Beklemmungen dauerhaft mit Alkohol im Zaum zu halten versucht und dar\u00fcber eine Sucht entwickelt &#8211; bei der seit jeher enormen Bedeutung des Bergbaus f\u00fcr die chilenische Wirtschaft kann man sich ausrechnen, welche Ausma\u00dfe dieser Zustand unter der m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung angenommen haben musste. Bis zum heutigen Tage ist der \u00f6ffentliche Konsum von Alkohol au\u00dferhalb der Gastronomie verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man darf jedoch nicht davon ausgehen, dass mit Pinochets Aufhebung des Wein-Banns direkt bl\u00fchende Landschaften Einzug gehalten h\u00e4tten: noch 1985 beliefen sich die Einnahmen aus dem Export des Rebensaftes auf gerade einmal zehn Millionen Dollar. Aber die Zielsetzung, Investoren ins Land zu locken, verfing tats\u00e4chlich: den Anfang machte der spanische Big Player Miguel Torres, der in einem millionenschweren Kraftakt die modernste Kellerei der Welt ins chilenische Niemandsland klotzte, sp\u00e4ter folgten weitere gro\u00dfe Namen wie Mondavi oder Lafite-Rothschild. Freilich ist es nicht so sch\u00f6n, einen Gro\u00dfteil des chilenischen Weinbaus in der Hand ausl\u00e4ndischer Konzerne zu wissen, anders w\u00e4re der Aufbau eines international konkurrenzf\u00e4higen Angebotes aber kaum m\u00f6glich gewesen &#8211; zu gering war das Know-how, zu beschr\u00e4nkt die finanziellen Mittel, im Ausland zu wenig nachgefragt die dominierenden alten Rebsorten der spanischen Kolonialherren. Der weit verbreitete Vi\u00f1o Pipe\u00f1o, einfacher Tischwein der Landbev\u00f6lkerung, wich so dem Ausbau in Barriquef\u00e4ssern, der mit den vormals leichten und hellen Tropfen kaum mehr etwas gemein hatte. Innerhalb von etwas mehr als einer Dekade verf\u00fcnfzigfachten sich die Exporteinnahmen, und in den sp\u00e4ten 90ern konnte Chile sich als in der Weinwelt etabliert betrachten. Erst jetzt, als die Infrastruktur gr\u00f6\u00dftenteils bereitstand, vermochten auch die kleineren, einheimischen Winzer wieder ins Business einsteigen &#8211; wobei \u201eklein\u201c relativ ist, denn darunter fallen in Chile eigentlich alle Betriebe, die nicht mindestens 100 Hektar aufzuweisen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch eine neue Rebsorte startete so richtig durch: der Cabernet Sauvignon betrat zu dieser Zeit die B\u00fchne und verdr\u00e4ngte vor allem die lange Zeit dominierende, f\u00fcr Qualit\u00e4tsweinbau aber weitgehend ungeeignete Pa\u00eds. Als w\u00e4rmeliebende Traube fiel ihm die Eingew\u00f6hnung in s\u00fcdamerikanische Gefilde leicht, und bereits nach wenigen Jahren Anbau brachte er bemerkenswerte Ergebnisse hervor. Selbstverst\u00e4ndlich musste sich chilenischer Cabernet Sauvignon dabei in der Anfangszeit mit dem \u201eOriginal\u201c aus Frankreich messen lassen, das sich vor allem durch seinen hohen Gehalt an Gerbstoffen und S\u00e4ure auszeichnet und daher entweder einer mehrj\u00e4hrigen Kellerreife bedarf oder dem im Verschnitt mit weicheren Trauben wie dem Merlot die Kanten geschliffen werden. Die s\u00fcdamerikanische Stilistik ist eine deutlich andere: der Wein ger\u00e4t immer noch tiefdunkel, aber deutlich samtiger und fr\u00fcher trinkreif. Wenn man ihn seinen eigenen Ausdruck finden l\u00e4sst, muss man dazu sagen, denn gern und oft wird der Vorwurf erhoben, chilenische Weine seien zwar perfekt gemacht, im Grunde aber blo\u00dfe Kopien weltbekannter Vorbilder aus der Toskana und dem Bordelais. Machen also Europ\u00e4er in S\u00fcdamerika Wein f\u00fcr Europ\u00e4er? Fehlt dem hiesigen Weinbau eine eigene Identit\u00e4t?<\/p>\n\n\n\n<p>So einfach ist es dann doch nicht. Daf\u00fcr sorgen allein schon die sich fundamental von Europa unterscheidenden geografischen Gegebenheiten. Kaum eine Weinnation weist auf vergleichsweise so geringer Fl\u00e4che eine derart gro\u00dfe landschaftliche und klimatische Vielfalt auf wie Chile. Das h\u00e4ngt mit seiner \u00e4u\u00dferen Form zusammen: w\u00e4hrend es stellenweise nur wenige Dutzend, h\u00f6chstens aber 200 Kilometer breit ist, erstreckt es sich in der L\u00e4nge \u00fcber sagenhafte 4300 Kilometer, die K\u00fcstenl\u00e4nge betr\u00e4gt sogar 6000 Kilometer &#8211; auch wenn ernstzunehmender Weinbau sich auf das Gebiet zwischen La Serena und Temuco beschr\u00e4nkt. Der Pazifische Ozean ist dabei nie weit entfernt und darum auch einer der wesentlichen Faktoren f\u00fcr die Entwicklung der Reben &#8211; die ohnehin schon m\u00e4\u00dfigende Wirkung gro\u00dfer Gew\u00e4sser auf das Klima wird hier durch den aus der Antarktis kommenden Humboldtstrom noch einmal verst\u00e4rkt. Das mag einem zun\u00e4chst wenig einleuchtend erscheinen, wenn man sich in den n\u00f6rdlichsten chilenischen Anbaugebieten aufh\u00e4lt: diese liegen in der Atacama-W\u00fcste, einem ausgesprochen hei\u00dfen und trockenen Ort. Hier baut man h\u00f6chstens Tafeltrauben an &#8211; oder aber Wein als Grundlage f\u00fcr die Herstellung von Pisco. Der Weinbrand gilt als nationales Kulturgut und erfreut sich gerade unter jungen Chilenen noch deutlich gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit als die Weine des Landes. Insbesondere als \u201ePiscola\u201c, gemischt mit ebenjenem Softdrink, ist er aus dem Nachtleben nicht wegzudenken, aber auch als etwas gediegenerer Pisco Sour macht er eine gute Figur. Zumeist wird er aus Muskatellertrauben gebrannt, was seinen fruchtig-floralen Geschmack beg\u00fcnstigt. Obwohl auch im benachbarten Peru Pisco hergestellt wird, wo er einen \u00e4hnlichen Status wie in Chile genie\u00dft, wird man einen von dort stammenden in Chile nicht finden: beide L\u00e4nder streiten erbittert darum, wem der Schnaps nun \u201egeh\u00f6rt\u201c und haben sich in dieser Hinsicht gegenseitig mit einem Einfuhrbann belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben schon so einige Worte \u00fcber chilenische Rotweine verloren, aber noch kein einziges \u00fcber Wei\u00dfwein. Dabei spielt auch dieser eine gro\u00dfe Rolle: immerhin ein Viertel der gesamten Produktion entf\u00e4llt darauf. Will man das darin liegende Potenzial ergr\u00fcnden, reist man am besten von der Atacama aus ein gutes St\u00fcck nach S\u00fcden ins Valle de Casablanca. Anders als die meisten T\u00e4ler Chiles dehnt es sich nicht von Nord nach S\u00fcd aus, sondern von Ost nach West, womit es sich zum Ozean hin \u00f6ffnet &#8211; beste Bedingungen f\u00fcr Cool-Climate-Anbau. Die vom Pazifik hereinstr\u00f6mende k\u00fchle Luft tut dem Chardonnay gut, der zudem in kalkhaltigen Untergr\u00fcnden optimale Bedingungen findet. Zur absoluten Hochform l\u00e4uft auch der Sauvignon Blanc auf: duftig und hocharomatisch ger\u00e4t er auf Ton- und Sandb\u00f6den, dabei glasklar und frisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Gehen wir nun \u00fcber die Hauptstadt Santiago hinaus weiter s\u00fcdlich, gelangen wir in die Herzkammer des chilenischen Weinbaus, eingebettet zwischen den eher flachen K\u00fcstenkordilleren auf der einen und den bis auf \u00fcber 6000 Meter anwachsenden Anden auf der anderen Seite, hinter denen direkt Argentiniens Vorzeige-Weinregion Mendoza beginnt. Im Unterschied zum Valle de Casablanca sind die T\u00e4ler im Valle Central sehr hei\u00df &#8211; zumindest tags\u00fcber, wo sich die W\u00e4rme im Talkessel staut und die Temperaturen auf \u00fcber 30 Grad klettern. Nachts hingegen k\u00fchlt es auf unter 10 Grad ab. Es ist dieser harte Kontrast, der die S\u00e4ure in den Trauben lebendig h\u00e4lt und verhindert, dass die Weine sp\u00e4ter einen marmeladig-fetten Geschmack an den Tag legen wie viele australische Tropfen. Trockenstress hingegen brauchen die Rebst\u00f6cke kaum zu f\u00fcrchten, denn aus den H\u00f6henlagen der Anden l\u00e4sst sich durch schon von den Inkas angelegte Kan\u00e4le Schmelzwasser zur Bew\u00e4sserung herableiten, wenn nicht sogar gleich ein ebenfalls dort entspringender Fluss in der N\u00e4he ist. Von der noch bis vor einigen Jahrzehnten \u00fcblichen Technik der \u00dcberschwemmung ganzer Weinberge ist man inzwischen vielerorts auf zielgerichtetere Herangehensweisen umgeschwenkt &#8211; nicht nur, um Ressourcen zu schonen (das ist in S\u00fcdamerika tats\u00e4chlich eine eher weniger ausgepr\u00e4gte Tugend\u2026), sondern eher, um eine Ertragsreduzierung und damit hochwertigeres Lesegut zu erreichen. Wie sehr man jedoch vielerorts vom k\u00fcnstlich zugef\u00fchrten Wasser abh\u00e4ngig ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, dass der vollst\u00e4ndige Verzicht darauf, das \u201eDry Farming\u201c, noch immer als recht spleeniger Trend betrachtet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Da das Valle Central insgesamt fast 1000 Kilometer lang ist und neun von zehn chilenischen Weinen hervorbringt, kann man kaum erwarten, hier einen einheitlichen Stil vorzufinden. Die unbestritten beste Subregion, das Valle del Maipo, liegt praktischerweise nur 40 Kilometer von Santiago entfernt, was Touristen einen unkomplizierten Tagesbesuch erm\u00f6glicht &#8211; am besten nat\u00fcrlich zur Zeit der Lese, die, wir befinden uns ja auf der S\u00fcdhalbkugel, in der Regel im Februar stattfindet. Im mediterranen Klima gedeihen alle uns schon bekannten Sorten, und auch noch einige weitere wie Cabernet Franc oder Rhone-Reben wie Syrah, Grenache und Carignan. In Maipo Alto auf 800 Metern finden sich dank der kargen Felsb\u00f6den vor allem Rotweine, die mit feinster Struktur und ordentlich Tannin punkten, w\u00e4hrend in der mehrere hundert Meter niedriger gelegenen Talsohle Maipo Medio mit seinen lehmig-sandigen Schwemmlandb\u00f6den und hoher Sonneneinstrahlung fruchtbetonte Rote mit seidig-schmelziger Textur entstehen. In Maipo Costa in direkter n\u00e4he zum Pazifik hingegen liegt dank der k\u00fchleren Temperaturen der Hotspot f\u00fcr Wei\u00dfweine.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wohl interessantesten Entdeckungen aber kann man im chilenischen S\u00fcden, auf H\u00f6he der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt Concepci\u00f3n, machen. Ganz im Gegensatz zum Norden ist es hier eher k\u00fchl, windig und regnerisch, teilweise geradezu sumpfig. Das gerne mal an Nordspanien erinnernde Klima ist aber nicht der einzige Unterschied, auch die Atmosph\u00e4re ist eine ganz andere. W\u00e4hrend in alten Regionen wie Colchagua, wo sich einst reiche St\u00e4dter aus der nahegelegenen Kapitale gigantische Haziendas mit Weing\u00fcter zulegten, auf denen sie erst Poloturniere und dann Autorennen veranstalteten, jedenfalls alles in allem mehr wie gro\u00dfspurige Kolonialherren denn wie flei\u00dfige, erdverbundene Weinbauern auftraten und -treten, w\u00e4hrend in solchen Regionen Weinbau also immer auch Show, immer auch Selbstdarstellung ist, herrscht im Valle del B\u00edo-B\u00edo oder im Valle del Itata eine Art heilsame Stille. Der Fokus auf das Wesentliche wird m\u00f6glich. Wo fr\u00fcher die Trauben nicht einmal vollst\u00e4ndig ausreifen konnten, werden heute dank der Erderw\u00e4rmung auf den \u00e4ltesten Granitb\u00f6den des Kontinents beeindruckende Pinot Noirs und Cinsaults, aber auch S\u00e9millons und Viogniers gekeltert: fruchtbetont, leicht und frisch, wenig Alkohol &#8211; hier k\u00f6nnte die Zukunft des chilenischen Winzertums beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie sieht diese Zukunft ganz allgemein aus auf den knapp 190 000 Hektar, die hier bewirtschaftet werden und das Land zur achtgr\u00f6\u00dften Weinbaunation der Welt machen? Nicht ganz einfach zu beantworten. Zwar wuchs die Rebfl\u00e4che in den vergangenen 30 Jahren ordentlich an, w\u00e4hrend sie in vielen klassischen Weinl\u00e4ndern im Sinken begriffen war, und das bei einem dauerhaft guten Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnis. Der schnelle und ger\u00e4uschlose Wechsel von nichtssagenden Massentr\u00e4gern auf Qualit\u00e4tsweine und das zielsichere Erkennen und F\u00f6rdern optimaler Anbaubedingungen sprechen f\u00fcr sich &#8211; das Bonmot, bei Chile handele es sich um das Preu\u00dfen S\u00fcdamerikas, scheint in dieser Hinsicht seine Best\u00e4tigung zu finden. Auch der in \u00dcbersee vielerorts noch skeptisch be\u00e4ugte Terroirgedanke, demzufolge ein Wein seine lokale Herkunft unmittelbar schmeckbar machen sollte, weicht langsam dem blo\u00dfen Fokus auf die sehr gro\u00dfen Subregionen. Chiles Weinbau ist jedoch nach wie vor extrem exportabh\u00e4ngig und reagiert empfindlich auf St\u00f6rungen der internationalen Handelswege, etwa w\u00e4hrend Corona. Die mittlerweile eher Bier als Wein trinkenden Chilenen sind beim Absatz keine allzu gro\u00dfe Hilfe. Dar\u00fcber hinaus stellt auch die Natur die chilenischen Winzer immer wieder vor Herausforderungen: nicht nur die zunehmende Hitze bereitet Probleme, Erdbeben stellen ein ebenso gro\u00dfes Risiko dar. Allerdings sind die nat\u00fcrlichen Gegebenheiten nicht nur Fluch, sondern mindestens im gleichen Ma\u00dfe Segen: zwischen dem 30. und dem 38. s\u00fcdlichen Breitengrad, wo sich der chilenische Weinbau zum gr\u00f6\u00dften Teil abspielt, ist die Vielfalt an Klimaten und Bodenvariationen derart gro\u00df, dass man recht flexibel auf Ver\u00e4nderungen reagieren kann. Zudem scheinen Sch\u00e4dlinge und Krankheiten das Land kategorisch zu meiden: neben der Reblaus hat es auch der Falsche Mehltau bis heute nicht hierher geschafft, was den Winzern erm\u00f6glicht, auf einen Gutteil an Pflanzenschutzmitteln zu verzichten. Das unsch\u00e4tzbare Erbe an teils mehrere hundert Jahre alten, wurzelechten Reben tut sein \u00dcbriges.<\/p>\n\n\n\n<p>Am wichtigsten jedoch wird in den kommenden Jahren die Emanzipation von ausl\u00e4ndischen Investoren sein. Klar, Chile verdankt L\u00e4ndern wie Frankreich sehr viel in Sachen Weinbau. Zur Wahrheit geh\u00f6rt aber auch, dass etliche europ\u00e4ische und nordamerikanische Weing\u00fcter mit Besitz in Chile die dortige Weinwirtschaft als Massenwein-Melkkuh nutzen und Spitzenerzeugnisse bewusst nicht zulassen, damit diese nicht in Konkurrenz zu ihren hauseigenen Topweinen treten. Der am meisten globalisierten Weinbaunation der Welt t\u00e4te ein bisschen Unabh\u00e4ngigkeit ganz gut. Und damit haben die Chilenen schlie\u00dflich Erfahrung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Dornr\u00f6schenschlaf zur Weinwelt: Die Wiedergeburt des chilenischen Weinbaus Es war ausgerechnet Augusto Pinochet, der 1974, kurz nach seiner Macht\u00fcbernahme, den chilenischen Weinbau in gr\u00f6\u00dferem Stil wieder zulie\u00df. Ein Gewaltherrscher als Weinliebhaber? Es w\u00e4re nicht das erste Mal in der Geschichte. 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