{"id":205185,"date":"2024-10-01T17:00:00","date_gmt":"2024-10-01T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=205185"},"modified":"2024-10-02T13:04:26","modified_gmt":"2024-10-02T11:04:26","slug":"das-weingebiet-friaul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2024\/10\/das-weingebiet-friaul\/","title":{"rendered":"Das Weingebiet Friaul"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Friaul: Im Zeichen des Weins \u2013 Geschichte, Vielfalt und Qualit\u00e4t an Italiens Nordostgrenze<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap s3\"><br class=\"Apple-interchange-newline\" \/>Wenn sie einfach nur mal ein paar Jahrzehnte ihre Ruhe haben wollen w\u00fcrden &#8211; man k\u00f6nnte es ihnen nicht verdenken. Aber das gilt im Friaul als die falsche Einstellung: man ist st\u00e4ndig in Bewegung und hat sich mit viel Schwei\u00df&nbsp;an die qualitative Spitze der italienischen Wei\u00dfwein-Produktion vorgearbeitet &#8211; trotz seiner sehr wechselvollen und oft harten Historie. Ja, man hatte es hier, bedingt durch die geografische Randlage im&nbsp;\u00e4u\u00dfersten Nordosten des Landes, nicht immer leicht. Dabei begann es f\u00fcr den Weinbau eigentlich ganz gut: schon w\u00e4hrend der Bronzezeit, also vor etwa 3000 Jahren, wurden hier die ersten Reben gepflanzt. Sp\u00e4ter war der Landstrich sehr beliebt bei r\u00f6mischen Legion\u00e4ren, die ihren Abschied von der Armee genommen und danach einen Anspruch auf ein kleines Landgut hatten. Auf diesem wurde dann neben anderem Obst und Gem\u00fcse auch Wein angebaut. Diese Selbstversorgerpraxis, die zwar keine geschmacklich&nbsp;\u00fcberragenden Tropfen hervorgebracht haben wird, aber doch ein erstes fl\u00e4chendeckendes Netz kleiner Weinberge etablierte, nahm ein j\u00e4hes Ende, als w\u00e4hrend der V\u00f6lkerwanderungszeit die Langobarden in den Landstrich einfielen. Was nicht direkt zerst\u00f6rt wurde, verfiel nach und nach. Erst den Patriarchen von Aquileia, einer Stadt, die damals ob ihrer strategisch g\u00fcnstigen Lage an vielen Handelswegen in ihrer Bedeutung direkt hinter Rom rangierte, gelang es, den Faden wieder aufzunehmen und unter Herrschaft der Kirche den Weinbau erneut zu einem bedeutenden Standbein der Region zu machen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Waren diese zwar schon recht einflussreiche, aber immer noch in der Region selbst ans\u00e4ssige Herrscher, geriet das Friaul im Jahr 1420 an die Republik Venedig, einer absoluten Supermacht. Fast 400 Jahrhunderte teilte man ein gemeinsames Schicksal &#8211; der zweite, im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch meist unterschlagene Namensteil&nbsp;\u201eJulisch-Venetien\u201c&nbsp;erinnert noch heute daran. Das Friaul profitierte einerseits vom ausgedehnten Seehandel in der Levante, litt andererseits aber auch unter dem sich ab dem 16. Jahrhundert abzeichnenden, langsamen Niedergang des venezianischen Einflusses in der Welt. Ein Player, der zeitgleich in die entgegengesetzte Richtung marschiert war, n\u00e4mlich von einem recht unbedeutenden Herzogtum zu einer der dominierenden M\u00e4chte Mitteleuropas, witterte diese Schw\u00e4che &#8211; und so riss sich das Haus Habsburg im Jahr 1797 das Friaul unter den Nagel und verleibte es seinem Vielv\u00f6lkerstaat ein. F\u00fcr Wien hatte es vor allem strategische Bedeutung: die heutige Hauptstadt Triest, ob ihrer Kaffeehauskultur gern als&nbsp;\u201eWien am Meer\u201c&nbsp;bezeichnet, fungierte damals als St\u00fctzpunkt der&nbsp;\u00f6sterreichischen Mittelmeerflotte. Die glorreiche Zeit der k.u.k.-Monarchie erlebte der Landstrich jedoch nicht mehr: ein Jahr vor deren Beginn 1867 fiel es an das gerade erst gegr\u00fcndete K\u00f6nigreich Italien.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Waren bis zu dieser Zeit vor allem autochthone Sorten kultiviert worden,&nbsp;\u00e4nderte die gegen Ende des Jahrhunderts einsetzende Reblausplage das Portfolio radikal: w\u00e4hrend der aufw\u00e4ndigen Neuanpflanzungen gelangten in gro\u00dfer Zahl franz\u00f6sische Trauben in die bisher eher abgelegenen Weinberge. Cabernet Sauvignon, Merlot, Sauvignon Blanc und Pinot Grigio schlugen aufgrund ihrer zuverl\u00e4ssigen Ertr\u00e4ge und besserer Vermarktbarkeit auf den zunehmend internationalen M\u00e4rkten schnell Wurzeln.&nbsp;\u00c4hnliches war&nbsp;\u00d6sterreich in den 70 Jahren seiner Herrschaft nicht gelungen: Veltliner, Blaufr\u00e4nkisch und Co. sucht man im Friaul vergebens. Doch wo man auf einen weintechnischen Fingerabdruck wohl verzichten mochte, konnte man sich mit dem Verlust von Triest ganz und gar nicht abfinden &#8211; im Ersten Weltkrieg tobten die grausamen Isonzoschlachten auf friulischem Gebiet und auch der Gebirgskrieg in den Julischen Alpen hat mit Sch\u00fctzengr\u00e4ben und weggesprengten Berggipfeln seine Spuren hinterlassen. Ein Gro\u00dfteil des Bodens ist im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut getr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Italien,&nbsp;\u00d6sterreich &#8211; und dann ist da ja auch noch Slowenien, dessen Nachbarschaft sich in der Zeit des Kalten Krieges als verheerend erwies. Zwischen dem Friaul und dem sozialistischen Jugoslawien verlief die Grenze zwischen Ost und West, der viele alte Handelswege abschnitt und eine&nbsp;\u00fcber Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft zerst\u00fcckelte. Man musste sich also irgendwie neu erfinden, wollte man in der Weinwelt weiterhin eine Rolle spielen. Und nahm gl\u00fccklicherweise einen erst sp\u00e4ter so richtig einsetzenden Trend vorweg: man gab den bisherigen Fokus auf rote Trauben auf und verschrieb sich mehr und mehr dem Wei\u00dfwein, der heute 85 Prozent der Gesamtproduktion ausmacht. Zus\u00e4tzlich&nbsp;\u00f6ffnete man sich moderner Kellertechnik wie der gek\u00fchlten G\u00e4rung in Stahltanks, was einen Anschluss an die f\u00fchrenden Weinbauregionen Europas erm\u00f6glichte. Der bisherigen, sehr rustikalen Machart &#8211;&nbsp;\u00fcberreife, wild zusammengew\u00fcrfelte Trauben zusammen mit den Stielen in Holzgebinden verg\u00e4ren zu lassen, was zu beinahe lik\u00f6r\u00e4hnlichen Resultaten mit Kopfschmerz-Potential f\u00fchrte -, setzte man Reinsortigkeit und einen geschmacklich sehr klaren und fokussierten, fruchtbetonten Stil entgegen. Ab den 80er Jahren war man angekommen auf dem Weltmarkt und konnte sich infolgedessen auch&nbsp;\u00fcber Wasser halten, als eine Zeit lang eher kr\u00e4ftige Rotweine&nbsp;\u00e1&nbsp;la Toskana gefragt waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Dann fiel endlich der Eiserne Vorhang und das Friaul tauschte seine Zonenrandlage gegen eine strategisch&nbsp;\u00e4u\u00dferst g\u00fcnstige Position in einem europ\u00e4ischen Dreil\u00e4ndereck. Collio Goriziano liegt, als neben den&nbsp;Colli Orientali&nbsp;wohl bekannteste und beste Weinbauregion Friauls, nicht umsonst teils auf slowenischem, teils auf italienischem Boden. Nicht nur die unterschiedlichen sprachlich-kulturellen Gegebenheiten flie\u00dfen hier zu einer interessanten Mixtur zusammen, auch das vorherrschende Klima profitiert von einer Vielzahl an Einfl\u00fcssen. Im Norden, an der Grenze zum&nbsp;\u00f6sterreichischen K\u00e4rnten, sch\u00fctzen die Julischen Alpen vor kalten Winden aus Russland, wodurch Sp\u00e4tfr\u00f6ste hier in der Regel keine Gefahr darstellen. Die von den Bergen dennoch stetig herabwallende gewisse K\u00fchle verleiht den Weinen die so wichtige lebhafte S\u00e4urestruktur. Aus der anderen Richtung, der s\u00fcdlich gelegenen Adria mit der Lagune von Venedig, gelangen angenehm warme, mediterrane Luftstr\u00f6me bis weit ins Hinterland hinein. Ebendiese sorgen auch daf\u00fcr, dass die recht hohen Niederschlagsmengen kein Problem darstellen: die nach einem Regenschauer den Pflanzen anhaftende Feuchtigkeit wird quasi weggef\u00f6nt, die Gefahr von Pilzerkrankungen auf nat\u00fcrliche Weise minimiert. Ein echter Wohlf\u00fchlort f\u00fcr Trauben, die hier vergleichsweise schnell ausreifen und fr\u00fch gelesen werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">So sehr von seiner Umgebung beg\u00fcnstigt zu werden ist der Friulano eigentlich gar nicht gewohnt. Denn das weintechnische Aush\u00e4ngeschild der Region gibt sich eher gen\u00fcgsam und liefert auch bei nicht so optimalen Verh\u00e4ltnissen hohe Ertr\u00e4ge, muss sogar radikal zur\u00fcckgeschnitten werden, um sp\u00e4ter geschmacklich nicht zu verflachen. Obwohl sein Name darauf hindeutet, dass es sich um eine autochthone Rebe handelt, liegen seine Wurzeln eigentlich im S\u00fcden Frankreichs. Warum er dann aber bis vor wenigen Jahren noch als Tocai bezeichnet wurde &#8211; der Name des ber\u00fchmtesten Weines Ungarns, das auf eine Namens\u00e4nderung pochte &#8211; kann niemand so recht erkl\u00e4ren: ein Zeichen daf\u00fcr, wie wenig man in Zeiten vor gentechnischen Analysem\u00f6glichkeiten&nbsp;\u00fcber Herkunft und Verwandtschaft verschiedener Rebsorten wusste. W\u00e4hrend er in Europa sonst so gut wie nirgends kultiviert wird, halten sich im weit entfernten S\u00fcdamerika, in Argentinien und Chile, einige nennenswerte Best\u00e4nde. Der goldgelbe, von Natur aus recht alkoholstarke Wein wird meist, wenn auch nicht immer, trocken ausgebaut und ger\u00e4t dann zu einem s\u00e4urearmen, aber dennoch frischen Alltagstropfen mit Ankl\u00e4ngen an Zitrusfr\u00fcchte,&nbsp;\u00c4pfel und Wiesenkr\u00e4uter &#8211; ein perfekter Aperitif f\u00fcr einen lauen Sommerabend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Der Friulano nimmt etwa ein Drittel der insgesamt 20 000 Hektar Rebfl\u00e4che im Friaul ein, was es in etwa so gro\u00df&nbsp;wie das deutsche Weinbaugebiet Pfalz macht. In Anbetracht der 700 000 Hektar, die ganz Italien auf sich vereinigt, ist das freilich sehr wenig. Die Fl\u00e4che ist jedoch seit Jahren im Wachsen begriffen, und der Grund daf\u00fcr hei\u00dft Glera. Seit 2010 ist dies der Name der vormals als Prosecco bezeichneten Traube, w\u00e4hrend der Begriff Prosecco seither nur noch das Herkunftsgebiet bezeichnet. Dieses ist sehr gro\u00df&nbsp;und erstreckt sich nicht nur&nbsp;\u00fcber Teile Friauls, sondern auch solche des angrenzenden Venetiens. Wer den tats\u00e4chlichen Ursprung des Schaumweines besuchen will, der findet das gleichnamige Dorf&nbsp;\u00fcbrigens hochgelegen auf dem Karst in der N\u00e4he von Triest. Dass immer mehr Fl\u00e4chen f\u00fcr die Glera ausgewiesen, mithin sogar rote Rebst\u00f6cke f\u00fcr sie gerodet werden, mag zum Teil mit dem unglaublichen Erfolg des Aperol Spritz zusammenh\u00e4ngen &#8211; ein Trend, der sich in L\u00e4ndern wie Frankreich, wo immer mehr Cremant erzeugt wird, ebenfalls beobachten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Wer glaubt, der wei\u00dfe Rebsorten-Reichtum sei mit diesen beiden schon an sein Ende geraten, der irrt. Wir haben ja noch gar nicht die Ribolla Gialla erw\u00e4hnt. Die ist in der Tat manchmal leicht zu&nbsp;\u00fcbersehen, denn sie wird kaum in der Ebene angebaut, wo sie zu ihrem geschmacklichen Nachteil wild wuchern w\u00fcrde, sondern fast ausschlie\u00dflich in den kargen H\u00fcgellandschaften im Osten. Als leichter und frischer Wein mit fruchtig-blumiger Aromatik hat sie das Zeug zu einem Tropfen, mit dem jeder gl\u00fccklich gemacht werden kann. Dabei bietet die Ribolla Gialla der neugierigen Nase einen ganze Obst-Klaviatur an, die auch gern mal eher unvertraute Akkorde wie Stachelbeere oder Grapefruit einflie\u00dfen l\u00e4sst. Ihre leicht balsamischen, an Salbei erinnernden Ankl\u00e4nge federn dabei den recht hohen S\u00e4uregehalt gut ab. Nur selten trocken, sondern vor allem&nbsp;\u201edolce\u201c, also als feiner S\u00fc\u00dfwein, brilliert hingegen der Verduzzo. Er bildet die Grundlage f\u00fcr den bernsteinfarbenen, DOCG-geadelten Ramandolo, dessen unaufdringliche S\u00fc\u00dfe, nussig unterlegten Honig- und Vanillenoten und t\u00e4nzelnde S\u00e4ure ihn zu einem der besten Vertreter seines Fachs in Italien machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Ebenso wie jede Rebsorte ihre eigene Geschichte hat, sind auch die B\u00f6den, auf denen die St\u00f6cke wachsen, nicht einfach vom Himmel gefallen. Hier m\u00fcssen wir allerdings nicht in Jahrhunderten denken, sondern eher in Jahrmillionen. Etwa 50 davon sind vergangen, seitdem das Friaul als riesiges Korallenriff am Boden eines wilden Urmeeres lag. Im Laufe der Zeit lagerten sich verschiedenste Sedimente ab, die sich allm\u00e4hlich verdichteten und die heutige Bodenstruktur pr\u00e4gen: in den Ebenen im Westen sind es vor allem Lehm und Schwemmland, die eher den Anbau einfacher Weine beg\u00fcnstigen. Im Osten hingegen bildeten tektonische Verschiebungen &#8211; die bis zum heutigen Tage nicht abgeschlossen sind und in j\u00fcngster Zeit zu verheerenden Erdbeben gef\u00fchrt haben &#8211; eine H\u00fcgellandschaft und t\u00fcrmten schlie\u00dflich die Alpen auf. Hier trat vor allem Kalk an die Oberfl\u00e4che,&nbsp;\u00fcberlagert von Sandstein und Mergel, hin und wieder findet sich sogar ein vulkanischer Einschlag. Die B\u00f6den sind recht locker und lassen Wasser schnell versickern, zudem arm an N\u00e4hrstoffen wie Stickstoff, daf\u00fcr aber reich an Mineralien &#8211; perfekt zur Erzeugung von Spitzenweinen, denn diese Struktur sorgt daf\u00fcr, dass die Rebst\u00f6cke es nicht allzu leicht haben und dann fett und tr\u00e4ge werden, sondern tief hinabwurzeln m\u00fcssen, um sich versorgen zu k\u00f6nnen. Im Wein spiegeln sich diese Einfl\u00fcsse durch eine feine Mineralik, hohe Komplexit\u00e4t und lange Lagerf\u00e4higkeit wider. Die Lockerheit der B\u00f6den ist zwar einerseits ein Vorteil, der es auch jungen Rebst\u00f6cken erm\u00f6glicht, einen guten Stand zu erlangen, andererseits sehr erosionsanf\u00e4llig. Gerade in h\u00fcgeligen Regionen setzt man deshalb auf Terrassenweinbau, der die Weinbergsfl\u00e4chen mit St\u00fctzmauern davor sch\u00fctzt, beim n\u00e4chsten Regen weggesp\u00fclt zu werden. Zudem spritzt man nicht jedes dort zwischen den Reben wachsende Pfl\u00e4nzchen zu Tode, sondern setzt auf die das Erdreich stabilisierenden Eigenschaften m\u00f6glichst vieler Wurzeln &#8211; auch wenn sie von sogenanntem&nbsp;\u201eUnkraut\u201c&nbsp;stammen. Das wiederum bietet vielen Insekten und Kleins\u00e4ugern einen Lebensraum &#8211;&nbsp;\u00f6kologischer Weinbau, ohne das Pr\u00e4dikat an die gro\u00dfe Glocke zu h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Auf solchen B\u00f6den werden jedoch nicht nur die Grundlagen f\u00fcr feine Weine gelegt, auch die Rohprodukte anderer Lebensmittel profitieren von der herrlichen Lage zwischen Alpen und Adria. Die Basis vieler friulischer Gerichte bildet Polenta, also Maisgrie\u00df. Ob einfach nur gekocht und mit zerlassener Butter vermengt, gebraten oder gegrillt, als Hauptgericht oder Beilage &#8211; die M\u00f6glichkeiten sind schier unbegrenzt. In der Provinz Udine kommt man kaum am Schwein vorbei, dessen Fleisch mit Vorliebe zu Pancetta verarbeitet wird: ger\u00e4ucherter und gereifter Bauchspeck, den man je nach Fettgehalt entweder als Grundlage f\u00fcr deftige Eintopfgerichte oder als schmackigen Aufschnitt sch\u00e4tzt. Von etwas feinerer Aromatik ist der ber\u00fchmte Schinken aus San Daniele, der ebenso wie die Weine bei seiner Reifung vom Zusammentreffen feuchtwarmer Adrialuft mit den k\u00fchl-trockenen Alpenwinden profitiert. Galt er bis vor 100 Jahren als kaum beachtete, nur lokal bekannte Spezialit\u00e4t, trat er ab den 50er Jahren seines Siegeszug um die Welt an &#8211; immer ein wenig im Schatten des&nbsp;\u201egro\u00dfen Bruders\u201c&nbsp;aus Parma, aber mit einer treuen Anh\u00e4ngerschaft, die den milden, leicht s\u00fc\u00dflich-nussigen Geschmack des Schinkens sch\u00e4tzt. Im Dessertbereich dominiert bis heute der alt\u00f6sterreichische Mehlspeisen-Einfluss: an Strudel und Co. reicht h\u00f6chstens noch das Tiramisu heran, das &#8211; entgegen entschiedener Proteste aus Venetien &#8211; wahrscheinlich hier erfunden wurde. Obwohl all dies einen Hauch von Haute Cuisine, von ausgesuchtem Genuss hat, ist die urspr\u00fcngliche friulische K\u00fcche im Grunde sehr einfach gestrickt &#8211; eine K\u00fcche der Bauern, Hirten und Reisenden auf den hier verlaufenden Routen an die Adriak\u00fcste oder in Richtung Balkan, seit jeher multikulturell gepr\u00e4gt. Das beste Beispiel daf\u00fcr ist ein ehrliches Frico, im benachbarten K\u00e4rnten auch bekannt als Frigga. Das Omelett mit Speck und K\u00e4se &#8211; vorzugsweise der heimischem w\u00fcrzige Montasio &#8211; wurde in fr\u00fcheren Zeiten von Holzf\u00e4llern in schwarzgeru\u00dften Pfannen&nbsp;\u00fcber dem Lagerfeuer ausgebacken. Auch Triester Gulasch und die Jota, eine gehaltvolle, intensiv gew\u00fcrzte Suppe aus Sauerkraut und Bohnen oder sauren R\u00fcben mit Selchfleisch, schlagen in dieselbe Kerbe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Bei einer derart gehaltvollen K\u00fcche muss aber irgendwann auch mal ein Rotwein her! Kein Problem, auch wenn die roten Tropfen meist eher das Format unkomplizierter Alltagsweine haben und qualitativ nicht an ihre wei\u00dfen Kollegen heranreichen. Da die Konkurrenz aus anderen Landesteilen gro\u00df&nbsp;ist, schaffen es nur sehr wenige Rote&nbsp;\u00fcberhaupt in den Export, sondern bleiben eher den Einheimischen vorbehalten. Schade eigentlich. Denn neben den hinl\u00e4nglich bekannten Cabernet Sauvignon und Merlot wartet das Friaul auch hier mit spannenden Underdogs auf, denen eine Chance zu geben sich immer lohnt. Wer gern alle Regler nach rechts gedreht hat in Sachen Wein, der greift am besten zum kernigen Refosco, besser gesagt zum hier vorherrschenden Refosco dal Peduncolo Rosso, dem&nbsp;\u201emit den roten Stielen\u201c. Schon der Name allein ist eine Ansage, und die hohen S\u00e4ure- und Gerbstoffwerte sind es auch. Zu allem&nbsp;\u00dcberfluss ist er eine wahre Fruchtbombe: satte Pflaumen- und Feigen-Aromatik prescht ordentlich vor und hat gern mal interessante Noten von Mandeln, Tabak und Veilchen im Schlepptau. Etwas im Weg steht er sich h\u00f6chstens mit seiner Unbest\u00e4ndigkeit:&nbsp;\u00fcberzeugt er in einem Jahr mit ausgewogener Vollmundigkeit, kann er im Jahr darauf&nbsp;\u00e4u\u00dferst ungest\u00fcm, n\u00e4mlich bitter und geradezu aggressiv sauer geraten &#8211; f\u00fcr Kellermeister, die&nbsp;\u00fcber Tischwein-Qualit\u00e4ten hinauskommen wollen, eine echte Herausforderung. Gerade diese unverz\u00fcchtete, noch an wilden Wein erinnernde Urt\u00fcmlichkeit ist es aber, die solche Tropfen von industriellen Massenweinen bestens abhebt. Mit einer ersten schriftlichen Erw\u00e4hnung bereits Anfang des 15. Jahrhunderts gilt er als eine der&nbsp;\u00e4ltesten italienischen Rebsorten. Noch deutlich betagter ist da h\u00f6chstens der Schiopettino &#8211; wieder so ein Sunnyboy-Name! Ob er den der harten Schale seiner Beeren verdankt, die ihn ebenso wie den Refosco vor Sch\u00e4dlingsbefall und Fressfeinden sch\u00fctzt, dem spritzigen Mundgef\u00fchl oder doch Lautmalerei f\u00fcr das Ger\u00e4usch der im Mund platzenden Fr\u00fcchte ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Fast w\u00e4ren die aus ihm gekelterten, dunklen und waldbeerig-pfeffrigen Weine gar nicht bis in unsere Zeit gelangt, denn aufgrund seiner Tendenz zur Verriegelung und der Anf\u00e4lligkeit gegen\u00fcber Falschem Mehltau tendierte seine Anbaufl\u00e4che irgendwann gegen Null, bevor in den 70er Jahren einige Winzer eine erfolgreiche Wiederbelebung starteten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Besonders Ausschau halten sollte man nach dem Pignolo. Ist der Refosco eher der junge Rowdy, der mit der Vespa mitten&nbsp;\u00fcber die Piazza rast, kann der Pignolo uns als die in Wein gegossene Version des gestandenen Signore gelten, der dabei tadelnd an seinem Espresso nippt. Sein Name deutet lautlich auf eine Verwandtschaft mit der Pinot-Familie hin, mit einem Pinot Noir hat dieser tiefdunkle Wein aber nichts zu tun. Vielmehr ist er &#8211; das haben beide dann doch gemein &#8211; der Tannenzapfenform der Traube geschuldet, so zumindest die Wohlmeinenden. Sp\u00f6tter hingegen weisen darauf hin, dass der Name aus dem Italienischen auch als&nbsp;\u201epingelig\u201c&nbsp;oder&nbsp;\u201ekleinlich\u201c \u00fcbersetzt werden kann &#8211; ein nur allzu deutlicher Hinweis auf die Kombination aus geringen Ertr\u00e4gen und hohen Standortanspr\u00fcchen, die der Rebe eigen sind. Die Friulaner vergleichen ihn gern mal mit dem piemontesischen Barolo, und in der Tat eint beide ein hoher Tanningehalt, der erst durch lange Reifezeiten gez\u00e4hmt werden muss. Die&nbsp;\u00fcppige Kirschfrucht und die anfangs nicht allzu gaumenschmeichelnden Noten von Bitterschokolade, Kaffee und schwarzem Pfeffer sind sicherlich nicht jedermanns Sache, zu einem guten Steak aber einfach unschlagbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Wir sehen: Vielfalt ist in Friuli-Venezia Giulia, wie die Einheimischen ihre Heimat nennen, keine blo\u00dfe Marketing-Worth\u00fclse, sondern gelebte Praxis. Und das in vielerlei Hinsicht: nat\u00fcrlich ist Italienisch die von allen geteilte Lingua franca, daneben sind aber auch diverse Minderheitensprachen anerkannt. Besonders das Furlanische genie\u00dft einen hohen Stellenwert &#8211; als r\u00e4toromanische Sprache ist es eng mit gewissen Schweizer Dialekten verwandt. Daneben haben das Venetische, das Slowenische und vor allem das Deutsche eine lange Tradition. Deutlich machen das im Weinbereich insbesondere sehr deutsch anmutende Namen wie Jermann &#8211; der urspr\u00fcnglich aus dem&nbsp;\u00f6sterreichischen Burgenland stammende, ber\u00fchmteste Winzer der Region. Wobei,&nbsp;\u201eber\u00fchmt\u201c&nbsp;&#8211; das ist hier immer so eine Sache, denn die Weinbauern im Friaul haben verstanden, dass nicht f\u00fcr ewig ist. Der Picolit etwa, ein Dessertwein aus der gleichnamigen Traube mit ihren sehr kleinen Beeren, z\u00e4hlte im 18. und 19. Jahrhundert zu den gesuchtesten s\u00fc\u00dfen Tropfen Europas und wurde an F\u00fcrstenh\u00f6fen und bei Staatsempf\u00e4ngen ausgeschenkt. Anders als etwa den Weinen von Sauternes gelang es ihm jedoch nicht, sich den Nimbus des edlen Elixiers dauerhaft zu erhalten. Um ihn wieder auf ein dauerhaft hohes qualitatives Niveau zu heben und den Bekanntheitsgrad immerhin etwas zu steigern, verlieh man dem Picolit 2006 den DOCG-Status &#8211; einer von insgesamt vier im Friaul, zu denen sich noch ganze zehn, wenn auch oft nur sehr kleine, DOC-Zonen gesellen. Fast die H\u00e4lfte aller friulischen Weine k\u00f6nnen sich mit einem der beiden Pr\u00e4dikate schm\u00fccken, eine in Italien extrem hohe Quote.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"s3\">Mittlerweile muss man aber doch ein bisschen k\u00e4mpfen, denn die Zeiten, in denen in Sachen Wei\u00dfwein erst Frankreich kam, dann direkt das Friaul und dann erstmal l\u00e4ngere Zeit nicht so viel, die sind schon l\u00e4nger vorbei &#8211; inzwischen werden auch in Deutschland und&nbsp;\u00d6sterreich Wei\u00dfe auf Weltniveau erzeugt. Doch Stillstand oder gar Selbstmitleid liegt den hiesigen Weinbauern fern, und so wird man halt gern mal zum Vorreiter. Eines der eindr\u00fccklichsten Beispiele der vergangenen Jahre ist der Bereich Orange Wines &#8211; die nach der Art eines Rotweines erzeugten, also zusammen mit den Schalen vergorenen Tropfen sind mittlerweile obligatorisch f\u00fcr jede Weinbar, die etwas auf sich h\u00e4lt. Die Weing\u00fcter Radikon und Gravner haben hier echte Pionierarbeit geleistet, und wo sonst passen in Amphoren ausgebaute Naturweine besser hin als in diese etwas abseitige Gegend? Wo, abgesehen von S\u00fcdtirol, die besten Wei\u00dfweine ganz Italiens erzeugt werden &#8211; selbst der in anderen Landesteilen gern mal etwas blass ausfallende Pinot Grigio ger\u00e4t hier beeindruckend charakterstark.&nbsp;Ja, kommen und staunen\u2026&nbsp;der Weintourismus steckt noch in den Kinderschuhen und lockt anders als komplett durchkommerzialisierte Regionen wie die Toskana mit echten Entdeckungen. Sowieso scheint das Konzept Masse hier nicht recht zu funktionieren: angesagte&nbsp;\u201eTrendweine\u201c, Glamour und gro\u00dfe Namen sucht man vergebens, und auch die Preise bewegen sich in der Regel deutlich&nbsp;\u00fcber Supermarkt-Niveau. Weder f\u00fcr Etiketttrinker noch f\u00fcr Pfennigfuchser die richtige Adresse also &#8211; f\u00fcr Liebhaber uralter autochthoner Trauben, nach Entschleunigung suchende und gern auf historischen Pfaden wandelnde Genie\u00dfer daf\u00fcr umso mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friaul: Im Zeichen des Weins \u2013 Geschichte, Vielfalt und Qualit\u00e4t an Italiens Nordostgrenze Wenn sie einfach nur mal ein paar Jahrzehnte ihre Ruhe haben wollen w\u00fcrden &#8211; man k\u00f6nnte es ihnen nicht verdenken. 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