{"id":71230,"date":"2019-08-14T11:00:29","date_gmt":"2019-08-14T09:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/?p=71230"},"modified":"2019-08-14T11:00:29","modified_gmt":"2019-08-14T09:00:29","slug":"71230-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/2019\/08\/71230-2\/","title":{"rendered":"El Oso Summer School 2019 \u2013 Galiza \u2013 Albari\u00f1o"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Teil 2.  Albari\u00f1o, denn auch Galegos wollen gute Gesch\u00e4fte machen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Sache mit dem Albari\u00f1o ist so einfach nicht. Vor sieben oder acht Jahren kam der damalige und heutige Ministerpr\u00e4sident Alberto N\u00fa\u00f1ez Feijoo auf eine lustige Idee: er wollte per Gesetz verbieten lassen, dass au\u00dferhalb von Galiza Albari\u00f1o angebaut werden d\u00fcrfe. Bestehende Anlagen, etwa in Valencia oder aber in manchen Ecken von Castilla, h\u00e4tten weiterleben d\u00fcrfen, gro\u00dfz\u00fcgig, wie man nun einmal ist. Nat\u00fcrlich wurde aus dieser Idee nichts. Im Juni des Jahres zwanzig neunzehn beschloss die Weinbauregion Bordeaux, dass dort, unter anderem, ab jetzt auch Albari\u00f1o angebaut werden darf. Nat\u00fcrlich war der Ministerpr\u00e4sident Alberto N\u00fa\u00f1ez Feijoo hellauf begeistert. Sachen gibt&#8217;s.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache mit dem Albari\u00f1o ist aber auch aus anderen Gr\u00fcnden so einfach nicht. Denn eigentlich ist das eine Rebsorte, die keine wirklich lange Geschichte im Rucksack hat. In Val do Saln\u00e9s, dem Epizentrum dieser Rebsorte, findet man kaum alte Rebst\u00f6cke, und wenn, dann steht da ein Mischsatz aus Cai\u00f1o branca, Cai\u00f1o negro, Espadeiro und Albari\u00f1o.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_070.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"533\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_070.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-166213\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_070.jpg 800w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_070-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_070-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption>Finca Outeiral: alte Albari\u00f1o-St\u00f6cke.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In ganz Galiza war der Weinbau schon seit dem Mittelalter extrem zersplittert, einzig der Klerus und der Landadel verf\u00fcgten \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4chen. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es mit A Coru\u00f1a genau eine etwas gr\u00f6\u00dfere Stadt, Vigo hingegen, heute mit dreihunderttausend Einwohnern der gr\u00f6\u00dfte Ort in Galiza, kam gerade einmal auf gut zwanzigtausend Einwohner, Ourense war noch kleiner, ebenso Lugo, wo in etwa so viele Menschen lebten wie in Santiago de Compostela. W\u00e4hrend Lugo und Ourense vor allem von den im Inneren von Galiza gelegenen Weinbauregionen versorgt wurden, fand man in den Tavernen in A Coru\u00f1a, Santiago und Pontevedra vor allem Wein aus den K\u00fcstenregionen. Lange Zeit war die Versorgung der gr\u00f6\u00dferen Orte kein Problem, wurden doch bis an die Nordk\u00fcste von Galiza Reben kultiviert. Oidium brachte das zum Erliegen, alleine in der Provinz Pontevedra sank die bestockte Fl\u00e4che um zwei Drittel auf gerade noch gut sechstausend Hektar, weiter im Norden blieb von ein paar tausend Hektar nur das, was rund um den Ort Betanzos angebaut wurde. Gut ein Jahrzehnt sp\u00e4ter verst\u00e4rkte Mehltau die Krise, aber damals waren bereits Behandlungsmethoden bekannt, mit Kupfer und Schwefel r\u00fcckte man beiden Krankheiten zuleibe. Auch den Reblausbefall \u00fcberlebte der Weinbau an der K\u00fcste relativ problemlos, wusste man doch, was zu tun sei: neu bestocken auf amerikanische Rebunterlagen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In jener Zeit indes war Albari\u00f1o eher sp\u00e4rlich anzutreffen. Im S\u00fcden der Makroregion R\u00edas Baixas, am Nordufer des Mi\u00f1o, dominierten andere Sorten: Godello, Loureira, Treixadura, Cai\u00f1o blanca, auch rote Sorten wie Sous\u00f3n waren h\u00e4ufig. Neunzig Prozent dessen, das sagt zumindest der Volksmund, was damals in Saln\u00e9s gekeltert wurde, war Rotwein.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_067.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"399\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_067.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-166212\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_067.jpg 399w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_067-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><\/a><figcaption>Saln\u00e9s, moderner Stil.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Lange Zeit stand sich die Region selbst im Weg, Vermarktung war nicht unbedingt die St\u00e4rke von Saln\u00e9s. Bis zur Gr\u00fcndung der D.O. R\u00edas Baixas gab es nur wenige gr\u00f6\u00dfere Weing\u00fcter, fast alle, die auch heute noch aktiv sind, waren klein, stammten aus dem Dreieck Cambados-Ribadumia-Mea\u00f1o oder aus dem S\u00fcdosten von Condado do Tea, wo sich Weinbau an die D.O. Ribeiro anschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl gab es damals schon einen strukturellen Unterschied zwischen Saln\u00e9s und dem S\u00fcden. Nicht nur die \u00e4lteste Bodega in R\u00edas Baixas, Santiago Ruiz, gegr\u00fcndet im Jahr achtzehnhundert siebzig, sie verf\u00fcgte nie \u00fcber mehr als gut einen Hektar Rebland, eigentlich fast alle Weing\u00fcter von dort unten betrachteten sich als Bodegas, die den Weinbauern Trauben abkauften. Marqu\u00e9s de Vizhoja kelterte, und macht das bis heute, vor allem Tafelwein, die Trauben stamm(t)en aus Irgendwo. Se\u00f1or\u00edo de Sobral verf\u00fcgt auch \u00fcber kaum eigene Weinberge, O Aforado auch nicht. Einzig As Laxas und Divina Fern\u00e1ndez Gil entsprachen dem, was man sich unter einer Winzerbodega vorstellt. Mehr gab es damals da unten nicht.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_051.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_051.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-166211\" srcset=\"https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_051.jpg 450w, https:\/\/www.weine-feinkost.de\/unterwegs\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/caf15_gal_051-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><figcaption>Saln\u00e9s, traditioneller Stil.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In Saln\u00e9s war das anders, auch wenn Palacio de Fefi\u00f1anes bis heute in obige Gruppe geh\u00f6rt, die Vorzeigebodega des simplen Weintourismus lebt fast ausschlie\u00dflich von zugekauftem Lesegut, auch hier steht gerade einmal ein Hektar Rebland in den B\u00fcchern. Zarate, C.B. Pintos, Chaves, Mar\u00eda del Carmen, Gerardo M\u00e9ndez, Quinteira da Cruz Carballal oder Vi\u00f1a Blanca del Saln\u00e9s verarbeiteten haupts\u00e4chlich eigene Trauben. Gut, auch all diese Bodegas kauften zu, und mit Boado-Chavez und Terra Santa gab es auch hier die ersten Auftragskellereien. Dennoch: die Vielfalt war gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau diese Vielfalt f\u00fchrte dazu, dass man sich einmal im Jahr, immer am ersten Wochenende im August, in Cambados traf, um den Albari\u00f1o zu feiern. Denn das war schon ein gewaltiger Schritt nach vorne: alle diese Bodegas kelterten (fast) ausschlie\u00dflich Albari\u00f1o. Die Fiesta de Albari\u00f1o gibt es heute noch, sie hat sich aber inzwischen in vier Tage Bes\u00e4ufnis verwandelt, von Kultur ist da nicht mehr viel zu sehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der achtziger Jahre wurde genau dort, am Meeresufer, nahe des Paradors, dar\u00fcber diskutiert, ob man denn nicht eine kontrollierte Weinbauregion ins Leben rufen sollte. Die Idee gewann schnell viele Freunde, auch wenn man den sauren Apfel R\u00edas Baixas S\u00fcd in Kauf nehmen musste. Man konnte damals keine D.O. Saln\u00e9s gr\u00fcnden, auch wenn das, zumindest aus heutiger Sicht, die einzig richtige L\u00f6sung gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Das konnte man damals nicht wissen, \u00fcberhaupt war das alles ein gro\u00dfer Sprung ins Ungewisse. Denn als die D.O. R\u00edas Baixas gegr\u00fcndet wurde, standen dort in den B\u00fcchern gerade einmal zweihundert dreiundsiebzig Hektar Rebland! Und davon kam noch ein nicht unwesentlicher Teil aus dem S\u00fcden. \u00bfHep?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, f\u00fcr die vielen kleinen und sehr kleinen Produzenten, die ihre paar tausend Liter Wein im Laufe des Jahres so oder so verkauften, meistens in einer Taverne neben der Bodega, Zentrum des gem\u00fctlichen Saufens der Einwohner von Saln\u00e9s, mehr oder weniger legal, war eine kontrollierte Weinbauregion nicht unbedingt von Vorteil. Sie konnten schlecht ihren Wein jetzt teurer verkaufen, nur weil da ein amtliches Etikett der D.O. R\u00edas Baixas auf den Flaschen klebte. Und was macht man mit den Karaffen? Die Kunden dieser Bodegas wollten einfach Wein saufen, wenn dann da ein wenig Palomino aus Ribeiro drin war, dann war das halt so.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch setzte rund um das Gr\u00fcndungsjahr, zwei Jahre zuvor bis vier Jahre danach, ein wahrer Gr\u00fcndungsboom ein. Unter anderem wurden damals die beiden Cooperativen, die R\u00edas Baixas jahrelang pr\u00e4gen sollten, ins Leben gerufen: Mart\u00edn C\u00f3dax und Condes de Albarei. Noch heute sind dies, zusammen mit der Cooperativa Vitivin\u00edcola Arousana, besser bekannt unter dem Markennamen Paco &amp; Lola, die wichtigsten Abf\u00fcller der Region. Insbesondere Mart\u00edn C\u00f3dax, beheimatet in Vilari\u00f1o, im Osten von Cambados, schaffte es in relativ kurzer Zeit, sich einen Namen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Distanz betrachtet ist es durchaus erstaunlich, dass man zuvor keine Cooperativen gr\u00fcndete. Noch heute werden die gut zweitausend Hektar Rebfl\u00e4che in Saln\u00e9s von deutlich mehr als viertausend Weinbauern beackert, insgesamt gibt es mehr als f\u00fcnfzehntausend Parzellen, alles ist total zersplittert. Der durchschnittliche Weinbergsbesitz von f\u00fcnftausend f\u00fcnfhundert Quadratmetern erlaube es einem t\u00fcchtigen Weinbauern, in einem guten Jahr ein paar tausend Liter Wein zu keltern und zu vermarkten, in schlechten Jahren blieb oftmals nicht viel. Vollerwerbsweinbauern, wie man sie aus der Rioja, aus Ribera del Duero oder aus Toro kannte, gab und gibt es in Saln\u00e9s kaum. Wer keine eigene Bodega hatte, der lieferte an eine der beiden Cooperativen, oder aber an die Handelsh\u00e4user, die damals ihren ersten Boom erlebten. F\u00fcr manche war es indes auch ihr letzter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Epoche der Gr\u00fcndung der Weinbauregion fiel zusammen mit der Hochphase des Drogenschmuggels, Haschisch, vor allem aber Kokain aus Columbia auf dem Weg gen Mitteleuropa. Saln\u00e9s wurde \u00fcberschwemmt von Drogengeld und nat\u00fcrlich hatte das auch Auswirkungen auf den Weinbau. Diverse Gro\u00dfbodegas wurden zu nicht geringem Teil mit Koka-Peseten finanziert. Das schillerndste Beispiel ist Pazo Bai\u00f3n, dort investierte Laureano Oubi\u00f1a, einer der vier Drogenk\u00f6nige in Saln\u00e9s, eine Menge Geld. Als er verurteilt wurde, zog der Staat auch sein Verm\u00f6gen ein, darunter diese Bodega inmitten von einem Meer von Weinbergen. Jahre sp\u00e4ter wurde Pazo Bai\u00f3n versteigert, heutiger Eigent\u00fcmer ist Condes de Albarei; das in der Zwischenzeit dort installierte Zentrum f\u00fcr jugendliche Drogenaussteiger wird weiterhin betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Qualitativ waren die achtziger, vor allem aber die neunziger Jahre in Saln\u00e9s eher von \u00fcberschaubarer G\u00fcte, es ging oftmals darum, viel Wein zu keltern, Flaschen, auf denen Albari\u00f1o steht, deren Innenleben aber eher unwichtig war. Jenseits von Galiza kannte man damals nur wenige Albari\u00f1os, weiche, leicht s\u00e4uerliche Weine ohne viel Struktur galten schnell als das, was in Saln\u00e9s typisch sei. Dies sollte sich noch bis in das einundzwanzigste Jahrhundert hinziehen, etwa bis ins Jahr zweitausend und sechs oder zweitausend und sieben, als damals komplett unbekannte Bodegueros namens Rodrigo M\u00e9ndez oder Xurxo Alba begannen, die Szene aufzumischen. F\u00fcnfzehn Jahre zuvor war der Markt noch nicht bereit f\u00fcr solche Weine.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war jedoch die Zeit mancher Weingoldgr\u00e4ber, allen voran Jos\u00e9 Mar\u00eda Fonseca, Gr\u00fcnder einer damals hypermodernen Bodega in O Rosal: Terras Gauda. Sein damaliger \u00d6nologe, Pepe Dom\u00ednguez, galt als einer der besten Weinmacher in Galiza. Gemeinsam schuf man den ersten in kleinen Barricas ausgebauten Albari\u00f1o, Terras Gauda Etiqueta Negra, der in den ersten zehn Jahren jedoch einem wuchtigen Holzungeheuer nahe kam.&nbsp; Er wurde in Spanien f\u00fcr mehr als dreitausend Peseten verkauft, ein Preis, der einzig deswegen so festgelegt wurde, weil ein gewisser Jos\u00e9 Pe\u00f1\u00edn einen damals noch beachtenswerten Weinf\u00fchrer herausgab, in dem es eine Kategorie \u201eWeine teurer als dreitausend Peseten\u201c gab. In der fand man zuvor keinen Wei\u00dfwein, Terras Gauda Etiqueta Negra war der erste. Spielchen dieser Art gab es damals viele, man wollte Albari\u00f1o und R\u00edas Baixas auf der Iberischen Halbinsel bekannt machen. Dies gelang, aber aus einem ganz anderen Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erste Bodega kam La Rioja Alta; man lie\u00df sich im S\u00fcden von R\u00edas Baixas nieder, gr\u00fcndete Lagar de Cervera, man war Pionier in Sachen ausw\u00e4rtige Investition in R\u00edas Baixas. Viele sollten folgen, zumeist kamen sie aus der Rioja. Dies ist nicht weiter verwunderlich, war dies in jener Zeit doch die einzige Weinbauregion Spaniens, die eine halbwegs funktionierende Vertriebsstruktur aufweisen konnte, sowohl national als auch international. Marqu\u00e9s de Vargas, Marqu\u00e9s de Murrieta, Ram\u00f3n Bilbao, dies sind nur drei weitere Rioja-Bodegas, die sich in R\u00edas Baixas ihren Platz schufen. Oftmals wurden bestehende Bodegas \u00fcbernommen, in manchen F\u00e4llen versuchte man, den Rioja-Deckel zu verstecken, Bodegas Riojanas etwa ist so ein Fall. Irgendwann kaufte LAN dann die Vorzeigebodega Santiago Ruiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies war der Startschuss eines eher industrialisierten Weinbaus in Saln\u00e9s. Aber es waren nicht nur die Weing\u00fcter aus der Rioja, aus Catalunya, nat\u00fcrlich sind auch die beiden Gro\u00dfbodegas Felix Sol\u00eds und J. Garc\u00eda Carri\u00f3n vertreten, diverse Weing\u00fcter aus anderen Teilen von Galiza kamen gen K\u00fcste. Am auff\u00e4lligsten war dies am Unterlauf des Mi\u00f1o, in Arbo oder auch in Salvaterra do Mi\u00f1o, wo sich Weing\u00fcter aus dem nahen Ribeiro Bodegas kauften, selbst gebaut hat man eher nicht. Rectoral do Amandi aus Sober kam gen Saln\u00e9s, um Rectoral do Umia zu gr\u00fcnden, eine Riesenbodega, die eigentlich vom ersten Moment an Probleme hatte. Sogrape kam aus Portugal, errichtete im S\u00fcden von Mea\u00f1o, inmitten von Wald und Granit, eine Riesenbodega, in der man gut und gerne zwei Millionen Liter Wein keltern konnte, und scheiterte. Inzwischen hei\u00dft dieses Projekt Vionta, es geh\u00f6rt Freixenet, die wiederum geh\u00f6ren inzwischen Henkell.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Gro\u00dfinvestoren aus dem In- und Ausland war R\u00edas Baixas ein leichtes Spiel, gab es doch viele Weinbauern, die nicht wussten, wohin mit ihren Trauben. Die beiden traditionellen Cooperativen Mart\u00edn C\u00f3dax und Condes de Albarei schlossen bald ihre Mitgliederlisten, sie mussten ihren Socios viel Geld f\u00fcr ihre Trauben zahlen, mehr als dreihundert Peseten f\u00fcr ein Kilo Trauben, mehr als einen Euro und achtzig Cent. Daran hat sich auch bis heute nicht viel ge\u00e4ndert. Daher hat Mart\u00edn C\u00f3dax eine Zweitfirma gegr\u00fcndet, die als Comercializadora, als Vermarkter fungiert. Man erwarb im S\u00fcden von R\u00edas Baixas diverse Bodegas, Adegas Galegas (Don Pedro de Soutomaior) etwa, man kooperiert mit einigen, zum Beispiel mit Tollodouro in O Rosal, und mit anderen. \u00dcberall dort entsteht relativ billiger Albari\u00f1o, billiger zumindest als das, was Mart\u00edn C\u00f3dax in Vilari\u00f1o produzieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In jener Zeit begannen die Albari\u00f1os auch jenseits der Grenzen von Galiza auf sich aufmerksam zu machen, insbesondere auf der anderen Seite des Atlantiks, in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort half, dass viele Menschen aus Galiza auswandern mussten, um Geld zu verdienen, die USA war ein beliebtes Ziel, schon seit Jahrhunderten ist das so. Albari\u00f1o schuf sich einen kleinen Markt. Und dann begab es sich, dass eine in California ans\u00e4ssige Firma namens E&amp;J Gallo auf Albari\u00f1o aufmerksam wurde. Sie sahen sich etwas um und firmierten wenig sp\u00e4ter einen Vertrag mit Bodegas Mart\u00edn C\u00f3dax. Was genau die Absicht dahinter war, ist nicht wirklich klar. Gallo sagt, dass sie nur eine Kooperation wollten, die \u00dcbernahme der Bodega h\u00e4tte nie zur Debatte gestanden. Die nachlassenden Aktivit\u00e4ten in den folgenden Jahren st\u00fctzt diese These indes nicht. Auch war man damals ziemlich vollmundig unterwegs, man wollte zehn Millionen Flaschen Albari\u00f1o f\u00fcllen. Etwas ambitioniert, gab es in jener Zeit doch gerade einmal dreitausend Hektar mit Albari\u00f1o bestockte Rebfl\u00e4che. Auch wenn man die ver\u00f6ffentlichten spanischen Exportstatistiken immer mit etwas Vorsicht und einer Prise Salz genie\u00dfen sollte, die Abs\u00e4tze der D.O. R\u00edas Baixas in all den Jahren seit dem Beginn dieser Kooperation sind von den angepeilten Mengen Lichtjahre entfernt. Daf\u00fcr gibt es inzwischen Mart\u00edn C\u00f3dax Bierzo Edition und auch ein Riojawein namens Ergo, hergestellt in einer Cooperative, ist einer der meistverkauftesten spanischen Rotweine auf den US-Markt, vertrieben via C\u00f3dax-Gallo.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wird aktuell etwas mehr als ein Viertel der Jahresproduktion der D.O. R\u00edas Baixas exportiert, das ist eine ganze Menge. Nur: die Einheimischen k\u00f6nnen daf\u00fcr nicht viel. Neben Gallo sind es vor allem die Bodegas aus anderen Teilen Spaniens, die f\u00fcr den Export verantwortlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der Jahre war R\u00edas Baixas an seine Grenzen gesto\u00dfen, in Saln\u00e9s gibt es nur wenige Stellen, an denen noch Reben gesetzt werden k\u00f6nnen. Gleiches gilt f\u00fcr O Rosal, das M\u00fcndungsgebiet des Mi\u00f1o. Weiter im Landesinneren, in Condado do Tea, k\u00f6nnte man zwar noch mehr pflanzen, die Gegebenheiten sind f\u00fcr Albari\u00f1o indes nicht gerade g\u00fcnstig: es ist zu trocken und zu hei\u00df, beides mag Albari\u00f1o nicht wirklich. Daher kam um die Jahrtausendwende eine andere Erweiterung aufs Tapet: Ribeira do Ulla, ein besserer Bach, der an der Grenze zwischen den Provinzen Pontevedra und A Coru\u00f1a herumschwimmt. Nat\u00fcrlich sind die klimatischen Gegebenheiten auch hier anders, aber zumindest wird es dort nicht zu hei\u00df. Diese Erweiterung jedoch hatte ein G&#8217;schm\u00e4ckle: schon bevor die Erweiterung beschlossen wurde, legte die damals zu den Top-Betrieben der Region z\u00e4hlende Bodega Pazo de Se\u00f1orans dort eine gro\u00dfe Parzelle an. Die langj\u00e4hrige Pr\u00e4sidentin des Consejo Regulador der D.O. R\u00edas Baixas, Marisol Bueno, boxte die Erweiterung durch, wohl nicht zuletzt aus Eigeninteresse, schlie\u00dflich ist sie auch die Eigent\u00fcmerin von Pazo de Se\u00f1orans. Die rechte Hand w\u00e4scht die linke. So richtig attraktiv ist diese Region jedoch nie geworden, ihr Anteil an der gesamten Albari\u00f1o-Produktion liegt bei gut drei Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Leben kam in die Bude erst wieder, als die Cooperativa Vitivin\u00edcola Arousana gegr\u00fcndet wurde, man sprang quasi von null auf drei Millionen Kilo Trauben, viele Weinbauern, die weder bei Mart\u00edn C\u00f3dax noch bei Condes de Albarei Aufnahme fanden, hatten pl\u00f6tzlich ein Zuhause. Dumm nur, dass die M\u00e4rkte gerade alle gut satt waren, au\u00dferdem lugte die Krise schon um die Ecke. Die Genossen aus Mea\u00f1o machten aus der Not eine Tugend, die Bodega wurde zum Heim vieler wei\u00dfer Marken, vor allem von Bodegas aus anderen Regionen Spaniens, die erst einmal sehen wollten, ob das mit Albari\u00f1o klappen k\u00f6nnte. Freixenet war dort, Felix Sol\u00eds ist wohl immer noch dort, aber auch viele kleinere Bodegas, die aus dem einen oder anderen Grund einen Albari\u00f1o mit eigenem Etikett vertreiben wollten, besorgten sich dort ihre Weine. Tollodouro macht solche Dinge auch, und noch ein paar Bodegas mehr. Insgesamt ist der Markt an wei\u00dfen Marken so gro\u00df aber dann doch wieder nicht. Drei\u00dfig Millionen Flaschen, das ist am Ende des Tages noch immer eine \u00fcberschaubare Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach etwa zwei Jahrzehnten qualitativem Stillstand bewegte sich Saln\u00e9s in der zweiten H\u00e4lfte der ersten Dekade des einundzwanzigsten Jahrhunderts dann doch. Den Anfang machte Rodri, Rodrigo M\u00e9ndez, ein Stahltankverk\u00e4ufer aus Mea\u00f1o. Mit Ra\u00fal P\u00e9rez als Weinmacher kam er mit diversen Rotweinen und ein paar interessanten Albari\u00f1os auf den Markt. Gut, man produzierte auch diversen Unfug, wie etwa einen Wein, der ein paar Monate in einem Barrique reifte, das im Atlantik herumschwamm. Kann man machen, bringt Aufmerksamkeit. Kann man aber auch bleiben lassen. Xurxo Alba h\u00e4ngte damals seinen Job in Salnesvin an den Nagel, um die famili\u00e4re Bodega zu \u00fcbernehmen. Eladio Pineiro, lange Zeit Direktor von Mar de Frades (Ram\u00f3n Bilbao) begann mit Frore de Carmen, Weine zu keltern, die zumindest exotisch waren. Manuel Moldes, \u201eChicho\u201c verwandelte die wirkliche Garagenbodega seiner Eltern in Sanxenxo in eine der innovativsten Bodegas der Region. Rosa Pedrosa kam aus Madrid zur\u00fcck, sie beackert einen Weinberg ihrer Familie und gr\u00fcndete Narupa, eine der kleinsten Bodegas der Region mit durchaus innovativen Weinen. Eulogio Pomares verbesserte zum einen die Top-Weine der Familienbodega Zarate, f\u00fcr den normalen Zarate gilt dies nicht, zudem begann er, auf eigene Rechnung, den einen oder anderen interessanten Wein zu keltern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieser Welle schwammen und schwimmen ein paar Bodegas im Schatten mit, die qualitativ dort eher wenig zu suchen haben. Nanclares etwa, wo eigentlich nur die Parkerpunkte gro\u00df sind. Vi\u00f1a Blanca del Saln\u00e9s, k\u00f6nnte, will aber offensichtlich nicht k\u00f6nnen wollen. Altos de Cristimil m\u00fcsste einfach mal den \u00d6nologen wechseln, diverse andere Bodegas m\u00fcssten einfach mal einen \u00d6nologen besch\u00e4ftigen. Aber wie soll das gehen, wenn man gerade einmal zehntausend Flaschen keltert, die dann in der Taverne f\u00fcr sieben Euro die Flasche verschoben werden? Es gibt in Saln\u00e9s viele Parzellen, die gut genug f\u00fcr erstklassige Weine sind. Aber solange man f\u00fcr diese Weine nicht wirklich mehr Geld einnehmen kann, kommt das dem Quirlen von Nebel gleich.<\/p>\n\n\n\n<p>So abrupt der Qualit\u00e4tsboom im Jahr zweitausend und sechs begann, so abrupt brach er wieder in sich zusammen, nur gut sechs Jahre sp\u00e4ter. Nat\u00fcrlich gibt es immer mehr gro\u00dfe und gro\u00dfartigen Weine (gro\u00dfm\u00e4ulige leider auch), sie (die gro\u00dfen) stammen aber immer wieder von den gleichen Weinmachern; Rodri, Ra\u00fal, Xurxo, Chicho, Rosa, Eulogio, und dann noch einmal von vorne: Rodri&#8230; In den letzten f\u00fcnf Jahren, wurde, von einer im Gro\u00dfgeld schwimmenden Unternehmung in Vilagarc\u00eda de Arousa einmal abgesehen, genau eine Bodega wirklich neu gegr\u00fcndet: Cambados Urban Winery. Wenn man schon so hei\u00dft&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Albari\u00f1o und mit ihm Saln\u00e9s und, im Schlepptau, R\u00edas Baixas, steht schon an einem Scheidepunkt. Der Anteil industriell daherkommender Weine steigt immer weiter, die Top-Produzenten kann man weiterhin mithilfe von zwei H\u00e4nden aufz\u00e4hlen. Man kennt sie inzwischen auch in Restspanien, jedes Sternelokal kann zumindest f\u00fcnf gute Produzenten aufz\u00e4hlen, und f\u00fchrt auch Weine von ihnen: Rodri, Ra\u00fal, Xurxo, Chicho und Eulogio. Zusammen f\u00fcllen die aber gerade einmal eine halbe Million Flaschen. Weltbekannt wird man so eher nicht. Text: El oso alem\u00e1n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 3.  Galiza in Rot: noch immer eine Herausforderung<\/strong> erscheint auf diesem Blog am 21.08.2019 um 11.00 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teil 4.  Galiza, ein Land der Cuv\u00e9es? Vor allem um Ribeiro geht es hier, aber auch um die komplizierte Nachbarschaft mit Portugiesen<\/strong> erscheint auf diesem Blog am 28.08.2019 um 11.00 Uhr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 2. Albari\u00f1o, denn auch Galegos wollen gute Gesch\u00e4fte machen Die Sache mit dem Albari\u00f1o ist so einfach nicht. 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