Das Weinviertel ist mit 13.086 Hektar bestockter Rebfläche das größte Weinbaugebiet Österreichs — rund 31 Prozent der nationalen Fläche, also fast ein Drittel. Der Name ist älter als jede Weinvermarktung: Er geht auf die vier Viertel Niederösterreichs zurück, in die das Land traditionell geteilt war, neben dem Wein- noch das Wald-, das Most- und das Industrieviertel; im Habsburgerreich hieß der Landstrich Kreis unter dem Manhartsberg. Rund 78 Prozent der Fläche sind weiß bestockt, und eine Sorte beherrscht alles: Grüner Veltliner steht hier auf rund 7.000 Hektar, also fast die Hälfte des gesamten österreichischen Bestandes. Räumlich reicht es von der Donau im Süden bis an die tschechische Grenze im Norden und an die March im Osten. 2002 wurde aus dieser Sorte die erste DAC Österreichs überhaupt. Was das Gebiet außerdem hat, sind Kellergassen, Löss bis in große Tiefe — und mehr Marillen als die Wachau.
Die erste DAC Österreichs schreibt den Geschmack vor
Weinviertel DAC gilt seit dem Jahrgang 2002, verkauft wurde der erste ab dem 1. März 2003 — das war der Anfang des gesamten österreichischen Herkunftssystems. Ungewöhnlich ist, wie weit die Verordnung geht: Sie lässt nur eine einzige Rebsorte zu, den Grünen Veltliner, und legt zusätzlich das Geschmacksbild fest. Verlangt wird ein fruchtiger, würziger, pfeffriger Wein ohne dominanten Holzton und ohne Alkohollastigkeit. Drei Stufen gibt es: Klassik mit mindestens zwölf Volumenprozent, die Reserve seit dem Jahrgang 2009 mit mindestens dreizehn und dezent erlaubtem Botrytis- oder Holzeinfluss, und seit dem Jahrgang 2020 die Große Reserve. Kleinere Herkünfte bis hinunter zur Ried sind zusätzlich zulässig.
Retz liegt im Weinviertel, nicht im Waldviertel
Die Stadt Retz im Nordwesten des Gebiets wird regelmäßig dem Waldviertel zugeschlagen, gehört aber zum Weinviertel; sie liegt lediglich an dessen Grenze, im Regenschatten des Manhartsbergs. Trocken ist es dort tatsächlich: Der Jahresniederschlag liegt um 500 Millimeter, im Extremjahr 2018 fielen nur 386. Beim Sonnenschein sollte man vorsichtiger sein — Retz kommt auf rund 1.968 Stunden im Jahr und liegt damit hinter Poysdorf mit 2.084 Stunden, ein österreichweiter Rekord ist das also nicht. Unter der Stadt zieht sich ein Kellersystem, dessen Länge auf 16 bis 25 Kilometer geschätzt wird; eine vollständige Vermessung gab es nie, nur eine Teilaufnahme in den vierziger Jahren. In Retz sitzt außerdem eine Außenstelle des Bundesamts für Weinbau.
Kellergassen sind Straßen ohne Adressen
Zwischen 800 und 1.000 Kellergassen zählt das Weinviertel, je nach Erhebung — Niederösterreich insgesamt kommt auf 1.100 bis 1.300, und drei Viertel davon liegen hier. Aufgebaut sind sie immer gleich: zur Straße hin das weiß gekalkte Presshaus, dahinter führt eine Treppe hinab in die Kellerröhre im Löss. Gewohnt wird dort nicht, deshalb haben diese Gassen keine Hausnummern. Die längste geschlossene Kellergasse Europas steht in Hadres mit rund 400 Kellern. Anders als oft behauptet stammt der Großteil der Anlagen nicht aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, sondern aus der zweiten Hälfte des neunzehnten und der ersten des zwanzigsten Jahrhunderts — die Zäsur war das Ende der Grundherrschaft 1848.
Die Poysdorfer Gstetten war eine Lehmgrube
Kellergassen entstehen selten nach Plan, und die Gstetten in Poysdorf ist dafür das schönste Beispiel: Sie geht auf eine Lehmgrube zurück, aus der ab 1629 das Material für die Pfarrkirche, ab 1663 für das Bürgerspital und zwischen 1677 und 1681 für das Kapuzinerkloster geholt wurde. Zurück blieb eine dreieckige Geländevertiefung, in deren Wände man Keller trieb; über dreißig Presshäuser stehen dort heute. Poysdorf nennt sich selbst die Weinstadt Österreichs — nicht Sekthauptstadt, das ist Langenlois im Kamptal. Das Poysdorfer Winzerfest in der zweiten Septemberwoche zieht rund 30.000 Besucher an und hat seit 1984 jedes Jahr einen prominenten Festpräsidenten; der erste war der Kammersänger Heinz Holecek.
Der Brünnerstraßler und der Eiserne Vorhang
Brünnerstraßler heißt der Weißwein aus dem östlichen Weinviertel, gewachsen entlang der alten Handelsstraße von Wien nach Brünn, der heutigen B7; Kleinhadersdorf und Poysdorf liegen daran. Der Begriff bezeichnet eine Herkunft, keine Qualität, auch wenn er umgangssprachlich manchmal abwertend gebraucht wird. Was diese Achse bedeutete, zeigte sich, als sie verschwand: Mit dem Eisernen Vorhang verlor das Weinviertel seine historischen Absatzmärkte in Böhmen und Mähren, lag plötzlich in einer Sackgasse und rutschte über Jahrzehnte in ein Billigimage. Erst nach 1990 kehrte die alte Geografie zurück, mit ihr die Nachbarmärkte im Norden und Osten. Wie viele Hektar in jenen Jahrzehnten verschwanden, ist nicht belastbar dokumentiert.
Löss überall, Urgestein in Röschitz, Flysch am Bisamberg
Der Boden des Weinviertels ist Löss, und zwar in Schichten, die an vielen Stellen mehrere Meter mächtig sind — man sieht ihn in den senfgelben Wänden der Hohlwege zwischen den Kellern. Zwei Ausnahmen lohnen die Unterscheidung. Bei Röschitz im Nordwesten, am Übergang zum Waldviertel, läuft die Böhmische Masse aus: verwitterter Granit und Gneis statt Löss, worauf Riesling deutlich besser zurechtkommt als Grüner Veltliner. Der Bisamberg nördlich der Wiener Stadtgrenze wird gern in einem Atemzug damit genannt, ist geologisch aber etwas völlig anderes — er gehört zur Flyschzone mit Sandsteinen und Buntmergeln, nicht zum Urgestein. Wer im Weinviertel Mineralität sucht, sucht sie also an den Rändern des Gebiets, nicht in seiner Mitte.
Mehr Marillen als in der Wachau
Die bekannteste Marillenregion Österreichs ist die Wachau, die größte ist es nicht. Nach den Flächendaten stehen im Weinviertel rund 325 Hektar Marillen, in der Wachau 263 und in der Steiermark 159; von den österreichweit gut 1.000 Hektar liegt damit knapp ein Drittel im Weinviertel, konzentriert um Poysdorf. Dazu kommen weitere Kulturen, die das Gebiet zur Speisekammer Wiens machen: Getreide, Schweinezucht, der Retzer Kürbis mit seinem eigenen Fest. Der Marchfeldspargel wird gern dazugerechnet — das Marchfeld gehört zur Region, weinbaulich spielt es aber keine Rolle. Geerntet wird sie ab Mitte Juli, gut zwei Wochen vor der Weinlese. Am Größenverhältnis ändert das nichts: Auf jeden Hektar Marillen kommen im Weinviertel rund vierzig Hektar Reben.
In die Grean gehen, und was 2025 gebracht hat
Der eigenwilligste Brauch des Gebiets heißt in die Grean gehen und stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert: Winzer dankten ihren Lesehelfern, indem sie mit ihnen ins Grüne zogen und den jungen Wein verkosteten — angelehnt an den Emmausgang am Ostermontag. Heute ist daraus eine Saison von Anfang März bis Ende Mai geworden, offen für jeden Gast. Über den aktuellen Jahrgang sagte Hans Setzer, Obmann des Regionalen Weinkomitees Weinviertel, am 24. Februar 2026: „Der Weinviertel DAC zeigt auch im neuen Jahrgang 2025 wieder genau das, wofür unsere Herkunft steht: Frische, Würze und Trinkfreude mit Charakter." Für 2026 melden Betriebe im östlichen Weinviertel Trockenheit, reduzierte Erträge in Junganlagen und stellenweise Handbewässerung.
Was wir aus dem Weinviertel führen
Drei Weine stehen bei uns, alle vom Weingut Herbert Zillinger in Ebenthal: Herbert und Carmen Zillinger bewirtschaften dort rund sechzehn Hektar kalkhaltigen Löss und arbeiten seit 2016 konsequent biodynamisch, zertifiziert nach Respekt-BIODYN. Aus der Linie Horizont kommen der Grüne Veltliner 2022 und der Chardonnay 2023 für je 17,50 Euro; darüber steht der Zillinger Grüner Veltliner 2021 für 46,50 Euro. Alle drei sind biozertifiziert und vertragen mehr Temperatur, als man Weißwein zugesteht: zwölf Grad, nicht acht. Die drei decken die Spannweite des Gebiets ab, vom Alltagsveltliner bis zum Lagenwein — und eine Seite des Gebiets, die mit dem alten Massenimage nichts mehr zu tun hat. Zu Spargel und gebratenem Fisch ist der Grüne Veltliner ohnehin die naheliegendste Wahl. Die übrigen Gebiete stehen unter Niederösterreich.