Drei Angaben des alten Textes muss man umdrehen. Australischer Schaumwein wächst nicht in der Sonne, sondern in der Kälte: Die wichtigste Herkunft ist Tasmanien, die kühlste Weinbauregion des Landes mit einer mittleren Januartemperatur von 15,6 Grad und Weinbergen bis zum 43,7. südlichen Breitengrad. Cabernet Sauvignon spielt dabei praktisch keine Rolle — die Leitsorten sind Chardonnay und Pinot Noir, wie in der Champagne. Und der rote Schaumwein aus Shiraz hat nicht in den letzten Jahren für Furore gesorgt: Er wird seit den 1890er Jahren erzeugt und hieß bis in die neunziger Jahre Sparkling Burgundy, bis ein Handelsabkommen mit der Europäischen Union den Namen unmöglich machte. Was am alten Text stimmt, ist die Beschreibung: Dieser Wein ist wirklich fast schwarz, und es gibt ihn in dieser Form sonst nirgends auf der Welt. Nur ist er die Ausnahme, nicht die Regel — mengenmäßig entfallen auf roten Schaumwein im australischen Export gerade einmal sechs Prozent.
Nicht die Sonne, die Kälte
Guter Schaumwein braucht Säure, und Säure braucht Kühle — deshalb liegt Australiens Schaumweinzentrum ganz im Süden. Tasmanien bewirtschaftet rund 2.084 Hektar Rebfläche und hat nach den Daten von Wine Australia die niedrigste mittlere Januartemperatur aller australischen Weinbauregionen. Von der tasmanischen Ernte gingen im Jahrgang 2024 achtunddreißig Prozent in die Schaumweinerzeugung; die Insel stellt zwar nur ein halbes Prozent der australischen Weinmenge, aber einen weit überproportionalen Anteil des Spitzensegments. Neben Tasmanien liefern die Adelaide Hills, das Yarra Valley, die Macedon Ranges, Tumbarumba und Henty die Grundweine — allesamt Regionen, in denen stille Rotweine schwer reif werden.
1986: Roederer und Moët kamen im selben Jahr
Der moderne australische Schaumwein hat ein Gründungsjahr, und es liegt später, als man denkt. Zwar pflanzte der Franzose Jean Miguet schon 1956 nördlich von Launceston Reben, und Claudio Alcorso legte im selben Jahr bei Hobart den Grundstein für Moorilla — aber der Durchbruch kam erst dreißig Jahre später. 1986 ging Louis Roederer eine Partnerschaft mit Heemskerk Wines ein und pflanzte Chardonnay und Pinot Noir in Pipers River; daraus wurde die Marke Jansz, die seit 1998 der Familie Hill-Smith gehört. Im selben Jahr 1986 gründete Moët & Chandon im Yarra Valley Domaine Chandon. Zwei der größten Champagnerhäuser investierten also unabhängig voneinander im gleichen Jahr in Australiens kühle Zonen.
Sparkling Shiraz ist über 130 Jahre alt
Der rote Schaumwein Australiens ist keine Modeerscheinung, sondern eine der ältesten Spezialitäten des Landes. Bereits 1881 versuchte sich Auguste D'Argent in Melbourne an einem Sparkling Burgundy; der aus der Champagne stammende Kellermeister Charles Pierlot erzeugte 1893 bei Seppelt in Great Western einen roten Schaumwein, und Edmond Mazure entwickelte die Machart bei Adelaide weiter. Über hundert Jahre hieß der Stil Sparkling Burgundy. Erst das Weinhandelsabkommen zwischen Australien und der Europäischen Union von 1994 und seine Nachfolgeregelung machten europäische Herkunftsnamen unzulässig; die Erzeuger tauften ihren Wein daraufhin nach der Rebsorte um. Rockford brachte seinen Black Shiraz 1988 heraus, als der Stil als unmodern galt.
Wie ein schwarzer Schaumwein entsteht
Sparkling Shiraz entsteht anders als jeder europäische Schaumwein, und der Unterschied beginnt beim Grundwein. Ausgangspunkt ist ein vollständig durchgegorener Rotwein, häufig im Holzfass ausgebaut und mit spürbarem Tannin; er wird anschließend versektet, je nach Haus im Tank oder in der Flasche. Peter Lehmanns Black Queen etwa entsteht in traditioneller Flaschengärung. Entscheidend ist die Dosage: Sie fällt deutlich höher aus als bei Brut, weil sie das Tannin abfedern muss. Der Black Queen kommt auf rund dreißig Gramm Restzucker je Liter, andere auf gut zweiundzwanzig — das entspricht der europäischen Stufe Sec. Für die Dosage verwenden manche Häuser gespriteten Süßwein, etwa Liqueur Muscat, was dem Wein zusätzliche Tiefe gibt.
House of Arras und die Frage der Reifezeit
Der bekannteste australische Schaumweinerzeuger ist zugleich der geduldigste. Ed Carr leitet seit 1995 die Kellerei House of Arras in Tasmanien, nachdem er ab 1988 nach geeigneten Lagen auf der Insel gesucht hatte — damals gab es dort ganze 46 Hektar Reben. 2018 erhielt er bei den Champagne and Sparkling Wine World Championships den Preis für sein Lebenswerk. Über die Reifezeit seiner Spitzencuvées sagte er im Januar 2025: „It's a minimum of four years and maybe even ten." An anderer Stelle geht er weiter und hält bei allen Cuvées zwanzig Jahre für erreichbar. Seit Oktober 2023 gehört das Haus nicht mehr zu Accolade Wines, sondern zu Handpicked Wines; Carr blieb Kellermeister und erzeugt weiterhin ausschließlich aus tasmanischen Trauben.
Die Transfermethode: der dritte Weg
Zwischen Flaschengärung und Tank gibt es ein drittes Verfahren, das in Australien besonders verbreitet ist. Bei der Transfermethode findet die zweite Gärung in der Flasche statt wie beim Champagner — nur wird der Wein danach nicht gerüttelt und degorgiert, sondern unter Druck in einen Tank entleert, dort filtriert, dosiert und wieder in Flaschen gefüllt. Das Ergebnis liegt qualitativ zwischen Tankgärung und traditioneller Methode und erlaubt gleichbleibende Füllmengen ohne den Aufwand des Degorgierens. Die Spitzenerzeuger Tasmaniens und des Yarra Valley arbeiten dagegen mit der klassischen Flaschengärung. Ein rechtlicher Schutz des Begriffs méthode traditionnelle wie in Europa besteht in Australien allerdings nicht.
Australiens Prosecco und der Vertrag vom März 2026
Ein Sonderfall des australischen Schaumweins hat es bis in die europäische Handelspolitik geschafft. Otto Dal Zotto pflanzte 1999 im King Valley in Victoria die ersten dreihundert Prosecco-Reben und füllte im Dezember 2004 den ersten Jahrgang ab. Weil Italien den Namen 2009 an eine Herkunft band, forderte die Europäische Union dessen Aufgabe; Australien hielt dagegen, Prosecco sei ein Rebsortenname, den man vor 2009 legal verwendet habe. Am 24. März 2026 einigten sich beide Seiten im Freihandelsabkommen: Australien darf den Namen im Inland unbefristet weiterführen, für Exportware gilt eine Auslauffrist von zehn Jahren. Im King Valley waren 2025 sechsundvierzig Prozent der Ernte Prosecco-Trauben.
Zahlen, Anlässe und wozu diese Weine passen
Australien ist nach Angaben von Wine Australia der sechstgrößte Schaumweinerzeuger der Welt mit rund vier Prozent der Weltproduktion. Im eigenen Land stammen etwa zwei Drittel des verkauften Schaumweins aus heimischer Erzeugung, Frankreich und Italien teilen sich den Rest. Der Export liegt bei rund vierzig Millionen australischen Dollar, wovon nur sechs Prozent auf roten Schaumwein entfallen — Sparkling Shiraz ist also ein Nischenprodukt mit großer Bekanntheit. Getrunken wird er in Australien traditionell zu Weihnachten, das dort im Hochsommer stattfindet, gekühlt zum Braten oder vom Grill. Servieren Sie ihn kühler als einen Rotwein und wärmer als einen Champagner; die weißen Cuvées aus Tasmanien vertragen acht bis zehn Grad. Die übrigen Herkünfte stehen unter Australien und South Australia, das europäische Vorbild unter Champagne, unsere Rotweine in eigener Kategorie.