Während der durchschnittliche Tourist auf dem Ausflugsdampfer rheinaufwärts begeistert Fotos macht, gibt es seinem weinaffinen Mitreisenden einen Stich: Zwischen den bewirtschafteten Zeilen stehen überall verbuschte Weinberge. Der Mittelrhein ist mit 439 Hektar (Deutsches Weininstitut, Stand 2025) das kleinste der dreizehn deutschen Anbaugebiete — und der Abstand zur Hessischen Bergstraße beträgt gerade einen Hektar. Um 1900 waren es noch rund 2.200 Hektar. Der Grund für den Schwund liegt im Gelände: Das Gebiet besteht fast ausschließlich aus Steil- und Terrassenlagen, und die kosten Arbeit. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut beziffert den Unterschied so: „In der Flachlage sind pro Hektar und Jahr bei guter Mechanisierung rund 200 Arbeitsstunden nötig, in der Steillage aber 1000." Was hier trotzdem entsteht — Riesling auf Devonschiefer, auf rund zwei Dritteln der Fläche — gehört zu den unterschätztesten Weinen Deutschlands.
Ein Gebiet, zwei Bereiche, zwei Bundesländer
Der Mittelrhein zieht sich über gut hundert Kilometer von der Nahemündung bei Bingen bis ins Siebengebirge bei Bonn und gliedert sich in elf Großlagen und 111 Einzellagen. Zwei Bereiche teilen ihn: Loreley, der den größten Teil ausmacht, und Siebengebirge, das mit rund zwanzig Hektar rings um Königswinter in Nordrhein-Westfalen liegt und dessen einzige Großlage Petersberg heißt — nach dem Berg mit dem Gästehaus der Bundesrepublik. Historisch standen dort über fünfhundert Hektar. Mit dem Jahrgang 2026 ändert sich die Beschriftung: Nach der Weingesetz-Novelle muss künftig sowohl Bereichs- als auch Großlagennamen der Zusatz „Region" vorangestellt werden, in gleicher Schrift und Größe. Auf dem Etikett steht dann Region Loreley oder Region Siebengebirge.
Feuerwein: die vergessene Technik aus Bacharach
Am Mittelrhein wurde jahrhundertelang ein Wein hergestellt, den es heute nirgends mehr gibt. Vinum coctum, deutsch Feuerwein: Weil einfacher Wein damals meist sauer war, stellte man die Fässer in einer Feuerkammer etwa einen halben Meter über glühende Holzkohle, geschützt durch eine eiserne Platte, die die Wärme verteilte. Die Gärung war binnen drei Tagen durch, der Wein blieb süß, hefefrei und farbintensiv. Kaiser Maximilian I. erließ 1498 eine Regelung gegen Verfälschungen, was zeigt, wie bedeutend das Produkt war; seine Blütezeit reichte vom 15. bis ins 19. Jahrhundert, Zentrum war das Viertälergebiet um Bacharach und Kaub. In Oberdiebach steht die Feuerweinkammer noch, in der bis 1824 produziert wurde. Bezahlt wurde der Feuerwein wie Malvasier aus Griechenland.
Bacharach und der gesprengte Altar des Bacchus
Der Name Bacharach klingt nach dem römischen Weingott, und genau das hat die Rheinromantik daraus gemacht. Die Ableitung von „Bacchi ara", Altar des Bacchus, ist Volksetymologie; der Erstbeleg Baccaracus aus dem frühen 11. Jahrhundert weist auf einen keltischen Ursprung mit dem Suffix -acum. Den Felsen allerdings gab es: Die Ara Bacchi lag als mächtiger Block im Rhein, wurde von Reisenden des 19. Jahrhunderts beschrieben und 1850 im Zuge der Rheinregulierung beseitigt. Sie war nicht der einzige. Das Binger Loch, ein Riff aus Taunusquarzit quer zur Fließrichtung, bekam im 17. Jahrhundert eine gerade vier Meter breite Durchfahrt; erst preußische Sprengungen zwischen 1830 und 1841 verbreiterten sie auf vierzehn Meter, der Großausbau auf hundertzwanzig Meter folgte zwischen 1966 und 1974.
Die Loreley und das rheinische Wort für Fels
Der Loreleyfelsen bei Sankt Goarshausen ragt 132 Meter über den Rhein, und der Fluss ist an dieser Stelle 160 Meter breit und bis zu 25 Meter tief — die engste und tiefste Stelle des gesamten schiffbaren Rheins zwischen Basel und Rotterdam. Die Strudel dort haben Schiffe verschlungen, lange bevor Brentano und Heine die singende Zauberin erfanden. Interessanter als die Sage ist die Wortendung: Lay oder Ley ist das rheinische Wort für Fels und Schiefer, mittelhochdeutsch leie, altsächsisch leia, seinerseits wohl eine gallische Entlehnung im Rheinraum. Sie steckt in Lagennamen wie Feuerlay, Fässerlay und Gartenlay — jedes Mal ein Hinweis auf den Untergrund. Was das Vorderglied „Lore-" bedeutet, ist bis heute ungeklärt; diskutiert werden Wörter für schreien, summen und lauern.
Welterbe seit 2002 — wegen der Terrassen
Das Obere Mittelrheintal steht seit 2002 auf der Welterbeliste der UNESCO, und zwar auf 65 Rheinkilometern zwischen Bingen und Rüdesheim im Süden und Koblenz im Norden. Bemerkenswert ist die Begründung: Neben der Geomorphologie und der zweitausendjährigen Besiedlung würdigt Kriterium fünf ausdrücklich die traditionelle Lebensweise im engen Flusstal, in dem der Terrassenweinbau die Landschaft geprägt hat. Der Weinbau ist hier also nicht Beiwerk der Kulturlandschaft, sondern ihr Werkzeug. Wer den Zusammenhang umgekehrt liest, versteht das Problem der Region: Jeder aufgegebene Weinberg verändert das, wofür die Auszeichnung vergeben wurde. 2029 richtet das Tal auf 67 Kilometern zwischen Bingen und Koblenz die Bundesgartenschau aus.
Schiefer prägt — der Vulkan liegt im Norden
Über die Böden des Mittelrheins wird gern zu viel behauptet. Prägend im ganzen Kerngebiet sind devonischer Tonschiefer und verwitterte Grauwacke: dunkel, wärmespeichernd, karg. Vulkanisches Material gibt es tatsächlich, aber nur im Norden — dort liegen Bims und Tuff, ausgeworfen vom Laacher See in der Osteifel vor rund dreizehntausend Jahren — und im Siebengebirge, wo mit Trachyt und Latit echte Vulkanite anstehen. Am Bopparder Hamm, mit rund fünfundsiebzig Hektar die größte zusammenhängende Rebfläche des Gebiets, ist es dagegen Schiefer. Die Südlage zieht sich dort über fünf Kilometer entlang der größten Rheinschleife, verteilt auf acht Einzellagen der Großlage Gedeonseck; 2025 erreichte der Riesling dort über neunzig Grad Oechsle.
Fünf VDP-Betriebe und ein Gebiet im Umbruch
Die Spitze des Mittelrheins ist überschaubar und stark: Fünf Betriebe gehören dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter an und bewirtschaften zusammen 63,5 Hektar, darunter Toni Jost und Ratzenberger in Bacharach, Lanius-Knab in Oberwesel und Matthias Müller in Spay. Der Jahrgang 2025 brachte rund 23.000 Hektoliter, acht Prozent unter dem langjährigen Mittel, aber vierundvierzig Prozent über dem schwachen Vorjahr. Maximilian Hendgen, Geschäftsführer des Weinbauverbands Mittelrhein, fasste die Lese zusammen: „Es war in diesem Jahr eine besonders anstrengende Lese, weil wir im September kaum trockene Phasen hatten." Und doch: „Die eingebrachten Qualitäten sind sehr gut." Unter den brachliegenden Hängen liegen Filetstücke, auf die junge Winzer inzwischen wieder zugreifen.
Was Sie bei uns stattdessen finden
Ein Mittelrhein-Wein steht bei uns derzeit nicht im Regal — die Betriebe sind klein, die Mengen winzig, und vieles wird ab Hof und in den eigenen Weinstuben verkauft. Wer den Stil sucht, den der Mittelrhein liefert, findet ihn in unmittelbarer Nachbarschaft: Riesling von Schiefer mit knackiger Säure an der Mosel, etwas breiter und schmelziger im Rheingau, und Spätburgunder aus einem ähnlich steilen, ähnlich kleinen Flusstal an der Ahr. Riesling vom Schiefer trinken Sie bei zehn bis zwölf Grad, gern feinherb, zu gebratenem Fisch, Geflügel oder asiatisch gewürzten Gerichten — die Restsüße fängt die Schärfe ab, ohne die Säure zu verdecken. Was sonst aus deutschen Anbaugebieten bei uns steht, finden Sie unter Deutschland.