Savoyen ist eine Weinregion im Osten Frankreichs, zwischen dem Genfersee und den Alpen, und sie bringt einige der eigenständigsten Weine des Landes hervor — aus Rebsorten, die außerhalb dieser Täler kaum jemand kennt. Rund 2.000 Hektar sind bestockt, verteilt auf drei Appellationen: Savoie, Roussette de Savoie und Seyssel, dazu seit 2014 der Crémant de Savoie. Etwa siebzig Prozent der Erzeugung sind weiß, zwanzig Prozent rot, der Rest Rosé und Schaumwein (Syndicat Régional des Vins de Savoie, Stand 2025). Der Weinbau reicht bis auf rund 600 Meter Höhe hinauf und zerfällt in mehrere voneinander getrennte Zonen, die Berge, Seen und Städte voneinander abschneiden. Was hier wächst, hat mit dem Bild vom Skihüttenwein wenig zu tun: Jacquère, Altesse, Mondeuse und Bergeron sind Sorten mit eigenem Charakter, und die besten Lagen tragen seit 1957 eigene Namen auf dem Etikett, wie man es sonst aus dem Burgund kennt.
Bugey gehört nicht zu Savoyen
Bugey wird in deutschen Beschreibungen regelmäßig als savoyische Appellation geführt, und das stimmt nicht. Das Gebiet liegt im Département Ain, westlich der Savoyer Weinberge, hat einen eigenen Erzeugerverband und eigene Appellationen — rund 500 Hektar, etwa 24.000 Hektoliter im Jahr. Gemeinsam vermarktet werden beide unter dem Dach Savoie-Bugey, rechtlich sind sie getrennt. Auch eine zweite Zuschreibung ist falsch: Der Bugey Cerdon, der bekannteste Wein des Gebiets, ist kein Chardonnay-Schaumwein, sondern ein roséfarbener Perlwein nach der Méthode ancestrale aus Gamay und Poulsard, süß und niedrig im Alkohol. Chardonnay spielt in Savoyen durchaus eine Rolle, aber im Crémant de Savoie — dort muss Jacquère mindestens vierzig Prozent stellen.
Sechzehn Crus, nicht siebzehn
Das Lastenheft der Appellation Savoie führt sechzehn Dénominations géographiques, deren Namen auf dem Etikett stehen dürfen: Abymes, Apremont, Arbin, Ayze, Chautagne, Chignin, Chignin-Bergeron, Crépy, Cruet, Jongieux, Marignan, Marin, Montmélian, Ripaille, Saint-Jean-de-la-Porte und Saint-Jeoire-Prieuré. Dazu kommen vier Crus der Roussette de Savoie — Frangy, Marestel, Monterminod und Monthoux, anerkannt 1957 und bestätigt 1973. Zusammen also zwanzig Herkunftsnamen für ein Gebiet von 2.000 Hektar, was einer Parzellierung entspricht, die man sonst eher aus dem Burgund kennt. Seyssel ist dagegen eine eigenständige Appellation, anerkannt 1942, mit einem Schaumwein aus Molette und Altesse; Wein aus Seyssel ist bereits 1145 urkundlich erwähnt.
Roussette und Altesse sind dieselbe Rebe
Wer in Savoyen eine Flasche Roussette de Savoie in die Hand nimmt, hält reinen Altesse — Roussette ist der regionale Name des Weins, nicht einer zweiten Sorte. Das nationale Herkunftsinstitut formuliert es unmissverständlich: „un vin exclusivement blanc produit dans les Savoie à partir du seul cépage altesse". Über die Herkunft der Altesse kursiert eine hübsche Geschichte, wonach ein savoyischer Ritter sie 1432 aus Zypern mitgebracht habe. Belegt ist davon nichts; die Ampelografie ordnet die Sorte eher der südostfranzösischen Sortenfamilie um Syrah, Mondeuse, Viognier und Roussanne zu. Im Glas ergibt Altesse einen körperreichen Weißwein mit Noten von Bienenwachs, Haselnuss und Quitte, der mit ein paar Jahren gewinnt — auf 340 Hektar die zweitwichtigste Sorte der Region.
Jacquère steht auf 800 Hektar
Der Sortenspiegel Savoyens ist klar geordnet. Jacquère führt mit 800 Hektar und damit rund vierzig Prozent der Rebfläche; sie liefert leichte, salzig-frische Weißweine mit wenig Alkohol, wie man sie aus Apremont und den Abymes kennt. Es folgen Altesse mit 340 Hektar, Gamay mit 270, Mondeuse mit 240, Pinot Noir und Roussanne mit je 100, Chardonnay mit 90 und Chasselas mit 80 Hektar, letzterer ausschließlich in der Haute-Savoie am Genfersee. Ganz am Ende der Liste stehen Raritäten, die es sonst nirgends gibt: Gringet auf 23 Hektar im Arve-Tal, wo aus ihm der Schaumwein von Ayze entsteht, Molette auf 18 und der fast verschwundene rote Persan auf gerade acht Hektar. Der Gringet galt lange als Verwandter des Traminers — die DNA weist ihn stattdessen als naheverwandt mit der Altesse aus.
Bergeron ist der savoyische Name der Roussanne
Chignin-Bergeron ist der bekannteste Weißwein Savoyens und zugleich ein Sonderfall im Lastenheft: Für diesen Cru sind die Weine ausschließlich „issus du cépage roussanne B exclusivement" — allein aus Roussanne. Bergeron ist dabei kein eigenständiger Sortenname, sondern die lokale Bezeichnung derselben Rebe, die an der nördlichen Rhône ihre zweite Heimat hat. Angebaut wird sie in Savoyen praktisch nur in drei Gemeinden: Chignin, Francin und Montmélian, zusammen auf hundert Hektar an steilen, nach Süden gerichteten Hängen. Der Wein ist deutlich gehaltvoller als ein Jacquère — Aprikose, Honig, Kräuter, oft mit fülliger Textur. Wer Savoyen für ein Land dünner Weißweine hält, sollte hier anfangen.
Apremont wächst auf einem Trümmerfeld von 1248
In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1248 brach die Nordflanke des Mont Granier ab. Der Bergsturz hinterließ eine siebenhundert Meter hohe Wand, die man bis heute sieht, und schob Kalksteinmassen über acht Kilometer weit ins Tal; nach heutigen Schätzungen kamen rund tausend Menschen ums Leben, fünf Ortschaften verschwanden. Die Hügellandschaft aus Schutt, die dabei entstand, trägt heute die Weinberge von Apremont und Les Abymes — der Name Abymes bedeutet Abgründe. Der Naturpark Chartreuse datiert die Bepflanzung dieser Trümmerkegel auf das Mittelalter, unmittelbar nach der Katastrophe. Auch andernorts wächst savoyischer Wein auf Bergsturzmaterial: bei Arbin, Cruet und Fréterive auf Schutthalden, am Genfersee dagegen auf Gletschermoränen.
Die Mutter des Syrah stammt aus Savoyen
Eine der einflussreichsten Rebsorten der Welt hat hier ihren Ursprung, und kaum jemand weiß es. Die DNA-Analysen von Bowers im Jahr 2000 und von Vouillamoz und Grando 2004 wiesen nach, dass Syrah eine natürliche Kreuzung aus Dureza aus der Ardèche und Mondeuse Blanche aus Savoyen ist. Diese weiße Mondeuse ist heute eine Rarität. Nicht zu verwechseln ist sie mit der Mondeuse Noire, der wichtigsten roten Sorte Savoyens: Sie steht auf 240 Hektar und ergibt dunkle, pfeffrige Weine mit kräftigem Gerbstoff und einer charakteristischen bitteren Note im Abgang, die gut altern. Ob beide Mondeuse-Sorten direkt miteinander verwandt sind, ist nicht geklärt — vermutet wird eine gemeinsame, heute verschwundene Ursprungssorte.
Was wir aus Savoyen führen
Zwei Weine stehen bei uns, und beide stammen von der Domaine des Ardoisières — einem Gut, das seine Weinberge auf ehemaligen Schieferterrassen wieder angelegt hat und unter der geografischen Angabe Vin des Allobroges abfüllt, benannt nach dem keltischen Stamm, der hier vor den Römern siedelte. Der Silice 2023 ist ein reinsortiger Jacquère für 17,80 Euro: schlank, salzig, mit Zitrusfrucht und deutlicher Säure. Der biozertifizierte Argile 2023 für 27,90 Euro verschneidet Jacquère und Chardonnay zu je vierzig Prozent mit zwanzig Prozent Mondeuse Blanche — jener Sorte also, aus der einmal der Syrah hervorging. Beide bei zehn bis zwölf Grad servieren, zu Fisch, Fondue oder Bergkäse. Unser gesamtes Weißwein-Angebot steht unter Weißweine, die übrigen Regionen des Landes unter Frankreich.