Der Wagram ist eine Geländestufe, und das Weinbaugebiet ist nach ihr benannt: rund dreißig Kilometer lang, an manchen Stellen bis zu vierzig Meter hoch, nach Süden ausgerichtet und vollständig aus Löss aufgebaut. Auf etwa 2.400 Hektar bestockter Rebfläche wachsen zu rund achtzig Prozent weiße Sorten, zwei Drittel davon Grüner Veltliner. Bis 2007 hieß das Gebiet Donauland, seit dem Jahrgang 2021 gibt es die Wagram DAC, als vorletzte der acht niederösterreichischen Herkünfte. Der Name selbst ist mittelhochdeutsch: wac für bewegtes Wasser und rain für Hang, zusammen also der Hang am Wasser. Was hier im Glas landet, schmeckt anders als die Weine der Nachbarn im Nordwesten: runder, gelbfruchtiger, mit mehr Schmelz. Die Spezialität der Gegend heißt Roter Veltliner und ist trotz des Namens eine weiße Sorte. Das alles liegt am Boden, und der ist geologisch nicht das, wofür ihn die meisten Weintexte halten.
Der Löss kam mit dem Wind, nicht aus dem Meer
In Texten über den Wagram steht regelmäßig, die Lössschicht habe sich am Ufer eines Urmeeres abgelagert. Das ist falsch. Löss ist äolisch, also vom Wind verfrachtet: In den Kaltzeiten wehte feiner Staub von den vegetationsarmen Schotterflächen der Donau heran und lagerte sich an der Geländestufe ab, Meter um Meter. Ein Meer gab es im Wiener Becken nur im Tertiär, Jahrmillionen vor der Lössbildung. Praktisch heißt das: Der Boden speichert Wasser und Wärme hervorragend, was in trockenen Sommern zählt, und er gibt dem Grünen Veltliner mehr Fülle als das karge Urgestein der Wachau. In den Löss hinein wurden seit jeher Keller getrieben, dazu die rätselhaften Erdställe, deren Zweck bis heute umstritten ist.
Wagram DAC: 13 Sorten unten, drei oben
Die Wagram DAC gilt ab dem Jahrgang 2021, die Verordnung trat Anfang Februar 2022 in Kraft. Ihr Aufbau verengt sich nach oben so deutlich wie in kaum einem anderen österreichischen Gebiet: Der Gebietswein lässt dreizehn Sorten zu, weiße wie rote, und ausdrücklich auch den Gemischten Satz und Cuvées. Der Ortswein verlangt Sortenreinheit aus sieben Sorten und kennt siebenundzwanzig geschützte Ortsnamen — praktisch jede Weinbaugemeinde des Gebiets. Der Riedenwein schließlich ist auf drei Sorten beschränkt: Grüner Veltliner, Roter Veltliner und Riesling. Alle Stufen müssen trocken sein, weshalb die durchaus vorhandenen Eis- und Süßweine des Wagram den Gebietsnamen nicht tragen dürfen und als Niederösterreich vermarktet werden.
Der Zweigelt wurde 1922 gekreuzt, nicht 1921
Fritz Zweigelt übernahm 1921 die Rebenzüchtung an der Anstalt Klosterneuburg; die Kreuzung aus St. Laurent und Blaufränkisch selbst datiert auf 1922. Der ursprüngliche Name der Sorte war Rotburger — er ist also kein Geschwistername, sondern ein Synonym, was in der oft zitierten Reihung Rotburger, Blauburger, Goldburger übersehen wird. Echte weitere Züchtungen Zweigelts sind Goldburger von 1922 aus Welschriesling und Orangetraube sowie Blauburger von 1923 aus Blaufränkisch und Blauem Portugieser. Lenz Moser propagierte ab den fünfziger Jahren die Bezeichnung Zweigelt; 1972 wurde daraus amtlich die Zweigeltrebe, 1978 der Blauer Zweigelt. Der nach dem Züchter benannte Preis wurde 2015 eingestellt.
Die Reblaus kam über die Mehltau-Forschung
Der folgenschwerste Import der österreichischen Weinbaugeschichte geschah in bester Absicht. Um dem Echten Mehltau beizukommen, ließ man in Klosterneuburg amerikanische Reben kommen — und mit ihnen kam 1872 die Reblaus nach Österreich. August Wilhelm von Babo, von 1860 bis 1893 Direktor der Anstalt, konnte zeitweise nur unter Polizeischutz von seinem Wohnort Weidling zur Schule fahren, so aufgebracht waren die Weinbauern der Umgebung. Erfunden hat Babo die Pfropfung auf amerikanische Unterlagen nicht — das geht auf französische Pioniere zurück —, aber er setzte sie in Österreich durch und publizierte 1885 dazu. Ohne diese Technik gäbe es den europäischen Weinbau in seiner heutigen Form nicht.
Roter Veltliner ist weiß und macht Arbeit
Die Spezialität des Wagram trägt einen irreführenden Namen: Roter Veltliner ist eine Weißweinsorte, benannt nach der rötlichen Färbung der reifen Beerenschale, und mit dem Grünen Veltliner nicht verwandt. Österreichweit steht sie nur noch auf rund 200 Hektar, weil sie als Massenträger ohne konsequente Grünlese — also das Wegschneiden unreifer Trauben im Sommer — flach und ausdruckslos gerät. Wer die Arbeit investiert, bekommt einen feinwürzigen Wein mit ungewöhnlicher Lagerfähigkeit. Am Wagram hält vor allem das Weingut Josef Fritz in Zaußenberg die Sorte hoch und hat sie auf fünfzehn Hektar zur Leitrebe gemacht. Auch der Weinberghof Fritsch in Oberstockstall führt sie. Ihre Hitzetoleranz könnte der Sorte in den kommenden Jahrzehnten noch nützen.
Ein Weingarten mit 250 Rebsorten
Das Weingut Leth in Fels am Wagram legte vor rund zwanzig Jahren gemeinsam mit der Weinbauschule Klosterneuburg einen Sortenweingarten an, in dem nach eigenen Angaben mehr als 250 verschiedene Rebsorten stehen — der größte seiner Art in Österreich. Der daraus gekelterte Gemischte Satz heißt Simply Wow! 200 United. Zu unterscheiden ist er vom Wiener Gemischten Satz DAC, der eigene Regeln hat: mindestens drei weiße Sorten im selben Weingarten, gemeinsam gelesen und vergoren. Am Wagram ist der Gemischte Satz dagegen schlicht eine zugelassene Stilform auf der Gebietsweinstufe. Historisch war diese Anbauform überall Standard, bevor die Ampelografie, also die wissenschaftliche Rebsortenkunde, sortenreine Weingärten möglich machte.
Klosterneuburg liegt nur zum Teil im Wagram
Das Weingut Stift Klosterneuburg, 1114 gegründet, wird gern als Wagramer Betrieb geführt, und das stimmt nur zum kleineren Teil: Von seinen 108 Hektar liegen rund 23 im Wagram, 25 in Wien, fünf in der Thermenregion und 55 im Wiener Becken. Seit 2009 arbeitet es als erstes österreichisches Weingut klimaneutral. Im selben Ort sitzt die Höhere Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- und Obstbau, die als einzige Einrichtung ihrer Art in Österreich direkt dem Landwirtschaftsministerium untersteht. Sie forscht heute schwerpunktmäßig an pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, den PIWIs, und prüft deren Leistung unter zertifiziert biologischen Anbaubedingungen. Ausgebildet werden dort Winzerinnen und Winzer aus ganz Österreich.
Die Wagramer Nuss und ein Satz vom Obmann
Neben dem Wein steht am Wagram eine zweite alte Kultur: die Walnuss. Die Wagramer Nuss ist unter der Nummer 140 im österreichischen Register der Traditionellen Lebensmittel verzeichnet; nach Darstellung des Landwirtschaftsministeriums beginnt der Nussbaumanbau in der Gegend um 200 nach Christus, als die Römer die Nuss im ganzen Reich verbreiteten. Ein Baum trägt heute 100 bis 150 Kilogramm im Jahr; verarbeitet wird die Nuss vor allem in Mehlspeisen und im Nussbrot, das viele Winzer zur Verkostung reichen. Wie das Gebiet sich selbst sieht, brachte Thomas Stopfer, Obmann der Weinstraße Wagram, am 13. April 2025 auf den Punkt: „Die Region war immer zurückhaltend und bescheiden in ihrem Tun, die Winzer:innen aber dennoch stolz und sich ihrer Stärken bewusst."
Was wir aus dem Wagram führen
Ein Wein steht bei uns, und er ist eine gute Wahl für dieses Gebiet: der Materia Prima 2020 vom Weinberghof Fritsch in Oberstockstall für 23,50 Euro. Karl Fritsch bewirtschaftet dort 25 Hektar auf mächtigem Löss und arbeitet seit 2006 biodynamisch; er gehört zu den dreizehn Gründungsbetrieben der Vereinigung respekt-BIODYN von 2007. Der Materia Prima ist ein Orange Wine aus Rotem Traminer und Grünem Veltliner: rund zwei Wochen Maischestandzeit im Betonei, danach ein Jahr Ausbau im gebrauchten Holzfass und im Beton. Servieren Sie ihn bei zwölf bis vierzehn Grad, nicht kühler, und geben Sie ihm Luft. Weitere Bioweine stehen in einer eigenen Kategorie, die übrigen Gebiete unter Niederösterreich.