El Hierro ist der westlichste Punkt Spaniens und war einmal der Nullmeridian der Welt. Die Insel misst 268,5 Quadratkilometer, zählte 2025 genau 12.040 Einwohner und trägt eine Weinherkunft, die seit 1994 als Denominación de Origen geschützt ist. Eingetragen sind rund zweihundert Hektar Rebfläche, dreizehn Bodegas und über zweihundert Winzer — das ist selbst für kanarische Verhältnisse wenig. Was den Weinbau hier interessant macht, ist nicht die Menge, sondern die Sortenliste: Vijariego Blanco, Gual, Bermejuela, Baboso, Listán Negro, Negramoll, Tintilla. Reben, die es größtenteils nirgendwo sonst gibt, auf steilem, steinigem Vulkangestein zwischen Meereshöhe und tausend Metern, und bis heute wurzelecht, weil die Reblaus die Insel nie erreicht hat. Und noch etwas stimmt an der gängigen Beschreibung nicht: Die Kanaren haben seit 2018 acht Inseln, nicht sieben. Und das ändert auch etwas an El Hierros Rang.
Acht Inseln, nicht sieben
Die Kanarischen Inseln zählen seit 2018 offiziell acht bewohnte Inseln. La Graciosa wurde im Juni jenes Jahres vom spanischen Senat als achte anerkannt und mit dem Gesetz vom 5. November 2018 im Autonomiestatut der Kanaren verankert; verwaltet wird sie weiterhin von der Gemeinde Teguise auf Lanzarote. Wie lange solche Anpassungen dauern, zeigt ein Detail aus diesem Sommer: Erst das Gesetz vom 27. Mai 2026 hat die kanarische Hymne umgeschrieben, die bis dahin von sieben Felsen sang. Für El Hierro bedeutet das eine kleine Korrektur: Unter den klassischen sieben Hauptinseln ist es mit 268,5 Quadratkilometern die kleinste, seit La Graciosa dazugehört aber die zweitkleinste. La Gomera, die nächstgrößere, misst mit 370 Quadratkilometern fast das Anderthalbfache.
Die Bimbaches kamen nicht zu den Römern
Die Ureinwohner El Hierros hießen Bimbaches oder Bimbapes und stammten aus Nordafrika — genetische Untersuchungen weisen sie als Amazigh aus, mit der auch bei antiken Berbern verbreiteten Haplogruppe E-M81. Wann sie kamen, ist Gegenstand laufender Forschung: Neue Radiokarbondatierungen der Universität Las Palmas verlegen die Besiedlung El Hierros auf das dritte nachchristliche Jahrhundert, für die Kanaren insgesamt werden zwei Wellen zwischen dem ersten vorchristlichen und dem dritten nachchristlichen Jahrhundert diskutiert. Das fällt zeitlich in die Spätantike, hat mit dem Römischen Reich aber nichts zu tun — römisch war auf dieser Insel nie etwas. Geblieben sind Felsritzungen mit libysch-berberischen Zeichen, am bekanntesten in El Julan.
Verbannt wurde nach Fuerteventura, nicht nach El Hierro
Die Geschichte von El Hierro als Verbannungsinsel für spanische Oppositionelle lässt sich nicht belegen. Sie beruht mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einer Verwechslung: Der Philosoph Miguel de Unamuno wurde 1924 unter der Diktatur Primo de Riveras nach Fuerteventura verbannt, nicht nach El Hierro; 2024 wurde dort das hundertjährige Jubiläum dieser Verbannung begangen. Für El Hierro findet sich in den Quellen nichts Vergleichbares. Was die Insel tatsächlich prägt, ist ihre Abgeschiedenheit: 12.040 Einwohner auf 268,5 Quadratkilometern, verteilt auf die drei Gemeinden Valverde mit 5.538, La Frontera mit 4.660 und El Pinar de El Hierro mit 2.042 Einwohnern. Die Bevölkerung wächst dabei wieder: 2024 waren es noch 11.806.
Punta de Orchilla: der Nullmeridian vor Greenwich
Bevor Greenwich den Nullmeridian bekam, lag er auf El Hierro. Schon Ptolemäus nahm die Insel im zweiten Jahrhundert als westlichen Bezugspunkt seiner Weltkarte, weil sie als Ende der bekannten Welt galt. 1634 machte Frankreich unter Ludwig XIII. den Meridian von Ferro amtlich zur Referenz für alle geografischen Karten; gemessen wurde er an der Punta de Orchilla, festgelegt auf zwanzig Grad westlich von Paris. Erst die Internationale Meridiankonferenz von 1884 in Washington löste ihn durch Greenwich ab, im deutschsprachigen Kartenwesen hielt er sich noch länger. Die Punta de Orchilla ist zugleich der westlichste Punkt Spaniens. Dass ausgerechnet dieser Fleck jahrhundertelang der Nullpunkt aller Karten war, verdankt die Insel also nicht ihrer Bedeutung, sondern ihrer Randlage.
Die Herkunft ist seit 1994 geschützt
Anerkannt wurde die Denominación de Origen El Hierro mit der Orden vom 27. April 1994, veröffentlicht im kanarischen Amtsblatt am 13. Mai desselben Jahres; sie ersetzte eine Vorgängerregelung von 1990. Das heute geltende Reglamento datiert vom 17. Februar 2011. Die Parzellen liegen als vereinzelte Flecken über die Insel verstreut — die größte zusammenhängende Zone ist El Golfo im Nordwesten der Gemeinde La Frontera, dazu kommen Sabinosa, Echedo und El Pinar. Die Weinberge reichen laut Lastenheft von Meereshöhe bis auf tausend Meter. Wer hier Wein anbaut, tut das auf sehr steilem Gelände und in sehr kleinen Einheiten: Rund zweihundert Hektar verteilen sich auf über zweihundert eingetragene Winzer, im Schnitt also weniger als ein Hektar je Betrieb.
Vijariego, Gual und ein Boal, den man von Madeira kennt
Die Sortenliste des Lastenhefts ist ein Verzeichnis kanarischer Eigenheiten. Bevorzugt sind bei Weiß Bermejuela, auch Marmajuelo genannt, Gual, Malvasía aromática, Malvasía volcánica, Moscatel de Alejandría und Vijariego Blanco, das auf der Insel Verijadiego heißt; zugelassen sind daneben Listán Blanco, Pedro Ximénez, Bastardo Blanco und Burrablanca. Rot bevorzugt sind Listán Negro, hier auch Almuñeco genannt, Negramoll und Tintilla, dazu Bastardo Negro, Vijariego Negro und Moscatel Negro. Zwei Namen dürften bekannt vorkommen: Listán Blanco ist dieselbe Sorte wie der andalusische Palomino, und Gual ist der kanarische Name für Boal — eine der vier edlen Sorten auf Madeira, wo sie den halbsüßen Stil trägt.
Wurzelecht, und seit Juli 2025 mit einer Einschränkung
Die Kanaren galten über hundert Jahre als reblausfrei, und die Reben stehen deshalb wurzelecht, ohne amerikanische Unterlage. Seit dem 30. Juli 2025 gilt dieser Satz mit einer Einschränkung: Auf Teneriffa wurde damals erstmals seit über einem Jahrhundert Reblaus nachgewiesen. Bis Juni 2026 zählte die Regionalregierung 89 Fälle aus dem Jahr 2025 und vier weitere aus 2026, sämtlich auf Teneriffa. Auf El Hierro wurden einundsiebzig Proben genommen, alle negativ. Für den Weinbau der Insel heißt das: Die Reben stehen weiterhin auf eigenen Wurzeln, und niemand hier hält das noch für selbstverständlich. Wurzelechte Reben sind kein Marketingargument, sondern der Grund, warum manche dieser Sorten überhaupt noch existieren.
Steiler Fels, Passat und ein Vulkan von 2011
Das Lastenheft beschreibt die Böden knapp und zutreffend: nährstoffarm, leicht, locker und steinig, in sehr steilem, oft nur zu Fuß erreichbarem Gelände. Die Wetterstation am Flughafen von Valverde auf zweiunddreißig Metern weist für die Normalperiode 1981 bis 2010 ein Jahresmittel von 21,1 Grad und nur 206 Millimeter Niederschlag aus — dort, wo die Reben stehen, ist es kühler und feuchter, weil der Passat die Nordhänge in ein mar de nubes hüllt, ein Wolkenmeer. Geologisch ist die Insel jung und aktiv: Am 10. Oktober 2011 begann südlich von La Restinga ein untermeerischer Ausbruch, der bis März 2012 andauerte; noch im Mai 2025 registrierte das nationale geografische Institut elf Beben binnen einer halben Stunde.
Medaillen 2026 und wozu diese Weine passen
Beim Wettbewerb Agrocanarias 2026 traten aus El Hierro zwölf Weine von fünf Bodegas an und holten eine Große Goldmedaille und zwei Goldmedaillen — bei insgesamt 251 Proben von fünfundsechzig kanarischen Betrieben ein beachtliches Ergebnis für eine so kleine Herkunft. Wolfgang Padrón, Präsident des Kontrollrats der DO Vinos de El Hierro, beschrieb den Charakter der Inselweine im Oktober 2025 in der Tribuna de Canarias so: „Las variedades más conocidas son el Baboso, negro y blanco, este hace que los vinos tengan un cuerpo diferente." Die weißen Sorten gehören bei etwa zehn Grad ins Glas, die roten bei sechzehn. Unsere übrigen Weißweine und Rotweine haben eigene Kategorien, das gesamte spanische Regal finden Sie unter Spanien.