Das Priorat liegt nicht im Hinterland der Costa Brava, sondern rund hundertsiebzig Kilometer davon entfernt in der Provinz Tarragona — der nächste Strand ist die Costa Daurada, und von Falset bis in die Stadt Tarragona sind es zweiundvierzig Kilometer. Auch der zweite Satz, den man über diese Herkunft immer wieder liest, steht auf dem Kopf: Nicht die Cariñena ist hier die alte Sorte und die Garnacha die neue Mode, sondern beide sind seit jeher die Leitsorten des Gebiets; neu waren in den achtziger Jahren Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah. Und die kleinste Denominación de Origen Spaniens ist das Priorat auch nicht, selbst wenn seine 2.237 Hektar neben der Rioja verschwinden. Was es tatsächlich ist: die zweite von zwei spanischen Herkünften mit der höchsten Qualitätsstufe, die einzige Weinlandschaft Spaniens mit einer Lagenklassifikation nach burgundischem Muster, und eine Region, die vor fünfzig Jahren fast verschwunden wäre.
Die zweite DOCa Spaniens — und nicht die kleinste
Zwei Herkünfte in Spanien tragen die höchste Stufe des Weinrechts, und Priorat ist die zweite davon. Anerkannt wurde das Gebiet zunächst mit der Orden vom 23. Juli 1954 als einfache Denominación de Origen; die Erhebung zur Denominació d'Origen Qualificada erfolgte durch eine Verordnung der katalanischen Regierung vom 18. Dezember 2000, neun Jahre nach der Rioja. Eine dritte hat es bis heute nicht gegeben. Klein ist das Gebiet trotzdem: 2.237 Hektar waren in der Kampagne 2022/23 eingetragen, bewirtschaftet von 509 Winzern, 116 Bodegas erzeugten daraus 38.693 Hektoliter. Die kleinste Herkunft Spaniens ist das aber nicht — mehrere Vinos de Pago liegen unter vierzig Hektar, und auch die Ribeira Sacra ist kleiner.
Neun Gemeinden, umschlossen von der DO Montsant
Die Herkunft ist deutlich kleiner als die Landschaft, die ihren Namen trägt. Zur DOQ Priorat gehören neun vollständige Gemeinden — La Morera de Montsant mit Escaladei, Gratallops, Porrera, Poboleda, Torroja del Priorat, La Vilella Alta, La Vilella Baixa, El Lloar und Bellmunt del Priorat — dazu abgegrenzte Flächen von Falset und El Molar. Die Comarca Priorat dagegen zählt dreiundzwanzig Gemeinden; die übrigen liegen fast alle in der DO Montsant, die seit 2001 eigenständig ist und die DOQ ringförmig umschließt. Die Weinberge liegen zwischen hundert und siebenhundert Metern auf terrassierten Steilhängen, den costers, die teils nur zwei Rebzeilen breit sind. Im Norden schirmt das Massiv der Serra de Montsant die kalten Winde ab.
Garnacha und Cariñena sind beide die alten Sorten
Das Lastenheft führt Garnacha Tinta, hier Garnatxa Negra, und Samsó gleichrangig als empfohlene Sorten — Samsó ist derselbe Name für die Rebe, die anderswo Cariñena, Mazuelo oder Carignan heißt. Beide sind die historischen Sorten des Gebiets, keine von beiden ist die neuere. Zugelassen sind daneben Garnacha Peluda, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Ull de Llebre, wie der Tempranillo hier heißt, Pinot Noir, Merlot, Syrah und Picapoll Negre. Die internationalen Sorten kamen erst in den achtziger Jahren mit der Wiederbelebung ins Gebiet. Weiß stehen Garnacha Blanca, Macabeo, Pedro Ximénez, Chenin, zwei Muskateller, Xarel·lo, Pansal und Picapoll Blanco im Lastenheft. Rund neunzig Prozent der Fläche sind rot bestockt.
Llicorella ist Tonschiefer aus dem Karbon
Der Boden, für den das Priorat berühmt ist, heißt llicorella, und er ist präziser zu beschreiben, als es meist geschieht. Das Lastenheft nennt ihn pizarra aus dem Karbon, also Tonschiefer, der vor etwa dreihundert bis dreihundertsechzig Millionen Jahren entstand, durchsetzt mit Ausbissen von Tiefengestein. Mineralogisch stecken darin Tonminerale, Glimmer, Quarz und Feldspat; die Quarzeinschlüsse geben dem Bruch seinen Glanz. Ausschließlich llicorella ist das Gebiet aber nicht, und vorgeschrieben ist der Boden auch nicht — die Abgrenzung der Herkunft erfolgt nach Katasterflächen, nicht nach Bodenkarten. Von reinsten Schieferböden zu sprechen ist deshalb eine Überzeichnung. Prägend ist llicorella zweifellos, exklusiv ist sie es nicht.
Els Noms de la Terra: zwölf Dörfer, 459 Paratges
Kein anderes spanisches Anbaugebiet hat seine Lagen so weit heruntergebrochen. Bereits 2007 führte die DOQ Priorat mit dem Vi de Vila die erste dorfbezogene Klassifikation Spaniens ein; heute gibt es zwölf solcher Dorfeinheiten. Am 25. Mai 2019 stellte der Kontrollrat das vollständige System unter dem Namen Els Noms de la Terra vor, mit 459 kartierten Paratges — Gewannen, wie man in Deutschland sagen würde — und darüber den beiden Einzellagenstufen Vinya Classificada und Gran Vinya Classificada. Je höher die Stufe, desto niedriger der Ertrag, desto älter die Reben und desto höher der Pflichtanteil an Garnacha und Cariñena. Als erste Gran Vinya Classificada anerkannt wurden L'Ermita von Álvaro Palacios, Mas de la Rosa von Vall Llach und 1902 Tossal d'en Bou von Mas Doix.
Ein Prior, sieben Dörfer und ein Landesname
Der Name dieser Landschaft ist eine Amtsbezeichnung. 1194 gründeten Kartäusermönche in einem Seitental der Serra de Montsant die Kartause Scala Dei, und ihr Prior herrschte als Lehnsherr über sieben umliegende Dörfer — Priorat heißt schlicht das Gebiet des Priors. Die Mönche legten Weinberge an und bewirtschafteten sie über sechs Jahrhunderte. 1835 wurden die Klostergüter im Zuge der spanischen Säkularisation enteignet und in kleine Parzellen an die Landbevölkerung aufgeteilt; die Ruine der Kartause steht bis heute bei Escaladei. Diese Zerstückelung erklärt, warum das Priorat noch immer eine Landschaft winziger Parzellen ist: Bei 509 Winzern auf 2.237 Hektar kommen im Schnitt gut vier Hektar auf einen Betrieb.
Juni 1893: die Reblaus kommt nach Porrera
Der Absturz dieser Region lässt sich auf einen Monat datieren. Im Juni 1893 wurde die Reblaus in Porrera nachgewiesen, und innerhalb weniger Jahre lag der Weinbau des Priorat am Boden. Was folgte, war keine Umstellung, sondern eine Abwanderung: Die Comarca zählte vor dem Befall knapp achtundzwanzigtausend Einwohner, heute sind es rund zehntausend. Die Rebfläche schrumpfte bis 1979 auf etwa sechshundert Hektar — ein Bruchteil dessen, was vor der Reblaus bewirtschaftet wurde. Zurück blieben verlassene Terrassen und Genossenschaften, die Fasswein verkauften. Wer heute im Priorat alte Garnacha-Stöcke sieht, sieht die Reste dessen, was zwischen 1893 und den siebziger Jahren nicht aufgegeben wurde.
1979, 1989, 1993: die Rückkehr in drei Schritten
Die Wiederbelebung des Priorat lässt sich an drei Jahreszahlen festmachen. 1979 ließ sich René Barbier, ein Winzer mit Stationen in Bordeaux und Burgund, in der Gegend nieder und begann, aufgegebene Terrassen zurückzukaufen. Um ihn sammelten sich Álvaro Palacios, Daphne Glorian, Josep Lluís Pérez und Carles Pastrana; 1989 brachten die fünf ihren ersten gemeinsamen Jahrgang ein, zunächst unter mehreren Etiketten, ab 1992 getrennt unter eigenen Namen. 1993 erschien der erste L'Ermita von Álvaro Palacios, und mit ihm kam die internationale Aufmerksamkeit. Mas Martinet war schon 1981 entstanden, die Cellers de Scala Dei in ihrer heutigen Form seit 1974. Die Geschichte ist also älter als die Legende.
Der Jahrgang 2025 und wozu diese Weine passen
Nach drei Dürrejahren war 2025 das erste, das wieder eine normale Ernte brachte. 2024 hatte das Priorat fünfunddreißig bis fünfzig Prozent seiner Menge verloren, bei Erträgen von teils nur fünfhundert Kilogramm je Hektar; 2025 kamen rund 5,06 Millionen Kilogramm herein, ein Fünftel mehr. Salustià Àlvarez, damals Präsident des Kontrollrats, sagte dazu am 24. Oktober 2025 im Canal Reus: „la sequera continua fent mal, però alhora és aquesta falta d'aigua la que manté la vinya amb bon estat sanitari." Mit 9,85 Euro je Flasche im Schnitt ist Priorat die teuerste katalanische Herkunft; im Fachhandel endet die Spanne vierstellig. Zu Lamm bei achtzehn Grad. Unsere Rotweine und Weißweine stehen in eigenen Kategorien, die andere DOCa unter Rioja, das katalanische Nachbargebiet unter Penedès, alle Herkünfte unter Spanien.