Württembergischer Wein ist außerhalb Württembergs selten zu finden, und dafür gibt es eine simple Erklärung: Die Schwaben trinken ihn selbst. Mit 10.694 Hektar (Deutsches Weininstitut, Stand 2025) ist Württemberg das viertgrößte der dreizehn deutschen Anbaugebiete, hinter Rheinhessen, der Pfalz und Baden. Rot dominiert wie fast nirgends sonst: 65 Prozent der Rebfläche tragen rote Sorten, ein Anteil, den in Deutschland nur die Ahr übertrifft. Die Rangfolge dieser Sorten hat sich allerdings gedreht, und zwar gründlich. An der Spitze steht längst nicht mehr der Trollinger, sondern der Riesling mit 1.995 Hektar, gefolgt vom Lemberger mit 1.661 Hektar; der Trollinger folgt mit 1.614 Hektar auf Platz drei und hat seit 2009 rund ein Drittel seiner Fläche verloren. Wer Württemberg auf Viertele, Besen und leichten Trollinger reduziert, beschreibt also ein Gebiet, das es so nicht mehr gibt — geblieben ist, dass hier Rotwein selbstverständlich ist, während der Rest des Landes ihn erklären muss.
Erstmals seit 1991 unter 11.000 Hektar
Die württembergische Rebfläche ist 2025 unter eine Marke gerutscht, die vierunddreißig Jahre lang gehalten hatte: Das Deutsche Weininstitut weist 10.694 Hektar aus, ein Minus von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der erste Wert unter 11.000 Hektar seit 1991. Wer parallel beim Statistischen Landesamt Baden-Württemberg nachschlägt, findet 10.610 Hektar — die Differenz von rund 84 Hektar ist kein Fehler, sondern der bayerische Teil des Bodenseegebiets, der weinrechtlich zu Württemberg zählt, statistisch aber nicht zum Land. Beide Zahlen stimmen, sie zählen nur Verschiedenes. Der Rückgang trifft ein kleinteilig strukturiertes Gebiet, in dem Steillagen am Neckar zuerst aufgegeben werden, wenn die Nachfolge fehlt.
Der Riesling hat den Trollinger überholt
Die meistangebaute Sorte Württembergs ist seit einigen Jahren weiß. Riesling steht auf 1.995 Hektar, Lemberger auf 1.661, Trollinger auf 1.614 — eine Rangfolge, die 2009 noch umgekehrt aussah, als der Trollinger mit weitem Abstand führte und seither rund ein Drittel seiner Fläche eingebüßt hat. Der Grund liegt im Wein selbst: Trollinger reift spät, bringt hohe Erträge und ergibt einen hellen, säurebetonten Rotwein, der als Viertele im Glas funktioniert und im Flaschenregal außerhalb Schwabens kaum Käufer findet. Der zweite Grund ist das Klima: Wärmere Jahrgänge bringen Lemberger und Spätburgunder verlässlich zur Reife, die am Neckar vor dreißig Jahren noch riskant waren. Außerhalb Württembergs spielt der Trollinger in Deutschland ohnehin keine Rolle.
Lemberger ist Blaufränkisch — seit dem 4. November 1866
Lemberger und Blaufränkisch sind dieselbe Rebsorte, und ihre Herkunft ist inzwischen genetisch geklärt: Eine Untersuchung von Maul, Röckel und Töpfer in der Fachzeitschrift Vitis wies 2016 die Blaue Zimmettraube und den Weißen Heunisch als Eltern nach. In Österreich heißt sie Blaufränkisch, in Ungarn Kékfrankos; nach Württemberg kam sie am 4. November 1866 durch Robert Schlumberger. Aus 350 Hektar im Jahr 1964 sind 1.661 geworden — alle übrigen deutschen Anbaugebiete zusammen kommen auf rund 110 Hektar. Im Glas ergibt Lemberger einen dunklen, straffen Rotwein mit deutlicher Säure und feinkörnigem Gerbstoff, der weit besser lagert als Trollinger. Brackenheim im Zabergäu bestockt allein 186 Hektar damit.
Schwarzriesling ist eine Chimäre, keine Ursorte
Über den Schwarzriesling, international Pinot Meunier oder Müllerrebe genannt, steht in vielen Weinbeschreibungen, er sei die älteste Burgundersorte und der Vorfahr von Spätburgunder und Chardonnay. Das ist botanisch falsch herum. Schwarzriesling ist eine periklinale Chimäre des Pinot: In der äußersten Zellschicht des Triebs, der L1-Schicht, sitzt eine Mutation im Gen VvGAI1, die den mehligen weißen Flaum auf Blättern und Trieben erzeugt; meunier heißt Müller. Das Innere der Pflanze ist genetisch normaler Pinot Noir, und eine Mutation kann nicht älter sein als das, woraus sie hervorgeht: Schwarzriesling ist jünger als der Spätburgunder. Mit dem Riesling hat die Sorte trotz des Namens nichts zu tun.
Die Besenwirtschaft steht im Gaststättengesetz
Der ausgehängte Besen über der Tür signalisiert, dass ein Weingut für einige Wochen seinen eigenen Wein ausschenkt, und was dabei erlaubt ist, regelt Paragraf 5 des Gaststättengesetzes von Baden-Württemberg: höchstens vierzig Sitzplätze, höchstens vier Monate im Jahr, verteilt auf maximal zwei Zeiträume, ausschließlich selbst erzeugter Wein und dazu kalte oder einfach zubereitete warme Speisen, angezeigt zwei Wochen vorher. Eine „Besenverordnung", von der oft die Rede ist, gibt es als amtlichen Begriff nicht. Und die Herleitung von Karl dem Großen, der das Recht im Capitulare de villis verbrieft habe, hält der Prüfung nicht stand: Sie geht auf einen Übersetzungsfehler zurück. Der Besen ist Landesrecht, nicht karolingisches Privileg.
Weinsberg, August Herold und die Sorten aus dem Labor
Die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg ist die älteste Weinbauschule Deutschlands und hat den deutschen Sortenspiegel stärker verändert als jedes einzelne Weingut. Prägend war August Herold (1902–1973), von 1928 bis 1964 in Weinsberg tätig und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Von ihm stammt die Kreuzung aus Trollinger und Riesling, die er 1929 in Lauffen vornahm, 1969 Sortenschutz erhielt und den Namen Kerner trägt — nach dem Weinsberger Arzt und Dichter Justinus Kerner (1786–1862). Eine zweite Eigenheit entstand ohne Züchter: Samtrot ist eine Mutation des Schwarzrieslings, die Hermann Schneider 1928 in Heilbronn fand und ab 1929 in Weinsberg vermehren ließ; ihren Namen bekam sie 1950.
Stuttgart bestockte 1594 rund 1.200 Hektar
Stuttgart ist eine Weinbaugemeinde, und zwar keine kleine: Rund 423 Hektar Reben stehen im Stadtgebiet, etwa zwei Prozent der Gesamtfläche, verteilt auf 16 der 23 Stadtbezirke, zu 71 Prozent mit roten Sorten bestockt. Historisch ist das ein Rest. Für 1350 sind gut 500 Hektar überliefert, für 1594 rund 1.200 — mehr als doppelt so viel, wie das gesamte Anbaugebiet Ahr heute bestockt, und das innerhalb einer Stadt, die damals wenige tausend Einwohner hatte. Eine Besonderheit der Region ist der Hagelflieger: Im Rems-Murr-Kreis steigen seit 1980 Flugzeuge auf, um Gewitterzellen mit Silberjodid zu impfen, zwei Maschinen sind für 2026 im Einsatz. Getragen wird das von Vereinen und Landkreisen — und die Wirksamkeit ist wissenschaftlich bis heute umstritten.
Jahrgang 2025 und was 2026 auf dem Etikett steht
Der Jahrgang 2025 brachte in Württemberg rund 720.000 Hektoliter, sechs Prozent mehr als im schwachen Vorjahr, aber zweiundzwanzig Prozent unter dem Zehnjahresmittel. Die Qualität entschädigte: Die Lese verlief außergewöhnlich kurz, das Lesegut war gesund. Dr. Hermann Morast, Geschäftsführer des Weinbauverbands Württemberg, sagte dazu im November 2025: „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir rein optisch schon mal so schöne Trauben hatten." Mit dem Jahrgang 2026 ändert sich außerdem die Beschriftung. Die Weingesetz-Novelle lässt den Begriff Bereich entfallen; künftig steht der Zusatz Region vor dem Namen. Aus Remstal-Stuttgart wird schlicht Remstal, und der Bereich Oberer Neckar geht gemeinsam mit dem Hohenneuffen in einer neuen Region Neckar-Alb auf.
Was wir aus Württemberg führen — und was nicht
Württembergischen Wein führen wir derzeit nicht, und das schreiben wir lieber hin, als es zu kaschieren. Der einzige Artikel dieser Kategorie kommt aus Schlat am Fuß der Schwäbischen Alb: das Birnengold der Manufaktur Jörg Geiger, ein Birnenschaumwein in der Geschmacksrichtung doux für 29,50 Euro die 0,375-Liter-Flasche, gekeltert aus Streuobstbirnen alter Sorten. Gekühlt bei sechs bis acht Grad passt er zu Blauschimmelkäse und zu Desserts, für die ein Süßwein zu wuchtig wäre. Wer württembergische Rotweinsorten sucht, findet bei uns die stilistisch nächsten Verwandten in Baden und in Franken; das gesamte deutsche Sortiment steht unter Deutschland, die roten Positionen aller Länder unter Rotweine.