Das Roussillon liegt im äußersten Süden Frankreichs, nicht im Südwesten: Es umfasst im Wesentlichen das Département Pyrénées-Orientales um Perpignan, eingefasst von den Pyrenäen, der spanischen Grenze und dem Mittelmeer. Und es ist keineswegs das größte Weinbaugebiet Frankreichs — das ist das Becken Languedoc-Roussillon insgesamt, in dem das Roussillon den kleineren, südlichen Teil bildet. Bestockt waren zuletzt rund siebzehntausend Hektar, nach einer Rodungswelle, die 2024 allein 2.614 Hektar erfasste. Was diese Region auszeichnet, ist nicht Größe, sondern eine Spezialität: Nirgends in Frankreich werden so viele Vins Doux Naturels erzeugt, jene durch Alkoholzugabe im Gären gestoppten Süßweine, deren bekannteste Banyuls, Maury und Rivesaltes heißen. Daneben sind längst trockene Weine getreten — die Appellationen Côtes du Roussillon und Collioure stellen heute den größeren Teil der Erzeugung.
Corbières und Minervois liegen nicht im Roussillon
Die häufigste Verwechslung in deutschen Weinbeschreibungen betrifft die Grenze zwischen zwei Gebieten. Corbières, Minervois und Costières de Nîmes gehören sämtlich zum Languedoc, in den Départements Aude und Gard — mit dem Roussillon haben sie außer der Nachbarschaft nichts zu tun. Die Verwirrung hat einen Grund: Von 1956 bis 2015 bildeten beide Landstriche die Verwaltungsregion Languedoc-Roussillon, seit 2016 gehören sie zu Okzitanien. Weinbaulich blieben sie stets getrennt, mit eigenen Branchenverbänden — dem CIVR für das Roussillon und dem CIVL für das Languedoc. Die Appellationen des Roussillon heißen Côtes du Roussillon, Côtes du Roussillon Villages, Collioure, Banyuls, Banyuls Grand Cru, Maury, Rivesaltes und Muscat de Rivesaltes.
Bis 1659 gehörte das Roussillon zu Spanien
Wer durch das Roussillon fährt, liest katalanische Ortsschilder, und das hat historische Gründe. Bis zum Pyrenäenfrieden vom 7. November 1659 gehörte der Landstrich zur spanischen Krone und war Teil Kataloniens; Perpignan war zuvor sogar Hauptstadt des Königreichs Mallorca gewesen. Der Vertrag zog die Grenze auf den Kamm der Pyrenäen und schlug das nördliche Katalonien Frankreich zu. Geblieben ist eine Identität, die sich bis heute Pays Catalan nennt: zweisprachige Beschilderung, der Sardana-Tanz, katalanische Namen für Rebsorten und Lagen. Der Lledoner Pelut etwa, eine behaarte Mutation des Grenache, trägt seinen katalanischen Namen — pelut bedeutet behaart — und steht in mehreren Lastenheften der Region als Nebensorte.
Wie ein Vin Doux Naturel entsteht
Vins Doux Naturels sind keine gezuckerten Weine, sondern Weine, deren Gärung unterbrochen wird, bevor der Traubenzucker vollständig vergoren ist. Das Verfahren heißt Mutage: Dem gärenden Most wird neutraler Alkohol mit 96 Volumenprozent zugesetzt, in einer Menge zwischen fünf und zehn Prozent des Volumens; die Hefen sterben ab, der verbliebene Zucker bleibt im Wein. Das Ergebnis liegt zwischen fünfzehn und einundzwanzig Volumenprozent. Erfunden haben soll das Verfahren um 1285 Arnaldus de Villanova, Arzt am Hof der Könige von Mallorca in Perpignan — eine Zuschreibung, die der Branchenverband pflegt und die historisch nicht gesichert ist. Der Vergleich mit Portwein liegt nahe, führt aber in die Irre: Rebsorten, Mutagezeitpunkt und Herkunftsrecht folgen ganz anderen Regeln.
Banyuls, Maury, Rivesaltes — und was Rancio bedeutet
Drei große Süßwein-Appellationen teilen sich das Roussillon. Banyuls stammt von den Schieferterrassen der Côte Vermeille an der spanischen Grenze, Maury aus dem Agly-Tal weiter nördlich, ebenfalls auf Schiefer, und Rivesaltes ist mit über neunzig Gemeinden das flächenmäßig größte und geologisch vielfältigste Gebiet. Für Banyuls Grand Cru schreibt das Lastenheft vor: „La proportion du cépage grenache N est supérieure ou égale à 75 %" — mindestens drei Viertel Grenache Noir, dazu Reifung im Holz bis zum 1. Juni des dritten Jahres nach der Ernte, also rund dreißig Monate. Die Stile unterscheidet man am Etikett: Rimage bedeutet reduktiv und jung gefüllt, Traditionnel oder Hors d'âge steht für lange oxidative Reife, und Rancio bezeichnet das dabei entstehende Aroma aus Walnuss, Kaffee und Dörrfrucht.
Collioure ist der trockene Zwilling von Banyuls
Auf demselben Boden, in denselben vier Gemeinden — Banyuls-sur-Mer, Collioure, Port-Vendres und Cerbère — entstehen zwei völlig verschiedene Weine. Wird der Most durchgegoren, heißt das Ergebnis Collioure, seit 1971 eine eigene Appellation für trockene Rot-, Rosé- und Weißweine; wird die Gärung gestoppt, wird daraus Banyuls. Die Rotweine kommen aus Grenache, Syrah und Mourvèdre, die Weißen zu mindestens siebzig Prozent aus Grenache Blanc und Grenache Gris. Der Ertrag ist auf vierzig Hektoliter je Hektar begrenzt und liegt in der Praxis deutlich darunter, denn die Terrassen über dem Meer sind mit Trockenmauern befestigt und nicht maschinell zu bewirtschaften — im Gebiet zählt man über sechstausend Kilometer solcher Mauern.
Nicht Viognier und Chardonnay, sondern Muskat und Grenache
Der Sortenspiegel des Roussillon wird regelmäßig mit dem des Languedoc verwechselt. Nach den Flächenzahlen des Branchenverbands CIVR führt bei den weißen Sorten der Muscat à petits grains mit 2.135 Hektar, gefolgt von Grenache Blanc mit 1.283 und Grenache Gris mit 1.107 Hektar, der seit 2016 um neunzehn Prozent zugelegt hat. Viognier und Chardonnay tauchen in dieser Aufstellung gar nicht auf — sie spielen allenfalls in IGP-Weinen eine Rolle, nicht in den Appellationen. Bei den roten Sorten prägen Grenache Noir, Carignan, Syrah und Mourvèdre das Bild. Bemerkenswert ist die Rolle des Grenache in drei Farben: Noir, Gris und Blanc stammen von derselben Sorte und liefern hier Rotwein, Weißwein und die Basis der Süßweine.
250 Millimeter statt 600
Kein französisches Weinbaugebiet hat die Trockenheit der vergangenen Jahre so hart getroffen wie das Roussillon. Zwischen 2022 und 2024 fielen nur rund 250 Millimeter Niederschlag im Jahr, gegenüber einem langjährigen Mittel von etwa 600. Der Ertrag sank 2024 auf durchschnittlich zwanzig Hektoliter je Hektar, im trockensten Sektor zwischen Perpignan, Fitou und Estagel auf rund fünfhundert Kilogramm Trauben je Hektar — ein Bruchteil dessen, was ein Weinberg tragen sollte. Über zehn Jahre gerechnet ist die Erntemenge im Département um 54 Prozent zurückgegangen. Beim staatlichen Rodungsprogramm 2024 meldeten Erzeuger 2.614 Hektar zur endgültigen Aufgabe an, das sind fast vierzehn Prozent der Rebfläche. Dazu kommt die Tramontane, die in Perpignan an rund 122 Tagen im Jahr mit Böen über sechzig Kilometern pro Stunde weht.
Was wir aus dem Roussillon führen
Aus dem Roussillon stehen bei uns zwei Weine, und beide sind Banyuls — die Spezialität der Region also, nicht die trockene Alltagsware. Der Aphrodis Banyuls Traditionnel der Cave de l'Abbé kostet 13,50 Euro, der Banyuls 3 ans desselben Hauses 11,90 Euro; beide beruhen auf Grenache Noir und sind oxidativ ausgebaut, mit Aromen von Dörrpflaume, Kakao, Walnuss und Orangenschale. Servieren Sie sie leicht gekühlt bei etwa vierzehn Grad — zu Schokolade mit hohem Kakaoanteil, zu Blauschimmelkäse oder zu einer Tarte mit Feigen. Eine angebrochene Flasche hält sich dank des hohen Alkoholgehalts wochenlang im Kühlschrank. Wer trockene Weine aus dem Süden sucht, wird im benachbarten Languedoc fündig; das übrige Land steht unter Frankreich.