Fragt man nach einem österreichischen Weinbaugebiet, fällt der Name Wachau zuerst — und das bei 1.217 Hektar bestockter Rebfläche, keine drei Prozent Österreichs und keine fünf Prozent Niederösterreichs. Auf 33 Stromkilometern zwischen Melk und Krems steigen die Terrassen bis auf rund 450 Meter Seehöhe, gut 250 Meter über die Donau. Weiß sind 93,9 Prozent der Fläche, und über allem stehen zwei Sorten: Grüner Veltliner und Riesling. Seit 2000 ist das Tal UNESCO-Welterbe, seit dem Jahrgang 2020 gibt es die Wachau DAC, und daneben laufen die Begriffe Steinfeder, Federspiel und Smaragd weiter, die viele für gesetzliche Qualitätsstufen halten. Sie sind es aber nicht. Die berühmtesten Weinorte heißen Dürnstein, Weißenkirchen, Spitz und Loiben. Was die Wachau tatsächlich ausmacht, sind Urgestein, Trockensteinmauern und ein Regelwerk, das strenger ist als jedes Weingesetz — allerdings ein privates.
Wachau DAC: drei Stufen, 157 Rieden, Handlese
Die Wachau DAC gilt seit dem Jahrgang 2020 und kam damit als vorletztes der niederösterreichischen Herkunftssysteme. Sie kennt drei Stufen mit sehr unterschiedlicher Weite: Der Gebietswein lässt siebzehn Rebsorten zu, darunter auch Zweigelt, St. Laurent und Blauer Burgunder. Der Ortswein ist auf neun weiße Sorten beschränkt und muss ohne Holzeinsatz auskommen. Der Riedenwein schließlich darf nur aus Grünem Veltliner oder Riesling bereitet werden, mit bis zu fünfzehn Prozent Verschnitt anderer Qualitätsweinsorten; 157 Einzellagen sind dafür namentlich benannt. Für alle drei Stufen gilt hundert Prozent Handlese, Anreicherung ist untersagt, Phantasiebezeichnungen einzelner Betriebe sind es ebenfalls.
Steinfeder, Federspiel und Smaragd sind Marken
Die drei bekanntesten Wachauer Begriffe stehen in keinem Gesetz. Sie gehören der Vinea Wachau Nobilis Districtus, einem 1983 gegründeten Verein, dessen rund 200 Mitglieder etwa 85 Prozent der Wachauer Rebfläche bewirtschaften — nicht 85 Prozent der Winzer, wie oft geschrieben wird. Steinfeder bis 11,5 Volumenprozent ist nach dem Federgras Stipa pennata benannt, Federspiel bis 12,5 Prozent nach dem Lockgerät der Falknerei, Smaragd ab 12,5 Prozent nach der Eidechse, die sich auf den Trockensteinmauern sonnt. Der Codex Wachau von 2006 verbietet Anreicherung, Konzentrierung und Aromatisierung; von jedem Wein muss eine Musterflasche im gemeinsamen Archiv im Erlahof in Spitz hinterlegt werden, damit auch Jahre später noch nachkontrolliert werden kann.
Die Terrassen sind kein Erlass Maria Theresias
In Wachau-Texten steht regelmäßig, Maria Theresia habe verboten, Wein auf Flächen zu pflanzen, die Getreide oder Gemüse tragen könnten, und deshalb stünden die Reben so hoch am Hang. Für ein solches Patent gibt es keinen Beleg. Die Erklärung ist schlicht topografisch: Die Hänge fallen mit bis zu sechzig Prozent ab, und ohne Terrassierung ließe sich hier gar nichts bewirtschaften. Die Trockensteinmauern der Wachau bedecken rund 2,5 bis 3 Millionen Quadratmeter und tragen über vierzig Prozent der Rebflächen; gebaut werden sie mörtellos, damit Regenwasser durch die Fugen abläuft, und sie geben nachts die Tageswärme wieder ab. Als Handwerk steht der Trockenmauerbau seit 2018 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes, Österreich kam 2021 dazu.
Urgestein, Löss und 250 Meter über der Donau
Der Untergrund der Wachau gehört zur Böhmischen Masse, dem alten Granit- und Gneisplateau, durch das sich die Donau ihren Weg gefräst hat. Anstehend sind Gneise, Amphibolite, Marmore und Quarzite, darüber liegen oft nur dünne Ranker und Felsbraunerden — in den höheren Terrassen manchmal keinen halben Meter Humus über nacktem Fels. Nach Osten hin und in den flacheren Lagen kommen Lössinseln dazu, ganz unten am Fluss sandige Anschwemmungen. Daraus folgt eine grobe Arbeitsteilung: Riesling steht bevorzugt auf dem kargen Urgestein der Steilterrassen, Grüner Veltliner auf den tiefgründigeren Löss- und Schwemmböden. Das Klima verbindet pannonische Wärme aus dem Osten mit kühler Nachtluft aus dem Waldviertel.
Die Venus von Willendorf und ihr Stein aus Norditalien
Die berühmteste Bewohnerin der Wachau wurde am 7. August 1908 bei Bauarbeiten zur Donauuferbahn gefunden: elf Zentimeter Oolith, heute im Naturhistorischen Museum Wien. Ihr Alter liegt nach der Datierung von 2014 bei rund 29.500 bis 25.000 Jahren — sie ist damit gut zwölftausend Jahre jünger als das Aussterben der Neandertaler in Europa, das auf etwa 40.000 Jahre vor heute datiert wird. Die verbreitete Verknüpfung beider Ereignisse geht also nicht auf. Neu ist etwas anderes: Eine Untersuchung der Universität Wien und des Naturhistorischen Museums zeigte 2022, dass ihr Gestein mit großer Wahrscheinlichkeit aus Norditalien stammt, aus der Gegend bei Sega di Ala im Trentino. Als Götzenbild wird die Figur in der Forschung übrigens längst nicht mehr geführt.
Der Neuburger kam aus der Donau
Die Entstehungsgeschichte einer Rebsorte klingt selten so unwahrscheinlich und ist doch überliefert: Der Weinhauer Christoph Ferstl zog um 1850 in Ober-Arnsdorf ein Bündel von rund hundert angeschwemmten Reben aus der Donau, im Beisein von Franz Marchendl. Die Stöcke hatten bereits Kallus gebildet, wurden gepflanzt und trugen 1872 erstmals. Erst 1895 machte Leopold Schellenberger in Spitz auf die vermeintlich neue Sorte aufmerksam. Genetisch ist der Neuburger eine Kreuzung aus Rotem Veltliner und Silvaner, geschmacklich erinnert er mit Fülle und Nussigkeit an den Weißburgunder. Woher der Name kommt, ist strittig — vorgeschlagen werden eine Burgruine bei Spitz und ein Donauschlepper namens Korneuburg. Ein Denkmal bekam er 1935 in Ober-Arnsdorf.
Die Marille rettete die Winzer nach der Reblaus
Neben dem Wein trägt die Wachau eine zweite Kultur, und die verdankt ihre Verbreitung einer Katastrophe: Nachdem die Reblaus im späten neunzehnten Jahrhundert weite Teile der Weingärten vernichtet hatte, wichen die Bauern ab 1890 in großem Stil auf die Marille aus. Heute bewirtschaften 227 Betriebe rund 100.000 Marillenbäume in der Wachau und in angrenzenden Gemeinden. Geschützt ist die Wachauer Marille seit 1996, zunächst als Wachauer Qualitätsmarille, seit 2006 unter dem heutigen kürzeren Namen. Die Destillerie Bailoni in Krems-Stein, 1872 von dem aus dem Trentino zugewanderten Eugenio Bailoni gegründet, brennt daraus Schnaps und Likör. Nach Wien ging die Ware übrigens flussabwärts, nicht aufwärts.
Der Jahrgang 2026, und was 1955 wirklich geschah
Das Weinjahr 2026 war in der Wachau ausgesprochen trocken; in Krems fehlten rund 63 Millimeter Niederschlag gegenüber dem langjährigen Mittel, und die Lese begann bereits Mitte August. Simon Gattinger, Winzer aus Unterloiben, beschrieb die Lage am 19. August 2026: „Auch in der Wachau ist die Wasserversorgung der Reben vielerorts angespannt. Es ist jetzt entscheidend, den optimalen Lesezeitpunkt zu finden, um Frische, Säurestruktur und Herkunftstypizität der Wachauer Weine zu bewahren." Eine zweite Geschichte gehört richtiggestellt: Der Staatsvertrag von 1955 wurde nicht mit Wachauer Wein erkauft. Nach den Tagebüchern von Vizekanzler Adolf Schärf füllte die sowjetische Seite ihre Wodkagläser heimlich mit Wasser.
Was wir aus der Wachau führen
Zwei Riedenweine stehen bei uns, beide vom Weingut Pichler-Krutzler in Oberloiben bei Dürnstein: der Grüne Veltliner Ried Rothenhof Alte Reben 2021 für 39,50 Euro und der Riesling Ried Loibenberg 2021 für 35,20 statt 44,00 Euro. Elisabeth Pichler-Krutzler und Erich Krutzler gründeten das Gut 2007 und bewirtschaften rund dreizehn Hektar; sie stammt aus der Wachau, er aus dem Südburgenland. Beide Rieden liegen in Unterloiben, der Rothenhof mit 5,35 Hektar und bis zu 81 Prozent Hangneigung. Beide Flaschen haben inzwischen fünf Jahre Reife hinter sich und gewinnen mit Luft: bei zwölf Grad servieren, ruhig eine Stunde vorher öffnen. Weitere Weißweine, das Nachbargebiet Kremstal und alle Herkünfte unter Österreich.