Die DO Tarragona gilt als Zulieferer des Nachbarn — die Trauben gingen angeblich ins Penedès und würden dort zu Cava. Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit: Das Lastenheft der DO Tarragona kennt eine eigene Schaumweinkategorie, den Vino Espumoso de Calidad, in traditioneller Flaschengärung wie im ancestralen Verfahren, mit mindestens neun Monaten Hefelager. Und die zweite Behauptung, die man über diese Herkunft liest, ist schlicht falsch: Die hiesige Mistela diene dem Aufspriten von Sherry und Málaga. Jerez wird mit neutralem Weindestillat aufgespritet, nicht mit Mistela, und Málaga hat dafür eigene Kategorien wie Vino Maestro und Vino Tierno. Was stimmt: Mistela gibt es hier tatsächlich, und zwar als amtliche Kategorie des Lastenhefts — neben einem Wein, den es sonst kaum irgendwo gibt, dem Vino de Misa für die Messe. Diese Herkunft ist überhaupt zuerst für ihre Süßweine anerkannt worden und erst zwölf Jahre später für die trockenen.
2.752 Hektar in achtundsechzig Gemeinden
Klein ist die Herkunft, aber nicht die kleinste Kataloniens. Nach der Statistik des spanischen Landwirtschaftsministeriums für die Kampagne 2022/23 waren 2.752 Hektar eingetragen, bewirtschaftet von 607 Winzern; 42 Betriebe waren registriert, davon 28 mit eigener Abfüllung. In der Kampagne 2020/21 waren es noch 3.406 Hektar — die Fläche geht also zurück. Das Gebiet umfasst achtundsechzig Gemeinden und gliedert sich in zwei sehr verschiedene Landschaften: das Camp de Tarragona an der Küste in den Comarcas Alt Camp, Baix Camp und Tarragonès, wo rund siebzig Prozent der Reben stehen, und die höher gelegene Ribera d'Ebre im Landesinneren mit Terrassen zwischen hundert und vierhundert Metern. Achtzig Prozent der Rebfläche sind weiß bestockt.
Mistela: was sie ist und wozu sie nicht dient
Mistela ist Traubenmost, dessen Gärung durch Alkoholzugabe angehalten wird, sodass Süße und Alkohol nebeneinander bestehen. Das Lastenheft der DO Tarragona regelt sie genau: mindestens zwölf Volumenprozent natürlicher Alkohol im Ausgangsmost, aufgespritet mit Weinalkohol erster Qualität auf fünfzehn bis zweiundzwanzig Prozent, im Aroma nach Rosinen, Datteln und Honig. Daneben führt das Lastenheft als Vinos de Licor auch Moscatel, Garnacha, Rancio und Clásico. Was dagegen nirgends belegt ist: dass tarragonesische Mistela zum Aufspriten anderer spanischer Süßweine diene. In Jerez wird rektifizierter Weinalkohol verwendet, in Málaga arbeitet man mit eigenen Süßweinkomponenten wie Vino Maestro und Vino Tierno. Die Mistela bleibt also, was sie hier immer war: ein Aperitif- und Dessertwein für den eigenen Gebrauch.
Vino de Misa: der Wein für den Vatikan
Eine Weinkategorie dieser Herkunft hat es bis nach Rom geschafft. Vino de Misa, Messwein mit fünfzehn bis zwanzig Volumenprozent, steht bis heute im Lastenheft. Berühmt gemacht hat ihn das 1851 in Tarragona gegründete Haus De Muller, das über Jahrzehnte den Heiligen Stuhl belieferte — bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren; über den Beginn dieser Verbindung gehen die Angaben auseinander, genannt werden 1888 und 1903. Der Ruf reichte weiter: Die Encyclopaedia Britannica von 1911 führt „Tarragona" als englische Gattungsbezeichnung für einen schweren, portweinartigen Süßwein. Wer heute Tarragona sagt, meint etwas anderes — aber der Name stand einmal für einen Weintyp, nicht für eine Landschaft.
Zuerst der Süßwein, dann der trockene
Die Geschichte dieser Herkunft verlief umgekehrt zu den meisten anderen. Ihre Grundlage ist das Weinstatut von 1932/33; der Kontrollrat entstand 1945, und die erste Verordnung vom 25. März 1947 galt zunächst ausschließlich für die aufgespriteten Weine, die Tarragona Clásicos. Erst 1959 wurde die Herkunft auf trockene und halbtrockene Weine ausgeweitet — der Stillwein kam also nach dem Likörwein, nicht davor. Die aktuelle Verordnung stammt aus dem Amtsblatt vom 4. Juni 2005, die geltende Fassung des Lastenhefts vom 15. Mai 2026. Eine Angabe im Lastenheft nennt allerdings 1942 als Anerkennungsjahr und widerspricht damit der eigenen Chronik des Kontrollrats — geklärt ist dieser Punkt nicht. Die Herkunft selbst hat 2025 ihr achtzigjähriges Bestehen gefeiert.
Falset ging und wurde zur DO Montsant
Die DO Tarragona war früher deutlich größer, weil sie das Gebiet um Falset einschloss. Dieses Teilgebiet, das die DOQ Priorat ringförmig umschließt, löste sich heraus und wurde eigenständig: Das Reglament der DO Montsant genehmigte die Generalitat de Catalunya mit der Orden ARP/286/2005 vom 15. Juni 2005, veröffentlicht im Amtsblatt Nummer 4414 vom 28. Juni 2005; auf staatlicher Ebene folgte die Veröffentlichung Ende 2006. Damit verlor Tarragona genau die Zone, in der sich Anfang der zweitausender Jahre die ambitionierteren Erzeuger sammelten, und behielt die Küstenebene mit ihren Genossenschaften. Das erklärt einen guten Teil des Rufs, den die Herkunft bis heute mit sich herumträgt. Wer die Nachbarn kennen lernen will, findet sie unter Priorat und Penedès.
Fünfzehn weiße Sorten, und Xarel·lo in Rot
Die Sortenliste erklärt, warum das Zulieferer-Klischee überhaupt entstand. Weiß führt das Lastenheft Macabeo, Xarel·lo und Parellada — die drei klassischen Cava-Sorten — dazu Chardonnay, Garnacha Blanca, zwei Muskateller, Sauvignon Blanc, Subirat Parent, Cartoixà, Montonega, Sumoll Blanc, Vinyater, die Malvasía de Sitges und den rosabeerigen Xarel·lo Vermell. Rot stehen Garnacha, Samsó, Ull de Llebre, Cabernet Sauvignon, Merlot, Monastrell, Pinot Noir, Syrah, Sumoll und Trepat im Lastenheft. Die Höchsterträge liegen bei 12.000 Kilogramm je Hektar für weiße und 10.000 für rote Sorten, die Ausbeute bei höchstens siebzig Litern je hundert Kilogramm Lesegut. Sumoll und Trepat sind dabei katalanische Eigenheiten, die man außerhalb der Region kaum findet.
Tarraco: Amphoren bis nach Britannien
Wein aus dieser Gegend war schon in römischer Zeit ein Exportgut. Tarraco war Hauptstadt und Hafen der Provinz Hispania Citerior; von hier gingen Amphoren nach Rom, Gallien, Germanien und Britannien. Der maßgebliche Typ ist die Dressel 2-4 tarraconense, deren Töpferöfen unter anderem bei Vila-sec nahe Alcover ausgegraben wurden. Silius Italicus, Martial und Plinius erwähnen den Wein der Gegend. Deutlich später, im Jahr 1892, erreichte die Reblaus die Provinz Tarragona — dreizehn Jahre nachdem sie 1879 erstmals in Katalonien aufgetreten war. Die Böden beschreibt das Lastenheft als tonig und kalkhaltig, mit aktiven Kalkanteilen zwischen zweieinhalb und achtundzwanzig Prozent, wenig organischer Substanz und im Camp de Tarragona einer harten Kalkkruste.
Der Jahrgang 2026 und wozu diese Weine passen
Die Lese 2026 begann Anfang August und damit ein bis zwei Wochen früher als üblich. María Rosa Blanch, seit Juni 2023 Präsidentin des Kontrollrats, beschrieb den Sommer so: „En lo que llevamos de verano ha faltado un poco de agua. En junio pensábamos que tendríamos más producción porque tenemos uva, pero no ha acabado de engordar." Zur Qualität sagte sie: „Tenemos un material bueno para hacer un buen vino." 2025 waren rund 2,2 Millionen Kilogramm Trauben eingebracht worden. Die Station Reus auf einundsiebzig Metern weist für 1981 bis 2010 ein Jahresmittel von 16,1 Grad und 500 Millimeter Regen aus. Zu den Weißweinen passen die Meeresfrüchte der Costa Daurada bei zehn Grad, zur Mistela ein Mandelgebäck. Unsere Weißweine haben eine eigene Kategorie, die andalusischen Likörweine stehen unter Jerez, alle Herkünfte unter Spanien.