Priorat
Ein Wein, neun? – Der Prior weiß Rat
Summiert man alle kontrollierten und weniger strikt kontrollierten Weinbauregionen Spaniens, kommt man auf über achtzig klar abgegrenzte Gegenden. Der Großteil ist völlig unbekannt, einen Namen haben sich eigentlich nur Rioja und Cava gemacht, wobei letzteres ein eher kompliziertes Gebilde ist. Aber das soll hier und heute nicht das Thema sein.
Eine der Weinbauregionen, deren Namen auch jene Weinfreunde gelegentlich hören, die sich nicht mit spanischen Weinen beschäftigen, ist das Priorat, eine kleine Region im Bergland von Tarragona mit Hauptdorf Gratallops („dankbare Wölfe???“). So weit, so gut. Dann hat man vielleicht noch von einem Wein namens L’Ermita gehört, den ein gewisser Álvaro P., der mit den blauen Augen, keltert. Getrunken haben ihn wohl nur wenige Menschen, schließlich gibt es nicht gerade viele Flaschen und mit sieben grünen Scheinen aufwärts geht der Wein auch schnell ins Geld. Clos Mogador, irgendwas mit Martinet und dann ist da noch der Wein von dem Typ, der singt, genau: Cims de Porrera. Wer mehr kennt und mehr weiß ist schon ein absoluter Insider.
Rings um das Priorat, der Ring ist fast komplett geschlossen, gibt es eine weitere Weinbauregion. In früherer Zeit nannte sie sich Tarragona – Zona Falset, aufgrund nachhaltiger Absatzbewegungen wurde daraus die D.O. Montsant. Priorat und Montsant unterscheiden sich durch die Gesteinsform: Priorat ist Schiefer, wenn auch durchaus unterschiedlich, während Montsant aus mehr oder weniger kalkhaltigem Sandstein besteht, mit einer meist relativ dicken Lehmkrume. Nimmt man Terroir ernst – osos alemanes tun dies – so ist diese Abgrenzung schon in Ordnung.
Der spannende Teil beginnt jetzt! Denn das Priorat besteht nicht aus neun ?, sondern aus genau neun Orten: Bellmunt, El Lloar, Gratallops, Porrera, Torroja del Priorat, La Vilella Baixa, La Vilella Alta, Poboleda sowie La Morera de Montsant, dazu kommen noch Teile der Gemeindegebiete von Falset und El Molar. Alles Schiefer. Verdammt einfach zu verstehen…. Verdammt falsch.
Es ist noch nicht so lange her, da zog der oso alemán mit einer Horde Weinimporteure durch das Priorat – von Dorf zu Dorf, sozusagen. Und in fast jedem Dorf machten wir Station und verkosteten die Weine der Weingüter des Ortes. Da die Produktion der Bodegas in der Regel klein ist, achtzig der etwa einhundert Bodegas füllen weniger als 20.000 Flaschen pro Jahr und da fast alle Weingüter ihre Rebanlagen in den Orten stehen haben, in denen auch ihre Bodega steht, kann man die Unterschiede und Gemeinsamkeiten durchaus herausschmecken. Die Importeure jedenfalls waren bass erstaunt über die Vielfalt der Weine, aber auch über die klare Unterscheidbarkeit. Poboleda ist nun einmal kalt, das merkt man auch den Weinen an. Bellmunt, ganz im Südwesten der Region gelegen, ist eine Art großer Bratofen, die Weine sind in der Regel alkoholstark und nur bedingt elegant.
Über all die neun Orte, deren Terroirgegebenheiten und die Auswirkungen eben dieser auf die Weine zu sprechen, würde viele Rahmen sprengen. Daher beschränken wir uns auf drei Orte, vielleicht die drei wichtigsten Orte der Region: Gratallops, Torroja del Priorat und Porrera. Auch wenn Porrera und Gratallops gerade einmal zwanzig Kilometer auseinanderliegen, Torroja trifft man auf halbem Wege, so sollte man schon eine Stunde einkalkulieren, um von P nach G zu kommen, kurvenarme Straßen gibt es im Priorat nicht!
Schon die Lage der Orte deutet an, wohin die Reise geht: Gratallops liegt oben auf einer kleinen Anhöhe, die Weinberge befinden sich an den Hängen, die in alle vier Himmelsrichtungen abfallen. Torroja liegt am Hang, Weinberge gibt es auf beiden Seiten; Porrera schließlich befindet sich tief unten in einem eher engen Kessel, Reben findet man an den Steilhängen rings um den Ort.
Gratallops ist Frucht. Für Priorat-Verhältnisse sind die Weine eher elegant, Garnacha dominiert. Je nach Hangausrichtung sind die Weine eher schwerer oder nicht ganz so heftig, es sind wohl die Weine des Priorat, mit denen auch Nichteingeweihte am ehesten klarkommen.
Porrera ist das komplette Gegenteil! Dominiert Garnacha in Gratallops, so ist Porrera Cariñenaland! Die Weine, zumindest solange CabMeSy außen vor bleiben, sind betont stoffig, gelegentlich wuchtig, so nebenbei eine Flasche wegsüffeln ist ein eher gefährliches Unterfangen. Es gibt aber kaum einen Ort, der die Charakteristik der Cariñena-Traube besser darstellt als Porrera.
Torroja del Priorat ist so halb und halb. Die besseren Weine des Ortes bestehen vor allem aus Cariñena, wobei insgesamt wohl Garnacha dominiert. Anders als Porrera ist Torroja eben kein Kessel, sondern Hanglage. Und zwar auf beiden Seiten des Hanges. Cariñena ist gezähmt, während Garnacha etwas dichter, stoffiger, komplexer daherkommt als in Gratallops.
Gratallops und Porrera sind die bekannteren Orte, keine Frage! Torroja del Priorat ist eigentlich erst präsent, seitdem ein Südbayer (Dominik Huber) begann, hier Weine zu keltern. Natürlich gab es auch zuvor schon das eine oder andere Weingut, dessen Weine man problemlos trinken kann (das gilt bei weitem nicht für alle Weingüter der Region), sie hatten und haben jedoch nun einmal nicht den Ruf eines Álvaro, René, José Luis, Carlos oder wer auch immer.
Es gibt kein Qualitätsranking, es gibt auch keine besseren Lagen in genau einem der drei Orte. Viel hängt vom Alter der Rebstöcke, von der Hangausrichtung, von der Art der Weinbergsarbeit ab. Teure Weine gibt es in allen drei Orten, wobei das absolute Preisniveau, vom L’Ermita einmal abgesehen, so grottig nicht ist.
Nebenbei bemerkt: es gibt auch in den anderen sechs Orten die eine oder andere gute Bodega. Und es gibt auch in jedem der drei Orte Weingüter, die eher grenzwertige Weine auf den Markt werfen. Über den dicken Daumen gepeilt, ist man bei Bodegas aus diesen drei Orten aber eher auf der sicheren Seite.
Es gibt jedoch ein gravierendes Problem? Woher soll der wein- und wissensbegierige Konsument wissen, was in der Flasche ist? Da steht Priorat auf dem Etikett, den Ortsnamen muss man mit der Lupe suchen. Bücher, die einem die Dinge erklären, gibt es nicht, die meisten Blogs und andere im Internet auftreibbare Texte betrachten die Welt nur bedingt vorurteilsfrei.
Und da hatten Álvaro (der schon wieder) und René Senior eine Idee. Na ja, sie hatten keine wirkliche Idee, sie kopierten nur das, was man in Deutschland oder auch im Burgund oder in Barolo als Lagenklassifikation kennt. Inzwischen gibt es Ortsweine (vi de vila – man spricht natürlich catalán) und auch waschechte Lagenweine (vi de finca), in nicht allzu ferner Zukunft soll es auch noch eine Kategorie namens vi de partida, so etwas wie ein Großlagenwein, geben. Vi de finca ist nicht wirklich ausgegoren, da es sich eben nicht um Lagen im mitteleuropäischen Sinne handelt, sondern um konkrete Parzellen, etwa mit Monopollaen vergleichbar. Es ist somit nur bedingt möglich, Wein des gleichen „finca“ von verschiedenen Erzeugern zu finden. Der vi de vila hingegen beginnt, sich durchzusetzen. Das wird noch ein paar Jahre brauchen, der Pfad zumindest ist markiert. Und, das hat man durchaus klug gelöst: die Ortsweingrenzen sind nicht identisch zu den Gemeindegrenzen. Denn die Grenzziehung im Priorat ist schon arg kompliziert, Porrera etwa endet fünf Meter vor der Kirche von Gratallops. Man hat stattdessen die Grenzen so gelegt, dass in sich geschlossene Gebiete entstehen, Terroir schlägt Verwaltung! Text: El oso alemán.