Rias Baixas
Und ewig mogelt das Etikett
Charles de Gaulle hat mal angemerkt, dass Europa in den Pyrenäen ende. Dies wollen wir hier und heute nicht näher analysieren, wobei in Sachen Weinetiketten die Spanier schon anders ticken als Mitteleuropäer. Zum Beispiel gibt es, von ganz wenigen Regionen abgesehen, keine Erzeugerabfüllungen. Was da auf dem Etikett steht, „elaborado y embotellado“, besagt bestenfalls, dass der Wein in der betreffenden Bodega abgefüllt wurde – und selbst das kann man umgehen. Man könnte den Platz auch leer lassen…
Den Consejos Reguladores ist dieses Problem natürlich bewusst, sie tun aber nichts, weil sie sich nicht gegen die Großkellereien stellen wollen, von denen sie wirtschaftlich zumindest teilweise abhängig sind. Gleichwohl sind viele Denominaciones de Origen in Sachen Tricksen und Täuschen durchaus versiert.
Nehmen wir als Beispiel Rías Baixas, nach dem Abflachen des Verdejo-Booms so etwas wie die Moderegion für spanische Weißweine. Laut einem riesigen Ballyhoo, welches der Consejo Regulador ohne Pause veranstaltet, gibt es in Rías Baixas fünf Subregionen, von denen zwei einzig aus politischen Gründen existieren. Lassen wir sie beiseite. Bleiben drei: O Rosal und Condado do Tea findet man im Süden, am Miño, in dieser Region Grenzfluss zu Portugal. O Rosal reicht von der Atlantikküste bis Túi, Condado von dort bis zur Region Ribeiro. Und es gibt Salnés, die größte Teilregion von Rías Baixas, mit Cambados als Zentrum und ein paar mehr oder weniger wichtigen Dörfern außen herum, etwa fünfzig Kilometer weiter nördlich. In aufwendigen Statistiken zeigt der Consejo auf, wie viele Trauben wo gelesen werden. Und im Verzeichnis der Bodegas werden alle Kellereien gemäß der Teilregion geführt, in der sie stehen. Alleine: mit dem fertigen Wein hat das gar nichts zu tun.
Zwar veröffentlicht der Consejo Regulador, wie viele Trauben von unten nach oben und von oben nach unten verhökert werden, damit hat es sich dann auch schon. Auch so sprechen wir schnell von zehn Prozent der Ernte. Und nein – das ist nicht Würzburg und Randersacker, das ist eher Trier und Winningen. Die Teilregionen haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun. Mit den zehn Prozent Herumgeschiebe könnte man ja noch leben; was der Consejo nicht erzählt, ist, wie viel Fasswein verschoben wird. Über den groben Daumen gepeilt, stammt die Hälfte dessen, was in Salvaterra do Miño, der wichtigste Weinort im Süden, abgefüllt wird, aus Salnés, dieses Jahr wird es noch mehr sein, da im Süden die Ernte extrem knapp ist. Und genau dort sitzen viele international aktive Bodegas (La Rioja Alta, Marqués de Vargas, Lan, A Pazo do Lusco und noch diverse mehr), die Lieferverträge haben und daher Trauben brauchen, kosten sie, was sie eben kosten. Unlängst verkostete ich einen Albariño aus Condado, hundert Prozent mit Trauben aus Salnés erzeugt. Das erinnert mich latant (lata = Dose) an den Spargel aus Tudela de Ebro origen de producto: Chino. Nichts gegen Spargel aus China, oder aus Perú, die andere Alternative. Aber wenn man Dosenspargel aus Tudela, nein – lassen wir das!
Dafür gibt es Bodegas aus Salnés, die, wenn Trauben da sind, im Süden einkaufen, um ihre etwas schwachen Säuerlinge aufzupeppen. Für manche Bodegas sind zwölf Volumenprozent eine Herausforderung. Zwar darf man chaptalisieren, und der Consejo schaut da offensichtlich so genau nicht hin, aber manchmal reicht auch das nicht aus. Außerdem erhöht das Anreichern die Produktionsmenge nicht.
Der Verbraucher bekommt davon in der Regel erst etwas mit, wenn der Korken vom Flaschenhals getrennt ist. Und da stellt sich dann heraus, dass viele Albariños einfach gleich schmecken. Wenn ich alles in einen Topf werfe, sollte ich mich nicht wundern, wenn Eintopf dabei herauskommt. Gut, das hat auch damit etwas zu tun, dass es in der Region vier oder fünf Önologen gibt, die etwa zwei Drittel aller Weingüter betreuen. Oftmals wollen die Eigentümer eine Bodega einfach zweihundert tausend Flaschen Albariño; trinkbar; mit guter Gewinnmarge. Der Rest ist meistens nicht einmal sekundärer Natur.
Zwar gibt es eine Möglichkeit, die Weine als Regionsweine zu etikettieren, also Rías Baixas – Val do Salnés, – O Rosal, – Condado. Sobald andere Rebsorten als Albariño im Spiel sind, gibt es keine Alternative zu dieser Vorschrift. Viele Bodegas indes setzen auf das Wort Albariño und verzichten, aus dem einen Grund oder dem anderen, auf eine Regionsangabe.
Dem Consejo kommt das ganz recht, denn die wollen eigentlich nur Albariño-Rías Baixas vermarkten, der Rest ist Killekalle. Dass Rueda-Verdejo gerade grandios in den Orkus fährt, ficht die Jungs und Mädels aus Cambados nicht an.
Für die Großbodegas ist das alles kein Problem, Martín Códax verkauft Martín Códax – und gut isses! Für die Minibodegas mit fünftausend Liter schwachbrüstigen, halbtrockenen und entsäuerten Wein, die vor allem in der halb legalen Taverne im Hinterhof der Bodega verkaufen, auch nicht.
Die an Qualität interessierten Bodegas haben damit ein Problem. Puligny-Montrachet verkauft sich nun einmal besser als Fixin und Bernkasteler Doctor besser als Bernkasteler Brathähnchen, sorry Bratenhöfchen. Jedoch war bislang die Kombination von detaillierter Herkunft und Rebsorte Albariño auf dem Etikett ein ziemlich rotes Tuch. Nun haben sich zwei der leider immer noch viel zu wenigen Vorzeigewinzer der Region dem Thema angenommen, jeder auf seine Weise, und ohne miteinander zu sprechen. Xurxo Alba schreibt inzwischen dezidiert auf das Etikett der Weine, dass alle Trauben nicht nur aus Salnés, sondern aus Castrelo, dem südlichen Stadtteil von Cambados stammen. Der Consejo hat zähneknirschend nicht nein gesagt. Xurxo gehört zur Gruppe der Rebellen, denen will man so viel Aufmerksamkeit nicht schenken. Richtig ärgerlich wurde es für den Consejo, als ein gewisser Eulogio Pomares, Eigentümer und Weinmacher in Zarate anfing, die Dinge zu kombinieren. Er ging noch einen Schritt weiter, als erster schrieb er Albariño und Val do Salnés untereinander auf das Etikett, der Sündenfall, den der Consejo vermeiden wollte. Das kleine Problem: Don Eulogio ist Mitglied des Consejos…. Rosa Pedrosa hat inzwischen nachgezogen, ins Wasser geworfene Steine schlagen nun einmal Wellen.
Und warum gibt es all dieses Durcheinander? Können die nicht…? Nein, sie können nicht. Und zwar aus folgendem Grund: die D.O. Rías Baixas ist nicht gerade alt, sie wurde im Jahr 1986 gegründet, feiert also gerade einen runden Geburtstag. Damals gab es in der D.O., die Hybridreben mussten auf Anweisung von Brüssel (war eine gute Idee) draußen bleiben, gerade einmal 237 Hektar Rebland. Zwei-hundert-sieben-und-dreißig!!! Und die waren nicht alle in Salnés, sondern auch unten am Miño. Und außerdem war und ist Fefiñanes zwar die älteste Bodega der Region, die mit Abstand bekannteste in jener Zeit war aber nun einmal Santiago Ruiz. Und die steht in Tomiño, in O Rosal.
Nun konnten aber die Bodegas aus dem Süden, wo es keine fünfzig Hektar Rebland gab, ohne die Trauben aus Salnés schlicht nicht existieren. Für die Region war dies eine lose-lose Situation, letztendlich konnte man es niemandem recht machen.
Wer nun einmal in seinem Leben einen Albariño getrunken haben will, für den ist das alles kein Problem. Irgendeinen nehmen, Augen zu, Nase am besten auch, und ein feurig-intensives rotes Hühnercurry auftischen. Kein Scherz, asiatische Gerichte, gerade wenn sie etwas schärfer geraten, passen in der Regel gut zu den eher säurebetonten Weinen aus Salnés. Zu denen aus dem Süden weniger.
Denn das Hauptproblem ist letztendlich die Säure, nicht der Alkohol Albariños aus dem Süden, die wirklich nur aus dem Süden stammen, sind in der Regel betont schlicht. Auf einer Condado do Tea – Präsentation in Salvaterra diskutierte ich das Thema mit diversen Inhabern der guten Weingüter. As Laxas versucht es, mit überschaubarem Erfolg. Der mit Abstand beste Wein dieser Bodega ist das Cuvée aus Albariño, Treixadura und noch was, Godello, glaube ich. Um Welten besser als der normale As Laxas. Und auch nicht viel teurer. Aber José Simón traut sich nicht, er will auf das Verkaufsargument Albariño nicht verzichten.
Oder aber Beira Aral, für mich noch immer eines der besten Weingüter im Süden. Nur: das ist ein Weinberg, gelegen in As Neves, nach Südwesten abfallend, immer gute Zuckerwerte aber nix mit Säure. Im ersten Jahr ist der Wein sehr gut, im zweiten Jahr zumindest in guten Jahren noch ordentlich trinkbar. Nur: während Albariños aus Salnés nach sechs oder sieben Jahren noch immer erstklassig sein können, auch normale Ausfertigungen, ist der Áravo ab dem dritten Jahr tot. Tierry und Pepe wissen das – und sie hätten mit dem Condado (neben Albariño auch Treixadura) auch eine Alternative. Aber – siehe José Simón, nur in (sehr) klein.
Und was macht der Verbraucher? Nun – alle wirklich guten Albariño-Produzenten sind zumindest in Deutschland und in der Schweiz vertreten. Woran erkennt man sie? Nun – abgesehen von zwei etwas exotischen Weingütern offerieren alle anderen zumindest einen Lagenwein. Manche auch zwei oder drei. Das ist wie im Burgund: wer lediglich einen Bourgogne Blanc anbietet, gehört nur in absoluten Ausnahmefällen zu den Besten der Besten. Text: El oso alemán