Yotuel Finca San Miguel 2010 und Artadi Grandes Anadas 1998
Eine spontane Kostprobe der Weine Yotuel Finca San Miguel 2010 aus Ribera del Duero und dem Artadi Grandes Anadas 1998 aus der Rioja boten einen mehr als spannenden Vergleich dieser beiden aus der Tempranillo Traube gewonnenen Rebsäfte.
Während der Yotuel Finca San Miguel sich noch auf den Sporen seiner Jugendlichkeit ausruhen kann und Hoffnungen auf eine grandiose Zukunft verspricht, verfügt der Grandes Anadas aus dem gar nicht einmal so ganz großen Rioja Jahrgang 1998 schon über eine gewisse Altersweisheit.
Der 2010er Ribera überzeugt durch sehr viel Glycerin und ein brillantes, funkelndes Kirschrot in der Farbe. Im Duft Sandelholz, unreife Kirschen, Lakritze, Aubergine und zwischen all dieser Vielschichtigkeit blitzt immer einmal wieder nasses Gestein auf. Interessanterweise ist der Finca San Miguel sehr kraftvoll und massiv am Gaumen, aber in keinster Weise fett oder breit unterwegs. Der Abgang begeistert spontan durch seine klare Säurestruktur und die nicht vorhandene Süße, welche viele Weine dieser Art sonst am Ende glauben haben zu müssen. Ein nicht enden wollender Nachhall mit jeder Menge Druck und Dynamik am Gaumen verspricht Großes für die Zukunft dieses tollen Tropfens. Im Nachhinein kommen hier Erinnerungen an gute Unicos des Weingutes Vega Sicila aus der selben Region auf, auch wenn der Yotuel in dieser Phase präziser und fokussierter auf seine Mineralik aufgebaut ist. Ribera del Duero beweisst mit diesem wahren vinophilen Edelstein, dass es auch hier wahre Terroir Weine gibt!
Der Grandes Anadas hingegen hat schon jegliches Fruchtkleid von sich geworfen und füllt das Glas mit Aromen von frisch gebackenem Brot sowie Unterholzaromen aus. Überhaupt machen sich typische Herbstdüfte wie Pilze, nasses Laub und Tannenzapfen breit. Kraftvoll mit weichen Attributen im Mund. Beginnende Reife und zarter Schmelz bieten Großes für die Seele und den Gaumen. Der lange Barriqueausbau und die ehemals gute Primärfrucht sind dabei eine feucht- fröhliche Einheit eingegangen. Der Abgang ist würdevoll, klassisch und sehr lang. Ein sehr, sehr guter Rioja der in dieser Klasse auch wirkliche Massstäbe setzt.
Der eigentliche Star dieses Abends war allerdings eine offene, fast ein Jahr im Kühlschrank vergessene, Flasche Beerenauslese der Rebsorte Scheurebe aus dem Jahrgang 2013 vom Weingut Dollt aus der Pfalz. Noch voller Frucht, nur leichte Oxidationsnoten, Schnee, klirrende Süße mit knackiger Säurestruktur. Lang und, obwohl schon so lange geöffnet, immer noch taufrisch im Mundgefühl. Ziemlich schräg, dass so etwas so lange offen überlebt hat. Hier muss wirkliche Abbitte geleistet werden, da dieses Getränk vor gut einem Jahr noch als untrinkbar niedergemacht wurde!