Drei Regionen und vier Affen
Abgesehen von politischen Störfeuern scheint sich in Spanien derzeit nur wenig zu tun. Und die Weinwelt Spaniens ist offensichtlich ein perfektes Abbild der allgemeinen Verhältnisse. Aber dennoch: derzeit wird in Spanien Weingeschichte geschrieben, zumindest jedoch der Anfang einer Geschichte, die mit Wein zu tun hat. In der Rioja, in Bierzo, aber auch in Cebreros hat man Regelwerke geschaffen, die über Nacht das sicherstellen sollen, was man zuvor Jahrzehnte vergebens gesucht hat: eine Art Qualitätsweinpyramide.
Was für Liebhaber französischer, deutscher, italienischer oder sogar österreichischer Weine nun absolut nichts Neues ist, für das traditionsbehaftete Spanien ist das schon eine kleine Sensation. Die mutigsten sind, ausgerechnet, die Halbgalicier aus Bierzo. Gut, die treibende Kraft hinter allem ist ein gewisser Álvaro aus Alfaro, der es im Priorat mit einer Ermita und einem Dofi zu gewissem Ruhm brachte. Gleichwohl ist eine Sache nicht genau deswegen gut oder schlecht, weil sie eine bestimmte Person vorantreibt.
Was in der Rioja, in Cebreros und auch in Bierzo annähernd identisch vorkommt, ist der Ortswein. Wobei die Rioja wieder querschießt, denn dort darf, Stand heute, jede Bodega nur genau einen Ortswein keltern, nämlich aus dem Dorf, in dem die Kellerei steht. Ins Burgund übertragen: ein Weingut aus Meursault dürfte dann keinen Puligny-Montrachet keltern, weil da eben die Bodega nicht steht. Ist Unfug, ist aber so. In Bierzo und in Cebreros darf jedes Weingut von den Orten einen Ortswein machen, von dem sie Trauben verarbeitet. Eigene, gekaufte, ¿geklaute? – das spielt da keine Rolle.
Die spannende Geschichte ist die mit dem Lagenwein. Abgesehen davon, dass es in Bierzo gleich zwei Kategorien gibt, ist deren System mit Abstand das beste. Denn dort dürfen dann, so wie überall außerhalb Spaniens, gleichlautende Lagenweine von verschiedenen Weingütern auf den Markt kommen, ohne dass der Name der Lage als Marke registriert wird. In der Rioja und im Priorat ist das nicht so. Dort müssen Lagennamen registriert werden, was zur Folge hat, dass aus Parzellen, die fünf Weinbauern gehören, nur einer einen Lagenwein auf den Markt bringen kann: nämlich derjenige, der die Marke registriert hat. Zwar darf man Namensrechte teilweise abtreten, aber hey, wir sind in Spanien!!! In Bierzo muss man nachweisen, dass einem die Parzelle auch wirklich gehört, man kann mit zugekauftem Lesegut also keinen Lagenwein auf den Markt bringen. Dafür wird es von einer Parzelle in Valtuille de Abajo bald mindestens fünf verschiedene Lagenweine geben.
Natürlich gibt es teilweise lustige Dinge. Der Rioja etwa ist eingefallen, dass die Rebstöcke für einen Lagenwein mindestens fünfunddreißig Jahre auf dem Buckel haben müssen. Welcher Storch diese Ziffer fallen ließ, ist indes nicht überliefert… Die Bercianer dürfen so etwas wie Großlagen einrichten, das war wohl das Zückerchen, das man den Großkellereien geben musste, damit sie keinen Ärger machen. In der Rioja soll es dann endlich ernsthaft Weine der drei Teilregionen Rioja Alta, Rioja Alavesa und Rioja Baja (ach neee, die heißt ja jetzt Rioja Oriental) geben. An das heikle Thema von San Vicente mitten in der Álava-Region haben sie sich dann aber doch nicht herangetraut. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.
Das muss sich alles natürlich erst einspielen, außerdem gilt es frühestens ab diesem Jahrgang. Die spannende Frage ist sein: was machen die anderen? Allen voran Ribera del Duero. Wird es eine Revolte geben? Oder bleibt alles beim Alten? Ribera ist ein Spezialproblem, weil zwei Drittel aller Weine von weniger als zehn Bodegas auf den Markt geworfen werden, von denen gerade einmal derer zwei aus Kastilien sind, und nur eine, Protos, aus Ribera del Duero. Kleinere Regionen werden den zu erwartenden Wechsel einfacher stemmen können.
Wir lernen: zumindest in Sachen Weinrecht wird Spanien etwas europäisiert. Wenn das nur auch in Sachen Weinkultur geschehen würde. Aber darüber zerbricht sich der Bär ein andermal den Schädel.
Und was machen nun terroir-affine Weingüter, die in einer Region vegetieren, die nicht gerade zu den Innovationsfreaks gehört? Nun, sie versuchen sich ein eigenes Regelwerk zu schaffen, meistens streng an den Burgund-Regeln angepasst. Einer dieser Fälle soll uns hier beschäftigen, denn da wurde im letzten und in diesem Jahr genau das verwirklicht:
Vier Affen – die Blaupause für Terroirweingüter
Klären wir das mit den Tieren gleich am Anfang: Cuatro Monos, vier Affen, so bezeichnet man etwas, meist sich selbst, wenn man die eigene Bedeutung herunterspielen will. Wir sind niemand wichtiges, wir sind schlicht vier Affen. Diese 4monos, zwei Javiers, eine Laura und ein David, leben in Madrid und werkeln in der westlichen Subregion der D.O. Vinos de Madrid vor sich hin, diese Gegend nennt sich San Martín (de Valdeiglesias). Sie beackern Rebland in drei Orten: Cenicientos, Cadalso de los Vidrios sowie San Martín de Valdeiglesias. Und sie füllen, Gebietsweine, Ortsweine sowie Lagenweine. Also genau das, was die reine Lehre so vorschreibt…
Verkostet man insbesondere die Ortsweine der Kellerei, so stellt man fest, dass es offensichtlich erheblich Unterschiede gibt, sowohl im Bezug auf das Klima als auch hinsichtlich der geologischen Gegebenheiten. Diese gibt es, von Valdepeñas und dem Tiefland von Cariñena einmal abgesehen, überall in Spanien, aber kaum jemand nimmt das wahr, weil sich erstens die Weingüter nicht trauen und zweitens zumindest die auf der Iberischen Halbinsel lebenden Konsumenten damit nichts anfange können. Letztendlich ist aber genau das die Essenz der Weinkultur.
Cenicientos ist höher gelegen als Cadalso de los Vidrios, was wiederum deutlich höher gelegen ist als San Martín de Valdeiglesias. Natürlich spiegelt sich das in den Weinen wider, denn die Bodenstruktur ist durchaus ähnlich: alles Granit, einzig der Quarzanteil variiert. Interessant ist, das die Weine des Südendes, die aus Cenicientos, die kühlsten sind. Alles Garnacha, alles mehr oder weniger alt, vierzig Lenze aufwärts. Ab dem Jahrgang zwanzig sechzehn kann man all dies in flüssiger Form erkunden.
Ein wesentliches Thema bleibt: anders als in Frankreich oder Italien oder gar in Deutschland gibt es in Spanien nur wenige wirklich kompakte und zusammenhängende Weinbauregionen. Die Rioja etwa, oder die Rioja, dann auch noch die Rioja und letztendlich die Rioja, of course. Man kann zwanzig Minuten durch Ribera fahren (mit dem Auto, nicht mit dem Fahrrad; ¡Argh!), ohne einen einzigen Rebstock zu sehen. Deswegen kann man einzelne Lagen nur schwer miteinander vergleichen. Im Burgund ist das einfacher: da liegen die Parzellen nebeneinander, man kann schnell erkennen und erschmecken, wo Gutes gedeiht und wo eher nicht. In bergigen Regionen wie die Sierra de Gredos es nun einmal ist, geht so etwas nur bedingt. Daher kann man letztendlich alle Lagenweine nur hinsichtlich ihres eigenen Ursprungs beurteilen, was aber so schlecht nun auch wieder nicht ist. Aktuell gibt es pro zwei Affen einen echten Lagenwein. Die nennen sich (die Weine, nicht die Affen) La Isilla und Molino Quemado, sie sind zumindest so groß, dass man in jedem normalen Jahr ein etwas größeres Barrique damit füllen kann. Mehr auch nicht. Das muss dann reichen, für die ganze Welt.
Die beiden Javiers, Laura und David keltern noch ein paar weitere Weine, Spezialweine zumeist, die auch nur in Kleinstauflagen existieren und schneller aus der Bodega verschwunden sind als sich der Mond einmal um die Erde drehen kann.
Ein Wein ist dann aber doch noch wichtig, vielleicht ist es der wichtigste Wein überhaupt. Denn es gibt in der Region nur ganz ganz ganz ganz ganz wenige Weine, die Herkunft vermitteln, gut trinkbar sind (man braucht kein Jodeldiplom), und noch dazu bezahlbar bleiben. Einen Wein, der im Laden fünf Euro kostet, kann man hier nur schwer herstellen, derer zehn, oder noch ein wenig mehr, muss man schon auf den Tresen wuchten, wenn man auch etwas Ordentliches bekommen will. Leider haben dies viele Weingüter der Region noch immer nicht kapiert. Man versucht, hochgradig individuelle, eigenständige, überbewertete und vor allem überteuerte Weine auf den Markt zu bringen, ohne dass es dafür Konsumenten gibt, die diese Weine jenseits der Neugierperiode genießen wollen. Dazu kommt, dass diese Weine in der Regel entweder so fett wie ein oberfränkischer Schweinebraten oder so grün wie Cem Özdemir sind, genießen fällt da nicht wirklich leicht. Das hat die Afferei gelöst, denn da gibt es einen Wein, der sich GR10 nennt. Die Details hinsichtlich des Namens sollen hier mal nicht interessieren, es geht einfach darum, eine Garnacha, die nicht fett daherkommt, aber klar die Sierra de Gredos repräsentiert, zu einem ordentlichen Preis anzubieten. Aufgabe gelöst. Bravo! Und nein, wir geben den Affen keinen Zucker!!! Text: El oso alemán








