„the same as every year“ – Spaniens bester Weißwein
Fünf Jahre geht das nun schon, und immer wieder ist das Procedere „the same as every year“: am zweiten Samstag im November schlängelt sich der Bär im ollen blauen Ford Focus durch die unwirtlichen Tiefen Galiciens, ehe er in einem kleinen Kleinod ankommt, ein Weinort, der so weit abseits gar nicht liegt, gleichwohl singulär genug, als dass von dort singuläre Weine kommen. Das Event ist schon speziell: sechzig Galicier, die meisten nahe und jenseits der sechzig, viele mit schütterem, grauen Haar, aber auch ein paar Jungspundinnen und Jungspunde darunter, welche die Zukunft darstellen. Und ein Bär, das einzige Lebewesen nichtgalicischen Ursprunges in der gesamten Veranstaltung. Der Ehrenbär, sozusagen. Auch das geht nun schon seit fünf Jahren so. Die Idee war, dass sich dort die Einkäufer des gastgebenden Weingutes treffen. Nun ja: in Galicien sind das hauptsächlich derer zwei, die auch beide kommen. Dazu der Bär, somit sind wir schon derer drei. Der Ami, Pepino genannt, der eigentlich aus Valencia stammt und nun im sonnigen California ruht, kommt natürlich nicht über den Atlantik geschwommen. Der für Restspanien zuständige Paco, mit Nachnamen Berciano, kommt auch nicht in die galicische Wildnis. Nach Bierzo müsste er wohl schon ob des Namens kommen. Aber in die Wildnis? ¡Qué va! Für die anderen vierundfünfzig ist das ein Happening, man trifft sich, man trinkt etwas, die Klosterangestellten bringen die eine oder andere schlichte Tapa, ab und an ist sogar eine Kombo da, um alte galicische Weisen zum Besten zu geben.
In diesen Ort kommt man nicht mal einfach so, man käme wohl gar nicht auf die Idee. Kein Restaurant, kein Weingut mit Gutsschänke, selbst der Direktverkauf findet kaum statt, und dass bei immerhin zehn Weingütern, von denen fünf aber besser beschmierte Butterbrote verkaufen sollten. Vier weitere sind gut, und dann ist da halt noch der eine, der mit den besten Weißweinen Spaniens.
Arnoia ist ein kleines Dorf, es liegt in einem etwas ausgebeulten Tal, welches von dem gleichnamigen Fluss sowie dem latent größeren Miño begrenzt wird. Und von durchaus nicht unsteilen Hängen. Arnoia ist D.O. Ribeiro, aber das ist natürlich vollkommener Kwatsch! Denn die Weine aus Arnoia sind anders als alle anderen aus Ribeiro, anders als alle anderen aus Galicia, und ja wohl, anders als alle anderen aus Spanien. So es sich um keinen der fünf Butterbrotwinzer handelt, kann man die Weine aus Arnoia in Blindverkostungen gut erkennen, vor allem die weißen.
In Arnoia sind gut zweihundert Hektar Land mit Reben bestockt, Luis Ánxo Rodríguez Vázquez beackert derer sechs, aufgeteilt in einhundert achtundsiebzig Parzellen. Ein hun dert acht und sieb zig!!! Selbst wenn man benachbarte, aber dennoch singuläre Parzellen als eine größere Parzelle ansieht, dann sind das immer noch derer siebenundsechzig! Die durchschnittliche Parzellengröße in Arnoia? Zweihundert und fünfzig Quadratmeter, da muss ein alter Montrachet-Winzer lange für stricken.
Im Jahr zweitausend und drei kelterte Luis Ánxo mal einen, nun ja, Lagenwein: Galiano. Ein großes Barrique, fünfhundert Liter, der Wein kam aber nie auf den Markt. Galiano ist eine größere Parzellengruppe, fast zehn Hektar groß, aufgeteilt in hunderte kleiner Parzellen. Albariño und Treixadura hat Luis Ánxo dort stehen, auf welligem Geläuf, nahe des Miño. Arnoia ist, was die Weinbergslagen und deren Eigenschaften angeht, zweigeteilt. Unten, im welligen Talbereich, stehen die Reben auf sandigem Geläuf. Schwemmland, Erosionsmaterial, aber alles andere als kompakt. An manchen Stellen sammelt sich das Schwemmland meterdick, daneben ist eine Kuppe aus Granit, auf der drei Gramm Erde in der Sonne herumlümmeln. Es gibt Grand Cru – Flecken, aber keine Grand Cru Lage, dafür ist das Land viel zu vielfältig.
Luis Ánxo übernahm das Weingut von seinem Vater, er begann im Jahr neunzehnhundert zweiundneunzig, mit einem Wein: Viña de Martín. Schon damals war der Wein anders als alles, was seine Nachbarn kelterten, denn hier kommt kein Palomino in die Flasche, nach wie vor die wichtigste Rebsorte in Ribeiro, auch in Arnoia. Luis Ánxo setzt stattdessen auf die klassischen Sorten, vor allem auf Treixadura und Albariño, auch auf etwas Lado, eine Spezialität aus Arnoia, die es inzwischen sogar bis in den Norden der Region Ribeiro geschafft hat. Ein klein wenig Loureira, etwa fünfhundert Quadratmeter, aufsummiert, ebenso viel oder ebenso wenig Godello und ein Hauch von Torrontés, aber nur für die eher einfachen Weine, so es derartiges in dieser Bodega überhaupt gibt. Der einfachste Wein, Eidos Ermos genannt, kostet mehr als mancher Topwein anderer Bodegas der Region, aber auch der geht weg wie warme Semmeln.
Rückblende: es war das Jahr zweitausend und sechs oder sieben, oder so, als des mittleren Abends eine elegante Weinhändlerin aus Stuttgart, die heute leider nicht mehr aktiv ist, ein Weintrödler (oh jah, so hieß der Laden damals) aus Erlangen, zwei bekannte Weinbrüder aus dem Greater Ruhrpott (D’doof respektive Neuss), eine Top-Önologin aus dem Elsass, aktiv in Ribera del Duero, in der kleinen Verkostungsstube des Weingutes Platz nahmen. Der Bär saß natürlich auch herum. Nachdem wir das eine und das andere verkostet hatten, stellte Luis Ánxo fünf Flaschen auf den Tisch, eine Verkostung, die in dieser Form wohl nie wieder vorkam: fünf der ersten sechs Jahrgänge des weißen Escolma. Escolma, sagt Luis Ánxo, bedeute so etwas wie Selektion. Na ja, das nennt man wohl galicische Bescheidenheit. Escolma bedeutet schlicht und ergreifend Gipfel. Und genau darum geht es. Sollte jemals Schweigen greifbar gewesen sein, dann an diesem Abend. Eine teilnehmende Person, die dereinst bei Leflaive und bei einem weißen Pferd gearbeitet hat, meinte, sichtlich ergriffen, dass dies die beste Weinprobe ihres Lebens gewesen sei.
Zeitsprung! Escolma ist noch immer der Top-Wein der Bodega. Auch wenn das Thema „Lagen-Escolma“ immer mal wieder auf dem Tisch landet, der Bär ist in solchen Dingen durchaus hartnäckig (und er wird gewinnen!!! Fragt sich nur, wann…), so gab es bislang kein Ruckeln. Die produzierte Menge ist gestiegen, von damals dreizehnhundert Flaschen Escolma auf nunmehr derer knapp sechstausend. Das war es dann aber wohl auch, mehr Traubenmaterial dieser Güteklasse geben die Weinberge von Luis Ánxo einfach nicht her. Aber naja, de Wein kostet im geneigten Laden so um die vierzig Euro (in geraden Läden auch). Sechstausend Flaschen davon, da braucht es kein Jodeldiplom, bringen Cash in de Täsch. Und da der Wein in durchaus gebrauchten großen Barricas, inzwischen alle fünfhundert Liter fassend, ausgebaut wird, hält sich der Kostenaufwand im Rahmen.
Eines hat Luis Ánxo gelernt: da die Galicier, dort werden immer noch sechs von zehn Flaschen seiner Weine verkauft, alle Weine immer sehr früh trinken, kommt der Escolma erst vier Jahre nach der Ernte auf den Markt, in dem aktuellen Event stand da also Jahrgang zwanzig vierzehn. Da der Bär seine Nase in alles steckt, was nach Wein riecht, weiß er natürlich, dass die jüngeren Jahrgänge eigentlich noch untrinkbar sind, zumindest dann, wenn man das Potential dieser Weine zum Maßstab nimmt.
Natürlich sind die Weine großartig, auch der kleine, der Eidos Ermos, oder der Viña de Martín, der (internationale) Einstiegswein der Bodega. Anders wäre auch nicht zu erklären, dass die Warteliste etwa das Dreifache der Jahresproduktion umfasst. Wer nicht jünger als sieben Jahre ist oder über gute Fürsprecher verfügt, braucht es gar nicht erst zu versuchen.
Eine kleine Einschätzung: auch wenn das alles immer subjektiv ist: auf Sicht ist der Escolma wohl der beste Weißwein Spaniens, besser, weil vielschichtiger als die Weißweine von Marqués de Riscal, besser als Tierra Fidel. Sophie Kuhn keltert in Fuentelcésped einen Weißwein (sic!), der vielleicht mal in die Nähe kommt, aber das dauert noch. José, der mit dem Vogel (unculín), keltert großartige Godellos und Albariños, aber noch zu unstet. Rafa Palacios wird latent überschätzt, während Dominio do Bibei gerne etwas unterschätzt wird. Aber, wenn es denn unbedingt sein muss, dann stellt Luis Ánxo sechzehn Flaschen Top-Escolma auf den Tisch (aus sechzehn Jahren), das kann sonst niemand.
Das wirklich spannende des Events am zweiten Samstag des Novembärs ist aber nicht die Präsentation der aktuellen Weine. Luis Ánxo präsentiert ebenfalls die Weine, die er zehn respektive zwanzig Jahre zuvor gekeltert hat. Diese Mal standen da Viña de Martín zweitausend und sieben, Escolma zweitausend und vier sowie Viña de Martín neunzehnhundert siebenundneunzig. Wie schon im letzten Jahr hat auch dieses Mal der zwanzigjährige Viña de Martín den zehnjährigen Viña de Martín weggeputzt, als ob das ein Keks aus der Sesamstraße gewesen sei. In den beiden Jahren zuvor war das nicht so, man kann also nicht schlüssig beweisen, dass die zwanzig Jahre alten Viña de Martíns besser seien als die zehn Jahre alten. Aber alleine die Tatsache, dass ein zwanzig Jahre alter knochentrockner Weißwein, der ein paar Monate im Stahltank reifte und dann auf Flaschen gezogen wurde, heute noch jugendlich frisch und elegant daher kommt und keine Spur von Altermüdigkeit in den Knochen trägt, allen das ist schon ein Ereignis für sich.
Der zweitausend vierer Escolma war und ist groß, der Abgang hängt auch einen Tag nach der Verkostung noch immer im Mundwinkel. Da der Bär die Ehre genießt, alle Escolmas durchaus gut zu kennen, kann er halbwegs sicher vermuten, dass dies einer der drei besten Escolmas ist, die Luis Ánxo jemals gemacht hat. Neben dem achter und dem einser. Wahrscheinlich sind dreizehn, vierzehn, sechzehn und siebzehn, beim fünfzehner ist sich das Tier nicht ganz sicher, auch richtig groß. Aber so wirklich wird sich das erst in zehn Jahren zeigen. Oder in zwanzig, welcher Bär das dann auch immer beurteilen mag.
So, und wie kommt man nun von diesem Gipfel runter auf die Rotweine? ¿Runter? Denn die haben es auch in sich, wobei hier die Konkurrenz schon stark ist. In Galicien nicht, weder in Ribeiro noch in Ribeira Sacra gibt es einen Rotwein, der es mit dem roten Escolma aufnehmen kann. Achtundneunzig Prozent scheitern schon an dem A Torna dos Pasás, dem roten Pendant zum Viña de Martín. Einen roten Eidos Ermos gibt es auch, aber nur in kleinster Auflage, und auch nur aus einem besseren sozialen Zweck: als die Rebstöcke für die Rotweine noch sehr jung waren, wollte Luis Ánxo die Trauben weder für den Escolma noch für den A Torna dos Pasás nutzen. Zwei regionale Großhändler haben sich damals ins Zeug gelegt, um die nicht gerade billigen Drittweinflaschen unters Volk zu bringen. Als Dank dafür keltert er den beiden auch heute noch einen roten Eidos Ermos, fünfzehnhundert Flaschen insgesamt, aufgeteilt auf die beiden Großhändler.
Die Rotweine von Luis Ánxo bestehen aus Brancellao, Ferról, Caiño Largo und Caiño Redondo. Kleine Anekdote am Rande: Luis Ánxo ist der einzige Winzer, den der Bär kennt (und der kennt derer viele), der Caiño Largo lieber mag als Caiño Redondo. Mit Moden hat es Luis Ánxo nicht so (das sieht man auch an den Pullundern, die er so trägt), daher gibt es bei ihm keinen Sousón, ihm ist die Sorte zu simpel. Die Rebsortenzusammensetzung ist bei beiden Weinen die gleiche: die Hälfte ist Brancellao, ein Viertel ist Ferrol, ein Fünftel entfällt auf Caiño Largo, der redonde Caiño steuert fünf Prozent bei.
Die Sache mit dem A Torna dos Pasás ist recht einfach: ein Jahr kleines, gebrauchtes Barrique, ein Jahr Flache, dann ab auf den Markt. In Sachen roter Escolma ist das anders. Auch hier gilt: vier Jahre warten, dann trinken. Allerdings gibt es da zwei Besonderheiten: zum einen ist da das große Holzfass, dreitausend Liter fassend. Den Tank gibt es seit dem Jahr zwanzig siebzehn. Damals hat das gut geklappt. Ein Jahr später waren da aber nur derer zweitausend Liter, also nix mit Ausbau im großen Holztank. Fast alle Winzer würden mit dem Zweitwein auffüllen, wer aber mit dreißig tausend Flaschen Jahr für Jahr knapp eine halbe Million Euro einspielt, macht so etwas nicht. Das Haus ist abbezahlt, die Einnahmen sprudeln, die Partnerin steuert auch den einen oder anderen Euro bei, da kann man in Arnoia schon gut von leben.
Und genau deswegen gibt es auch weder Escolma rot zwanzig dreizehn noch Escolma rot zwanzig vierzehn. Die Jahrgänge gaben das einfach nicht her. Dazu muss man wissen, dass Albariño, aber auch Treixadura normalerweise gut ausreifen. Die üblichen Regenfälle in der zweiten Hälfte des September richten da keinen Schaden an. In Sachen rot ist das anders, abgesehen von dem latent komplizierten Jahr zwanzig sechzehn gab es in den letzten zwanzig Jahren keine Rotweinlese vor dem fünfzehnten September. Da ist aber der Regen nicht mehr weit.
Das Event schleppte die aktuellen Rotweine auf den Tisch: Eidos Ermos siebzehn, ein gut gepflegter Saufwein, A Torna dos Pasás zwanzig sechzehn, ein mehr als ordentlicher Rotwein, sowie Escolma zweitausend und vier. Und wie schon im Fall des Weißweines, so ist auch dies ein grandioser Wein. Nicht dick, nicht fett, nicht üppig, einfach genial. Gut, das versteht nicht jeder. Macht aber nix, für die Nichtversteher gibt es ja zig Millionen anderer Weine. Und wer eine Flasche roten Escolmas Jahrgang zweitausend und vier sein Eigen nennt, sollte vielleicht noch fünf oder zehn Jahre warten, eher der Korkenzieher sein Werk vollende. Der Bär, das nur neben bei, hat genau KEINE Flasche roten Escolmas dieses Jahrgangs in der Bärenhöhle. Argh!