Ernst – ernsthafte Produktküche
Von außen kann der Gast das kleine Restaurant Ernst im Berliner Ortsteil Wedding nicht wirklich erkennen. Die zwei großen Fenster mit zugezogenem Leinensichtschutz könnten auch die Geheimnisse eines Privathaushalts oder die dezente Arbeit eines Leichenbestatters verbergen. Einzig und alleine die sich am dunklen Eingang auf der linken Seite befindende Klingel weist mit der Aufschrift „Ernst“ darauf hin, dass man sich hier im dunklen Berliner Stadtteil Wedding keineswegs verlaufen oder verirrt hat.
Einmal kurz geläutet und schon öffnet sich die Tür und die Köche begrüßen einen mit freudigem Lächeln und stellen sich mit ihren Vornamen vor. Der Weg durch den Flur ist kurz und mündet direkt in den Speiseraum, welcher eigentlich nur aus einer großen Küche mit einer Holztheke in L- Form besteht. An dieser Theke finden gerade einmal zwölf Personen Platz, die von einem Dutzend junger Köche inklusiv Sommelier bedient werden. Auch am Platz gibt es erst einmal Handshakes bis jeder jeden begrüßt hat. Das Feeling, bei jemanden in der privaten Küche zu sitzen und einem außergewöhnlichen kulinarischen Happening beizuwohnen, hat in diesem Moment bereits begonnen.Das Konzept im Ernst ist im Grunde genommen ziemlich simpel. Beste Produkte direkt beim Bauern und Produzenten einkaufen, um diese dann schonend und Produkt unverfälscht zu verarbeiten. Zwei, drei Aromen Kombinationen hinzugefügt und in kleinen Portionen auf die Theke zum Gast gestellt. Dies geschieht an diesem Abend in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Alle zwölf Gäste bekommen immer gleichzeitig ihre Gerichte serviert. Vorab werden in ein paar kurzen Sätzen in englischer oder deutscher Sprache die Produkte, ihre Herkunft und deren Zubereitung erklärt. Es handelt sich dabei teilweise auch um Zutaten, die von dem Ernst Team gemeinsam mit dem jeweiligen Bauern geerntet wurden, um die ganze Produktionskette überprüfen und kontrollieren zu können. So lernt man im Laufe des Abends unbekannte Menschen wie David oder Angelo aus Sizilien kennen, die anscheinend ihre bäuerlichen Berufe noch als Berufung ansehen und diese mit Liebe zum Produkt erfüllen.
Eigentlich handelt es sich hier um eine kulinarische Herangehensweise, die vor ein paar Jahrzehnten vollkommen normal war. Kleine Bauern belieferten kleinere Lebensmittelmärkte oder die Endverbraucher suchten sich auf Wochenmärkten oder direkt beim Bauern ihre lokalen und gerade blühenden und erntereifen Produkte aus.
Heutzutage ist dieser Produkt Fetischismus fast nirgendwo mehr anzutreffen und daher ist dieses Menü im Ernst ein klares Statement für die Art und Weise wie wir heutzutage mit Lebensmitteln umgehen sollten. Zur Erntezeit kommt das auf den Tisch und in die Teller, was auch gerade Saison hat.
Das junge Ernst Team agiert dabei wie in einem Rausch, überzeugt von seinem Handeln und mit so viel Spaß und guter Laune, dass einem schon fast Angst und Bange werden kann.
Leider ist es unmöglich so viele ursprüngliche und teilweise neue Geschmackseindrücke in gerade einmal drei Stunden zu erfassen. 33 Gänge in dieser kurzen Zeit zu realisieren kommt einem Geschmacks Triathlon gleich. Im Restaurant Ernst wird keine klassische warme Küche oder konstruierte klassische Hochküche geboten; hier liegt der Fokus auf dem reinen und puren Produkt. Eine große Herausforderung für jeden Geniesser und ein großartiges Erlebnis für alle, die sich auf alten, aber leider fast ausgestorbenen, Geschmack einlassen wollen. Ein großes Kompliment und Dank für diesen eindrucksvollen, gelungenen Abend!
Ernst – Gerichtstraße 54 – 13347 Berlin – www.ernstberlin.de
-
Punkte







































