Die Mauer steht
Man muss sie einfach mögen, diese putzige, nicht wirklich große Stadt. Egal wann man sich ihr nähert, sie leuchtet immer, sie sieht majestätisch aus. Fast egal von wo man kommt, sie zieht einen in ihren Bann. Widerstand zwecklos. Es ist, nebenbei bemerkt, auch die Stadt, die mit dazu beitrug, dass aus dem Obärfranken der Oso alemán wurde. Ein ganzes Jahr lebte das Tier dort in einer Höhle, verschlang eimerweise imposante Scheiben kalbenen Fleisches, viele Monde ist das nun her.
Natürlich kann man meckernd einwerfen, dass sich die Stadt vertouristet hat, rings um die Kathedrale trifft man auf Heerscharen, himmlisch sind sie in der Regel nicht, von durchaus irdische Autobusse ausgekippt, um sie dann drei oder vier Stunden später wieder einzusammeln. Egal ob Russen, Chinesen, Japaner oder Koreaner, Deutsche treten eher individuell auf, sind aber nicht weniger nervig, alles muss photographiert werden, gefilmt werden, dokumentiert werden: ICH! WAR!! DA!!! Manch genervter Ladenbesitzer stellt schon Photographierverbotsschilder auf, denn, klar, gekauft wird natürlich nichts. Wie auch? Wenn man den Kurztrip „sechsunddreißig spanische Städte in sechs Tagen“ bucht, kann man schlecht von überall etwas einsacken.
Früh morgens hingegen haben, Mann, Frau, Bär, „ihre“ Stadt für sich alleine. Wenn die Sonne beginnt, um die Mauerecken zu lugen, wenn die nicht gar so weit entfernte Sierra in gleißendem Licht erstrahlt, dann ist der Ort noch magischer als man es je für möglich gehalten hat. Gut, an jenem siebzehnten August, mehr als fünfzehn Winter ist das nun schon her, zeigte der Ort ein ganz anderes Gesicht. Als der Bär zum Auto trottete, staunte er nicht schlecht, um dann den Schaber zu suchen, mit dem man die Scheiben vom Eis befreien konnte, welches sich über Nacht dort angesammelt hat. Mitten im August! Aber schon fünf Stunden später war alles wie immer: Reisende aus Madrid, andere Kulturen zog es damals noch nicht so sehr in diese Stadt, saßen auf einer der vielen Plazas, um Ternera in sich hineinzustopfen. Und um Bier zu trinken. Und Rioja, Ribera eher weniger. Eine eigene Weinbauregion hatte die Stadt damals noch nicht. Eine wirkliche Esskultur auch nicht, strikte Gourmetisten meiden die Stadt, so weit es denn geht. Zwar gibt es das „El Almacén“, vor Jahrzehnten mal eine der besten Restaurants in Spanien, heute noch immer sehr gut, mit mehr oder weniger den gleichen Gerichten, dem gleichen Chef, der gleichen Köchin, dem gleichen Saalchef und zumindest zwei Kellnern, die dort auch schon mehr als zwanzig Jahre Teller jonglieren, bepackt mit Gutem aus der nahen oder nicht so nahen Region.
Alle Versuche indes, moderne Küche in den Ort zu tragen, scheiterten, manche kläglich. Man sollte meinen, dass dort, wo dickes Kalb an dickem Knochen gut verkauft wird, auch innovative Gerichte funktionieren könnten. Typischer Fall von Fehleinschätzung: moderne Küche haben die Madrilenen zuhause zuhauf, da braucht es keinen Wochenendausflug; die Busladungen werden, verpackt in ihren Fahrzeugen, gen irgendwo gekarrt, und wenn sie bleiben dürfen, dann für eine Menü, für das der Tour-Operateur zehn Euro abdrückt. Wer gut ist, Geduld und Geld zur Genüge hat, hält vielleicht vier Jahre durch, manche sind schon nach vier Monaten wieder verschwunden. Da war selbst die barfuß Laufende schon weiter: Wenn Buße, dann Buße; wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn!“
Und nun hat diese Stadt also ihre eigene Weinbauregion. Gut, die Reben stehen etwas weiter im Süden, an steilen Hängen und welligen Hügeln, auf Granit, aber auch auf Schiefer. Lange hat man für diese Region gestritten, auch war eine Makroweinregion im Gespräch, die es dann, glücklicherweise, doch nicht gab.
In der Stadt sind diese Weine noch nicht angekommen, und das wird auch noch ein wenig dauern, ein Jahrzehnt vielleicht, oder derer zwei. Spanier sind zwar in der Regel keine Bären, Gewohnheitstiere indes sind sie schon. Und wenn man nun einmal Rioja mag, dann ist das mit einer neuen Region so eine Sache. Wenn Rioja, dann Rioja, hätte T. Eres. A. gemurmelt.
Die Region hat es aber auch nicht leicht, kommt sie doch genau dann auf die Welt, wenn fast alle Weintrinkerinnen und Weintrinker nach frischen, fruchtigen Weinen mit eher niedrigem Alkohollevel fragen. Als Sechzehnender hat man es da nicht so leicht… Dabei ist die Jungregion durchaus spannend: diverse Weingüter aus den Nachbargegenden haben ihre Fühler ausgestreckt, um Weinberge zu ergattern. Das Potential ist riesig: über dreitausend Hektar Rebland, fast alles alte Rebstöcke. In der amtlichen Weinbauregion sind nur derer vierhundert registriert. Da geht also noch was!
Die Großkonzerne der spanischen Weinindustrie haben die Region noch nicht auf dem Schirm, für sie ist das zu früh, sie brauchen einen bekannten Namen. Das ist die Chance der kleinen und kleinsten Betriebe, Bodegas, in denen gerade einmal eine Handvoll Flaschen gefüllt werden. Vorbei sind die Zeiten, in denen es nur gegroovtes Kaos, interne Umwälzungen, entrissene Regenmäntel und orthographisch modifizierte Wildscheine gab; alle Nase lang entsteht Neues. Nicht alles wird bleiben, viele Projekte basieren auf Illusion und Wunschdenken, gepaart mit viel Geld und wenig Marktkenntnis. Aber all diese Projekte, seien sie aus dem Norden der Region, in der viele Dörfer mit „Nava-“ beginnen, oder aus der Hauptschleife, wo nicht nur fette Weine entstehen, zeigen, welches Potential hier zu heben ist. Man muss den Dingen nur Zeit geben: ein Jahrzehnt vielleicht, oder auch derer zwei. Dann wird das schon.
Ein paar erste ernstzunehmende Zeichen indes gibt es schon: eine in Weindingen durchaus nicht unbekannte Dreierbande, César, Flequi und Nacho, samt omnipräsentem Raúl, haben sich im Hauptdorf in der Lage Valle del Jorco eingenistet, um von dort drei Weine zu präsentieren, derzeit vielleicht die elegantesten Weine dieser Region. Unlängst, wissenden Bären ist das nicht entgangen, gab es eine Geheiminvasion in der Region: Außerirdische, man munkelt, es waren Affen, wurden in den Weinbergen gesehen, Terroir prüfend. Wie viele Affen es waren, ist nicht genau bekannt. Gerüchten zufolge sollen es vier gewesen sein.
Bis all diese Weine in die magische Stadt kommen, wird es noch ein wenig brauchen, ein Jahrzehnt vielleicht, es kann auch derer zwei dauern. Denn aktuell landet alles in Madrid, oder in der Welt, regionale Märkte sind eher zweitrangig. Aber das macht nicht, denn wen die Stadt einmal in ihren Bann gezogen hat, der kommt wieder und wieder und wieder. Vielleicht trifft man dann auch den alten Oso alemán, der turnt ständig dort herum: Ávila macht schlicht und ergreifend süchtig. Text: Text: el oso alemán