Das Weinbaugebiet Sizilien

Sizilien: Ein Mosaik aus Kulturen, Geschmäckern und Traditionen – Entdecken Sie das verborgene Weinparadies Italiens

Ach, wie italienisch! Das mag man sich oft denken, wenn man durch Sizilien streift. Um dann einige Meter weiter wieder eines Besseren belehrt zu werden. Das soll Italien sein? Sieht eher aus wie Griechenland. Oder Nordafrika. Diese Eindrücke sind beileibe nicht verkehrt, denn Italiens größte Insel wurde längst nicht nur von Rom allein geprägt. Ganz im Gegenteil vereinen sich hier so viele kulturelle Einflüsse wie fast nirgendwo sonst in Europa – ein berühmter sizilianischer Schriftsteller prägte dafür mal das treffende Bonmot vom „Amerika der Antike“. Und das schlägt sich auch in der Weinwelt nieder. Wie gut, dass die ersten Kolonisatoren die Weinbautechnik schon im Gepäck hatten! Fast zeitgleich erreichten die eigentlich aus der Levante stammenden Phönizier, die sich aber schon vorher im nordafrikanischen Karthago niedergelassen hatten und dieses als Basis für weitere Expeditionen nutzten, und die Griechen die Insel. Beide lieferten sich über Jahrhunderte immer wieder heftige Scharmützel um die Oberhoheit, von denen die Rebenzucht jedoch meist unbehelligt blieb – aus Agrigent etwa ist eine solche ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert konstant nachgewiesen. Dabei setzten die auswärtigen Siedler meist sogar auf heimische Wildreben, die schon seit vormenschlicher Zeit hier gediehen. Der wichtigste Zweig der Landwirtschaft war jedoch ein anderer, nämlich der Getreideanbau, der auf Sizilien außerordentlich hohe Erträge brachte. Das bekamen irgendwann auch die Römer spitz, die im Norden zu einer ernstzunehmenden militärischen Macht herangewachsen waren und sich das Eiland schließlich als ihre erste Provinz einverleibten. Diese römische Herrschaft wird landläufig als die prägendste für das Eiland angesehen, war letztlich aber nur eine unter vielen. Weintechnisch haben sie jedoch auf jeden Fall ihre Spuren hinterlassen, denn Berichte über damalige Tropfen sind sogar bis zum heutigen Tag überliefert: zum einen der Haluntium aus der Gegend von Syrakus, zum anderen der Mamertina aus Messina, der von Cäsar hoch geschätzt worden sein soll. Beide schmeckten ziemlich süß und standen damit in Kontrast zu vielen Festland-Weinen, die als sehr sauer beschrieben werden.

Von diesem Erbe wollten die neuen Herren, die nach der Völkerwanderung und einem kurzem Intermezzo Siziliens bei Byzanz schließlich das Ruder übernahmen, nichts wissen: die muslimischen Eroberer, die sich mit der Gründung eines Emirates für 250 Jahre dort festsetzten, lehnten den Genuss von Wein entschieden ab. Allerdings gelangte durch sie die Technik der Destillation ins Land, die sie selbst zwar nur zur Herstellung von Duftstoffen nutzten, die sich später aber als bahnbrechende Errungenschaft auch im alkoholischen Bereich erweisen sollte. Kurz nach der Jahrtausendwende machten sich dann die Normannen daran, die Insel wieder unter christliche Kontrolle zu bringen. Sizilien wurde zuerst zur Grafschaft, kurz darauf dann zum Königreich, dem nach und nach weitere Gebiete in Süditalien zufielen und das sein bald Territorium bald bis in die Abruzzen hinein ausdehnen konnte. Auf die Normannen folgten zunächst die Staufer, die sich dort jedoch nicht lange halten konnten: das junge Königreich zerbrach schnell wieder in zwei Teile, das eigentliche Sizilien und das Königreich Neapel, das sich aber ebenfalls Sizilien nannte. Die Insel wurde fortan vom spanischen Haus Aragón regiert, das nach vielen Jahrhunderten die sprichwörtliche wie praktische Durststrecke beendete und wieder in großem Stil den Weinbau förderte. Dadurch, dass die aufstrebenden Habsburger sich diesen Thron durch geschickte Heiratspolitik unter den Nagel rissen, entwickelte auch Österreich einen Anspruch auf das Eiland. Solange die Personalunion zwischen Spanien und Österreich intakt war, gab es kein Problem, allerdings ging diese irgendwann in die Brüche. Der sich anschließende Spanische Erbfolgekrieg endete damit, dass Savoyen Sizilien zugesprochen kam, das aber viel lieber Sardinien haben wollte und entsprechend tauschte.

Noch eine weitere Großmacht wurde zu dieser Zeit aufmerksam, wenn auch nicht im territorialen Sinne: England war mangels eigenen Weinbaus stets auf der Suche nach edlen Tropfen aus dem Rest Europas. Weil es mit Frankreich ständig im Clinch lag, die dortigen Weine also meist mit Strafzöllen belegt waren, richtete sich der Blick weiter südlich. Waren es in Spanien Malaga und Sherry und in Portugal der Portwein, die das Verlangen nach süßen Digestifs befriedigten, konnte Sizilien mit dem Marsala punkten. Ab 1770 begann ein reger Handelsverkehr mit diesem, der wie seine Verwandten von der Iberischen Halbinsel aufgespritet wurde, um auf dem Seeweg nicht zu verderben. Diese Entwicklung verschaffte Sizilien zwar ein internationales Renommee, barg aber auch Gefahren, wie sich später herausstellen sollte. Denn der Erfolg verführte so gut wie alle Winzer dazu, nur noch Grundweine für den Marsala anzubauen und andere Trauben links liegen zu lassen. Und als der Likör aus der Mode kam und nach und nach zum billigen Kochwein herabdegradiert wurde, stand man relativ blank da. Es gab auch normale Stillweine, klar. Aber die waren meist von sehr bescheidener Qualität und dienten allenfalls dazu, farbschwachen Roten aus anderen Teilen Europas einen dunkleren Ton zu verleihen. Die Eigenvermarktung lag komplett brach, das Weinbausystem war starr und träge, gerade mal ein Dutzend Betriebe exportierten überhaupt ins Ausland. Was also tun?

Am besten, man orientiert sich an dem, was international ohnehin schon gut läuft, dachte man sich in den 80ern und begann, zunächst Syrah, dann auch Merlot und Chardonnay zu produzieren. Allerdings stellte man schnell fest, dass der Preisdruck steigt, je mehr Wettbewerber es gibt, und deren Zahl wuchs in Australien, Südamerika und Co. stetig an. Französische Reben waren dabei in Sizilien im Gegensatz zur Neuen Welt nicht unbedingt etwas Unbekanntes, denn ja, natürlich stand Sizilien auch mal ein Weilchen unter der Herrschaft der Grande Nation, die den heimischen Reben nicht vertraute und selbstbewusst eigene mitbrachte. Dafür war Napoleon verantwortlich – er eroberte die Insel von den spanischen Bourbonen, die es wiederum zwischenzeitlich Österreich entrissen hatten. Wie die meisten napoleonischen Eroberungen blieb es nach dem Abtreten des Kaisers aber nicht bei Frankreich, sondern kam zu seinen spanischen Vorbesitzern zurück – mit Unteritalien vereinigt als Königreich beider Sizilien. Das blieb so, bis knapp 50 Jahre später der italienische Nationalstaat entstand. Darin mauserte sich die Insel ganz im Süden schnell zum flächengrößten Weinproduzenten – über 100 000 Hektar sind es heute und damit mehr als in ganz Deutschland, dabei ist das dreiecksförmige Eiland nur ein klein wenig größer als Mecklenburg-Vorpommern.

So, nach diesem wilden Ritt durch die Geschichte haben wir uns ein kleines Belohnungsgläschen verdient, finden Sie nicht auch? Nur was? Denn das sich die französischen Reben nicht flächendeckend würden durchsetzen können, war schnell klar. Man brauchte also etwas Eigenes, ein Alleinstellungsmerkmal. Fündig wurde man in der Umgebung des im Süden gelegenen Städtchens Avola, wo man seit jeher einen tiefdunklen Wein kelterte. Den Einheimischen war er als Calabrese bekannt, was sich als unverhohlener Verweis auf die Nachbarregion jedoch sehr schlecht für die Eigenwerbung gemacht hätte. Man kreierte also den so nobel klingenden wie eingängigen Namen Nero d’Avola – und traf damit voll ins Schwarze. Ein Easy-Drinking-Wein, mit seiner pflaumigen Primärfrucht einem apulischen Primitivo nicht unähnlich, dazu mit sehr weichen Tanninen – das passte perfekt in die 90er und ist auch heute noch ein guter Einstieg in die Welt der italienischen Rotweine. Wenn er gut gemacht ist, vermag er mit seiner kräuterig-pfeffrigen Würze durchaus an einen Syrah zu erinnern. Weniger bekannt, dafür im Qualitätsweinbereich deutlich interessanter ist der autochthone Frappato. Vom Nero d’Avola lässt er sich recht einfach durch seinen hellen Ton unterscheiden, denn in den dünnen Häuten seiner Beeren finden sich nur wenige Farbstoffe. Wo er seinem Kollegen in Körper und Tiefe etwas nachsteht, gleicht er mit Frische und seinem komplexen Aromenspiel wieder aus. Rote und schwarze Beeren vermischen sich dabei mit zarten Anklängen an mediterrane Kräuter, Tabak und Tee. Kann man sich schwerlich zwischen Nero d’Avola und Frappato entscheiden, ist auch der gemeinsame Genuss möglich: der Cerasuolo di Vittoria vereint sie. Besonders stolz war man Anfang der 2000er darauf, mit ihm die erste (und bisher einzige) DOCG Siziliens zu erhalten. Seine kirschrote Farbe, der er auch den Namen verdankt, kann manchmal sogar ins Violette tendieren, dem Fassausbau sei dank. Dieser ist es auch, der dem Cerasuolo ein beachtliches Alterungspotential und eine unerwartet ernsthafte, fast burgundische Aromatik verleiht, die sich in Noten von Schokolade, Leder oder Veilchen kleiden kann.

Der internationale Erfolg der Rotweine darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Sizilien deutlich mehr Weiß- als Rotwein angebaut wird – das Erbe der Marsala-Epoche. Die heute dominierenden weißen Reben sind nach wie vor jene, die damals die Grundlage für den Likörwein bildeten. Zum einen ist dies der Cataratto – ein Name, der selbst vielen Weinkennern nur ein Stirnrunzeln entlocken dürfte, obwohl er nach dem Trebbiano die zweithäufigste weiße Rebe Italiens ist. Aber ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich eben nur auf Sizilien und einen Teil Kalabriens, außerhalb davon wird sie praktisch nirgends kultiviert. Auch ein Großteil der aus ihm gekelterten Weine präsentiert sich eher wenig komplex, nicht selten wird der Most gleich zu Branntwein oder Konzentrat verarbeitet. Dabei sollte er mit seinem hohen Alkoholgehalt und dem ebensowenig zu verachtenden Maß an Säure eigentlich zu Höherem berufen sein: wächst er nicht in brütend heißen Tälern, sondern in etwas höheren Lagen, können fruchtige Weine mit ausgeprägter Zitrusaromatik und leicht nussigem Abgang entstehen, deren beste Vertreter gern mal den Eindruck eines Viognier von der Rhone erwecken. Die zweite Traube mit Marsala-Vergangenheit ist der deutlich hitzetolerantere Grillo – ausnahmsweise nicht autochthon, sondern wegen ihrer Robustheit nach der Reblausplage aus Apulien importiert. Nachdem sie sich lange Zeit auf dem Rückzug befunden hatte, stieg ihr Anteil ab den 90ern kontinuierlich wieder an und ist jetzt dreimal so hoch wie noch vor 30 Jahren. Als ertragreiche, aber spätausreifende Sorte nimmt sie alles an Sonne und Terroir mit, was sie kriegen kann und ist deshalb auch kein Leichtgewicht, sondern mit ordentlich Körper und Extrakt versehen. Das blumig-frische Zitrusbukett und die feine, hintergründige Würze gewinnen durch den recht hohen Alkoholgehalt noch an Ausdruck und machen den Grillo damit zum perfekten Begleiter auch deftiger Speisen – den auch Säureempfindliche nicht scheuen müssen, denn in dieser Hinsicht gibt er sich sehr mild.

Speisen – wo sich sämtliche Mittelmeeranrainer irgendwann mal die Klinke in die Hand gegeben haben, müsste doch auch eine extrem vielfältige Küche vorzufinden sein? Und genau das ist der Fall! Den größten Beitrag auf diesem Gebiet leisteten nicht etwa die Römer, sondern die Araber – möglicherweise, um damit ihre Vernachlässigung des Weinbaus zu kompensieren. Sie brachten Reis mit, der vorzugsweise zu Arancini verarbeitet wird: kleinen Reisbällchen, die man oft mit Fleisch oder Gemüse füllt und dann frittiert. Auch Zitrusfrüchte sind Teil ihres Erbes, ganz besonders aber die sehr gehaltvollen Desserts der arabischen Welt: die Kreationen aus Mandeln, orientalischen Gewürzen und sehr viel Zucker sind fast schon kleine Hauptgerichte. Schokolade hingegen kannten sie noch nicht, die führten erst die Spanier ein. Nicht aus ihrem Land natürlich, sondern aus Südamerika, woher außerdem heute unverzichtbare Gemüsesorten wie Tomaten, Paprika und Auberginen stammen. Die vorhin galant übergangenen Römer sollten dennoch nicht zu wenig gewürdigt werden, denn auf sie geht der Anbau von Hartweizen zurück, der die Grundlage der vielen Pastagerichte der Insel ist, etwa die aus Catania stammende Pasta alla Norma, die mit ihren fünf Farben die italienische Trikolore und den Ätna symbolisieren soll. Ein ebensolcher Klassiker ist der Farsu magru, ein von der normannischen Tradition inspirierter Rollbraten aus dem bergigen Landesinneren – galt er früher als Arme-Leute-Essen, weil nur seine äußere Schicht aus Fleisch besteht, bildet er heute durch seine saftig-deftige Füllung den perfekten Partner für die Rotweine der Insel. Und auch zu den Weißweinen fällt das Foodpairing nicht schwer, denn Fisch wird hier mehr gefangen als irgendwo sonst in Italien: in den Netzen landen vor allem Thun- und Schwertfisch, Sardellen und Sardinen, die man mit Vorliebe als Sarde a beccafico, gefüllt mit einer Farce aus Brot, Olivenöl, Knoblauch, Zwiebeln und Gewürzen verspeist.

Ja, das alles umgebende Meer kann sowohl verbindend als auch isolierend wirken. Denn obwohl an der schmalsten Stelle der Straße von Messina, welche die Insel vom italienischen Festland trennt, nur drei Kilometer zwischen ihr und Kalabrien liegen, unterscheidet sich das Erscheinungsbild beider doch wesentlich. Der Apennin, jener durch ganz Italien verlaufende Höhenzug, der dessen Südteil sehr gebirgig erscheinen lässt, hat es nicht bis nach Sizilien geschafft. Dieses wartet dafür mit ganz eigenen Erhebungen auf: Vulkanen, darunter auch der größte Europas, der Ätna. Er ist nach wie vor sehr aktiv und spuckt regelmäßig Asche und Lava – ein Umstand, der für seine direkte Umwelt zunächst einmal nicht besonders förderlich klingt. Allerdings erweist sich die verwitternde Lava seit jeher als besonders fruchtbar und wird deswegen für den Anbau von Oliven, Feigen, Zitrusfrüchten, Pistazien und eben von Wein intensiv genutzt. Die Reben innerhalb der ältesten DOC Siziliens gedeihen hier bis in klimatisch schon alpin zu nennende, teils sehr steile Höhenlagen auf 1100 Meter und legen sich auf dem sehr mineralienreichen Untergrund eine große Fülle und einen unvergleichlich warmen Ausdruck zu. Insbesondere der Nerello Mascalese hat sich im Laufe der Zeit an die kühlen Temperaturen gewöhnt – wo Sorten wie der Nero d’Avola schon lange aufgegeben hätten, bringen seine teils uralten Rebstöcke tanninreiche Tropfen hervor, die sich vor manchem piemontesischen Nebbiolo nicht verstecken müssen.

Vom schneebedeckten Gipfel des Ätna sollte man keineswegs auf das allgemeine Klima schließen: dieses ist ausgesprochen mediterran, was sich an milden, recht feuchten Wintern, vor allem aber den glühend heißen Sommern zeigt, in denen kaum ein Tropfen Regen fällt. Insbesondere der Süden der Insel bildet ein Einfallstor für den von Nordafrika her wehenden Scirocco, der Temperaturen von 40 Grad und mehr mit sich bringen kann. Nachts wird es dafür vielerorts empfindlich kalt – für die Trauben vorteilhaft, denn das verzögert ihren Reifeprozess und fördert die Entwicklung eines gewissen Säureanteils, der die hohen Alkoholgehalte abfedert. Die Extreme haben die Menschen seit jeher erfinderisch gemacht. Auf der Sizilien vorgelagerten Insel Pantelleria findet sich mit der „Vite ad alberello“ eine – mittlerweile sogar mit Welterbestatus versehene – Form der Rebenerziehung, die noch aus Zeiten der Phönizier stammen soll. Dabei versucht man den örtlichen Widrigkeiten – der Inselname bedeutet übersetzt „Tochter der Winde“ – durch das Graben einer Mulde um den Rebstock herum zu trotzen. In dieser ist die junge Pflanze vor den starken Winden geschützt, zudem sammeln sich hier die geringen Niederschläge und sickern nach und nach direkt zu ihren Wurzeln hinab – ein perfektes Mikroklima entsteht. Wird der Stock dann größer, richtet man seine Triebe so aus, dass sie wie bei einem Baum in alle Richtungen auseinanderstreben: durch diese robuste, buschige und nah am Boden liegende Form bietet er dem Wind wenig Angriffsfläche und beschattet zudem das Erdreich, wodurch weniger Wasser verdunstet. In Kombination mit der hier obligatorischen Handlese eine nachhaltige und umweltfreundliche Anbaumethode, die ohne künstliche Bewässerung oder andere technische Hilfsmittel auskommt und in Zeiten rascher klimatischer Veränderungen kein belächelnswerter Anachronismus ist, sondern definitiv ihre Daseinsberechtigung hat.

Ja, heißes Sizilien… Schattige Orte gibt es kaum in der Landschaft, denn die einst stark bewaldete Insel wurde massiv gerodet. Das hatte nicht nur Folgen für die Artenvielfalt, die dadurch stark dezimiert wurde, sondern förderte auch die Bodenerosion. Einen nicht gerade verantwortungsvollen Umgang mit der Insel legten nicht nur ihre Bewohner lange Zeit an den Tag, auch seitens des italienischen Festlandes waren die Vorbehalte groß: das sehr feudalistisch und agrarisch geprägte Sizilien fremdelte schon in den ersten Jahren nach er italienischen Einheit mit den neuen politischen und sozialen Gegebenheiten. Die jetzt den Ton angebende Oberschicht bestand vor allem aus Bürgerlichen aus dem Norden des Landes, die Handel und Industrie förderten und wenig übrig hatten für das aus ihrer Sicht völlig überholte gesellschaftliche Gefüge auf der Insel. Die steuerlichen Belastungen der Landwirtschaft nahmen rapide zu, was Aufstände nach sich zog, die blutig niedergeschlagen wurden. Viele Sizilianer kehrten ihrer Heimat desillusioniert den Rücken und wanderten in die USA aus. Dort, aber vor allem auf der Insel selbst entstand in der Folge eine Gruppierung, die sich für den Weinbau als nicht besonders förderlich erweisen sollte: die Mafia. Nicht geringe Anteile der eigentlich für eine zukunftsfähige, technisch schritthaltende Weinwirtschaft gedachten Agrarsubventionen fanden nicht den Weg in die Scheunen und Keller der Winzer, sondern in die Taschen der Cosa Nostra. Besserung trat erst ein, als sich in den 90ern nach der brutalen Ermordung der beiden populären Mafia-Jäger Falcone und Borsellino die Stimmung in der Bevölkerung drehte. Dennoch sind die Rahmenbedingungen für Winzer nach wie vor alles andere als gut: die Infrastruktur besonders im Inneren der Insel lässt stark zu wünschen übrig, auch verfügen viele Betriebe nach wie vor nicht über eigene Abfüllanlagen, sodass immer noch ein großer Teil des Weines als namen- und gesichtslose Tanklaster-Ware aufs Festland kommt. Auch das erforderliche Maß an Handarbeit, sei es bei der Lese kleiner Parzellen oder der Instandhaltung von Trockensteinauern an Hanglagen, ist sehr hoch. So liegen viele eigentlich hochwertige, aber nicht einfach zu bewirtschaftende Flächen brach. Einen Anreiz für mehr Investitionen in den kommenden Jahren könnte jedoch der Tourismus setzen, der gerade auf Sizilien nicht nur Strandkorbhocker, sondern auch kulinarisch offene Kulturreisende anzieht.

Und die kommen hier in beiderlei Hinsicht voll auf ihre Kosten. Denn als wäre das reiche architektonische Erbe, die griechischen Tempel, römischen Amphitheater, staufischen Festungen und barocken Paläste nicht facettenreich genug, präsentiert sich auch der Weinbau höchst abwechslungsreich und ist immer für eine Entdeckung gut. Der Qualitätswein-Anteil ist mit etwa einem Viertel der Gesamtmenge zwar nicht besonders hoch, liegt für italienische Verhältnisse aber im oberen Mittelfeld. 23 recht weit voneinander entfernte DOCs bilden die Vielfalt der Terroirs eindrucksvoll ab, und auch mancher Landwein zeigt eine unerwartete Finesse. Der relativen Unbekanntheit der Ursprungsbezeichnungen außerhalb der Insel beugt man seit einigen Jahren dadurch vor, dass man einfach Sizilien als Ganzem einen DOC-Status verliehen hat, wodurch der erläuternde Zusatz „Sicilia“ auf jedem Qualitätswein erscheinen darf – eine hübsche Art von Corporate Identity und Zeugnis für den liebenswerten Zusammenhalt vor Ort. Gemein ist allen Weinen, dass sie in der Regel sofort trinkbar sind – und sehr preisgünstig. Auch Bio-Fans kommen dabei auf ihre Kosten, denn im heißen, windigen Klima haben Schädlinge und Pilzerkrankungen kaum Chancen, weshalb auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oft verzichtet werden kann. In den folgenden Jahren wird es mehr als von allem Anderen von den Weinliebhabern abhängen, ob Sizilien auf der Qualitätsleiter weiter aufsteigt: fragen sie die vielen außerhalb der Insel kaum bekannten autochthonen Reben verstärkt nach, wird es sich für die dortigen Winzer lohnen, statt der hinlänglich bekannten Massenweine auch mal unkonventionelle Aromen in die Flasche zu bringen. Perricone, Inzolia, Carricante und Corinto Nero stehen wie noch viele Dutzend weitere autochthone Sorten schon in den Startlöchern. Nicht mal auf Dessertweine muss man dabei verzichten: zum schweren Marsala gibt es mit diversen Muskatellern und Malvasiern feine Alternativen. Vinophile Genießer sollten also am Ball bleiben: hier wartet ein unermesslicher Schatz darauf, endlich gehoben zu werden! Text: Dario Sellmeier

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Spanien

Sierra de Tolono NAHIKUN Tempranillo 2019

Rotwein · Rioja Alavesa · Tempranillo

100 % Tempranillo Nahikun Sierra de Toloño (Sandra Bravo) Villabuena de Álava · 5 Mikro-Lagen über 80 J. Reben · ~200 g/Stock 1 Jahr gebrauchtes franz. Barrique BIO (ES-ECO-026-VAS) nur 798 Flaschen · 2019

Der Sierra de Toloño Nahikun Tempranillo 2019 ist ein reinsortiger Rioja von über 80 Jahre alten Reben aus fünf Mikro-Lagen in Villabuena de Álava. Konzentriert und geschliffen zugleich – ein schlafender Riese, der heute schon Pracht und Größe demonstriert.


Nahikun Tempranillo – alte Reben aus Villabuena

Sierra de Toloño ist das Projekt von Sandra Bravo. Nach Stationen in Bordeaux, der Toskana, Neuseeland, Kalifornien und sieben Jahren im Priorat kehrte sie in die Rioja Alavesa zurück, um in den höchsten und ältesten Lagen der Region herkunftsgetreue Weine zu erzeugen – minimalistisch, biologisch und biodynamisch, mit schonender Handarbeit und kaum Schwefel.

Die Tempranillo-Reben für den Nahikun wachsen in Villabuena de Álava auf fünf verschiedenen Mikro-Lagen und sind über 80 Jahre alt. Der geradezu lächerlich geringe Ertrag von nur rund 200 Gramm pro Rebstock bildet die Grundlage für die außergewöhnliche Qualität und Konzentration dieses Weins.

Jahrgang 2019 – Rioja Alavesa

2019 gilt in der Rioja als ausgewogener, hochwertiger Jahrgang mit gesunder, reifer Frucht und guter Frische. Die Höhenlagen mit altem Rebbestand am Fuß der Sierra de Toloño bewahrten Säure und aromatische Präzision – die Grundlage für einen konzentrierten und zugleich geschliffenen Tempranillo, der Kraft und Frische im Gleichgewicht hält.

Ausbau

Reinsortiger Tempranillo von über 80-jährigen Reben aus fünf Mikro-Lagen in Villabuena de Álava, Jahrgang 2019, trocken.

Die Trauben werden von Hand gelesen; der Ausbau erfolgt über ein Jahr in gebrauchten Barriquefässern aus französischer Eiche, ohne prägenden Holzton. Die Reben werden biologisch/biodynamisch bewirtschaftet (ES-ECO-026-VAS). Gesamtproduktion: nur 798 Flaschen.

Im Glas

Der Wein ist konzentriert und geschliffen zugleich. Feinste dunkle Früchte, Holzwürze, Wald- und Wiesenaromen verbinden sich zu einem gemeinsamen Kosmos. Rauchig, wild und mit harmonischen Tanninen im Gepäck. Eine spielerische, zupackende Säure, die Länge und Durst im Abgang generiert. Ein schlafender Riese, der heute schon Pracht und Größe demonstriert.

Konzentriert und geschliffen zugleich: feinste dunkle Früchte, Holzwürze, Wald- und Wiesenaromen, rauchig und wild, mit harmonischen Tanninen und einer spielerischen, zupackenden Säure für Länge und Durst im Abgang.

Ein schlafender Riese mit großem Reifepotenzial; jung gern dekantieren. Bei 16–18 °C servieren.

Am Tisch

Zu Lamm und Wild, zu gegrilltem und geschmortem Rind, zu kräftigen Schmorgerichten sowie zu Pilzgerichten und gereiftem Käse.


Lage: fünf Mikro-Lagen in Villabuena de Álava, Rioja Alavesa (Spanien); über 80 Jahre alte Reben; Ertrag nur ~200 g/Rebstock
Klassifikation: DOCa Rioja; 100 % Tempranillo (trocken)
Ausbau: Handlese, ein Jahr in gebrauchten Barriquefässern aus französischer Eiche; biologisch/biodynamisch, ES-ECO-026-VAS; 798 Flaschen

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Spanien

La Esquirla del Bardallo 2016

Rotwein · Rioja · Spanien

Tempranillo & Viura D.O.Ca. Rioja El Bardallo · San Vicente de la Sonsierra Handarbeit im Weinberg unfiltriert

Der La Esquirla del Bardallo 2016 ist ein Lagenwein des Projekts 3 Viñerones aus der D.O.Ca. Rioja. Die Trauben stammen aus einer einzigen Parzelle im Paraje El Bardallo bei San Vicente de la Sonsierra, die in einem guten Jahr nur rund 3.000 Kilo liefert. Vergoren wird spontan im offenen Bottich, anschließend reift der Wein in großen Barricas. Abgefüllt wird er etwa zwei Jahre nach der Lese, unfiltriert und ohne Kälteschock – ein frischer, eleganter Rioja 


El Bardallo – San Vicente de la Sonsierra, Rioja

Die Parzelle El Bardallo liegt bei San Vicente de la Sonsierra in der Rioja Alta, am Fuße der Sierra de Cantabria nahe Labastida. Der Lagenname geht auf einen lokalen Bach zurück; eine „Esquirla" ist ein neolithisches Steinwerkzeug, wie man es in diesem Barranco findet. Das frische Mikroklima und die Böden aus Lehm und Kalk geben dem Wein Säurespannung, feine Tannine und eine mineralische Textur. Hinter 3 Viñerones stehen drei befreundete Winzer der spanischen Szene; die Lage wird seit Jahren von Hand bewirtschaftet – in dieser Region eine gewisse Herausforderung.

Assemblage und Ausbau

Im Glas Tempranillo und Viura, gemeinsam vergoren – die Vielfalt der Rebsorten im Weinberg gibt dem Wein zusätzliche Komplexität. Das Lesegut wird zweimal verlesen, im Weinberg und in der Bodega; die Trauben werden nicht entrappt und im offenen Bottich spontan vergoren. Anschließend reift der Wein in großen Barricas, in denen er auch die malolaktische Gärung durchläuft. Abgefüllt wird etwa zwei Jahre nach der Lese, weder filtriert noch kältegeschockt.

Im Glas

Ein frischer, eleganter Rioja, der nicht grün wirkt. In der Nase reife dunkle Frucht mit feiner Würze. Am Gaumen seidige Textur, geschliffene Tannine und die typische Rioja-Säure, getragen von der Mineralität aus Lehm und Kalk. Ein Wein, bei dem alles an seinem Platz ist – mit Spannung und Länge.

Am Tisch

Klassische Begleitung: Lamm, Wild, Schmorgerichte, gegrilltes rotes Fleisch und Hülsenfrüchte-Eintöpfe. Vor dem Servieren rund eine Stunde dekantieren. Schon trinkreif, bei kühler, dunkler Lagerung gut bis etwa 2030. Serviertemperatur 16–18 °C.



Lage El Bardallo, San Vicente de la Sonsierra · Rioja Alta
Klassifikation D.O.Ca. Rioja
Ausbau Spontangärung im offenen Bottich, Reife in großen Barricas, MLF im Fass

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Frankreich

Domaine Latour-Giraud Meursault Genevrières 1er Cru 2022

Weißwein · Meursault Premier Cru · Chardonnay

Chardonnay Meursault · 1er Cru Les Genevrières Latour-Giraud: größter Besitzer (~2,5 ha) 11–12 Monate Holz · ~25% neu 2022

Der Meursault Genevrières 1er Cru 2022 der Domaine Latour-Giraud ist ein reicher, zugleich mineralischer Chardonnay aus einer der größten Lagen von Meursault. Mit rund 2,5 Hektar ist Latour-Giraud der größte Besitzer dieses Premier Cru – Genevrières ist das Aushängeschild des Guts.


Les Genevrières – Toplage von Meursault

Les Genevrières zählt – gemeinsam mit Les Perrières und Les Charmes – zu den besten Premier Crus von Meursault. Die Lage am Mittelhang auf kalkhaltigem Boden bringt Weine hervor, die Fülle mit feiner Mineralität und floraler Eleganz verbinden und hervorragend reifen.

Die Domaine Latour-Giraud bewirtschaftet hier rund 2,5 Hektar und ist damit der größte Eigentümer von Genevrières. Das Gut arbeitet im Weinberg organisch und gilt als eine der Referenzadressen von Meursault.

Jahrgang 2022 – Côte de Beaune

2022 war eines der wärmsten, trockensten und sonnenreichsten Jahre im Burgund. Ein milder Winter brachte einen frühen Austrieb, Aprilfröste richteten nur begrenzten Schaden an, und ein regenreicher Juni füllte vor dem trockenen Sommer die Wasserreserven.

Für die weißen Burgunder steht 2022 für reife, konzentrierte Frucht bei überraschender Frische und Energie – die Grundlage für Fülle und Mineralität dieses Genevrières.

Assemblage und Ausbau

Reinsortiger Chardonnay aus dem Jahrgang 2022.

Die ganzen Trauben werden gepresst, im Fass vergoren und rund 11 bis 12 Monate im Eichenfass ausgebaut, davon etwa 25 % neues Holz – auf Reichtum, Reinheit und Eleganz mit frischem Finale ausgerichtet.

Im Glas

Aromen von Pfirsich, Mirabelle, Akazie und Zitrus, dazu Feuerstein und ein Hauch exotischer Tee. Am Gaumen reich und vielschichtig, zugleich mineralisch und straff, getragen von lebhafter, gut eingebundener Säure und einem langen, kraftvollen Abgang.

Pfirsich, Mirabelle und Feuerstein über reicher, zugleich straffer Mineralität – kraftvoll, vielschichtig und sehr lang.

Jung schon zugänglich, mit großem Reifepotenzial über viele Jahre. Bei 12–13 °C servieren.

Am Tisch

Fisch in heller Sauce, Hummer und Krustentiere, Bresse-Geflügel, Kalbsbries, dazu reifer Weichkäse. Ein Wein für die große weiße Küche.


Lage: Les Genevrières (1er Cru), Meursault (Côte de Beaune); Mittelhang, kalkhaltig; Latour-Giraud ~2,5 ha (größter Besitzer)
Klassifikation: Meursault Premier Cru
Ausbau: Chardonnay; Ganztraubenpressung, Fassgärung, 11–12 Monate Holz (~25% neu)

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Rebsorten

Maxime Crotet Maranges Pinot Noir Clos de la Fussière 1er Cru 2025

Rotwein · Bourgogne · Maranges 1er Cru

Pinot Noir Maranges 1er Cru La Fussière 2025 Côte de Beaune Ungequetschte Beeren Neutrale Fässer, 8–10 Monate Minimale Schwefelung

Der Maranges 1er Cru La Fussière 2025 von Maxime Crotet kommt aus dem größten Premier Cru der südlichsten Appellation der Côte de Beaune. Crotet arbeitet seit 2021 als Négociant-Vinificateur in Beaune – acht Jahre lang war er die rechte Hand von Frédéric Cossard, einer der prägenden Figuren des burgundischen Naturweins. Eigene Weinberge besitzt er nicht; er kauft Trauben und vinifiziert sie selbst.


Maranges 1er Cru La Fussière – der größte Premier Cru am Südende der Côte

La Fussière ist mit rund 35 Hektar das größte Klimat der Appellation Maranges und erstreckt sich über die Gemeinden Cheilly-lès-Maranges und Dezize-lès-Maranges. Die Appellation umfasst insgesamt drei Gemeinden – dazu kommt Sampigny-lès-Maranges – und liegt administrativ bereits in der Saône-et-Loire, weinbaulich aber im Süden der Côte de Beaune. Sie markiert damit das Ende der Côte d'Or, dort wo der Hang nach Südwesten abknickt.

Der Untergrund ist jurassisch: blauer Ton und Mergel, durchsetzt mit Kalksteinschutt, ausgesprochen fossilreich. Die Bodenauflage ändert sich mit der Höhe – in den oberen Parzellen liegt ein weißlich-steiniger, magerer Boden über blauem Mergel, in den unteren Hanglagen wird er dunkler und tiefgründiger. Die Rebflächen liegen zwischen 240 und 400 Metern und sind süd- bis südostexponiert.

Diese Ausrichtung ist der eigentliche Unterschied zu den nördlicheren Gemeinden der Côte de Beaune, die nach Osten und Südosten schauen. Maranges bekommt dadurch mehr Nachmittagssonne und reift verlässlicher aus – historisch der Grund, warum die Appellation lange als Zulieferer für Côte-de-Beaune-Villages-Abfüllungen diente und erst spät eigenständig auftrat. Als eigene AOC anerkannt wurde Maranges 1989. Rund 95 Prozent der Produktion sind Rotwein aus Pinot Noir.

Jahrgang 2025 – Côte de Beaune

2025 war im Burgund ein ausgesprochen frühes Jahr. Auf einen milden Winter folgten ein warmer Frühling und ein trockener, sonniger Sommer; der Vegetationszyklus lief durchgehend vor dem Kalender. Eine Hitzewelle Mitte August beschleunigte die Reife zusätzlich, ohne die Säure zu zerstören – anders als in vergleichbar heißen Jahrgängen blieb das Zucker-Säure-Verhältnis intakt. Der Gesundheitszustand der Trauben war durchweg gut, Krankheitsdruck spielte kaum eine Rolle.

Die Lese begann ab dem 18. August mit den Crémant-Trauben. In der Côte de Beaune wurden die weißen Sorten ab dem 23. bis 25. August gelesen, die roten ab dem 27. bis 28. August – rund 20 Tage früher als im historischen Mittel und damit auf dem Niveau von 2022. Die Sommertrockenheit ließ die Beeren klein bleiben: hoher Schalenanteil im Verhältnis zum Saft, entsprechend mehr Farbe und Tannin, aber deutlich reduzierte Erträge. Die Mengen fielen sehr heterogen aus, in einzelnen Parzellen bis zur halben Ernte; alte Reben kamen mit der Hitze erkennbar besser zurecht als junge Anlagen. Als Stilistik zeichnet sich ein eleganter, fein strukturierter Jahrgang bei knapper Menge ab.

Assemblage und Ausbau

Reinsortiger Pinot Noir aus dem Maranges 1er Cru La Fussière, Jahrgang 2025. Maxime Crotet gründete sein Projekt 2021 in Beaune, nachdem er acht Jahre bei Frédéric Cossard gearbeitet hatte – zunächst im Keller, zuletzt als dessen rechte Hand. Er kauft die Trauben zu und vinifiziert selbst; das Modell erlaubt ihm Zugriff auf Parzellen, die er als Quereinsteiger nie hätte erwerben können.

Die Vinifikation folgt der Handschrift seiner Ausbildung: keine Reinzuchthefe, keine Enzyme, Vergärung mit den Hefen der Traube. Die Beeren gehen weitgehend ungequetscht in den Gärbehälter, wodurch ein Teil der Gärung intrazellulär abläuft – ein semi-carbonischer Effekt, der Frucht und Saftigkeit betont statt Extraktion. Ausgebaut wird 8 bis 10 Monate in kleinen, überwiegend neutralen Fässern, ohne Schwefelzugabe während des Ausbaus; geschwefelt wird nur minimal bei der Füllung. Sein Credo dazu ist knapp: das Terroir schlägt die Technik.

Im Glas

Helles, klares Rubinrot. In der Nase Himbeere, rote Johannisbeere und Kirsche, dazu ein floraler Ton und die feine Würze, die aus der Ganzbeerenvergärung kommt – kein Fassaroma, weil kaum neues Holz im Spiel ist. Am Gaumen saftig und geradlinig, feinkörniges Tannin, ein pfeffriger Zug im Mittelteil und die kalkige Salzigkeit des Mergeluntergrunds im Abgang. Der Wein setzt auf Trinkfluss statt auf Dichte.

Maranges wurde erst 1989 als eigene AOC anerkannt – die südlichste Appellation der Côte de Beaune ist jünger als der Ruf ihrer Nachbarn.

Bei 14 bis 16 °C servieren, also spürbar kühler als Zimmertemperatur. Eine kurze Karaffierung oder eine halbe Stunde im Glas tut dem Wein gut, besonders in der Jugend. Trinkreif ab sofort, mit Entwicklung über die nächsten sechs bis acht Jahre – bei geringer Schwefelung empfiehlt sich konstant kühle Lagerung.

Am Tisch

Zu Geflügel und Perlhuhn, zu Kalbsbraten, zu Charcuterie und Terrinen, zu Pilzgerichten mit Steinpilzen oder Pfifferlingen. Auch zu gebratenem Thunfisch und zu Ziegenkäse aus dem Charolais. Ein Wein für den Alltag am guten Tisch, nicht für den Anlass – und einer, bei dem die Serviertemperatur mehr ausmacht als die Glasform.


Produzent Maxime Crotet, Négociant-Vinificateur, Beaune
Rebsorte Pinot Noir
Lage La Fussière, Cheilly- und Dezize-lès-Maranges
Klassifikation Maranges 1er Cru · AOC seit 1989 · Côte de Beaune
Jahrgang 2025
Vinifikation Spontangärung · ungequetschte Beeren · semi-carbonischer Einfluss · keine Enzyme
Ausbau 8–10 Monate in kleinen, überwiegend neutralen Fässern · kein SO₂ im Ausbau
Schwefelung Minimal bei der Füllung
Trinkempfehlung 2026–2033
Boden Blauer Ton und Mergel mit Kalksteinschutt, fossilreich
Höhenlage 240–400 m, süd- bis südostexponiert

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Rebsorten

Domaine Latour-Giraud Meursault Cuvée Charles Maxime 2022

Weißwein · Meursault · Chardonnay

Chardonnay Meursault AOC (Cuvée Charles Maxime) 7 gutseigene Lagen · 3 ha Côte de Beaune 2022

Der Meursault Cuvée Charles Maxime 2022 der Domaine Latour-Giraud ist der Village-Meursault des Guts aus ausschließlich eigenen Weinbergen. Er steht für die Eleganz der Appellation – mit geschmeidigem Schmelz, frischer Säure und den charakteristischen Haselnussnoten.


Meursault – Cuvée aus sieben Lagen

Meursault bildet das Herz der „Côte des Blancs" und ist mit rund 430 Hektar die größte Weißwein-Gemeinde der Côte de Beaune. Die Domaine Latour-Giraud besitzt 3 Hektar in sieben Lagen – darunter Limozin, Crotots und Pelles Dessous direkt unterhalb der Genevrières, Poruzots, Vireuils Dessous nahe Auxey-Duresses, Clos du Cromin, Corbins und Malpoiriers im Norden Richtung Volnay.

Aus diesen Parzellen entsteht die Cuvée Charles Maxime – benannt nach den Großvätern Charles (Giraud) und Maxime (Latour). Die Domaine zählt zu den renommierten Adressen von Meursault.

Jahrgang 2022 – Côte de Beaune

2022 war eines der wärmsten, trockensten und sonnenreichsten Jahre im Burgund. Ein milder Winter brachte einen frühen Austrieb, Aprilfröste richteten nur begrenzten Schaden an, und ein regenreicher Juni füllte vor dem trockenen Sommer die Wasserreserven.

Für die weißen Burgunder steht 2022 für reife, konzentrierte Frucht bei überraschender Frische und Energie – die Grundlage für den geschmeidigen, zugleich frischen Stil dieses Meursault.

Assemblage und Ausbau

Reinsortiger Chardonnay aus dem Jahrgang 2022, eine Cuvée aus sieben gutseigenen Lagen.

Der Wein reift im Eichenfass, im Stil des Guts – mit maßvollem Holzeinsatz, der Schmelz und feine Würze gibt, ohne die Frische zu überdecken.

Im Glas

Helle gelbe Frucht und Zitrus, untermalt von charakteristischen Haselnussnoten. Am Gaumen geschmeidiger Schmelz, getragen von frischer Säure und feiner Eleganz, mit langem Abgang.

Gelbe Frucht und Haselnuss über geschmeidigem Schmelz und frischer Säure – Meursault in eleganter Village-Form.

Jung schon zugänglich, über mehrere Jahre gut lagerfähig. Bei 12 °C servieren.

Am Tisch

Fisch in heller Sauce, Krustentiere, Geflügel, Kalb, dazu reifer Weichkäse. Ein vielseitiger Begleiter für die feine weiße Küche.


Lage: Meursault (Côte de Beaune); Cuvée aus sieben gutseigenen Lagen, 3 ha
Klassifikation: Meursault AOC
Ausbau: Chardonnay; Holzfassausbau

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Spanien

Torre Oria Seda Petit Verdot Merlot

Rotwein · Valencia · Petit Verdot & Merlot · Cuvée

Torre Oria Seda Petit Verdot Merlot ist eine spanische Rotwein-Cuvée aus sorgfältig selektierten Petit-Verdot- und Merlot-Trauben des Weinguts Torre Oria bei Valencia. Der Wein reift im amerikanischen Eichenfass und verbindet kräftige dunkle Frucht mit feinen Röstaromen. Im Glas ein tiefes Purpurrot, am Gaumen samtig und vollmundig mit langem, elegantem Abgang.


Valencia

Die Trauben stammen aus dem Weinbaugebiet rund um Valencia im Osten Spaniens, wo ein warmes, mediterran-kontinentales Klima für reife, konzentrierte Trauben sorgt. Die Kombination zweier Sorten prägt den Stil: Petit Verdot bringt Farbe, Würze und Struktur, Merlot steuert Fülle und weiche Frucht bei.

Assemblage und Ausbau

Die Cuvée vereint Petit Verdot und Merlot. Nach der Gärung reift der Wein über vier Monate in amerikanischen Eichenfässern, wo er zusätzliche Komplexität, feine Röstaromen und eine geschmeidige Fülle entwickelt, ohne seine Frische zu verlieren.

Im Glas

Tiefes, intensives Purpurrot. In der Nase reife Brombeere und schwarze Johannisbeere, dazu dezente rauchige Noten und ein Hauch dunkle Schokolade. Am Gaumen seidig und samtig, mit festen, gut eingebundenen Tanninen und vollem Körper. Der Abgang ist lang, warm und elegant.

Am Tisch

Schon zugänglich und vielseitig; ein bis zwei Stunden im Dekanter runden ihn ab. Serviertemperatur 16–18 °C.

Klassische Begleitung: rotes Fleisch, Schmorgerichte, Wild und gereifter Käse.


Lage: Valencia, Spanien
Klassifikation: Vino de España (ohne DO)
Ausbau: über 4 Monate amerikanische Eiche

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Frankreich

François Bertheau Bonnes Mares Grand Cru 2018

Rotwein · Bonnes-Mares Grand Cru · Pinot Noir

Pinot Noir Bonnes-Mares · Grand Cru Chambolle-Musigny / Morey Côte de Nuits 2018

Der Bonnes-Mares Grand Cru 2018 der Domaine François Bertheau ist ein reinsortiger Pinot Noir aus einer der großen Lagen der Côte de Nuits. Bonnes-Mares bringt kräftigere, langlebigere Weine hervor als das benachbarte Musigny; in Bertheaus Händen verbindet sich diese Statur mit der seidigen Eleganz von Chambolle. Der warme Jahrgang 2018 gibt dem Wein reife Fülle.


Bonnes-Mares – Grand Cru zwischen Chambolle und Morey

Bonnes-Mares erstreckt sich über rund 15 Hektar am Mittelhang der Côte de Nuits. Der Großteil liegt in Chambolle-Musigny, ein kleinerer Teil von etwa 1,5 Hektar im benachbarten Morey-Saint-Denis; im Norden grenzt die Lage an den Clos de Tart. Bepflanzt ist sie ausschließlich mit Pinot Noir.

Die Böden unterscheiden sich deutlich: am Morey-Ende reicher und tiefer (strenger, gehaltvoller), am Chambolle-Ende feiner und kalkreicher (seidiger). Der Name geht auf die „Bonnes Mères", die Zisterzienserinnen der Abtei Notre Dame de Tart, zurück. Die Domaine François Bertheau zählt zu den klassischen Erzeugern von Chambolle-Musigny.

Jahrgang 2018 – Côte de Nuits

2018 folgte auf einen nassen Winter, der die Wasserreserven füllte, ein warmer, sonnenreicher und trockener Sommer. Die Reben blieben gesund, und es kam zu einer großzügigen, vollreifen Ernte.

Für die roten Burgunder steht 2018 für reife, konzentrierte Frucht mit Tiefe, geschmeidigem Tannin und überraschender Frische – ein gehaltvoller Jahrgang, der die Kraft des Bonnes-Mares schön trägt.

Assemblage und Ausbau

Reinsortiger Pinot Noir aus dem Jahrgang 2018.

Der Wein reift im Holzfass, im klassischen Stil des Guts – mit zurückhaltendem Holzeinsatz, ganz auf Finesse und Lagenausdruck ausgerichtet.

Im Glas

Bonnes-Mares zeigt sich kraftvoll und strukturiert: reife dunkle und rote Frucht, florale Noten und feine Würze. Bei Bertheau verbindet sich diese Statur mit seidiger Eleganz; das Tannin ist fest und zugleich fein, der Abgang lang.

Reife Kraft und Struktur, getragen von seidiger Eleganz – ein Bonnes-Mares aus dem warmen 2018er für die lange Reife.

In der Jugend noch verschlossen, entfaltet der Wein sein Potenzial über viele Jahre Flaschenreife. Bei 16 °C servieren; eine Belüftung im Dekanter lohnt sich.

Am Tisch

Wild und Federwild, Rind, Gerichte mit Trüffel oder Pilzen, dazu gereifter Käse. Ein Wein für den großen Anlass.


Lage: Bonnes-Mares, Chambolle-Musigny / Morey-Saint-Denis (Côte de Nuits); Mittelhang, ~15 ha
Klassifikation: Bonnes-Mares Grand Cru
Ausbau: Pinot Noir; Holzfassausbau, zurückhaltender Holzeinsatz

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Spanien

Micrit Monastrell tinto 2017

Wein · Rotwein · Jumilla · Spanien

Micrit Monastrell ist der erste Jahrgang des Kultprojekts Micrit – ein Gemeinschaftswerk von Casa Castillo und Envínate aus Jumilla. Die Trauben für diesen Urwein stammen von über 80 Jahre alten Monastrell-Reben. Das Ergebnis ist ein sehr dichter, vollmundiger Rotwein, der nach Schokolade, Gewürzen und roten Früchten duftet und schmeckt.


Jumilla / Murcia

Micrit ist die erste gemeinsame Kreation von José María Vicente (Casa Castillo) und dem Winzerteam Envínate, die einen alten, vom Roden bedrohten Weinberg übernommen haben. Die über 80 Jahre alten, wurzelechten Monastrell-Reben wachsen in der Parzelle „El Viso" auf Kalkböden der D.O. Jumilla. Der Name „Micrit" leitet sich von Mikrit ab – den feinsten Kalkpartikeln, aus denen der Boden besteht. Die Reben werden ohne Herbizide bewirtschaftet.

Rebsorte und Ausbau

Reinsortig aus Monastrell. Die Gärung erfolgt spontan mit Naturhefen, ein Teil der Trauben wird als ganze Rispe (mit Stielen) vergoren. Anschließend reift der Wein rund 17 Monate in Holzfässern mit 500 Litern. Streng limitiert auf 2.000 Flaschen.

Im Glas

Tiefes Rubinrot. In der Nase Schokolade, Gewürze und rote Früchte. Was sich zunächst als urwüchsiger Wein zeigt, gewinnt mit Luftkontakt zusätzlich Frische und Säure. Am Gaumen sehr dicht und vollmundig, mit reifen Tanninen, würzig-balsamischen Noten und langem Abgang – ein funkelndes Beispiel dafür, was passiert, wenn Konzentration auf Eleganz trifft.

Am Tisch

Bei 16–18 °C servieren und vor dem Genuss dekantieren – Luft tut diesem Wein sichtlich gut. Mit Reifepotenzial.

Passt zu: rotem Fleisch, Wild, Schmorgerichten, Reisgerichten und gereiftem Käse.


Lage: D.O. Jumilla, Murcia (Spanien); Parzelle „El Viso"; Erzeuger Casa Castillo & Envínate
Klassifikation: D.O. Jumilla – 100 % Monastrell (über 80 Jahre alte, wurzelechte Reben), trocken
Ausbau: spontane Gärung mit Naturhefen, ~17 Monate in 500-l-Holzfässern; limitiert auf 2.000 Flaschen

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