Piesport 2023: Das Jahr mit den Reben
Es sind diese kleinen Momente, über die wir uns jedes Jahr wieder freuen. Die Ruhe im Winter, das Aufblühen der Natur und die ersten Knospen im Frühling, das Heranreifen der Beeren im Sommer und später im Herbst die erste abgeschnittene Traube in unserem Leseeimer. Das Weinjahr 2023 war spannend und anspruchsvoll! Wir waren auf fast alles vorbereitet- und doch kam es anders als wir dachten. Denn kein Jahrgang gleicht dem anderen und fordert uns Winzer aufs Neue. Doch so wie die Wurzeln des Rebstocks von Jahr zu Jahr tiefer ins Erdreich vordringen, wachsen auch wir an Erfahrungen. Auch wenn der Weg vom Weinberg bis in die Flasche nicht immer der einfachste ist, so sind wir begeistert von den Weinen, die jeder neue Jahrgang hervorbringt.
Im Weinberg: die Natur ist der Boss!
Im Winter 2023 durften wir uns über ein paar eisige Tage mit Schnee freuen und der Start ins Jahr war ausgewogen nass und feucht. Somit brachten die ersten Wochen beste Voraussetzungen, um die Wasserspeicher nach dem vorangegangenen trockenen Sommer wieder aufzufüllen. Wir sind dankbar für die vielen Erkenntnisse, die wir bislang gewonnen haben und die uns, sowohl bei der Bewirtschaftung unserer Weinberge, als auch beim Ausbau der Weine im Keller zugute kommen. Die Veränderungen unseres Klimas sind spürbar und wir müssen versuchen, uns diesen bestmöglich anzupassen. Wir hatten 2022 die Möglichkeit, tolle Chardonnay- Klone aus dem Burgund bei uns im Piesporter Goldtröpfchen anzupflanzen. Eine Rebsorte, die uns schon lange begeistert, zudem robust gegenüber Witterungsbedingungen ist und auf unseren Schieferböden salzig mineralische Weine hervorbringt.
Die ausgiebigen Niederschläge im März waren ein Segen für die Natur und stärkten sowohl unsere jungen, als auch unsere uralten Rebstöcke. Uns ist bewusst, wie essenziell eine zuverlässige Wasserversorgung und wie wichtig nachhaltiger Bodenaufbau ist. Wir setzen alles daran, durch eine vorausschauende Bodenbearbeitung eine natürliche Balance für unsere Reben zu schaffen, damit diese im Herbst gesundes Traubenmaterial hervorbringen. Obwohl es im April nochmal frostig wurde und wir in den frühen Morgenstunden Temperaturen um den Gefrierpunkt erreichten, wechselten sich Sonne und Regen nun stetig ab.
Ab Ende April wurden unsere Reben dann von herrlich warmem Frühlingswetter verwöhnt. Einem perfekten Austrieb stand somit nichts mehr im Wege. Bald darauf zeigten sich in den wärmeren Lagen bereits die ersten zarten Blättchen. Zu diesem Zeitpunkt lagen wir noch etwa zwei bis drei Wochen hinter dem Vorjahr. Das warme Wetter Ende Mai beschleunigte jedoch das Wachstum der Reben so rasant, dass wir kaum mit dem Aufbinden im Steilhang hinterherkamen. Doch schnelles und sorgfältiges Arbeiten in den austreibenden Weinbergen wurde zur Voraussetzung, um mit der wachsenden Natur Schritt halten zu können. Da das Frühjahr bereits unerwartet feucht verlief, war es nun sehr wichtig, die heranwachsenden Trauben optimal abzuhärten und die Beerenschalen zu stärken. Dazu entfernten wir bereits in der Traubenblüte großzügig die Blätter in der Laubwand. In den nächsten Wochen gab es immer wieder Niederschläge und entgegen aller Befürchtungen, blieb ein trockener Sommer mit zu hohen Temperaturen aus. Im August erstrahlte die ganze Natur in einem satten Grün und unsere Reben strotzten nur so vor Kraft. Anders als in den Vorjahren, in denen wir die Trauben vor zu starker Sonneneinstrahlung schützten, wurden nun gegen Ende des Sommers nochmals behutsam Blätter aus der Traubenzone entfernt, sodass die heranreifenden Trauben bestmöglich abtrocknen konnten.
Die Weinlese: Sommerflair und Herbstregen
Anfang September, kurz vor Beginn der Weinlese, hielten uns immer wieder Gewitter in Atem. Auch wenn wir mit einem blauen Auge davon kamen, hatten wir größtes Mitgefühl mit den Winzern, die leider nicht so viel Glück hatten und denen Hagel und Starkregen ganze Ernten zerstörten. Ähnlich früh wie auch im Vorjahr starteten wir bereits am 14. September mit der Rieslinglese. Während in den frühen Morgenstunden der Nebel noch über dem Fluss lag, genossen wir die Stille. Denn schon wenig später trieb uns die Spätsommerhitze den Schweiß auf die Stirn. Bei Temperaturen wie man sie nur aus südlicheren Regionen kennt, konnten wir hervorragende Traubenqualitäten, sowohl in unseren Weinbergen an der Mosel, als auch in Rheinhessen ernten. Gegen Ende September wurden wir dann des öfteren von Regenschauern überrascht. Ein langer Atem war gefragt, denn die Selektion der Trauben nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Doch die Energie und Begeisterung unserer Lesemannschaft war ungetrübt und selten hatten wir eine so mitreißende Stimmung im Team. Alle Arbeiten gingen Hand in Hand und jede nicht perfekte Beere wurde gewissenhaft aussortiert. Müde, aber glücklich, brachten wir Anfang Oktober die letzten Trauben in den Keller. Währenddessen erreichte uns die unglaubliche Nachricht, dass wir vom führenden Weinkritiker >James Suckling<, bereits zum dritten Mal in Folge, die höchstmögliche Bewertung von 100 Punkten für unseren >2022 Wintricher Ohligsberg Kabinett- Alte Reben< (white label) erhalten haben.
Die Weine
Einen vielversprechenden Auftakt legt 2023 bereits der HaartRiesling hin und besticht mit würziger Saftigkeit und viel Trinkfreude. Die Trauben für unseren MoselRiesling stammen größtenteils von jüngeren Reben in unseren Großen Lagen Parzellen an der Mosel. Wir freuen uns, neben dem Piesporter Riesling, erstmals auch einen Ortswein aus unserer Lage in Mölsheim (Rheinhessen) anbieten zu können. Beide Weine zeigen ihren typischen Bodencharakter von Schiefer und Kalkstein und beeindrucken mit Dichte und salziger Tiefe im Glas.
Bestes Traubenmaterial für unsere Großen Lagen Weine kam sowohl aus den Rebanlagen in Piesport und Wintrich, wie auch aus dem Niederflörsheimer Frauenberg in Rheinhessen. Diese hochkomplexen Weine überzeugen mit einer festen und mineralischen Struktur sowie viel Kraft und einer intensiven Länge, verlangen jedoch noch sehr viel Zeit um ihr volles Potenzial zu entfalten. Darüber hinaus hat der Jahrgang 2023 verspielte und feingliedrige Kabinettweine hervorgebracht, mit kristallklarer Frucht und viel Spannung.
Ein aufregendes Weinjahr kommt bald auf die Flasche. Wir sind unglaublich dankbar, dass wir diesen intensiven Weg mit so vielen weinbegeisterten Menschen gehen dürfen. Ein großes Dankeschön gilt unserer Familie, die uns jeden Tag unterstützt. Ebenso möchten wir Familie Keller danken, die uns während der anspruchsvollen Lesezeit mit ihrer Mannschaft zur Seite stand. Und natürlich unserem Team, das uns bereits viele Jahre begleitet und dafür zum Teil lange Anreisewege auf sich nimmt. Alle zusammen haben wir dazu beigetragen, dass 2023 wieder großartige Weine entstanden sind, an denen wir uns noch viele Jahre erfreuen können. Text und Fotos: Familie Julian Haart