Navarra liegt zwischen den Pyrenäen und dem Ebro und gilt seit Jahrzehnten als das Gebiet, das die Rioja nebenan überstrahlt hat. Das ist erstens ungerecht — die Herkunft ist seit dem Weinstatut von 1933 geschützt und damit keinen Tag jünger — und zweitens erklärt es nicht, was hier tatsächlich passiert. Zwei Sätze, die man über Navarra immer wieder liest, stimmen nämlich nicht. Im Weißwein dominieren nicht Chardonnay und Sauvignon Blanc gemeinsam: Chardonnay steht auf über sechshundert Hektar und ist die führende weiße Sorte, für Sauvignon Blanc weist der Kontrollrat gar keine nennenswerte Fläche aus. Und der berühmte Rosado wird nicht zwingend im Saignée-Verfahren gemacht — seit der Lastenheftfassung von 2024 ist ausdrücklich auch die Direktpressung erlaubt. Was stimmt: Über siebzig Prozent der Rebfläche tragen einheimische Sorten, und die Fläche schrumpft. 2026 waren noch 8.375 Hektar eingetragen.
8.375 Hektar, fünf Unterzonen, 104 Gemeinden
Die Herkunft gliedert sich in fünf Unterzonen, und ihre Fläche geht seit Jahren zurück. Für die Kampagne 2026 meldete der Kontrollrat 8.375 Hektar, über 1.350 Winzer und 81 Bodegas; 2020/21 waren es nach der Statistik des spanischen Landwirtschaftsministeriums noch 10.029 Hektar, 1.638 Winzer und 91 Bodegas — ein Rückgang der Rebfläche um gut sechzehn Prozent in fünf Jahren. Die fünf Unterzonen umfassen zusammen 104 Gemeinden: Ribera Alta mit 26, Tierra Estella und Valdizarbe mit je 25, Baja Montaña mit 15 und Ribera Baja mit 13. Vermarktet wurden 2020/21 rund 276.700 Hektoliter, davon zwei Drittel im Inland und ein Drittel im Export. Etwa 61 Prozent davon waren Rotwein, ein Viertel Rosado, der Rest Weißwein.
Acht Gemeinden Navarras gehören zur Rioja
Die Grenze zwischen den beiden Herkünften verläuft nicht entlang der Landesgrenze. Acht Gemeinden der Comunidad Foral Navarra — Andosilla, Aras, Azagra, Bargota, Mendavia, San Adrián, Sartaguda und Viana — liegen in der Unterzone Rioja Oriental und gehören damit zur Rioja, nicht zur DO Navarra. Eine Parzelle kann immer nur einer Herkunft angehören; das spanische Weinbaukataster ordnet jede Fläche eindeutig zu. Wer also einen Rioja aus Viana trinkt, trinkt einen navarresischen Wein, der nicht Navarra heißen darf. Und wer die beiden Gebiete für erbitterte Konkurrenten hält, übersieht, dass sie sich diesen Landstrich am rechten Ebro-Ufer seit Jahrzehnten ohne Aufhebens teilen — dokumentierte Rechtsstreitigkeiten darüber sind nicht bekannt.
Was Norden und Süden trennt, ist der Regen
Der Klimakontrast der Region liegt woanders, als man erwartet. Die Station Pamplona auf 450 Metern weist für die Normalperiode ein Jahresmittel von 13,8 Grad aus, Tudela im Süden auf 297 Metern kommt auf 13,7 Grad — die Differenz im Jahresmittel beträgt also weniger als ein Zehntelgrad. Getrennt werden Norden und Süden vom Niederschlag: 870 Millimeter in Pamplona gegen rund 456 in Tudela, fast das Doppelte. Dazu kommt der Sommer, im Juli 20,6 Grad im Norden und 23,0 im Süden. Südlich von Tudela beginnt mit den Bardenas Reales bereits Steppenklima. Der Cierzo, der kalte, trockene Nordwestwind des Ebrotals, weht am häufigsten im Frühjahr und hält die Trauben gesund; belastbare Messreihen zu seiner Häufigkeit fehlen allerdings.
Garnacha, Tempranillo und zwei Sorten seit 2024
Die Sortenliste der DO Navarra hat sich vor zwei Jahren erweitert. Das Lastenheft führt rot Garnacha Tinta, Tempranillo, Graciano, Mazuelo, Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah und Pinot Noir, weiß Chardonnay, Garnacha Blanca, Viura, Malvasía, Moscatel de Grano Menudo und Sauvignon Blanc. Hinzugekommen sind mit der im Mai 2024 im Staatsanzeiger veröffentlichten Änderung die rote Garnacha Roja, hier Roya genannt, und die weiße Oneca. Siebenundsiebzig Prozent der Fläche stehen rot, dreiundzwanzig weiß, und über siebzig Prozent tragen einheimische Sorten — die verbreitete Behauptung, in Navarra hätten internationale Reben das Kommando übernommen, lässt sich mit Zahlen nicht stützen. Chardonnay liegt bei rund sechs Prozent, Viura bei drei, Garnacha Blanca bei zwei.
Der Rosado ist kein Nebenprodukt des Rotweins
Rosé aus Navarra entsteht nach eigenen Regeln, nicht als Abfall der Rotweinbereitung. Das Lastenheft schreibt mindestens fünfundachtzig Prozent rote Sorten vor, begrenzt den Ertrag auf zweiunddreißig Hektoliter je Hektar und erlaubt beim sangrado, dem Abziehen des Vorlaufmosts nach der Maischestandzeit, höchstens vierzig Liter Most je hundert Kilogramm Trauben. Der Rest der Traube bleibt für einen anderen Wein übrig, ist also nicht der Zweck der Übung. Sangrado ist die traditionelle Methode und trägt die Garnacha-Rosados der Region seit Generationen — Vorschrift ist sie seit der Fassung von 2024 nicht mehr, denn das Lastenheft nennt Abziehen und Pressung ausdrücklich gleichrangig. Getragen werden diese Weine überwiegend von der Garnacha Tinta.
Vino de Pueblo und Rosado Tradición ab 2026
Zwei neue Kategorien gehen mit dem Jahrgang 2026 erstmals in die Flasche. Vino de Pueblo erlaubt es, den Namen der Gemeinde auf das Etikett zu setzen, und verlangt dafür strengere Anbaubedingungen und niedrigere Erträge — dieselbe Bewegung hin zu kleineren Herkünften, die die Rioja 2017 mit ihren Vino de Municipio und Viñedo Singular begonnen hat. Rosado Tradición ist enger gefasst: ausschließlich Garnacha Tinta, ausschließlich im Verfahren des sangrado, und die Farbintensität muss zwischen 0,35 und 1,65 Absorptionseinheiten je Zentimeter liegen. Damit bekommt der klassische, kräftig gefärbte navarresische Rosé eine geschützte Nische neben den blassen Roséweinen, die den Markt derzeit bestimmen.
Vier Vinos de Pago, und einer trägt eine Legende
Navarra hat vier Weingüter mit eigener Herkunftsbezeichnung, der höchsten Stufe des spanischen Weinrechts: Arínzano, anerkannt 2007, Prado de Irache nach der Orden Foral 574/2008, Otazu und Larrainzar nach der Orden Foral 129/2014. Über Arínzano heißt es regelmäßig, es sei der erste Vino de Pago außerhalb von Castilla-La Mancha gewesen. Belegen lässt sich das nicht: Pago Aylés in Aragón wurde bereits 2003 anerkannt. Das Gut selbst formuliert vorsichtiger und beansprucht nur, das erste Weingut Nordspaniens mit dieser Auszeichnung zu sein. Seit August 2015 gehört Arínzano nicht mehr der Familie Chivite, sondern der SPI Group. Ein Vino de Pago liegt geografisch in der DO Navarra, ersetzt sie auf dem Etikett aber.
Von der Villa in Liédena bis zur Reblaus von 1892
Wein wird hier seit der Römerzeit gemacht, und es gibt Steine dafür. Die Villa romana de Liédena aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert besaß eine eigene cella vinaria mit Keltervorrichtung und Gärgefäßen. Das Mittelalter brachte die Klöster und den Jakobsweg, der die Region durchquert: Bei Ayegui betreibt die Bodega Irache bis heute eine Weinquelle, an der sich Pilger bedienen dürfen. Die Reblaus erreichte Navarra 1892/93 bei Etxauri im Norden und die Ribera erst 1897; den Wiederaufbau leitete der Ingenieur Nicolás García de los Salmones, 1912 tagte in Pamplona ein Weinbaukongress. Den entscheidenden Modernisierungsschub brachte dann das Weinbauinstitut EVENA, gegründet durch ein Landesdekret vom 7. März 1986.
Der Jahrgang 2026 und wozu diese Weine passen
Die Lese 2026 begann am 10. August und war damit die früheste, die der Kontrollrat je verzeichnet hat. Erwartet wurden 39,4 Millionen Kilogramm Trauben, vierzehn Prozent mehr als 2025, das mengenmäßig schwach, qualitativ aber gut ausfiel. David Palacios, Präsident des Kontrollrats der DO Navarra, sagte dazu am 10. August 2026: „Aun así, será una cosecha superior a las de las últimas campañas, que estuvieron marcadas por mínimos históricos." Im deutschen Fachhandel liegen Navarra-Weine etwa zwischen sechs und dreißig Euro. Zum Rosado passen der Spargel und die Piquillo-Paprika der Region, beide seit 1996 beziehungsweise 2001 geschützt, zu einem Garnacha das Lamm. Unsere Rotweine und Weißweine haben eigene Kategorien, das Garnacha-Nachbargebiet finden Sie unter Campo de Borja, alle Herkünfte unter Spanien.