Ein spannender und sehr informativer Bericht vom Weingut von Racknitz von der Weinlese 2014 und zur allgemeinen Situation in den Weinbergen. Ich danke Luise v. Racknitz-Adams und Matthias Adams herzlichst, dass sie mir diesen Bericht für diesen Blog zur Verfügung gestellt haben. Absolut lesenswert!
„… vor gut zehn Tagen haben wir uns dann doch entschlossen, mit der diesjährigen Weinlese zu beginnen. Das Jahr 2014 hat es wirklich in sich. Bis Juni war es viel zu trocken gewesen, es hat bis dahin so gut wie nicht geregnet. Der Juli und August – also die beginnende Reifephase der Trauben – waren so nass, dass wir teilweise Schwierigkeiten hatten, mit unserer Raupe Pflanzenschutz betreiben zu können. Bis auf eine späte – und daher nicht entscheidende – Peronosporainfektion Ende August sind wir aber letztendlich gut durch die Pflanzenschutzsaison gekommen. Wie alle unsere Kollegen hofften auch wir auf einen goldenen Herbst. Nur hatten wir da die Rechnung ohne den Wettergott gemacht. Der goldene Herbst fiel bis dato fast vollständig und buchstäblich ins Wasser. Die Böden sind mit Feuchtigkeit gesättigt, die Beeren auch. Inzwischen sind viele Beerenhäute schon so dünn, dass diese aufplatzen und an diesen Stellen Botrytispilze leichtes Spiel haben. Mit den Botrytispilzen kämpfen wir in diesem Jahr schon etwas länger. Seit August beobachte ich, dass sich die Ohrenkriecher in die Trauben zurückgezogen haben, in diesen ihre Nester bauen und an diesen Stellen die unreifen Trauben zu faulen anfangen. Ich habe selten so viele Ohrenkriecher in den Weinbergen gesehen, wenn man an einer Traube schüttelte und die Hand darunter hielt, war diese anschliessend voll mit Ohrenkriechern. Durch den milden Winter scheint sich das Nahrungsangebot für Ohrenkriecher und damit auch die Ohrenkriecherpopulation explosionsartig vermehrt zu haben.
Auffällig ist in diesem Jahr auch das massenhafte Auftreten von ESCA-Symptomen in den Weinbergen. Natürlich haben wir vor allem alte Anlagen, da hat man immer einen hohen Anteil infizierter Stöcke. Ich habe in einigen Parzellen begonnen, die infizierten Stöcke herauszuschneiden, damit sich die Schadpilze (der Mittelmeer-Feuerschwamm) nicht weiter ausbreiten. Zum Teil musste ich auf 1.000 qm 20 Reben entfernen! Wenn ich dies hochrechne auf unsere Gesamtfläche, dann kann man das gesamte Ausmass des Schadens abschätzen. Nach Ansicht des Julius-Kühn-Instituts ist die Klimaerwärmung für die Ausbreitung von ESCA verantwortlich.
Vermutlich wird auch die Kirschessigfliege ihren Anteil an den Schäden gehabt haben, beweisen kann ich es allerdings nicht. Ich habe vereinzelte Exemplare gesehen. Auffällig war, dass wir in einigen Mostpartien massenweise Würmer hatten. Meines Erachtens können diese nur von der Kirschessigfliege stammen, da wir unsere Weinberge mit Pheromonen abhängen und damit die Gefahr „Traubenwickler“ eigentlich gebannt ist. Und warum sollte sich die Kirschessigfliege auf rote Trauben beschränken, wenn sie sich in einem Rieslinganbaugebiet herumtreibt?
Per Saldo wird es wieder eine sehr kleine Ernte geben, neben den oben beschriebenen Schädlingen haben auch alle anderen, die sich für Trauben interessieren, ihren Anteil daran: Wespenfrass, Vögel, Rehe. Zum Glück halten sich in diesem Jahr die Wildschweine zurück. Anscheinend ist das Nahrungsangebot in den Wäldern und Streuobstwiesen ausreichend gross. Natürlich tragen auch die Essigbakterien ihren Teil zur kleinen Ernte bei. Unsere Lesemannschaft muss draussen höllisch gut aufpassen und alles, was einigermassen verdächtig erscheint, rausschneiden. Da bleibt in manchen – benachteiligten – Parzellen nicht mehr viel übrig.
Ob all’ diese Erscheinungen mit der Klimaveränderung zusammenhängen, dies sei dahingestellt. Fakt ist, und das beobachte ich nun seit elf Jahren, dass der Weinbau permanent vor neuen Herausforderungen steht und eigentlich der Entwicklung immer hinterherlaufen muss. Wer hätte beispielsweise mit dem Auftreten der Kirschessigfliege gerechnet? Ausser der chemischen Keule kann man der Kirschessigfliege anscheinend bis dato nicht begegnen – und auch diese scheint nach den Erfahrungen mancher Kollegen nur eingeschränkt wirksam zu sein. Zudem wirkt diese ja nicht selektiv gegen die Kirschessigfliege, sondern gegen die gesamte Population – das macht ja auch keinen Sinn! Es stellen sich viele Fragen, wenn man ernsthaft und intensiv über diese Dinge nachdenkt.“
Weitere Informationen zum Weingut: www.von-racknitz.com
