Im Juli und August hatten viele deutsche Anbaugebiete mit der anhaltenden Trockenheit zu kämpfen, während die kleinklimatischen Bedingungen im Tal der Mittelmosel immer wieder kleinere Regengüsse ermöglichten, um größere Not gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dadurch konnten sich die Trauben stetig weiterentwickeln. Der September war für die Winzer an Mosel, Saar und Ruwer eine Zitterpartie. Plötzlich einsetzende ergiebige Niederschläge nach Monaten der Trockenheit ergab schon in der dritten Septemberwoche die ersten überreifen Trauben bei den bis dahin sehr gesunden Früchten. Viele befürchteten einen erneuten Turbo-Herbst wie 2014. Doch es gab dank eines Goldenen Oktobers ein „Happy End“: Wir stockten die Lesemannschaft auf, entfernten in einem ersten Selektionsgang alle überreifen Trauben und harrten der Dinge, die dann tatsächlich kamen: Probleme mit Essigfliegen gab es nicht. Da es vor allem nachts kühl war und der Ostwind die Trauben schnell trocknete, konnten sich Botrytis und andere Pilze nicht ausbreiten. Während der Hauptlese des Rieslings im Oktober herrschte trockenes und kühles Herbstwetter bei Nachttemperaturen bis zum Gefrierpunkt. Die wesentlich günstigeren Bedingungen als im Vorjahr führten zu einer entspannten Lese. Die verbliebenen gesunden und sehr reifen Rieslingtrauben wurden in aller Ruhe zum Zeitpunkt perfekter Reife eingesammelt, alle Trauben schmeckten reif und aromatisch.
Bis Anfang November wurde in den Steillagen an Mosel, Saar und Ruwer in mehreren Lesedurchgängen Riesling in allen Qualitätsstufen geerntet, von gesunden Trauben für trockene und feinherbe Weine bis hin zu Rosinen für die Erzeugung edelsüßer Beeren- und Trockenbeerenauslesen. Die Mostgewichte beim Riesling lagen durchschnittlich bei 85 Grad Oechsle, also im Spätlesebereich. An der Spitze stand bei uns eine Trockenbeerenauslese mit 168° Oechsle.
Unter den Winzerkollegen fiel dagegen die Zufriedenheit mit der Erntemenge eher unterschiedlich aus. Grund hierfür war vor allem die langanhaltende Trockenheit im Sommer und auch der austrocknete Ostwind der ersten Oktoberwochen. Hinzu kam eine verhältnismäßig geringe Auspressquote (Verhältnis Most/Trester) beim Keltern. Aber wie so oft ist eine geringe Erntemenge mit einer erhöhten Qualität verbunden: Im Keller machen die 2015er Most einfach nur Spaß. Bei den Rotweinen ist die Gärung jetzt schon (Mitte November) zum großen Teil beendet. Aromatik, Farbe und Geschmack sind schon jetzt im Jungweinstadium sehr zufriedenstellend. Die Riesling-Moste sind noch alle am Gären und präsentieren sich fruchtig und aromatisch mit harmonischer Säure-Struktur. Vom hervorragenden Basiswein bis zum komplexen Spitzengewächs wird alles dabei sein. Zusammen mit 2011 wird 2015 für mich der schönste Jahrgang sein, seit ich vor 12 Jahren die Zügel des Weinguts in die Hand nahm: ein für Winzer und Weinfreunde gleichermaßen spannendes wie zufriedenstellendes Jahr, wobei man jetzt schon absehen kann, dass 2015 wegen der interessanteren Säurestruktur der lagerfähigere Wein sein wird.
