Ja wohin laufen sie denn???
Über den Sinn einer Denominación de Origen und den Unsinn, den der eine oder andere Consejo Regulador veranstaltet, sprachen wir bereits in der Albariño-Ausgabe. Hier und heute soll es um eine ganz andere Region gehen, um eine, die nicht nur jeder Weintrinker zumindest dem Namen nach kennt, sondern (zumindest fast immer) auch korrekt ausspricht: die Rioja.
Zwar ist die Rioja, wenn man die Zeitachse etwas länger lässt, nicht unbedingt die wichtigste Weinbauregion Spaniens, ohne Zweifel ist sie seit über einhundert Jahren die bekannteste und auch jene, deren Weine in fast alle Länder der Welt exportiert werden. Dafür sorgt schon alleine Cristina Forner, Marqués de Cáceres, deren Weine in über einhundert und dreißig Ländern dieser Erde verfügbar sind. Es ist nicht bekannt, ob in der aktuellen Mars-Expedition… – aber die Sonde scheint ja ohnehin verschwunden zu sein. Zurück auf die Erde.
Jedes Buch, das sich mit spanischen Weinen beschäftigt, kennt die drei Teilregionen der Rioja: Alta, Alavesa und Baja. Und natürlich redet der Consejo Regulador bei jeder passenden Gelegenheit, bedauerlicherweise aber auch sonst, von den drei Subregionen, als ob sie nur irgend einen Aussagewert hätten, als ob der Wein einer Bodega dadurch beeinflusst würde, dass der Stahltank auf der linken und nicht auf der rechten Seite des Ebro steht.
Haaalt! So einfach ist es dann doch nicht: denn auf der rechten Seite, auf der baskischen, gibt es auch einen Teil, der zur Rioja Alta gehört. Weintechnisch ist das natürlich gequirlter Quark, es ist schlicht und ergreifend politisch bedingt. Dereinst wechselte San Vicente de la Sonsierra zwischen den Grafschaften zu Vitoria und zu Logroño hin und her, am Ende gehörte es zu Logroño, was wiederum kastilisch ist, und daher gehört San Vicente de la Sonsierra nebst seinem Anhängsel Ábalos zu Rioja Alta, während die Nachbarn im Osten und im Westen alle im Baskenland verwurzelt sind. Großbodegas aus San Vicente, insbesondere Zugereiste wie Carlos Moro, interessiert das Thema eher weniger: sie kaufen Trauben (und Fasswein?), wo man Trauben kaufen kann. Marqués de Carrión und die anderen Großproduzenten verhalten sich nicht anders. Die Basken hingegen sind schon betont baskisch: viele Bodegas arbeiten ausschließlich mit Trauben aus Euskadi, der Ebro ist da in etwa so breit wie das Gelbe Meer. Nur nebenbei bemerkt: ganz kompliziert wird das Ganze, wenn man die acht Orte aus Navarra, die auch der Rioja anhängen, mit betrachtet. Sie gehören alle zu Rioja Baja, egal, ob sie damit etwas zu tun haben – oder nicht.
Für viele Bodegas, die zwischen Alfaro und Haro angesiedelt sind, ist das mit der Traubenherkunft in der Regel kein Thema. Eine gewisse Familie Palacios, der auch ein gewisser Á. Palacios entsprungen ist, keltert in ihrer in Alfaro gelegenen Bodega Weine aus Trauben, die in Alfaro, aber auch etwa einhundert Kilometer weiter im Nordwesten, in Haro, gelesen werden. Kellereien aus Haro kaufen gerne Garnacha vom Monte Yerga oder aus Aldeanueva del Ebro, weil die so schön dunkel sind. Kritiker sagen, dass ganz Rioja ein einziger Eintopf sei. Und genau hier kommt Juan Carlos ins Spiel.
Nein, wir sprechen nicht von dem Brandy, und auch nicht vom König im Rentnerstand – wir sprechen von Juan Carlos López de Lacalle, Hüter des Viña El Pisón und, wenn sonst nichts zu hüten ist, Miteigentümer und Großsprecher von Bodegas Artadi, einer der bekanntesten Bodegas der Rioja. Dieser Señor hat nun vor einigen Jahren beschlossen, dass die Rioja schlecht sei, denn sie lege ihm hier und dort Fesseln an, sie lasse ihn nicht machen, was er machen will, und so weiter. Die Liste ist lang, und manche Kritik ist nicht einmal falsch.
Indes, in der Regel ist sie wohlfeil. Denn schließlich gibt es diese Bodega gerade einmal seit dreißig Jahren, und am Anfang war da noch nicht einmal eine Bodega. Zehn Familien aus Laguardia kelterten Wein und brachten einen Teil davon an einen zentralen Ort, um größere Mengen zu keltern und um einen vermarktungsfähigen Wein herzustellen, der, natürlich, mit all der Hilfe, die der Name Rioja und seine Institutionen bieten, angeboten wurde. Und das nicht schlecht. Für eine Flasche El Pisón muss man lange stricken, auch die anderen Weine der Bodega, die als Lagenweine vertreiben werden, kosten richtig Geld und sind seit Jahren nur via Subskription zu bekommen. Das alles ist nicht schlecht, es ist sogar sehr gut. Jemand hat es geschafft! Könnte man urteilen. Die Weine, das nur nebenbei, sind sehr gut – zumindest die Oberklasse.
Denn es gibt da ja auch die einfachen Weine, von denen der Viñas de Gaín den oberen Abschluss markiert. Der Großteil der Trauben ist zugekauft, die Forderung von Herrn López de Lacalle, dass man auf dem Etikett sehen müsse, ob eine Bodega zukaufe oder nicht, würde in seinem eigenen Fall eher hinderlich sein. Es kann natürlich sein, dass genau deswegen die Produktion der Bodega von mehr als einer Million Flaschen auf weniger als eine halbe Million Flaschen heruntergeschraubt wurde. Nichts Genaues…
Irgendwann hatte Herr López de Lacalle die Schnauze gestrichen voll: entweder die D.O. ändere die Regeln oder er würde gehen. Zumindest müssten Ortsweine, Lagenweine und sonstige ihm wichtige Angaben auf dem Etikett erscheinen. Dass dies grober Unfug ist, hat er wohl noch nicht bemerkt. Denn wer, mit Verlaub, legt schon mehr als zwei Hunnies auf den Tisch, ohne sich über den Wein zu informieren? Und in der Epoche der Schmarrtphones kann man, wenn man das QR-Logo intelligent nutzt, alle Information, die man auf das Etikett schreiben will, passend veröffentlichen. In allen Sprachen, sogar in Euskera. Das Einzige, was der Consejo halt nicht mag, ist, das alles auf dem Etikett lesen. Dahinter stecken politische Gründe, die grundsätzlichen Regeln einer Denominación de Origen ändert man nicht mal eben. Und so dachte sich der Consejo: Was stört es den Baum,… Und Artadi ging.
Juan Carlos López de Lacalle indes ging nicht weit. Denn Anfang des Jahres 2016, Wahljahr im Baskenland, kam die Regionalregierung aus Vitoria auf die Idee, dass man doch eine Denominación de Origen Arabako Errioxa schaffen könne. Das ist keine neue Idee, sie geistert immer dann durch die Gazetten, wenn Wahlen anstehen. Danach verschwindet sie im Karton. Dutzende Bodegas aus der Alavesa sollen eine Petition unterzeichnet haben, welche diese Idee verstärkt. Sie alle argumentieren mit Terroir, erwähnen gerne das Wort Burgund, ohne Burgund wirklich verstanden zu haben, reden von Terroirweinen, wollen aber eine Weinbauregion, deren Grenzen mit den politischen Grenzen des Baskenlandes übereinstimmen. Als ob das über Jahrmillionen entstandene Terroir schon gewusst hätte, wo dereinst mal die politischen Grenzen verlaufen würden. Über die nahe von Euskadi gelegenen Orte in Nafaroa können man ja reden: Aras, Viana und Bagorta, wobei letzteres klassisches Navarra ist. San Vicente de la Sonsierra indes wird nicht erwähnt, Ábalos auch nicht. Terroir schon. Dabei sieht selbst ein blindes Huhn, dass im Osten von Ábalos ein mächtiger Berghang quer in der Landschaft steht, der als Klimagrenze fungiert, auch die Bodenverhältnisse am Hang ändern sich (unten ist überall Sand). Die aus La Bastida und jene aus San Vicente müssten sich mal ganz tief in die Augen sehen und sagen: Jou! Wir machen das jetzt gemeinsam. Denn so unterschiedlich sind die Gegebenheiten in beiden Orten nicht – sie unterscheiden sich jedoch deutlich von dem, was im Osten, zwischen Samaniego, Villanueva und Lanciego vorzufinden ist.
Aber nein, auch daran sind die Abspaltungsfanatiker nicht interessiert, sie wollen nur weg von der Rioja. Denn die Rioja ist böse. Man hat kein Konzept? Macht nix, das kommt schon. Man hat keinen Namen in der Welt (Rioja dürften sie sich natürlich nicht mehr nennen)? Macht nix, das kommt schon.
Und die Trauben? Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Uuuups, Houston meldet ein Problem! Mit gut zwölftausend Hektar und einem Ertrag, der nicht weit vom aktuellen Limit von siebentausend Kilo pro Hektar entfernt ist, scheint das Ende der Fahnenstange nah. Klar gibt es hier und dort noch Flächen, die nicht bestockt sind. Aber da man sie hätte bestocken können, es aber nicht getan hat, gibt es wohl einen Grund hierfür.
Natürlich kann man mit zwölftausend Hektar leben, die von Artadi sind schon eingepreist. Man wäre halt irgendwo zwischen Toro und Ribera. So what? Dem Ego der Leute, allen voran Señor López de Lacalle, natürlich voll des Lobes über die neue alte baskische Idee, würde das jedoch wohl eher nicht entsprechen.
Und wie würde man sich auf dem Markt präsentieren? Als die neue Rioja? Die echte Rioja? Die authentische Rioja? Während man noch scharf darob sinniert, schiebt Berberana schnell mal noch fünf Millionen Flaschen nach und Cristina Forner freut sich über ein paar Konkurrenten weniger auf dem Weltmarkt. Denn eines ist klar: in Asien und in Amerika, dort wo man noch ordentliche Zuwächse erwirtschaften kann, kennt man nur eine Rioja.
Artadi und Juan Carlos López de Lacalle ficht das alles nicht an: er kann laufen, wohin er will, seine Weine werden Abnehmer finden. Er nimmt aber vielleicht Leute mit auf die Reise, für die das nicht gilt.
Ach ja: es waren Wahlen. Es hat sich nicht viel geändert. Der Karton kann kommen. Text: El oso alemán
