Txakoli – Bären sind keine Engel
Wenn es dem Esel zu gut geht, das weiß ein jeder Volkes Mund, dann geht er auf’s Eis. Das machen Bären natürlich nicht, denn ihre weißen Artverwandten warnen sie hier und dort vor lauernden Gefahren.
In diesem Fall geht der Bär, dem es (???) zu gut geht, in die Höhle. Denn der Bär weiß sehr wohl, dass der Blogbetreiber ein echter Fachmann auf dem Gebiet ist, über das wir hier und heute mal reden müssen. Aber auch das hilft nicht – Zähne zusammenbeißen und durch. Wir reden über Txakoli.
Txakoli ist, wenn man die Dinge genau analysiert, kein Wein – und schon gleich gar keine Rebsorte. Letzteres können wir gleich abhandeln: Txakolis bestehen zum großen Teil aus Gros Courbu, was die Basken (H)ondarrabi Zuri nennen; dazu kommen dann und wann noch Petit Courbu, Gros Manseng und Petit Manseng sowie Folle Blanche und Riesling und Chardonnay und, wenn sie es ganz dolle treiben, auch noch Sauvignon Blanc. Interessant ist, dass die Basken dann, wenn sie von einer vergleichsweise unbekannten Rebsorte sprechen, einen baskischen Namen parat haben, international bekannte Namen werden natürlich nicht übersetzt.
Hondarrabi Zuri, Beltza (aka Cabernet Franc) und Zuri Zerratia heißen die Sorten, weil man seinerzeit auf einem Markt in Hondarribia Reiser kaufen konnte, die aus Bordeaux oder dem Südwesten Frankreichs stammten. Alle anderen Erklärungsversuche fallen unter das Kapitel Winzerlatein.
Wenn wir schon bei der Begriffsklärung sind: Txakoli ist eigentlich kein Wein, sondern eine Lebensform. Der Begriff subsumiert das Genießen von Wein und anderen Leckereien in einem Caserío, das sind die baskischen Bauernhöfe, von denen es heute nur noch wenige gibt; alternativ in Kneipen oder eher einfachen Lokalen. Auch wenn es Txakolis natürlich auch in Sternetempeln gibt, gehört er eigentlich eher in die Hafenkneipe oder in die Altstadtkneipe. Txakoli könnte man übersetzen mit: „Lass‘ den lieben Gott einfach einen guten Mann sein…“
Je nach Herkunft schmecken diese Weine völlig unterschiedlich. Jene aus Getaria kommen halbwegs alkoholbefreit, dafür mit einer ordentlichen Menge Säure daher; die aus Bizkaia sind eher etwas gehaltvoller, während man im Aiara-Tal, wo der kleine Fluss Nerbioi herumtrollt, auch schon einmal Teile findet, die bis zu fünfzehn Umdrehungen aufweisen. Global betrachtet ist die Sache mit grün, bitter, alkoholarm und schäumend schlicht und ergreifend Kwatsch!
Die geschmacklichen Unterschiede sind enorm, teilweise kann man sie auf die geographischen Gegebenheiten zurückführen. Der wichtigste Punkt indes ist wohl die Erntemenge. In Getaria und Zarautz (und noch ein paar Nachbardörfern), man nennt diese Region auch Getariako Txakolina, erntet man gerne auf Deibl kumm‘ raus. Eine durchaus bekannte Bodega (Namen werden hier nicht genannt) erklärte mir mal, wie man auf fünfundzwanzigtausend Kilo pro Hektar kommt, ohne die Regeln zu verletzen. Das ist schon eine dolle Leistung! Generell sind die Erntemengen in Getaria hoch, daher sind die Weine dann auch eher leicht, gut geeignet, um von einem Caserío (oder Bar) zum nächsten zu wandern.
Daher trinkt man diese Tschackos auch gerne als Apero, mit Meeresgetier oder knackigem Gemüse. Txakoli aus Getaria und eine Chuleta vom alten Tier – das geht gar nicht. Dafür braucht man dann die anderen Tschackos, die aus Bizkaia und aus Araba. Die Rebsorten sind identisch und zumindest Bizkaiko Txakolina ist so stark von Getaria nicht entfernt. Der Unterschied basiert zum einen schon auf Böden und Klima, zum anderen jedoch vor allem auf anderen Ertragszahlen. In vielen guten Betrieben aus Bizkaia erntet man zwischen achttausend und zehntausend Kilo Trauben pro Hektar, Zahlen, über die man in Getaria müde lächelt. Betrachtet man Extremwinzer, wie etwa Iker, Herr über Ulibarri, eine der wenigen Bodegas der Region, die als Ökoweinproduzenten registriert sind, dann sind selbst normale Erntemengen ein utopisches Ziel. Mehr als fünftausend Kilo Trauben pro Hektar hat Iker wohl noch nie gelesen. Dafür gibt es dann auch schon einmal Weine mit fünfzehn Umdrehungen. Und auch auf diesen Flaschen steht Txakoli…
Das Landesinnere ist dann noch einmal ganz anders: im Süden von Bilb(a)o, nahe den Orten Amurrio, Llaudio und Urduña stehen Reben auf welligem Hügelland. Das Meer ist weit entfernt, die Weine sind komplett anders als jene aus küstennahen Orten. Hier ist Petit Courbu stärker vertreten, auch spielt Manseng eine wesentliche Rolle. Roberto Olivan (Tentenublo) kelterte mal einen Wein, der es ob seiner Komplexität auch mit Tropfen aus dem Burgund aufnehmen konnte; leider hat er dieses Abenteuer aufgegeben. Heute gibt es gerade einmal sieben Weingüter in dieser Region, zählt man Ulibarri und Bizkai Barne, die aus politischen Gründen zu Bizkaiko Txakolina gehören, hinzu, so sind es auch nur derer neun. Ulibarri, Goianea (Bat Gora) – die haben in Lezama auch einen guten Landgasthof, sowie Bizkai Barne sollte man sich merken, die Weine von Beldiu und Arzabro kann man ebenfalls trinken. Alles andere, insbesondere den Platzhirsch Artomaña kann man gut und gerne vergessen.
Für den Verbraucher, aka Weingenießer, ist das Ganze recht einfach zu handhaben (sieht man mal davon ab, dass es nur wenige gute baskische Weißweine in Mitteleuropa zu kaufen gibt): wenn man einfach einen heben will, vielleicht mit ein paar Tapas und geschickterweise in einer etwas größeren Runde, dann kann man sich durchaus mal an einen der Getaria-Txakolis heranwagen. An welche? Nun, vielleicht nicht unbedingt an Ameztoi, und Txomin Etxaniz am besten nur dort, wo es die guten Füllungen gibt. ¿Hep? Nun, alle großen Häuser füllen sehr oft, manche einmal pro Woche. Und gerade Txomin Etzaniz hat ein paar sehr unterschiedliche Qualitäten auf Lager. Wenn man den Wein in einem Sternetempel trinkt, dann rutscht einem schon einmal das Wort cojonudo über die Zunge; trinkt man ihn hingegen in einer gewöhnlichen Taverne,… Also: Agerre, Elkano, Hiruzta, für alle, die etwas süßliche Txakolis mögen, geht auch noch Katxiña. Bei Carlos Argiñano, ein bekannter spanischer Fernsehkoch, ist nicht ganz klar, ob das Restaurant, welches seine Söhne führen, schlechter ist als die Weine, die es unter dem Namen K5 zu trinken gibt, oder dann doch umgekehrt. Von den dreißig Bodegas aus Getaria sind etwa sechs zu empfehlen. Die beste Bude ist Bengoetxe, aber das ist dann halt schon wieder ein ganz anderes Produkt, so etwas wie Getariako Ulibarri. Das Weingut von Iñaki ist dann halt auch fast vierzig Kilometer vom Meer weg, ganz andere Baustelle.
Wenn man Wein zum Essen sucht, oder aber dafür, ein nicht allzu seichtes Buch mit einem nicht allzu seichten Wein zu begleiten, dann sollte man eher auf Bizkaia schielen. Da der Bär als Beratbär bei Doniene Gorrondona arbeitet, lassen wir dieses Weingut mal außen vor. Die beiden Platzhirsche Izagirre (das sind die mit dem ***-Tempel) und Itsasmendi (die ohne Sternetempel), sind eher belanglos, wobei langfristig Izagirre wohl mehr Potential hat als Itsasmendi. Gut sind die Weine von Bizkaibarne, dort keltert auch ein gewisser Oker seinen (preisgehaltvollen) Wein, manches, was Berroja macht, kann man auch durchaus trinken. Und halt Ulibarri, aber da hilft kein Buch, sondern nur ein Rabo de Fettschwanzschaf.
Eine kleine persönliche Anmerkung: bis vor genau zwei Jahren kannte ich keinen Txakoli, von ein paar Gläsern, belanglos hinter die Binde gekippt, einmal abgesehen. Dann hat mich das Thema aber doch schnell fasziniert und gefangen. Weniger das, was derzeit existiert; richtig spannend ist das, was man machen kann. Momentan ist Iroulégui, die französische Variante, den südlichen Basken weit überlegen. Aber das ist kein Naturgesetz, das kann sich schon ändern. Und außerdem wohnt ja noch jedem Neubeginn ein Zauber inne. Text: El oso alemán

