Al-Andalus – Weinbau im bergigen Land
Mit dieser Ausgabe beginnt mit etwas, das ich eigentlich gar nicht mag: das Aufsplitten eines Themas auf mehrere Ausgaben. So etwas wie Spielfilme in der guten alten Zeit (Was bisher geschah…). Gleichwohl: das Thema ist einfach zu spannend und zu komplex, um es mal schnell in einem Artikel abzuhandeln.
Wir sprechen von Al-Andalus!
(aka Andalusien) Richtig gelesen: Südspanien! Das Land, wo es die süßen Weine und die zumindest in Deutschland zumeist süßen Sherrys gibt und Wein, der mit Orangenschalen versetzt ist und solcher, der mit eingekochtem Traubensirup angereichert wird. Dazu kommen Massen an bestenfalls belanglosen Weißweinen. Und das soll spannend sein? Das von ein paar guten Amontillados und Olorosos einmal abgesehen, nun ganz sicher nicht. Aber das, was dort kaum jemand vermutet: erstklassige Rotweine und durchaus spannende Weißwein.
Sinnstiftend zusammengefasst gibt es vier Bereiche, die ordentlich voneinander abzutrennen sind: Málaga (Ronda, Axarquía und das Zwischenland, auch das Hinterland), Granada (der Norden der Sierra Nevada und die Alpujarra), Almería (eine Art Wette auf die Zukunft) sowie Cádiz und Sevilla (unten am Meer, aber auch hoch in den Bergen). Den Spuren des Bären folgend beginnen wir mit
Málaga
Damals, es ist noch keine vier Jahrzehnte her, läuteten schon die Glöckchen, müde Geier kreisten über der Region. Die Glocken läuteten in ein paar kleinen Weilern, denn es würden wohl nicht viele Menschen herbeiströmen, um die D.O. Málaga unter die Erde zu bringen. Und selbst die Geier begriffen schnell, dass sich eine Leichenfledderei nicht lohnen würde. Genau an diesem Zeitpunkt erschien ein Deutscher mit Adelstitel auf der Bildfläche, der sonst eigentlich nur im Jet-Set bekannt war: Alfons(o) zu Hohenlohe, der „König von Marbella“. Alfons war nicht darauf aus, die Welt der Málaga-Weine zu retten, er wollte eigentlich nur guten Wein für das Nachtleben in Marbella. Seine Idee: Wein aus dem bergigen Hinterland der Provinz, Wein aus Ronda.
Ronda ist einer der Orte in Al-Andalus, der für vieles bekannt ist, nicht jedoch für Wein. Die Geschichte der Vinos Malagueños spielte sich wo anders ab, im Süden, nahe der Küste, aber auch in der Nähe von Antequera, im eher fruchtbaren Norden.
Ob nun die Römer oder die Griechen, beides ist zumindest dokumentiert, sich um den Weinbau in Málaga verdient machten, kann man so genau nicht bestimmen. Vielleicht waren es sogar die Phönizier, sie errichteten nahe der heutigen Stadt Cádiz ein Lager, die erstmals Rebstöcke nach Málaga brachten. Die Westgoten interessierten sich nicht für das Thema, sie waren in Al-Andalus auch eher weniger präsent. Orte wie Córdoba, Sevilla oder Medina Sidonia, die nur wenig später zu den beeindruckendsten Plätzen der Iberischen Halbinsel mutierten, waren kaum bekannt. Unter den Mauren florierte der Weinbau. Das mag verwunderlich erscheinen, ist es aber bei näherer Betrachtung dann doch nicht. Denn zum einen waren Tafeltrauben und Rosinen ein klassisches Lebensmittel, zum anderen wurde die strikte Alkoholabstinenz der Muslime erst durch Ayatollah Chomenei begründet. In den Zeiten der Abd-Al-Rahman – Dynastie war Weingenuss sowohl am Hofe als auch bei der Truppe nicht ungewöhnlich.
Die damals wirklich wichtige Rebsorte (sie ist es bis heute, zumindest im Süden) ist Moscatel de Alejandría, zumindest damals wurden die Weine stets süß ausgebaut. An den Granithängen, aber auch, in Axarquía, im Osten der Provinz, zwischen Málaga und Nerja, auf Schiefer, wuchsen die Stöcke dort, wo sonst nichts wächst. Nicht einmal der Bauboom hätte sie dort verdrängen können. Diese Arbeit jedoch wurde bereits vorher gründlich erledigt.
Ende des neunzehnten Jahrhunderts, alleine in der Provinz Málaga waren dereinst über einhundert tausend Hektar Land mit Reben bestockt, ereignete sich im Hafen von Málaga ein kleiner, aber entscheidender Zwischenfall: die Reblaus ging an Land. Und sie räumte auf. Es gibt in der Sierra de Tejeda und der Sierra de Almijara ein paar Ecken, die von der Reblaus nicht erreicht wurden, derartige Ecken findet man an vielen Stellen Spaniens, der Rest indes wurde vernichtet.
Dies geschah zu einem Zeitpunkt, in dem ohnehin gerade Krise angesagt war. Auch wenn die Weine aus Málaga nicht gerade die wichtigsten Exportartikel gen Lateinamerika waren, Cádiz und Sevilla gaben hier den Ton an, so ging der Verlust der Übersee-Kolonien mit dem Verlust eine großen Absatzmarktes einher. England war mit Jerez und Oporto beschäftigt, einzig Deutschland blieb, für die süßen Málagas. Aber auch das war bald Geschichte. In den sechziger Jahren war der Niedergang unübersehbar. Noch einmal zehn Jahre später standen in ganz Málaga gerade einmal knapp dreitausend Hektar unter Reben. In Málaga Stadt hatten sich gerade einmal eine Handvoll Betriebe gehalten, die süße, gelegentlich klebrige Weine unter das Volk brachten. Davon sind heute gerade einmal derer drei übrig.
Als Alfons von Hohenlohe begann, Reben in Ronda setzen zu lassen, gab es dort weit und breit keinen Weinbau. Fährt man übers Land, dann findet man keine alten Rebstöcke, es ist nichts geblieben von der Zeit, in der der Hauswein für Manche ein einträgliches Geschäft war. Alfons von Hohenlohe war, natürlich, kein Weinbauexperte, er hatte aber das Glück, mit einem Weinbauexperten zusammenarbeiten zu können, der gerade eben aus Bordeaux zurückgekehrt war: Juan Manuel Vetas. In der Folgezeit sollte Juan Manuel der Berater vieler Weingüter werden, wenn es darum ging, Parzellen zu selektieren und Reben zu setzen. Seine Zeit in Bordeaux brachte es mit sich, dass er sich für dortige Rebsorten interessierte, insbesondere für Petit Verdot, Cabernet Franc und, mit respektablem Abstand, Cabernet Sauvignon.
Allerdings sollte man sich gleich einmal von dem Gedanken verabschieden, dass das international Bordeaux-Blends seien. Die Reben stehen auf etwa achthundert Meter über Meeresniveau, und zumindest bis Mitte April regnet es beständig und intensiv. Gelesen wird spät, die Trauben reifen langsam aus. Genau deswegen spielt in und um Ronda inzwischen eine Rebsorte die erste Geige, die man dort schon gleich gar nicht erwarten würde: Pinot Noir.
Der erste, der Pinot Noir, in dem Fall natürlich Spätburgunder, gen Ronda brachte, war Friedrich Schatz aus dem Remstal. Er siedelte sich in den achtziger Jahren in Ronda an, heute kultiviert er gut drei Hektar Rebland, sieben oder acht verschiedene Weine, eher eleganter Art. Martin Kieninger brachte Pinot Noir aus Österreich gen Ronda, er begann aber erst zwei Jahrzehnte nach der Ankunft seines schwäbischen Kollegen, dessen Familie eigentlich aus Südtirol ist. Der mit Abstand beste Pinot Noir, vielleicht der beste, den es derzeit aus Spanien gibt, entsteht in einem gar nicht einmal so kleinen Weingut im Nordwesten des Ortes: Cortijo Los Aguilares; verantwortlich für diesen Wein ist Bibi García, die ihre Erfahrungen als Önologin an diversen Orten in und jenseits von Europa sammelte.
Bibi ist auch eine der wenigen, die einen ausgezeichneten Petit Verdot auf den Markt bringt. Diese Rebsorte ist schon einmal etwas bockig, grüne Tannine gibt es zuhauf. Die Weine brauchen Jahre, um zu reifen, viele Bodegas, die etwas knapp bei Kasse sind, können oder wollen sich das nicht leisten. Strukturell betrachtet ist Cabernet Franc die beste Rebsorte für die Weinberge im Norden und im Osten von Ronda; sie ist weniger anspruchsvoll hinsichtlich des Terroirs und sie reift etwas schneller als Cabernet Sauvignon, die in kühlen Jahren, auch so etwas soll es in Ronda geben, schon kämpfen muss. Verstärkt angebaut werden Merlot (sinnfrei) und Tempranillo (in der Regel betont langweilig). Weißweine gibt es zwar, in der Regel sind sie aber eher langweilig oder aufdringlich fruchtüberladen. Keine einzige der zweiundzwanzig besuchten Bodegas bot einen Weißwein zur Verkostung, von dem ich mir eine kleine Schachtel in den Kofferraum des ollen Ford Focus hätte legen wollen.
Aktuell bilden drei Bodegas die absolute Spitze der Region: die bereits erwähnten Cortijo Los Aguilares und Martin Kieninger sowie Bodegas Conrad, vor fast zwei Jahrzehnten von dem Schweizer Unternehmer Theo Conrad gegründet. Hier entstehen sehr mineralische, erdige Weine, die Reben stehen auf rotem Lehmboden, wie man ihn auch in Anguix antrifft. Mit kleinem Sicherheitsabstand folgen dann Bodegas Schatz und Bodegas Vetas, die zwei Urgesteine der Region. Cortijo La Parchite ist geschlossen, Alfons zu Hohenlohe feiert nicht mehr auf dieser Welt.
Weitere fünf oder sechs Weingüter keltern sehr gute Weine, ohne aber an das Qualitätsniveau der Top-Betriebe heranzureichen Samsara etwa, oder Lunares, Cézar, die einzige Bodega, die etwas weiter von Ronda entfernt ist. Doña Felisa gehört auch in diese Gruppe. Und dann, aber das ist in Touristenregionen nun einmal so, gibt es natürlich auch diverse Kellereien, die einfache Weine an kauflustige Touristen vertickern, die busweise vom nahen Málaga, von Marbella oder Estepona herangekarrt werden.
Der klassische Süden, dort, wo Moscatel die Hänge hoch- und wieder herunterkriecht, ist gerade erst dabei, sie neu zu erfinden. Die Stöcke stehen im Westen, nahe Manilva, auf Albariza-Böden, das ist der aus Sanlúcar de Barrameda, weiter im Osten, am Eingang der Axarquía, auf Schiefer. Eine Bodega mit gerade einmal achttausend Flaschen, eine Bodega, die eigentlich ein Lebensmittellieferant für die Gastronomie ist, und derer zwei, die auf den Namen Ordoñez hören, damit ist dieser Teil von Málaga auch schon beschrieben. Jorge ist der bekanntere, Veronica hat ihr Projekt dereinst mit Alois Kracher aufgebaut.
Der Osten der Axarquía ist ein extrem spannendes Gebiet. Von Cómpeta, das Hauptdorf, kann man auf das Meer blicken, es ist Luftlinie gerade einmal dreizehn Kilometer entfernt. Mit dem Auto braucht man eine Stunde. Hinter Cómpeta türmen sich die Sierra de Tejeda und die Sierra de Almijara gen Himmel, ihre Spitzen überklettern die Zweitausend-Meter-Linie mit Leichtigkeit. Schiefer und Granit dominieren. Und natürlich Moscatel. Die Süßweine von Telmo Rodriguez stammen aus Cómpeta. Bislang ist er der beste Botschafter der Region.
Dies aber könnte sich ändern, es wird sich ändern! Nicht mit Moscatel de Alejandría, sondern mit roten Sorten, mit klassischen roten Sorten aus Al-Andalus!!! Rome, Melonera, Blasco, Jaen Negro, Monastrell, Garnacha, Mantúo und noch einige mehr, auch ein paar weiße Sorten wie Vijiriega, Jaén Blanca oder Garnacha Blanca. All das steht in einem Weinberg, gerade einmal einen Hektar groß, die Reben wurden nach der Reblaus gesetzt. Das gibt es sonst nirgends in Al-Andalus, zumindest kennt der Oso Alemán keine vergleichbare Parzelle. Sie befindet sich wenige Kurven hinter Sedella, ein Ort, der von Cómpeta gerade einmal durch siebenhundert und achtunddreißig Kurven getrennt ist. Más o menos. Der Hang fällt gen Nordosten ab, die Reben blicken direkt auf das mächtige Gebirge. Bodega Sedella nennt sich dieses Unterfangen. In diesem Fall, das ist in Spanien beileibe nicht immer so, gehört die Parzelle einem waschechten Profi-Önologen: Lauren Rosillo (Tante Gockel weiß, was Lauren im Hauptberuf so macht). Es gibt einen Wein, wenige tausend Flaschen, mit all den Rebsorten. Vor etwa zehn Jahren legte Lauren eine Kopie des Weinberges an: die Reiser aus der alten Anlagen, neu gepfropft, nur wenige Meter von dem alten Weinberg entfernt. Der einzige Unterschied: die Parzelle fällt gen Süden ab. Seitdem gibt es zwei Weine: den Sedella und den Laderas de Sedella. Das ist schon großes Kino! Und nein – niemand würde in einer Blindverkostung Weine dieser Qualität der Weinregion Al-Andalus zuordnen. Text: El oso alemán