Cristina Calvache: Von einer, die auszog, den Berg zu verstehen
Kein Mensch würde hier nach Weinbergen suchen! Als ich mich auf den Beifahrersitz des roten Suzuki mit dem klapprigen Innendesign wuchtete, meinte Cristina nur: „Na, dann wollen wir mal!“ Was folgte, war eine Tour, die durch ein spektakuläres Nichts führte: erst einmal an einem ausgetrockneten Flussbett entlang, dann durch eine Engstelle, die Wind und Regen zu einer bizarren Felsformationen verformten. Dann ging es hoch, denn Alboloduy liegt auf gerade einmal vierhundert Metern über Meeresniveau, ein verschlafenes Dorf mit mehr Bars als Einwohnern in arbeitsfähigem Alter.
Auf dem Weg nach oben, das Ziel trägt den Namen Montenovo, überwältigt einen der Ausblick: man kann bis nach Almería sehen, das Meer erahnen, alle Berge und Hänge, vom Wind säuberlichst gereinigt, blitzen im gleißenden Licht, mitten im Juni. Man trifft auf Schiefer und Quarzit, auch auf reinen Quarz, dann wieder auf ganz anderen Schiefer, eher rötlich, mit mehr Eisen versetzt; dann kommt wieder ganz anderer Schiefer – man könnte Tage mit Gesteinsuntersuchungen verbringen. Menschen würden einen dabei wohl eher nicht stören, denn während der gesamten drei Stunden, die diese Tour verschlang, trafen wir nicht einen Menschen, begegneten nicht einem Auto, nicht einmal Fuchs oder Hase wollten quatschen!
Das einzige, das wir zunächst einmal nicht fanden, waren Weinberge, dafür Kurven und noch mehr Kurven, steile Abhänge; es war durchaus beruhigend, zu wissen, dass die Fahrerin des roten, leicht klapprigen Suzuki mit dem Terrain vertraut ist. Irgendwann, ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, sahen wir den ersten Weinberg, am Steilhang, knapp hundert Meter über der Straße gelegen. „Da holen wir auch Trauben“, meinte Cristina, „die Parzelle ist aber eher langweilig!“ Also weiter! Noch einmal siebenhundert Kurven, noch einmal hundert Meter gen Himmel und dann: scharf den Hang hinab, so steil hinab, dass sich der olle Ford Focus wohl geweigert hätte. Aber auch Cristina wurde es am Ende etwas bammelig, es sei immer so kompliziert, dort unten zu wenden, außerdem sei der Weg etwas rutschig. Wir erledigten den Rest zu Fuß.
Endlich angekommen standen wir in einem in fünf Teile aufgefächerten Weinberg: alles Jaén blanca, eine klassische, ach, was sage ich, die klassische Rebsorte der Region. Vor hunderten von Jahren stand sie hier an allen Ecken und Enden. Heute sind fast alle noch verbliebenen Parzellen in der Hand von Cristina Calvache, ein paar Weinbauern sträuben sich noch, nicht zuletzt aus Neid, weil man der Bodega den Erfolg nicht gönnt.
Die Parzelle, in der wir herumlatschten, ist in perfektem Zustand. Der Eigentümer ist frühverrentet, für ihn ist es sein aktueller Lebenstraum. Wie lange das noch geht, ist eine gute Frage. Aber für danach ist vorgesorgt: wie bei fast allen Parzellen, die Cristina nicht gehören, hat sie ein Erstzugriffsrecht. Wie groß die Parzelle wirklich ist, weiß sie nicht, etwa fünftausend Kilo könne man dort einsammeln, wenn, ja wenn es sich um ein gutes Jahr handelt. Aus der Entfernung grob geschätzt könnten es knapp drei Hektar sein. Fünftausend Kilo, dreißig Minuten Gekurve, hoch oben auf dem Berg, in Montenovo, man muss schon ganz schön balla-balla sein, um das zu bewerkstelligen.
Cristina Calvache ist nicht balla-balla, sie hat das mit dem Jaén blanca quasi gleich nach der Muttermilch aufgesogen; ihr Großvater hat die Gründung der Bodega noch miterlebt, auch die ersten Erfolge seiner Enkelin, ihr Vater hat sich lange um den Vertrieb gekümmert, er starb vor wenigen Jahren. Nun ist das alles ihr Geschäft.
Nachdem wir all dies in Augenschein genommen und uns erfolgreich zum Auto hochgehangelt hatten, meinte Cristina, lächelnd: „Wenn wir schon einmal da sind, könnten wir uns eigentlich auch die Experimentalanlage ansehen, die mein Vater angelegt hat.“ Meine Kehle hätte nichts gegen eine Flasche Survivalmineralwasser gehabt, aber dann halt nicht. Stattdessen Experimentalweinberg!
Und so kurvten wir hinauf im Sauseschritt, vorbei an einem Weinberg, der auch der Familie Calvache gehört, besser gesagt einem Freund von Cristinas Vater. Dann irgendwann, Zeit spielt in diesen Sphären und Atmosphären nur bedingt eine Rolle, erreichten wir den Punkt elfhundert dreiundsechzig. Dort beginnt ein Weinberg, nicht viel mehr als anderthalb Hektar groß, in dem Chardonnay steht; dazu je drei Zeilen Gewürztraminer und Riesling. Einfach mal zum Ausprobieren! Und was macht man mit so was? Nun – Schaumwein!!! Zumindest in Spanien gibt es wohl keinen anderen Schäumli, der auf dieser Höhe entsteht. Natürlich kommt da auch etwas Jaén blanca drin vor, das Grundgerüst indes gibt der Chardonnay. Klar, man könnte auch einen Gebirgschardonnay keltern, aber das mit dem Schaum gefällt dem Bären gar sehr! Natürlich Brut Nature – der Schaumwein, nicht der Bär!
Ein kleines Randlagenintermezzo: nach so viel Bergtour kam mir ein kleiner Ausflug zu einer nahe einer geteerten Straße liegenden Parzelle schon fast wie ein Erholungsurlaub vor. Wir fuhren am Osthang der Sierra Nevada hoch gen einen Ort, der sich Nacimiento nennt, der Teil, in dem sich der Weinberg befindet, heißt Campillo, die Reben stehen auf etwa neunhundert Meter über Meeresniveau, Tiefland also. Ganz schwach nimmt man das intensive Schweigen wahr, welches die Autobahn verursacht, die Almería mit Madrid verbindet, ansonsten passiert da nicht wirklich viel. Hier beackert Cristina fünf Hektar, der Großteil ist gepachtet, mit Vorkaufsrecht. In dieser Ecke wechseln sich Schiefer und Quarzite ab, eine Hangneigung ist sichtbar, aber nur bedingt spürbar. Die Oberfläche besteht aus lehmhaltigem Schwemmland, es gibt viele Steine; das spärliche Regenwasser kann ganz gut gehalten werden. Die Syrah-Stöcke sind etwa fünfzehn Jahre alt, der Tempranillo ist etwas älter, teilweise Kopfschnitt, teilweise Drahtrahmen.
Natürlich könnte man hier noch mehr Rebland anlegen oder dem komplett unfähigen oder desinteressierten Weinbauern in der Nachbarschaft seine Parzellen abschwätzen (Geld sollte man dafür nicht unbedingt ausgeben). Aber für den Moment sind genug Trauben vorhanden.
So, und jetzt mal ganz schnell gaaaanz viel Luft in den Rachen schieben, denn das eigentlich Spannende kommt ja erst noch. Aus technischen Gründen lagen zwischen dem ersten und dem zweiten Besuch ein paar Wochen.
Wie in Spananien üblich, trafen wir uns am Späti, sorry, an der Tankstelle. Und zwar in Alhama (al-Hama = das Bad, im Sinne von Heilbad) de Almería. Ein halbwegs modernes Dorf, das neben einer Tankstelle auch noch einen Bäcker, einen Metzger sowie siebenundzwanzig Bars hat. Wir losten, welches Auto schlechter für die Bergtour geeignet sei; mit der Präzision eines Cristiano Messi gewann der olle Ford Focus und suchte sich einen gemütlichen Platz im Schatten. Der rote Suzuki mit dem klapprigen Innendesign musste den Berg hoch.
Berg hoch, das bedeutet in diesem Fall hoch in die Sierra de Gádor, ein Anhängsel der Sierra Nevada, weit im Südosten von al-Andalus gelegen. Dort gibt es ungefähr dreiundsiebzig Treptakrillionen Hektar Land, aber nur etwa derer sieben sind mit Reben bestockt. Und alle sieben stehen stramm, sobald der rote Suzuki mit der wackeligen Klimaregulierung um die Ecke rauscht. Man braucht etwa zehn Minuten auf geteertem Terrain und dann noch einmal eine halbe Stunde auf holprigem Geläuf. Auf dem Weg gen Gipfel trafen wir ein Schaf, eine Kuh, und ein etwas zu schnelles Auto der Guardia Civil (¿Schäferstündchen?) Dieses Auto sollte uns noch beschäftigen… Endlich oben angelangt blickte der Bär auf so etwas wie ein Weinparadies: Finca Calabrial – klein, aber wirklich fein! Keine fünf Hektar, alles nahe beisammen. Drei Rebsorten – und eine vierte im Kopf. Denn da ist noch eine Parzelle frei, auf genau eintausend-dreihundert und neunundvierzig Meter über Meeresniveau. So die Worte des Bären Gehör finden, wird da alsbald Cabernet Franc gepflanzt.
Die anderen drei Rebsorten haben es in sich. Zum einen ist da Jaén blanca, endlich einmal mit Säure. Cristina will erst einmal Rotwein auf dem internationalen Markt verkaufen, der Bär indes denkt gerne über Dinge nach, die mehr Zeit als nur drei Wochen benötigen. Ein Zementei mit Jaén blanca aus dieser Parzelle hat sich in meinem Hirn fest eingenistet.
Und dann kommen da zwei ganz großartige Weine. Es gibt (fast) nichts schöneres als durch einen Weinberg zu laufen und sich den zukünftigen Wein im Kopf schon einmal zurechtzutrinken. Der Tempranillo, natürlich wird das ein sortenreiner Tempranillo, und er wird es mit fast allen Tempranillos der spanischen Weinwelt aufnehmen können (Who the hell is Pingus?):
Dreizehnhundert und noch was Meter, Bruchstein, knappe Krume, nach Osten abfallende Parzelle, leicht lehmiger Boden, extrem lockere Trauben, kleine Beeren. Was, verdammt noch mal, will man mehr? Etwa zweitausend Kilo, die Hälfte davon geht an den Eigentümer der Parzelle. Aktuell also drei Barricas, aber vielleicht kann man mit dem Eigentümer ja einen Deal abschließen…. Mehr Eleganz geht nicht, Cristina muss das nur noch umsetzen.
Daneben steht der Cabernet SauvigDOCH! Aktuell gibt es diesen Wein in leichtem Verschnitt mit einer anderen Cabernet-Parzelle, ab Jahrgang zwanzig siebzehn wird das ein sortenreiner Lagengebirgswein sein. Klingt nach mindestens dreihundert Euro, wird aber deutlich günstiger zu erhalten sein.
Auf dem Weg zurück in die Zivilisation trafen wir die Guardia Civil, mit einem Reifenschaden im Graben liegend. Leider konnten wir nicht helfen, da rote Suzukis mit klapprigem Innendesign nun einmal nicht mit einer Kolbenrückholfeder im Kofferraum ausgeliefert werden. Aber zehn Minuten später kam uns ein Guardia Civil-Kastenwagen entgegen, hupend und blinkend in einer Gegend, in der es nicht einmal Fuchs und Hase gibt. Text: El oso alemán