Zurück in die Zukunft
Wui’n hed mer scho‘ g’mecht obber derf’n ham mer uns ned ‚droud! Wenn man jeden Stein umdreht und hinter jeder Ecke nachsieht, dann findet man in den Weinbergen Spaniens eine immense Vielfalt an Rebsorten, speziellen Klonen oder aber durch natürliche Mutation veränderte Sorten. Da die Spanier, anders als etwa die Deutschen eher keine Rebsortentrinker sind, ist der ganze Züchtungswahn, der Dornfelder, Dunkelfelder, Domina, aber auch Kerner, Scheurebe, Perle und weiß der Bär was für Sorten hervorbrachte, an der Iberischen Halbinsel mehr oder weniger unfallfrei vorbeigeschwommen.
Marselan spielt in Empordà eine kleine Nebenrolle, die einzige wirklich ernsthaft präsente Neuzüchtung ist Alicante Bouschet, hier gerne Garnacha Tintorera genannt, und die ist inzwischen auch schon einhundert und fünfzig Jahre alt. Alles, was aus anderen Ländern angeschleppt wurde, ist zumindest nicht aktuell gezüchtet. Nun kann man natürlich einwenden, dass auch Cabernet Sauvignon eine Kreuzung sei, aus Cabernet Franc und Sauvignon Blanc. Oder dass Tempranillo eine Kreuzung aus Albillo Mayor und Benedicto ist. Geschenkt. Das ist bei Bären und bei Menschen auch nicht anders. Homo Sapiens und Neandertaler haben sich auch mal nahe Düsseldorf beim Bier getroffen.
Es ist auch gar nicht nötig, denn, wie schon eingangs erwähnt, die Vielfalt ist immens. Es traut sich nur kaum jemand, damit loszulegen. Und wenn, dann wird seitens der Funktionäre des zuständigen Consejo Regulador schnell die Tür zugeworfen. Ein paar Beispiele:
Es gibt eine weiße Rebsorte, die in der Rioja durchaus häufig anzutreffen ist: Rojal. Es gibt auch diverse Weine aus Rojal, manche, wie der Cosmonauta von Compañon Arrieta, sind sogar sehr gut. Aber für den Consejo der Rioja existiert diese Rebsorte nicht. Stattdessen erfand man den Begriff Malvasía de Rioja. Dabei hätte man dieses Problem elegant lösen können, als vor wenigen Jahren Sorten wie Maturana oder Tempranillo Blanca offiziell zugelassen wurden. Aber nein – keine Tür für Rojal.
Apropos Malvasía: im Westen Kastiliens gibt es eine Rebsorte, die seit Jahrzehnten Malvasía genannt wird, obwohl die zuständigen Funktionäre zumindest seit einem Jahrzehnt wissen, dass es sich bei dieser Sorte um Doña Blanca handelt, eine körperreiche Sorte, die vor allem in Galicien angebaut wird. Und was macht die Junta de Castilla y León? Sie kopiert die Rioja und erfindet eine Sorte namens Malvasía de Castilla. Wie blöde muss man eigentlich sein,…???¿¿¿???
In der Sierra de Salamanca gibt es eine weiße Sorte, von der noch nicht hundert Prozent klar ist, was es ist. Es ist nur klar, dass es nicht die weiße Variante der Rufete ist. Aber da der Name Rufete nun einmal zieht, hat der Consejo beschlossen, diese Sorte Rufete blanca zu taufen. Da es Rufete auch in anderen Regionen gibt, dort nennt sich die Sorte Morenillo, könnte es durchaus passieren, dass durch Mutation eine weiße Variante entsteht, die dann natürlich Morenillo blanca heißen würde, mit der erfundenen Sorte Rufete blanca aber nun gar nichts zu tun hat. Spanisch, ¿wa?
Und so könnten wir weitermachen, bis der erst Schnee in Galicien auf den Dächern landet. Man kann aber auch ein paar positive Beispiele herausgreifen, Weine, die Schule machen könnten.
Die westlichsten Rebstöcke Spaniens findet man natürlich in Galicien, genauer gesagt in Sanxenxo. Gut, es gibt auch sieben Stöcke in O Grove, aber die unterschlagen wir mal eben. In den alten Weinbergen der Weinbauern des Ortes steht ein Albariño-Klon, den es sonst nicht gibt: extrem kleine Trauben, extrem kleine Beeren, geschmacklich ganz anders als normale Albariños. Manuel „Chicho“ Moldes (Bodegas Fulcro) hat jetzt den alteingesessenen Bauern zumindest so viele Trauben dieses Klons abgeschwatzt, dass er mit dem daraus gewonnenen Wein ein Barrique füllen kann. Ein paar Meer weiter nördlich trägt Xurxo Alba (Bodegas Albamar) Espadeiro und Caiño aus Salnés zusammen, um sich verstärkt dem Thema Rotwein aus Salnés zu widmen. Man darf nicht vergessen, dass vor einhundert Jahren hier weit mehr roter denn weißer Wein gekeltert wurde.
Weiter im Landesinneren hat José Antonio García das Thema Corullón entdeckt. Gut, da ist auch schon Álvaro, dann sind es halt jetzt derer zwei. Mencía, vor weit mehr als einhundert Jahren gepflanzt, etwas Alicante Bouschet, die Sorte kam von der portugiesischen Estremadura gen spanische Extremadura und dann weiter gen Norden. Die Weine schmecken ganz anders als normale Bierzos.
Dann ist da natürlich der SEKKA, die Wiederbelebung einer alten Weinbereitung in La Seca und darüber hinaus. Hier steht nicht etwa eine Rebsorte oder eine bestimmte Mutation einer solchen im Vordergrund, sondern der schonende, langsame Ausbau, der die Weine dieser Gegend vor Jahrhunderten kennzeichnete. Auch wenn es ein fast sortenreiner Verdejo ist (fünfzehn Prozent Viura), so hat das doch nun gar nix mit den Quietschidejos zu tun, die gerade den Markt verhunzen.
Kastilien ist bekannt für Tempranillo-Weine, gerne Tinta del País oder Tinta Fina genannt (When something looks like a duck…), gleichwohl ist das eine eher neuere Erfindung. Sechzig, siebzig, achtzig Jahre zurück trank man erstens vor allem Clarete und zweiten Weine, deren Ursprung klassischer Mischsatz ist. Noch heute gibt es im Zentrum und im Osten der Region jede Menge Garnacha und Bobal, auch Maturana steht hier und dort. Noch gibt es keinen Mischsatzwein aus Ribera, aber so sich der aktuelle Tumult in Hacienda Solano mal wieder legen, dann könnte dies eine Quelle für so einen Wein sein.
Nebenan, in Arlanza, gibt es bereits solche Weine. Olivier Rivière keltert welche, vor allem aber Sabinares y viñas ist mit dem El Temido an vorderster Front aktiv.
Juan Carlos Sancha mit den Maturanas, Compañon Arrieta mit dem oben erwähnten Rojal, Viña Ane mit den Spezialweinen aus San Vicente de la Sonsierra, in der Rioja gibt es diverse Projekte, die sich mit der Vergangenheit dieser Region beschäftigen, eine Vergangenheit, in der Tempranillo nur eine untergeordnete Rolle spielte.
Cristina Calvache (La Bodega de Alboloduy) mit dem Jaén Blanca, Lauren Rosillo (Bodega Sedella) mit dem Romé (ergänzt um andere traditionelle Sorten aus al-Andalus), diverse Weingüter mit Tintilla de Rota, Bodega F. Salado mit Garrido Fino, dies sind einige wenige Weine aus al-Andalus, die Bezug auf die alten Sorten nehmen. Der Süden Spaniens ist voller ungehobener Schätze, man muss nur wollen.
In de Mitte Spaniens hat Juan Antonio Ponce mit dem Manchuela-Albillo (keine Ahnung, was das in Wirklichkeit ist) und mit Moravia Agria zwei Sorten wieder etwas näher ans Licht gerückt, die praktisch verschwunden waren. Escanyesvelles im Priorat gehört übrigens nicht in diese Kategorie, denn das ist Merseguera, nur mit anderem Namen. Und Merseguera gibt es im Osten Spaniens zuhauf. In Galicien nennt man diese Sorte übrigens Doña Blanca (siehe oben).
Mit Moristel könnte man spannende Sachen machen, wenn die Winzer aus Somontano wirklich Lust hätten, Crespiello (Vidadillo) aus Calatayud ist eine andere, noch immer im Dunkeln tappende Sorte. Das Geschmacksbild deutet auf Nebbiolo hin, das Reifeverhalten ebenfalls. Aber mit drei Flaschen, achtzig ist da nicht viel Staat zu machen.
Und dazu kommen ja noch all die Weine, die aus bekannten Sorten gekeltert werden, aber Tropfen für Tropfen ihr ganz persönliches Terroir widerspiegeln.
Spanien könnte ein Eldorado für die Freaks von hoch individuellen Weinen sein. Nur hat kaum jemand Lust, das umzusetzen. ¡Manos a la obra! Porrrr favorrrrrr. Text: El oso alemán