Ich mach dann mal ein Fass!

Es gibt Dinge, die es so wohl nur in Spanien gibt. Eine dieser wunderlichen Begebenheiten hat mit Weinbau zu tun. Nun will ich nicht brummen, dass es so etwas in anderen Ländern nie und nimmer geben würde, in der Art und Weise, wie da Schauspiel durchgezogen wird, und auch in seiner Häufigkeit ist es jedoch einmalig.
Überall auf der Welt gibt es Weinmacher, die in ihrer Region Wein machen. Es gibt auch jene, die gen andere Regionen zogen, um dort Wein zu keltern. So weit so normal. In Spanien indes gibt es noch einer andere Spezie: Weinmacherinnen und Weinmacher, denen eine Region so gefällt, dass sie dort mal eben einen Wein keltern. In der Regel ist das genau ein Fass. Die kommen dann etwa aus Zentralkastilien, um in der Sierra de Salamanca einen Wein zu keltern. Oder aus Galicien, um in Arribes del Duero ein Fass zu füllen. Einfach mal so. Und zwar nicht zum Selbersaufen, sondern, um den Inhalt dann auch noch zu verkaufen.
Natürlich haben diese Projekte in der Regel keinen ordentlichen Hintergrund. Da sind keine Weinberge, deren Terroir interpretiert werden soll, da macht sich niemand die Mühe, sich erst einmal grundlegend mit der Region auseinanderzusetzen. Nein, man schnappt sich hier und dort ein paar Trauben und keltert munter drauf los.
Oftmals geschieht dies in Weinbauregionen mit Potential, aber ohne wirklichen Markt. Etwa, weil es zu schwierig sei, Weine von dort vernünftig zu verkaufen. Oder weil man sich einfach die ganze Arbeit nicht machen will. Es ist ja so viel einfacher, mal eben ein Fass hinzuklecksen. Und dann glauben diese Leute oftmals auch noch, dass sie der Region etwas Gutes tun würden, dass sie diese quasi mit einem guten Aushängeschild beschenken würden. Hingekleckste Fässer aus der Rioja oder aus Ribera del Duero sind eher weniger bekannt, da steckt dann schon meist ein echtes Projekt dahinter, oder aber eine so große Menge, dass man ohne rot anzulaufen von einer Auftragsfüllung reden kann.
Meist verschwinden diese Weine nach zwei oder drei Jahrgängen wieder. In Arribes del Duero gab es in den letzten zehn Jahren mindestens ein Dutzend solcher Projekte. Einige erzeugten einen kleinen Hype, die meisten indes nur diffusen Nebel. Ähnlich in der Sierra de Salamanca. Dort gab es dann Spezialweine, ohne Schwefelzusatz oder andere Arten von besonderem Ausbau. Wenn das dann klappt, dann sagen diese Leute: „Seht her, was in dieser Region so alles möglich ist! Sogar schwefelfreie Top-Elixiere.“ Mit Verlaub, das ist Kwark. Denn das einzige, was man gezeigt hat, ist, dass es möglich ist, ein Fass solch eines Weines zu machen. Vielleicht sogar zwei. Mehr nicht.
Dass an diesen Weinen keine ökonomischen Zwänge knabbern, erwähnt niemand. Denn von diesen Weinen müssen die Experimentalwinzerinnen und -winzer ja in der Regel nicht leben. In ihrer eigenen Region, dort, wo das Geld zum Leben erwirtschaftet wird, macht man das indes nicht. Nein, da braucht es dann schon ein paar tausend Flaschen eines Weine, damit das alles ökonomisch sinnstiftend sei. Aha!
Nun sind diese Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zwar ärgerlich, weil sie sich eben nicht an der Entwicklung einer Region beteiligen. Dreist hingegen sind jene, die bei Weingütern anrufen, um zu fragen, ob sie sich in deren Barriquekeller ein Fass oder auch zwei auswählen dürfen, um den Wein dann unter dem eigenen Namen zu vertreiben. Dieser Unsinn hatte seinen Anfang zwar in al-Andalus, er nannte und nennt sich Equipo Navazos, inzwischen hat er sich jedoch bis in die kastilische Ebene verirrt. Weinmacher der Rioja rufen in Zamora an, um sich ein Ei aus dem Nest zu holen. Seriöse Bodegas machen so einen Unsinn natürlich nicht mit, jene, die finanziell etwas schwächer aufgestellt sind, geraten da schon einmal in Versuchung.
Auch das lässt sich natürlich noch steigern, Spanier sind da durchaus erfinderisch. Da tauchen dann wie aus dem Nichts Weingüter auf, die angeblich Spezialisten für alles und jedes sind, Experten der Terroirinterpretation, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben. Majuelos de España ist so ein Fall, aber kein exklusiver. Man keltert Wein hier oder dort, oftmals in Genossenschaften oder Handelskellereien, einen konkreten Ursprung haben die Weine in der Regel jedoch nicht. Das Wort Majuelos (Weinberg) steht da nur zur Zierde. Ein Winzer dieser Zunft erzählte mir mal, dass er bestrebt sei, in allen wichtigen Regionen Spaniens einen eigenen Wein zu keltern. Wenn er dass dann auch selber machen würde, dann wäre dies eine stolze Leistung, schließlich ist Spanien nicht gerade klein und kompakt. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich rede nicht von sogenannten Flying Winemakern, die hier und dort für andere Wein keltern. Die Ich-kann-alles Fraktion vertreibt das Resultat ja unter ihrem eigenen Namen.
In Frankreich, in Italien, in Österreich oder auch in Deutschland käme niemand auf so eine Idee. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass solche Weine die Bezeichnung als Erzeugerabfüllung, Recoltant und so weiter verlieren würden. Stattdessen müssten sie als Handelsabfüllungen, Negotiant oder ähnliches klassifiziert werden, was zumindest im deutschen Weinbau eher mit minderer Qualität in Verbindung gebracht wird. In Spanien gibt es diese Klassifizierung leider nicht. Wenn es sie geben würde, bräuchten all diese Phantasiebetriebe eigene (oder gepachtete) Weinberge, sie müssten sich selbst um den Weinbau kümmern oder aber in Auftrag geben und den Beauftragten Monat für Monat entlohnen. Das Schauspiel wäre schnell vorbei als man meinen würde. Text: El oso alemán