Über das Auf und das Ab der Genossenschaften – und ein scharfer Blick in die Glaskugel
Catalunya war mal wieder Vorreiter! Ende des neunzehnten Jahrhunderts, genauer gesagt im Jahr achtzehnhundert und vierundneunzig, wurde in dem beschaulichen Weindorf Barberà de la Conca ein Gebäude eingeweiht, welches die katalanische und dann die restliche spanische Welt der Weine unwälzen sollte: die erste Cooperativa der Iberischen Halbinsel.
Dass dies gerade in der Conca de Barberà geschah, war alles andere als ein Zufall. Denn dort, wie auch in Terra Alta, in Tarragona oder in Alella, gab es viele Weinbauern, die auf engstem Raum vor sich hinwerkelten. Die Transportwege waren kurz, der Zugewinn an Rationalität enorm.
Katalonien war um jene Jahrhundertwende herum schon eher links und gewerkschaftsgetrieben aufgestellt, Regionen wie Castilla y León oder al-Andalus brauchten da noch ein paar Jahrzehnte. Die erste Genossenschaft auf nordkastilischem Boden, Agrícola Castella, alles andere als zufällig in La Seca beheimatet, begann fast vier Jahrzehnte nach den ersten Genossenschaften in Katalonien.
In jener Zeit waren Cooperativen in Katalonien so hip wie heute Naturweine, man nannte die Gebäude Wein-Kathedralen. Einige sind wirklich imposant, teilweise von Gaudí designed. In El Pinell de Brai, dort, wo sich ein paar Jahrzehnte später die Falange und die Republikaner die Köpfe einschlugen, steht eine der imposantesten Genossenschaften. Oder aber jene aus L’Espluga de Francolí, oder die aus Gandesa, Alella Vinícola in der Maresme, es gab und gibt derer viele in Katalonien.
Zehn Jahre später hatte jedes Dorf in der Conca de Barberà ihre Genossenschaft, auch in anderen Regionen in Katalonien ging es voran. Binnen kürzester Zeit wurden in Falset, in Marçà, in Capçanes, in El Molar, in El Masroig und in Els Guiamets Genossenschaften aus dem Bodega gestampft, sie bildeten und bilden die Grundlage des heutigen Montsant.
Für die Weinbauern der Region war das eine echte Überlebenshilfe. Denn auch wenn die Phase der Gründungen mit der Industrialisierung Kataloniens einherging, konnten viele Arbeiter von den Löhnen, die in der Textilindustrie gezahlt wurden, nicht leben. Ein Nebenerwerb war vonnöten. In den extrem ländlichen Regionen, Terra Alta etwa, setzte die Landflucht ein, denn dort gab es keine Großindustrie, in der Arbeiter unterkamen. Weinbauern mussten sich, da sie nun wussten, wo sie ihre Trauben sicher verkaufen können, nur noch um die Bestellung der Weinberge kümmern, alles andere machte die Genossenschaft. Ohne diese Stütze wäre der Weinbau in vielen Regionen Kataloniens wohl zum Erliegen gekommen.
In der heißen Phase des nun schon zweihundert Jahre andauernden spanischen Bürgerkrieges wurden kaum Genossenschaften gegründet; Agrícola Castellana und Protos gab es schon vorher. Dann kam der Franquismus, und da war erst einmal nicht viel. Bis weit in die fünfziger Jahre hinein herrschte gähnende Leere.
Was dann geschah, wird von jeder politischen Seite in ihrem Sinne gedeutet, und beide Seiten haben wohl nicht recht. Die Franco-Anhänger und deren Nach-Nachfolger meinen, dass die starke Hand Francos und der Falange dafür sorgten, dass es einen Aufschwung des genossenschaftlichen Weinbaus gab. Die Linke wiederum behauptet, dass das Gründen einer Genossenschaft eine der leichtesten Formen war, dem Franco-Regime etwas entgegenzusetzen.
Die Wahrheit muss man jedoch an anderer Stelle suchen: erneut war es eine Wirtschaftskrise, das autarke Spanien war auf dem Weltmarkt nicht vertreten, Wein wurde kaum noch exportiert. Dazu kam eine erneute Landflucht, die insbesondere beide Teile Kastiliens traf. So ist es nicht verwunderlich, dass fast alle Genossenschaften des heutigen Ribera del Duero in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhundert gegründet wurden. Nicht anders war es in der Mancha, in Extremadura sowie in Ribeiro und Valdeorras, Toro war ein Sonderfall.
Vielleicht, Weinhistoriker werden das irgendwann einmal beurteilen können, markierten die siebziger Jahre des letzten Jahrhundert den Höhepunkt der Genossenschaftsbewegung. Aber bereits damals war absehbar, was einmal zum Untergang dieser Marktform führen könnte: Genossenschaften bewegten sich kaum auf dem Markt der in Flaschen gefüllten Weine, sie verkauften und verkaufen offen, sei es in Karaffen oder in Tanklastern, kaum jemand beschäftigte sich damit, sich einen Namen zu schaffen. Oftmals, gerade in JWD gelegenen Regionen wie Arribes, die Sierra de Salamanca oder aber Valdeorras war und ist dies gut zu beobachten, bemerkte man den Fehler erst dann, als es bereits zu spät war. Die Märkte hatten sich an die eine oder andere Marke gewöhnt, für zu spät eingetroffene Genossen war da kein Platz mehr.
Was dann kam, war eine Welle von Fusionen und Stillegungen. Erneut soll Conca de Barberà als Beispiel dienen. Von den dereinst acht Cooperativen ist eine (Montblanc) geschlossen, drei gehörten zur Großcooperative als Sant Jaume dels Domenys, drei gehören zur Großcooperative Cevipe, die sich neuerdings Castell d’Or nennt. Nur die aus Sarral ist noch unabhängig. Die Genossen aus Falset fusionierten mit jenen aus Marçà, El Molar schloss ihre Kelter, in Terra Alta wütet derzeit Cevipe, in Tarragona auch. Letztendlich geht es in Katalonien derzeit fast nur noch darum, große Mengen billiger Weine herzustellen, oder eben billige Grundweine für noch billigere Cavas, da macht sich eine Bodega für zwanzig Millionen einfach besser als derer zwanzig mit Kapazität von je einer Million Liter. Man braucht Wein, von Geschmack oder Qualität steht da nichts.
In anderen Regionen läuft das ähnlich. Im Inneren Galiciens, in Valdeorras, aber auch in Bierzo, stehen die Genossenschaften vor zwei Alternativen: entweder stirbt jede für sich alleine oder aber sie fusionieren. Um dann gemeinsam zu sterben.
Die Ansiedlung regionsfremder Bodegas könnte dem etwas Einhalt gebieten. Viele Bodegas verfügen über wenig Rebland, von manchen Großregionen abgesehen ist der Traubenzukauf inzwischen so einfach nicht mehr. Die Genossenschaften aus Ribera del Duero überleben aus diesem Grund. Nahrzu alle verkaufen ein paar Flaschen, jedoch ist das fast nirgends das wirklich wichtige Geschäft. Viele Bodegas, durchaus auch solche, die sich über die Jahre einen Namen gemacht haben, kaufen in den Genossenschaften Fasswein, um ihn dann mit dem eigenen Wein zu vermengen oder aber gleich so wie zugekauft zu verkaufen. Natürlich unter dem eigenen Etikett. Völlig legal!
Mitte der siebziger Jahre ebbte der Gründungsboom ab, seitdem kam es nur noch sporadisch zum Aufleuchten der Genossenschaftsidee. Viele der neuen Genossenschaften sind in Wirklichkeit ganz normale Weingüter, einzig aufgrund von vereinfachter Verwaltung (für die Gründung einer Genossenschaft braucht man gerade einmal fünf Mitglieder, die zur Not aus genau einer Familie kommen können) wurde noch Cooperativen ins Leben gerufen. Die wenigen „echten“ neuen Genossenschaften sind fast alle wieder vom Markt verschwunden, billigen Wein von ordentlicher Qualität gibt es inzwischen ohne Einschränkungen.
Und was sagt die Glaskugel? Nun, alle Genossenschaften, deren Weine keinen echten Mehrwert bringen, werden zu Vorproduzenten von Abfüllern oder anderer Weingüter. Dieser Prozess wird solange andauern, solange es, national oder international, einen Markt für billige Weine gibt, oder aber andere Absatzkanäle; Brandy etwa, oder Industriealkohol. Das kann sich noch das eine oder andere Jahrzehnt hinziehen, denn letztendlich ist die Weinproduktion Spaniens dann so groß auch wieder nicht, Länder wie Frankreich oder Italien fallen als Konkurrenten aus; dort werden Einstiegsweine zu weit höheren Preisen gehandelt.
Abseits vom billigen Jakob wird es schwierig. Ein paar Ausnahmen gibt es: Capçanes, El Masroig, Agrícola Castellana, Martín Códax, Protos und noch ein paar mehr werden wohl überleben, sie haben sich ihre Nischen geschaffen. Alle anderen werden weitersiechen, solange es eben noch geht, um irgendwann einfach von der Bildfläche zu verschwinden. Und, wenn man ganz, ganz, ganz, so wirklich ganz ehrlich ist: man wird sie auch nicht vermissen. Text: El oso alemán