Mampf! Jetzt kommt das Fressen. Kommt dann die Moral?
Firmenübernahmen gibt es überall auf der Welt: eine Automarke schluckt eine andere, chinesische Investoren schlucken lahmende Mittelständler, fette Fluggesellschaften werden durch Fusionen noch fetter. Warum soll das in Sachen Wein anders sein?
Nun, es ist anders, weil der Weinmarkt ein atomisierter Markt ist. Zumindest in good old Europe. Besser gesagt in good old Central Europe. Sowohl in Frankreich als auch in Italien gibt es etwa zweiunddreißig tausend abfüllende Weinbaubetriebe oder artverwandte Einrichtungen, in Deutschland immerhin noch derer siebzehntausend. Hier finden Übernahmen aus Prestigegründen statt, so kaufte etwa der japanische Bierkonzern (heute eher ein Mischkonzern) vor ein paar Jahrzehnten das Weingut Robert Weil, ohne die Struktur wesentlich zu verändern. In Frankreich werden vor allem Luxusweingüter verkauft, die Käufer sind Versicherungen, Luxusmarkenvertriebler, Kobrand, ein paar Chinesen, ein paar Russen, ein paar Amis, Deutsche eher nicht. In Italien schlagen Investoren in der Regel dann zu, wenn es Erbschaftsprobleme gibt, oder halt bei Weingütern, die von Anbeginn an auf Kommerz getrimmt wurden.
Es gibt auch nur wenige Weingüter, die in unterschiedlichen Regionen tätig sind. Innerhalb des Burgund haben diverse Weingüter mehrere Standbeine, ein paar Moselweingüter sind auch in der Pfalz oder im Rheingau aktiv, in Italien trifft man dies ab und zu an, was aber eher dem sehr engen Zuschnitt der Regionen geschuldet ist.
In Spanien ist das anders. In dem Land mit der größten Weintraubenproduktion der ganzen Welt gibt es gerade einmal viertausend Betriebe mit Abfüllberechtigung, wirklich abfüllen tun noch weniger. Bedenkt man, dass mehr als die Hälfte dieser Weingüter keine zwanzigtausend Flaschen füllt, wird schnell klar, dass die Betriebsstrukturen hier ganz anders sind. Es gibt viele große Betriebe und nicht wenige große Betriebe laufen nicht wirklich gut. Dies hat unterschiedliche Ursachen.
Das größte Problem sind streitende Erben, streitende Aktionäre und streitende Gessellschaftsanteileinhaber gehören auch in diese Kategorie. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Familie Álvarez (Grupo Eulen: Sicherheitsdienste, Reinigungsunternehmen und nebenbei Besitzer von Vega Sicilia) ziehen sich nun schon mehr als ein Jahrzehnt hin. Wäre Vega Sicilia für die Unternehmensgruppe ökonomisch wichtig, sie hätten die Bodega wohl schon längst verkauft. Aber wer sein Geld mit dem Putzen und/oder Bewachen von Gebäuden macht (Menschen werden dort nur beschützt, nicht geputzt), dem kommt es auf das klein wenig Kleingeld, das Vega Sicilia abwirft, nun auch nicht an.
Andernorts ist das anders. Henkell, aka Dr. Oetker, hat Freixenet übernommen, weil sie endlich einmal auch guten Schaumwein vertreiben wollen. Späßle g’macht…. Sie kauften den katalanischen Cavaproduzenten, weil sich die drei Familiengruppen nicht mehr einig wurden und weil es kein wirklich gutes Management mehr gab. Auch wenn die Cavas nicht wirklich gut sind, um so viele Flaschen ordentlich auf so vielen Märkten zu placieren, braucht ein gutes Management. Oetker kann, neben Pudding, auch Management.
Der Braten war noch nicht richtig verdaut, da legt der amerikanische Investmentfond Carlyle dreihundertneunzig Millionen Euros auf den Tisch, um sich die Mehrheit der Bodegagruppe Codorníu zu sichern. Dazu gehören neben dem Stammhaus im Penedès auch Weingüter in Costers del Segre (Raimat), in der Rioja (Bilbainas), in Ribera (Legaris) und noch ein paar mehr. Codorníu war zu der Operation gezwungen, da einige Aktionäre ihre Anteile verkaufen wollten. Da schien es angebrachter zu sein, einen Investor zu suchen, als Gefahr zu laufen, diverse quengelnde Kleinaktionäre zu bekommen. Nur gab es keine Investoren, die lediglich einen kleinen Teil der Aktien kaufen wollten. Entweder Mehrheit oder nix.
Carlyle will Codorníu zu einem der global player der Welt der Weine machen. Wenn sie sich da mal nicht zuviel vorgenommen haben. Denn das ist ja nicht das erste Investment, das als Löwe springt, um dann nicht einmal als Bettvorleger landen zu können. Einige werden sich noch an das Ballyhoo erinnern, das E.&J. Gallo vom Stapel gelassen hatten, als sie Martín Códax übernehmen wollten. Zehntausend Hektar Albariño wollte man besitzen und die Marke und die Rebsorte global präsent machen. Abgesehen davon, dass es weltweit keine zehntausend Hektar Albariño gibt, haben die Amis mal wieder nicht von europäischer Gesetzgebung verstanden. Sie mussten lernen, dass man hier nicht einfach Reben setzen kann, wie man lustig ist. Außerdem sind Galicier nun einmal Galicier, ein eher eigenwilliges Völklein. Als man sah, dass die Aktion nicht wie geplant verlief, baute man das Narrativ um, man erklärte, dass man bewusst mit Genossenschaften zusammenarbeite, um kein Eigenkapital übernehmen zu müssen. ¡Kwark! Martín Códax verfügt inzwischen über mehrere Bodegas in Rías Baixas, über je eine in Monterrei und in Bierzo, außerdem beutet man eine Genossenschaft in der Rioja aus. Ohne Ami-Geld hätten sie das nie und nimmer stemmen können.
Chinesen sind nur selten aktiv, gerade einmal in zwei Bodegas in Ribera haben sie etwas zu sagen. In der Rioja kaufte Changyu Pioneer Wine die Bodega Marqués del Atrio für bescheidenen fünfunddreißig Millionen. Gut, die stand zum Verkauf und sonst war wohl niemand interessiert.
Sogrape aus Oporto kaufte unlängst LAN, mit Santiago Ruiz als Beifang, sowie Aura, die Rueda-Bodega, die zuvor Pernod Ricard gehörte. Vorher hatte sich Sogrape mal in Galicien versucht, ist aber nach frustrierenden Kontakten mit den Eingeborenen schnell wieder über den Miño gen Heimat geschwommen.
Letztendlich sind dies aber nur kleine, wenn auch finanziell gewaltige Operationen. Der wirkliche Piranhas-Markt ist innerspanisch und er geht so: in der Regel sind Supermärkte und größere Abnehmer von Weinen mehr auf Marken und Regionen denn auf Qualität fixiert. Ein Großhändler braucht Rioja, Ribera, Rueda, Rías Baixas und Raldepeñas, vielleicht noch ein paar „R“s mehr. Und je weniger Lieferanten man hat, desto besser. Profi in dieser Angelegenheit ist J. García Carrión. Die aus Jumilla stammende Weinbaufamilie (in der es auch gerade ein paar atmosphärische Turbulenzen gibt) ist eigentlich in allen Weinbauregionen Spaniens präsent, die man halbwegs unfallfrei aussprechen kann. „Sie wollen einen Wein aus Kwambimbistan? Aber klar, haben wir!“ García Carrión hat durchgesetzt, dass Markennamen nicht auf eine Denominación oder Autonomie beschränkt sein dürfen, inzwischen kann man Weine aus ganz Europa unter dem gleichen Markenlabel anbieten. Wichtigster Konkurrent ist nicht etwa Felix Solís (die spielen sich eher gegenseitig Bälle zu), sondern Ramón Bilbao, die in Haro beheimatete und in ganz Spanien präsente Riojabodega. Eigene, auf ihren Namen lautende Bodegas hat man nur in wenigen Regionen, in Rueda etwa. Normalerweise hat man eine lokale Bodega unter der Fuchtel, die für Ramón Bilbao schuftet; ein Beispiel ist Mar de Frades aus Rías Baixas, ja genau, die mit dem Thermoetikett und dem rosa Schiffchen.
Viele andere Bodegas machen das auch, in der Regel sind es ebenfalls Kellereien aus der Rioja. Warum? Nun, sie verfügen über ein gut ausgebautes nationales und internationales Vertriebsnetz, sie müssen lediglich einen oder ein paar wenige Weine hinzufügen.
Die Eigentümerstruktur lässt Rückschlüsse auf die Handelsaktivitäten ganzer Regionen zu. Viele spanienweit aktive Weingüter stammen aus der Rioja oder aus Katalonien, zwei Gegenden, die als betont kaufmännisch bekannt sind, auch wenn das in Sachen Katalonien doch eher zweifelhaft ist. Von Gallo, ähhh Martín Códax, einmal abgesehen, gibt es genau zwei galicische Investoren, die sich jenseits der Grenzen tummelm: José María Fonseca (Terras Gauda) und Manuel Jové, der Teile des Juan Gil Imperiums übernahm. Pepe Rodríguez wollte groß hinaus, ihn ereilte indes das Schicksal, welches schon Daedalus und Icarus kennenlernten.
Aktuell wird gerade Valdeorras neu zugeteilt. Pagos de los Capellanes und CVNE sind schon da, die Liste derer, die angeblich kommen wollen, ist lang. Ribera del Duero wird ferngesteuert, Rueda und Toro auch. Überall dort, wo man entweder pflanzen kann oder aber große Rebflächen vorhanden sind, tummeln sich die Großen der Szene.
Und was ist das Problem an der Geschichte? Nun, alle diese Flaschen, die von all diesen Bodegas auf alle möglichen Märkte dieser Welt geworfen werden, tragen ein Rückenetikett, auf dem der Name der Weinbauregion steht. An den Regionen, genauer gesagt an der Darstellung der Typizität einer jeder Region sind die Großbodegas nicht interessiert. Sie wollen, dass da unter ihrem Namen eine Rebsorte und eine Region steht. Aber erst kommt García Carrión oder Ramón Bilbao oder CVNE, und dann die Region und eventuell die Rebsorte. Nur der Produzent ist wichtig. Aber woher soll der unbedarfte Konsument das wissen. Wenn ein Ribera von Bodegas Fulanito nach rotem Wasser schmeckt, hat nicht nur die Bodega den Schaden. Viele Konsumenten glauben dann, dass Ribera-Weine nach rotem Wasser schmecken.
Soviel zum Fressen. Und wo bleibt nun die Moral? ¡Argh! Text: El oso alemán