Eigentlich sollte hier ein ganz anderer Text erscheinen, einer über Fondillón. ¿Fondi-wer? Das ist ein sherryähnliches Produkt aus dem Südosten Spaniens, genauer gesagt aus der Region um Alicante. Da es, je nach Zählweise, gerade einmal neun oder doch nur sechs Erzeuger dieses Produktes gibt (weltweit!), ist das schon eine Bäruntersuchung wert. Nur: zumindest die fünf, die der Bär besucht hat, erzählen alle unterschiedliche Geschichte, wie durch eine unsichtbare Hand genau auf das zugeschnitten, was es dann zu verkosten gibt. So etwas mag der Bär nun gar nicht, es braucht also erst einmal eine grundlegende Grundlagenforschung. Fondillón ist nun mehr als zweihundert Jahre alt, da kommt es auf ein paar Monate mehr oder weniger auch nicht mehr an.
Desderweing und douderhalb (obärfrenggisch) bleiben wir noch ein wenig beim Thema Sherry. Heute soll es aber nicht um Sherrytypen gehen, sondern um die Typen jedweden Geschlechts, die Sherry trinken oder saufen oder gerade eben dies nicht mehr tun. Eine kleine Marktanalyse also. Der Grundtenor: die Verkaufszahlen schießen gen Boden und das Produkt banalisiert sich auf erbärmliche (hat nix mit bär zu tun) Weise. Zwei Zahlen, die das ganze Elend perfekt beschreiben: vor fünfunddreißig Jahren verkauften die zu Jerezanien und Sanlúcarien einhunder neunundzwanzig Millionen Liter Sherry, oder was da halt so alles mit dranhängt. Im letzten Geschäftsjahr für das Zahlen vorliegen, zwanzig siebzehn also, waren es gerade einmal noch zweiunddreißig Millionen fünfhundertsechzig Tausend Liter; drei Viertel des Marktes sind weg. Wech! Einfach so. Einfach so? Na ja, da haben schon viele am Rad gedreht.
Gut, auch der nationale Markt ist geschrumpft, von zwanzig Millionen Liter auf derer zwölf, oder elf, oder vierzehn, in diesem Rahmen schwanken die Absätze. Export kommt von einhundertfünfzehn und ist aktuell bei zwanzig, mehr als achtzig Prozent Schwund!
Schuld haben natürlich zunächst einmal die Weingüter. Um einen guten Amontillado oder Oloroso zu fabrizieren, braucht man Zeit und Geduld. In Wirtschaftssprech übersetzt: man muss für eine gewisse Zeit auf Geld verzichten, sollte das dann aber später durch geeignete Preise wieder hereinholen. Ersteres klappt, letzteres nicht. Man kann keinen Wein im Durchschnitt zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre reifen lassen, um ihn dann für zehn Euro den halben Liter im Weingeschäft zu verkaufen, sorry: zu verramschen. Nun wird aber der Sherrymarkt von ein paar Giganten beherrscht, die oftmals ihr Geld nicht nur mit Sherry verdienen. Im Gegenteil: man leistet sich eine Sherrybodega aus Imagegründen, das Geld wird woanders verdient, von Pernod Ricard, etwa, Seagram oder wer auch immer. Die drücken dann einen Billigoloroso auf den Markt, damit der Lagerbestand nicht explodiert und die eher kleinen Produzenten können gar nicht anders als mitzuziehen. Nur haben diese Betriebe eben kein zweites, besser gesagt erstes Standbein, um Geld zu verdienen. Deswegen wechseln viele Sherryhäuser dann und wann den Eigentümer.
Der zweite Trottel in diesem Spiel ist der Verbraucher, t’schuldigung für die klare Ansage. Denn wenn mehr als die Hälfte des Sherry-Umsatzvolumens auf extrem gesüßte Produkte entfällt, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in allen wichtigen Abnehmerländern, dann darf man sich über die Konsequenzen nicht wundern. Addiert man die Exportvolumina für Cream, Pale Cream, Medium und Dry (eine etwas diffuse Kategorie, die eigentlich nur im Land der Angelsachsen getrunken wird), dann ist man bei siebzig Prozent angekommen, Fino, großenteils Industriefino, macht noch einmal fast zweiundzwanzig Prozent aus, der „Rest“ ist dann wirklich nicht viel mehr als ein Rest.
Und genau diese drei Produkte sind es, die den Markt kaputt machen: Medium, Cream und Pale Cream, denn hier reden wir nicht mehr von Terroir, von individueller Stilistik, von irgendetwas, das als Unterscheidungskriterium dient. Pale Cream basiert auf Amontillado (meistens zumindest, ist nicht verbindlich geregelt), der durch Zugabe von Alkohol auf bis zu zweiundzwanzig Prozent aufgespritzt werden kann und durch Zugabe von Süß, in welcher Form auch immer, bis zu einhundert fünfzehn Gramm Restzucker enthalten darf. Bären mögen Zucker, aber nicht in dieser Form! Glücklicherweise ist die Welt von diesem Produkt nicht wirklich betroffen, denn sechsundneunzig Prozent der gut zwei Millionen Liter werden gen UK verkauft, den Rest trinken Angelsachsinnen und Angelsachsen, die in Spanien weilen.
Schlimmer, viel schlimmer ist die Sache mit dem Cream, denn hier kommt Farbe ins Spiel. Cream basiert auf Oloroso, der Rest wie oben. Nur: während man beim Pale Cream ein British-Bleich behalten will, darf der Cream durchaus dunkel daherkommen. Wie man hellen Wein dunkel macht, das kann man sich in Málaga ohne größere Probleme anschauen. Sirup, Melasse, den Träumen sind nur wenige legale Grenzen gesetzt. Und hier reden wir dann von sieben Millionen Litern, die Jahr für Jahr über den Tresen gehen, knapp ein Viertel der gesamten Verkaufsmenge.
T’schuldigung (schon wieder), aber das Zeuch schmeckt einfach nur banal, eine süße, likörartige Flüssigkeit, die der am besten verkaufen kann, der die niedrigsten Produktionskosten hat. Je größer, desto Cream! Natürlich muss so etwas dann bei Discountern stehen, denn so richtig Geld ausgeben muss man für so etwas eigentlich nicht. Zufällig mitlesende Weinhandelnde sollten still und leise die eventuell vorhandenen Restbestände entsorgen. Nein, nicht in der Küche, Cream kann dort nur noch verschlimmbessern.
Wer nun glauben mag, dass damit alle dunklen Wolken beschrieben sind, sollte mal vorsichtig gen den mittleren Rand des Horizonts blicken, denn dort türmt sich eine dicke, fette, tief dunkle, fast schwarze Wolke auf. Ihr Name: Medium. Schlimmer geht es dann wirklich nimmer. Für Meduim kann man alles nehmen, Amontillado, Oloroso, verunglückter Manzanilla, labbriger Fino, selbst ein paar Botas Pedro Jiménez können zum Einsatz kommen, Alkohol und Zucker, siehe oben, natürlich auch. Zu Medium Sherry wird all das verarbeitet, was zu wirklich nichts anderem taugt. Und dann ist da noch diese bodenlose Frechheit, einen pappsüßen Medium mit vierundvierzig Gramm Restzucker als Medium Dry zu etikettieren. Das sollte man nicht mit mitteltrocken oder halbtrocken übersetzen, sondern das Wort Medium (der Sherry-Typ) stehen lassen, um nur das Dry in trocken zu verwandeln. Trocken auf dem Etikett und pappsüß in der Gurgel. O Herr, lass Hirn regnen. Natürlich gibt es auch Medium Sweet, der ist dann halt wirklich süß, da sind wir wieder bei bis zu einhundert und fünfzehn Gramm Zucker. Bei all diesen astronomischen Zuckerwerten sollte man im Kopf behalten, dass das Ausgangsprodukt ein durchgegorener Palomino-Wein ist, mit deutlich weniger als fünf Gramm Restzucker. Der ganze, hmmm, Rest an Zucker ist wie auch immer hinzugeschüttet. Und dieses Produkt macht knapp ein Viertel des Sherry-Umsatzes aus, international sogar mehr als dreißig Prozent, Medium ist somit das wichtigste Export-Produkt der Region. Sozusagen das Aushängeschild des Sherry. Wenn nun aber das simpelste Produkt einer Region deren Aushängeschild ist und wenn die Summe der drei simplen, komplett terroir- und personalitätsbefreiten Typen sieben von zehn Flaschen ausmacht, dann brauchen wir uns nicht zu wundern. Über gar nichts! Die Zahlen sprechen für sich selbst.
Der dritte Depp in diesem Trio ist der Consejo Regulador, und zwar der von der D.O. Jerez-Xérès-Sherry. Da die D.O. Manzanilla de Sanlúcar de Barrameda mehr als neunzig Prozent der Produktion in Spanien und dort vor allem in al-Andalus verkauft, spielen die international keine Rolle. Dass der Sherry-Consejo, der natürlich von den Einnahmen via Rückenetiketten lebt, die drei Simpelsherries bewerben muss, keine Frage. Aber mit der Qualitätsweinklassifikation, die im Jahr zweitausend eingeführt wurde, hat man sich selbst ins Knie geschossen! Damals führte man die Kategorien VORS (mehr als dreißig Jahre reife [im Durchschnitt]) und VOS (das Gleiche mit zwanzig) ein, dazu kamen noch die beiden Jahresklassifikationen I.E.12 und I.E.15, die Zahl verweist auf die durchschnittliche Reifedauer in den Botas. Das hat man sich beim Whisky abgeguckt, beim Sherry funktioniert das eben nicht. Die Idee war, dass Bodegas mittels dieser Klassifizierung ihre „Top-Produkte“ teurer verkaufen können, weil der Kunde ja so dämlich sei und dies nicht selber beurteilen könne. Sorry, aber das ist Kwark! In jeder Region sieht man, dass als Gran Reserva etikettierte Weine nicht zwangsweise die teuersten oder die besten sein müssen. Nun gut, das ganze Theater brauchte ein paar Jahre, um anzulaufen. Im Jahr zweitausend und sechs war man bei dreihundert und fünfunddreißig tausend Litern dieser Kategorien angelangt, das Allzeithoch, VORS, älter als dreißig Jahre und der I.E.12 dominierten, das ist nicht sonderlich verwunderlich. Damals gab es dies aber auch nur als Amontillado, Oloroso, Palo Cortado und Pedro Ximénez. Heute gibt es auch Medium VORS und VORS Cream. Kann man so etwas nicht unterbinden? ¡Argh!
Und noch eines: gerade mal auf der Web-Seite einer im Herzen Madrids angesiedelten Weinhandlung (hat die viña im Namen) herumgelaufen. Reliquia Amontillado kostet dort neunhundert und fünfzig Euro die Flasche. Gut, nicht ganz billig. Nur: Pingus kostet sechshundert Euro mehr, gleiches Flaschenvolumen. Auch wenn man die Flasche Pingus noch so hegt und pflegt, einmal geöffnet ist allerspätestens nach sieben Tagen Schicht im Schacht: entweder Flasche leer oder Wein um. Den Reliquia, maßvoll eingenommen, kann man ein Jahr ziehen, noch länger, wenn es denn unbedingt sein muss. Und andere durchaus gute Produkte findet man für ’nen Hunni oder noch weniger. Für Produkte, die achtzig Jahre oder noch mehr auf dem Buckel haben und wirklich weltklasse sind, ist das kein hoher Preis, für einen ernsthaft guten Barolo Jahrgang zwanzig dreizehn muss man tiefer in die Tasche greifen. Text: El oso alemán