Stehen wir am Vorabend einer echten Revolution? Oder ist das alles nur ein Wurm im Wasserglas? Will wirklich jemand in Spanien die alte Weingesetzgebung entrümpeln? Oder ist das alles nur Rall und Schauch?
Fakt ist, dass derzeit in diversen Denominaciones de Origen neue Regeln geschaffen werden, die so etwas wie Lagenweine oder Ortsweine ermöglichen. Und, hey, das ist Spanien, natürlich geht es nicht ohne einen Schuss Größenwahn! „Jetzt sind wir wie die im Burgund“ johlte A. Palacios unlängst. Nur: stimmt das wirklich?
Erst einmal die Vorgeschichte, es ist ja nicht jede Leserin, nicht jeder Leser ein Experte in spanischem Weinrecht:
Anders als in vielen, will sagen in fast allen Weinbauregionen Europas gibt es innerhalb einer Denominación de Origen keine sinnstiftende Klassifizierung. Das, was uns die Rioja mit Alavesa, Alta und Baja, sorry, das heißt jetzt ja Oriental, vorsingt, ist ja keine Klassifikation, da nur der Standort der Bodega als Marketinggrundlage dient. Eigentlich gilt nur: drin oder draußen? Und selbst das gilt nur eigentlich.
Den Anfang machte das Priorat vor gut zehn Jahren. Genauer gesagt, Álvaro Palacios und René Barbier sr. dachten sich etwas aus und setzten es um. Es entstanden die Kategorien Vi de Vila, Vi de Partida, Vi de Finca. Gleichzeitig hat man die natürlichen Gemeindegrenzen und nicht etwa die politischen Gemeindegrenzen zugrunde gelegt. Das war alles andere als perfekt, aber immerhin ein Anfang.
Inzwischen gibt es ein paar weitere Regionen, in denen das System ein wenig modifiziert wurde. In der Rioja etwa. Allerdings gibt es in solch großen Regionen ein Problem: jene, die den Takt geben, die Großbodegas mit einigen Millionen Flaschen Jahresausstoß, sind an einer Klassifikation nicht wirklich interessiert. Denn sie mischen ja alles mit allen, sie würden somit unweigerlich in der untersten Kategorie landen. Nix gut für Image. Deswegen ist die neue Rioja-Klassifikation ein besserer Kwark. Zwar gibt es Ortsweine, aber eine jede Bodega darf nur Ortsweine aus dem Ort auf den Markt bringen, in dem die Bodega steht. Wenn nun jemand seine Bodega in Samaniego stehen hat, aber all seine Weinberge in Guardia, dann kann er, leider, leider, keinen Ortswein verkaufen. Denn in Samaniego hat er keine Weinberge und in Guardia keine Bodega. Blöd gelaufen, wa? Sie haben auch Lagenweine geschaffen, Vinos Singulares nennen sich die. Dafür braucht es drei Kilo Dokumente, man muss beweisen, dass die Parzelle wirklich singulär, aka einzigartig, ist, die Reben müssen älter als dreißig Jahre sein (auch so eine Kwark-Regel), und es gibt eine sensorische Prüfung, will sagen eine Verkostung. Der Consejo Regulador bestimmt also, was ein Lagenwein sein darf und was nicht. In etwas moderneren Ländern ist eine Weinbauregion in Lagen eingeteilt und im Prinzip kann jede Lage auf dem Etikett auftauchen. But Spain is different, of course.
Im Laufe der Jahre hat A. Palacios dazugelernt, das Regelwerk AP II ist durchaus besser. Dieses Mal hat Álvaro Bierzo ins Zielfernrohr gepackt, nicht gerade zufällig, gibt es dort doch die Bodega, die er zusammen mit Ricardo Pérez leitet. Ähnlich wie im Priorat so gibt es auch hier Ortsweine, Großlagenweine und Lagenweine, wobei hier die politischen Gemeindegrenzen als Basis genommen werden. Neu ist etwas das in allen anderen Ländern stinknormal ist: wenn mehrere Weingüter Teile einer Parzelle besitzen, dann darf jedes Weingut einen Lagenwein dieser Parzelle auf den Markt bringen. Das Registrieren von Lagennamen ist ausdrücklich verboten. Und schwupps gibt es von ein paar wirklich guten Lagen sechs, sieben oder acht Lagenweine. Im Priorat und in der Rioja geht das nicht, dort muss man die Lagennamen als Weinmarken registrieren, mit anderen Worte: es kann von jeder Lage nur einen Wein geben, egal wie viele Eigentümer es gibt. Doof, wa?
Ein paar Schwergewichte machen sich nun auch auf den Weg, Rueda etwa. Eigentlich sollte man sagen alle in Castilla y León, weil die Junta de Castilla y León das Regelwerk AP II nicht nur für Bierzo abgesegnet hat, sondern auch weil es amtlich als Grundlage für alle Weinbauregionen in Castilla und León als Basis gilt. Rueda werkelt schon, das könnte schon etwas geben. Sierra de Salamanca und Cebreros haben das Regelwerk bereits umgesetzt, was eher einfach war, da es dort keine gewachsenen Strukturen gibt. Toro schläft vor sich hin, Ribera widersetzt sich noch immer. Eher friert die Hölle zu als dass sich dort irgendetwas ändert.
Und weil das alles so vor sich hinwerkelt phantasiert A. Palacios von „wie im Burgund“. Und da vinophile Spanierinnen und Spanier feuchte Augen bekommen, wenn das B-Wort genutzt wird, sind Taschentücher gerade Mangelware.
Nur: Álvaro erzählt natürlich Blödsinn. Denn in den Regionen Priorat oder Rioja ist die Registrierung eines Lagennamens noch immer Pflicht. Man stelle sich vor, dass dies auch in Frankreich oder in Deutschland so sei: dann gäbe es nur genau einen Montrachet, und wahrscheinlich wäre dies nicht einmal Romanée-Conti oder nur eine Wehlener Sonnenuhr. Vom Clos Vougeot gibt es Jahr für Jahr annähernd einhundert Weine, die Lake ist etwa fünfzig Hektar groß. In der Rioja könnte es von einer gleichartigen Parzelle genau einen Lagenwein geben.
Das wirklich gravierende Thema fasst Álvaro natürlich nicht an, es würde ja seine Betriebsphilosophie, wenn wir das mal voll euphorisch so nennen wollen, zerstören. Denn was in Deutschland eine Erzeugerabfüllung ist, in Frankreich ein als Recoltant klassifiziertes Weingut, in Österreich, in Italien und sonstwo ähnlich, ist in Spanien schlicht und ergreifend unbekannt. Ich kann mir einen Lagenwein aus zusammengekauften Trauben und letztendlich zusammengekauftem Fasswein basteln, ohne dass dies irgendwo veröffentlicht werden muss. In Deutschland nennt man solche Gebinde Handelskellereien, in Frankreich sind dies Negotiants. Spanien kennt so etwas nicht. Und Spanien wird das auch nicht einführen. Denn dann wären Bodegas wie Vega Sicilia, Pingus, Benjamín Romeo oder Álvaro Palacios plötzlich „Negotiants“ oder aber sie müssten, wie man das aus dem Burgund kennt, ihre Weingüter in „Domain“ und „Maison“ aufteilen. Das geht gar nicht, da könnte ja die gut gepflegte Imageblase platzen.
Wir summieren auf:
Eins: Burgund ist eingeteilt in Gebiet, Ort, Lage. Die neuen Spanien-Regeln tun dies mehr oder weniger auch.
Zwei: Lagennamen sind keine Markennamen. Jeder, der einen Wein aus einer Lage keltert, darf diesen Namen nutzen. In Spanien gilt dies bislang nur in Bierzo.
Drei: es gibt eine strikte Abgrenzung Recoltant versus Negotiant. In Spananien findet dies nicht statt.
Wir lernen: Das, was Álvaro und noch ein paar mehr von sich geben, ist schlicht und ergreifend Unfug. Aber, leider: das war ja auch zu erwarten. Schade, eigentlich. Text: El oso alemán
Rotwein · Vino de la Tierra de Castilla y León · Tempranillo
Der Mauro Vendimia Seleccionada 2022 ist ein facettenreicher, reinsortiger Tempranillo von Mariano García – konzentriert, balsamisch und tief, mit 26 Monaten Reife in französischer Eiche. Die kompromisslose Spitze des Guts, nur in guten Jahrgängen erzeugt.
Mauro – Mariano García in Tudela de Duero
Bodegas Mauro ist das persönliche Projekt von Mariano García, der 30 Jahre lang technischer Leiter von Vega Sicilia war. Seit 1978 entstehen hier in Tudela de Duero bei Valladolid kleine Mengen großer, lagerfähiger Rotweine, getragen von zwei Säulen: der Identität des Terroirs und dem Ausbau. Da der Ort knapp außerhalb der DO Ribera del Duero liegt, führt Mauro die Klassifikation Vino de la Tierra de Castilla y León – ein reines Etiketten-Detail, keine Frage der Qualität.
Die Vendimia Seleccionada wird nur erzeugt, wenn der Jahrgang es zulässt, aus eigens nach Konzentration und Reife ausgewählten Parzellen in Tudela de Duero und Traspinedo. Die Reben stehen auf leichten, gut durchlässigen, tonig-kalkigen Böden; bewirtschaftet wird ökologisch zertifiziert, ohne Herbizide.
Jahrgang 2022 – Castilla y León
2022 war im Duero-Tal ein herausfordernder, sehr trockener und heißer Jahrgang mit ausgeprägter Sommerhitze. Das zeigt sich im strukturierten, kraftvollen Profil des Weins und in der reifen, dunklen Frucht. Sorgfältige Lagenauswahl und strenge Selektion bewahren dennoch Frische und Balance – ein konzentrierter, aber fließender Wein mit großem Lagerpotenzial.
Ausbau
Reinsortiger Tempranillo aus dem Jahrgang 2022.
Handlese in 15-kg-Kisten, minutiöse Selektion am Sortiertisch, Spontangärung mit eigenen Hefen und zwei bis drei Wochen Maischestandzeit. Anschließend 26 Monate Reife in Fässern aus französischer Eiche, danach unfiltrierte Füllung. Bio-zertifiziert (ES-ECO-031-CL).
Im Glas
In der Nase balsamische Noten über reifer, dunkler Frucht. Am Gaumen eine Aromenvielfalt von Kakao und dunklen Früchten bis zu Graphit, getragen von solider Struktur. Vollmundig im Abgang, mit reifen, zugleich feinen und flexiblen Tanninen – kraftvoll, konzentriert und doch elegant.
Voll, rund und fleischig – die kompromisslose Spitze von Mauro, ganz aus dem Charakter ihres Terroirs.
Schon jetzt zugänglich, mit großem Reifepotenzial über viele Jahre; profitiert deutlich von einer Karaffe. Bei 16–18 °C servieren.
Am Tisch
Zu kastilischen Braten, zu rotem Fleisch und Lammkoteletts vom Grill, zu Ibérico-Schwein sowie zu gereiften Hartkäsen.
Janus empfiehlt