Zweisame Rufer ohne Wüste
Nun ist dies ja keine unbekannte Weinregion, gleichwohl: itzerdla (frenggisch für heutzutage) kennt man sie für ihre angereicherten Palominos, trocken in al-Andalus, süß vor allem in all-Emannien. Blätter man indes im Buch der Weingeschichte, dann findet man schon Erstaunliches.
Anfang des achtzehnten Jahrhundert entstand ein Atlas der in al-Andalus verwendeten Rebsorten. Natürlich gab es die Klassiker: Palomino, Mantúo, auch Airén, ganz Kanarien ist voll von Rebsorten aus al-Andalus. Dass sie Kanarienvögel dorthin gebracht hätten, stimmt übrigens nicht. Über einhundert und dreißig Sorten sind aufgelistet, wobei da schon jeder Klon und jede Halbmutation einzeln zählt.
Eine durchaus interessante Sorte nennt sich Tintilla (de Rota), andernorts kennt man sie auch als Graciano. Und wie kommt Graciano gen Rota (und Sanlúcar und die ganze Ecke)? Gute Frage. Der Landweg war es wohl nicht, sonst würde man die Sorte auch in der Mancha oder in València finden. Iss nich. Die bislang nicht widerlegte Bärentheorie besagt, dass die Sorte wohl an der Küste der Comunitat Valenciana oder in Catalunya angekommen ist, um dann den Ebro hochzuwandern, gen Rioja, oder aber per Boot weiterzureisen, bis gen Cadiz, in jener Zeit der einzige wirklich wichtige Seehafen der Mittelmeerküste von al-Andalus. Neu-Carthago war gerade in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, Málaga war nur bedingt wichtig und der Prinz von und zu Hohenlohe, der aus der Bretterbude Marbella das machte, was es heute immer noch ist, kam später. Eine ähnliche Theorie, etwas besser bestätigt, gibt es auch für Merseguera (aus València), die in Galiza Doña Branca heißt, auch Boot!
Und so baute man munter an Tintilla, Garnacha, Mantúo, Jaén negro, auch etwas Tempranillo, sowie etwas Cabernet Franc und etwas Cabernet Sauvignon. Alicante Bouschet, das nur nebenbei, mied Cadiz, das Boot driftete weiter bis an die portugiesische Westküste. Irgendwann jedoch war Schluss mit lustig, nicht nur, aber vor allem die Reblaus sorgten für ein Ende des Rotweinanbaus im Westen von al-Andalus. Es blieben ein paar vereinzelte Weinberge, insbesondere Romé hielt sich, wie etwa jener, über den an dieser Stelle schon berichtet wurde (Bodega Sedella). Viel mehr war da nicht. Dann kam Ronda, was die Dinge komplizierter machte. Und dann kam erst einmal wieder lange Zeit nichts.
In Sachen Weißwein war das nicht viel anders. Es gab ein paar minderprächtige Weine aus Montilla-Moriles, die dem Aufspriter entgangen waren, es gab wenige Weißweine aus Málaga, die nicht von Sirup ermordet wurden, und es gab und gibt den Castillo de San Diego, Spaniens Nummer eins (oder zwei, die liefern sich da mit dem Blanc Pescador von Perelada ein Wettrennen) in Sachen Flaschenproduktion; Qualität geht anders. Und dann kam schon wieder nichts.
Und dann begannen ein paar, sie machten dies und ließen das, meistens waren diese Betriebe, die schnell wieder von der Bildfläche verschwanden; niemand wollte das Zeuch kaufen.
Und dann begann ein Paar, das alles nicht viel anders zu machen, aber viel besser. Außerdem kamen sie in der Welt herum, einer der Beiden kam sogar in der Welt auf die Welt, die andere kennt die Welt zumindest. Sie ließen sich nieder auf der sanften Kuppe eines welligen Hügels und beschlossen, dort für lange zu bleiben, For Long, würden Angelsachsen raunen.
Als Alejandro Narváez und Rocío Áspera die Stangen ihres Zeltes im Niemandsland zwischen Jerez de la Frontera, El Puerto de Santa María und Sanlúcar de Bär-rameda aufschlugen, man schrieb das Jahr zweitausend und sieben, waren sie in Sachen Qualität allein in einem riesigen Meer von oftmals belanglosen Produkten. Sie bestockten die Parzelle nahe der Bodega, ein paar verlodderte Palominostöcke waren schon da, und sie pachteten zwei weitere Parzellen, eine davon in der durchaus guten Lage Lomopardo.
Die weißen Sorten sind gute Bekannte: Palomino und Pdro Ximén. Daraus zaubern Rocío und Alejandro nicht weniger als fünf Weine, und alle sind hochgradig spannend. Dies ist erwähnenswert, weil mehr als iggsundneunzig Prozent aller sonstigen Palominos aus Spanien hochgradig unspannend sind. Der Forlong Blanco ist der einzige Wein, der neben Palomino auch etwa zehn Prozent PX enthält, das gibt ihm ein wetterfestes Gerüst, die Säure ist gut ausbalanciert. Bären, die sich erst einmal an derartige Weine gewöhnen müssen, können eine Weile mit diesem Wein spielen, PPBs (Profipalominobären) machen gleich weiter.
Der nächste Wein ist ein Kind der Weinbastelstube. Einhundert Prozent Palomino steht auf dem Etikett. So so. Nun gut, es ist einhundert Prozent Palomino. Nur: in den Most kippen die Beiden Schalen vom Pedro Pedro Ximénez! Das bringt ein paar Bitterstoffe, der Wein ist vielschichtig, deutlich komplexer als der kleine Fürlang. Und: diesem Wein wird kein Schwefel zugefügt (schwefelfreie Weine gibt es nicht…), was man aber nicht merkt oder schmeckt. Bärenregel: wenn man deutlich schmeckt, dass ein Wein keinen Schwefel abbekommen hat, dann besser Schnauze weg vom Glas…
Danach beginnt etwas, das dem Bären Kopfzerbrechen bereitet, denn der Bär liebt es, Dinge, vor allem Weine, ausgiebig zu beurteilen und zu kritisieren. Aber wie soll man Weine kritisieren, die Mon Amour oder Amigo Imaginario heißen? Wobei, so sonderlich viel zu kritisieren gibt es da gar nicht.
Gäbe es in der Xérès-Ecke klassischen Weißweinanbau, dann würde der Mon Amour ein Klassiker der Klassiker sein: nur Palomino, im Barrique vergoren und dann im Barrique gereift. Abär Obacht: diese große Liebe kann ohne Luft nicht leben (welche kann das schon?)! Man sollte ihm schon so eine halbe Stunde in einer Karaffe gönnen oder halt den Wein zehn Jahre im Keller liegen lassen. Dann öffnet sich da eine Wundertüte von mineralischen Noten. Zum Verlieben.
Der imaginäre Freund scheint in einer Kalkhöhle zu leben, zumindest lässt der Wein dies vermuten. Das ist dann schon ganz großes Kino, da sind wir schnell bei den nicht ganz so vielen großen Weißweinen Spaniens. Frisch, komplex, sehr lang, neben Kalk auch noch andere mineralische Noten. Und ein kleiner Sherrytouch. ¿Hep? Nun: der imaginäre Freund ruht nicht in einer Kalkhöhle, er reift in gebrauchten Oloroso-Fässern, fast ein ganzes Jahr lang. Wie mag so etwas wohl nach zehn Jahren Flaschenreife schmecken?
Der fünfte Wein ist wieder einer aus der Bastelstube: La Fleur. Alles beginnt ganz normal: einhundert Prozent Palomino. Dann aber geht die Post ab! Sorgfältig werden die Trauben in die Sonne gelegt, damit sie faul auf der Haut herumliegen und Flüssigkeit verlieren. Sobald fünfzehn natürliche Umdrehungen erreicht sind, wird gepresst, sodann vergärt der Most, natürlich nur mit traubeneigenen Hefen. Einmal fertig kommt er in Sherryfässer, wahrscheinlich Amontillado oder Manzanilla, dort reift der Wein satte zwei Jahre unter einer dicken Hefeschicht, bajo flor würden Naturweinfanatiker sagen. Dann wird gefüllt. Was diesen Wein angeht, so würde ich es mit der Flaschenreife nicht zu stark übertreiben: in den ersten fünfundzwanzig Jahren seines Lebens sollte die Blüte in den Magen.
Danach sollte man den Rosado verkosten, er räumt mit allem auf, was im Mund hängengeblieben ist, bringt aber selbst nichts Neues. Ein Rosado halt.
In Sachen Rotwein ist das Potential bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Die beiden „normalen“ Weine bestehen aus Syrah und Merlot, Mischungsverhältnis zwei zu eins, einmal so und einmal so, dazu immer zehn Prozent Tintilla. Beide Weine reifen erst einmal ein halbes Jahr in Lehmgebinden (tinaja), danach in Barricas. Das sind die Weine, mit denen De Forlong vor allem auf den Märkten punktet, die eher nicht so speziell ausgerichtet sind. Deutschland, zum Beispiel. Die beiden wirklich spannenden Rotweine werden aus Tintilla gewonnen, einer reift in einer Tinaja, der andere, neu im Programm, in einer Amphore. Derzeit gewinnt die tinaja, was aber wohl nicht zuletzt daran liegt, dass dieser Wein for schon relativ long gemacht wird, während der Amphorenwein das Erstlingswerk ist. Das wird keine fünf Jahre dauern, dann gewinnt die Amphore.
Bei den Rotweinen merkt man, dass die Bodega dann halt doch noch relativ jung ist. Ein Teil der Parzellen ist gepachtet, die Rebsorten sind vorgegeben. Das Pflanzen von neuen „alten“ Sorten, Romé, vielleicht Garnacha, ¿Jaén? und so weiter, das stand alles erst einmal nicht zur Debatte. Das kann aber ja noch kommen. Schließlich sind Alejandro und Rocío ja gekommen, um Forlong zu bleiben. Text: el oso alemán