Zwei Pfoten in drei Regionen
Für die Versuchsanordnung braucht man zum einen zwei große Pfoten, Bären sind da latent im Vorteil, sowie ein exaktes Orientierungshilfsmittel, Gockl schnapps kriegt das nicht hin. Aber irgendwie schafften wir es und der Bär stand mit der linken Hintertatze in der Weinbauregion Almansa, mit rechten Hintertatze genau auf der Trennlinie zwischen den Weinbauregionen València und Alacant. Oder so… Toll, ¿wa? Blöd nur, dass es da überhaupt keine Unterschiede gibt, die Böden sind gleich, der Wind pfeift auch aus der gleichen Ecke, aber das spanische Weinbaugesetz redet von drei Regionen. Und wehe, eine Traube macht sich des Nachts bei Wind und ohne Nebel auf den Weg von einer in die andere.
Weinbauregionen sind in Spanien ähnlich klug strukturiert wie in Deutschland, wobei dort zumindest regionale Gesichtspunkte eine Rolle spielen. So trennte man Rheinhessen von der Pfalz, was in der südlichen Region mit drei Tagen Saumagen gefeiert wurde. Abgesehen von Pfalz und Württemberg, die bekanntlich manches nicht können, nicht nur Hochdeutsch, kleben die Weinbauregionen Deutschlands an Flüssen, samt deren Nebenflüssen, auch wenn die Regionen dann und wann anders genannt werden. In Spanien kleben die Weinbauregionen am Amtsschimmel respektive an den Amtsschimmelreitern.
Wenn man Spezialregionen wie Cava oder die diversen Großlandregionen (Castilla y León, Castilla, Catalunya, València) mal außen vorlässt, dann ist jeder Quadratmeter, auf dem auch nur Reben stehen könnten, genau einer Weinbauregion zugeordnet. In Frankreich, insbesondere aber in Italien ist das anders. Im Piemont gibt es Dörfer, über denen sich fünf Weinbauregionen türmen, die armen Etikettierinnen und Etikettierer müssen da schon genau aufpassen. In weiser Voraussicht haben die spanischen Amtsschimmelreiter diese Stressgefahr gebannt. Aber sie haben den Deibl mit dem Düvel ausgetrieben!
Nehmen wir den Ebro zwischen Logroño und Alfaro mal als Beispiel heran. Als das mit den Denominaciones de Origen ernst wurde, fragte man die Orte, die auf der linken Seite des Ebro hausen, ob sie denn lieber der D.O. Rioja angehören wollen oder dann doch der D.O. Nafarroa, die während der Franco-Diktatur aber nicht so genannt werden durfte; Navarra also. Und die einen sagten R, die anderen hingegen N. Natürlich kann man der Landschaft nicht ansehen, wo Gemeindegrenzen gezogen sind. Es ging wohl vor allem darum, wohin die Weinbauern ihre Trauben lieferten. So die Abnehmer in Haro, Cenicero oder sonstwo in der Rioja saßen, stimmten die Orte natürlich für die Anbindung an die Rioja. Einige dicke, fette Rioja-Bodegas sind in Nafarrioja angesiedelt, natürlich beziehen sie Trauben aus der ganzen Rioja. Aber wie können wir eine Region als Einheit begreifen, wenn es keine auf natürliche Gegebenheiten basierende Grundlage gibt?
Als die Weinbauregion Rías Baixas ins Leben gesoffen wurde, wollten die Weinbauern drei getrennte Regionen: Salnés, O Rosal, Condado do Tea. Manuel Fraga Iribarne, von der Regierungsbank der Franquisten auf den Ministerpräsidentenstuhl von Galiza gewechselt, meinte „Ihr habt wohl einen im Tee!!!“ Und es gab nur eine Makroregion. In Ribera del Duero pferchte man einhundert und sechzig breite Kilometer, von Quintanilla de Abajo bis Atauta sinnfrei in eine Region, während sich in Toro die Altvorderen erfolgreich gegen die Eingemeindung von herumliegenden Randdörfern wehrten. Dafür musste dann mühsam die Region IGP Tierra del Vino de Zamora erfunden werden. Die geht nun am Stock.
Eine der wenigen Regionen auf kastilischem Boden, die halbwegs passt, ist Rueda. Gut, auch da wird Unfug getrieben. Jedoch konnte man auf die „Asociación de Viticultores de Medina del Campo“ aufbauen, die schon im siebzehnten Jahrhundert erfolgreich agierte.
Alles, was nicht wirklich auf eine lange Tradition zurückgreifen kann, wurde politisch entschieden. Und da kennen Spanierinnen und Spanier nur Feinde, sich abgrenzen und anderen etwas aus den Händen reißen, dies sind zwei Lieblingsbeschäftigungen Spanischer Funktionärinnen und Funktionäre. Gut, Geld verstreuen und Strafen verhängen, das können sie auch.
Und was bedeutet dies für Weinfreudende? Gibt es nicht auch in Deutschland große Regionen wie Mosel oder Rheinhessen? Und steht nicht auf gefühlt jeder zweiten Flasche im Regal der französischen Weine „bohr dou“? Schon, aber die Dinge sind anders gelagert. Wer nur Bordeaux ohne jede weitere Klassifikation auf das Etikett pinselt, ist entweder ein Negotiant, der überall zukauft (und es dann auch nicht besser verdient hat), oder aber ein kleines Weingut, da aus irgendeinem Grund mit den regionalen Klassifikationen nicht auskommt. Und in Deutschland findet man eigentlich fast immer den Ortsnamen auf dem Etikett, von Bernkastel Green Label mal abgesehen. Natürlich kann man einen Saint Estèphe als Haut-Médoc, als Médoc oder als Bordeaux etikettieren, nur wer macht das schon, wenn mit der engsten Beschreibung das meiste Geld gescheffelt werden kann. Wir wissen also, dass, wenn da eine weitläufigere Bezeichnung steht, ein Grund dafür vorliegt.
In Spanien wissen wir erst einmal gar nichts. Zu einem Problem könnte das erst auf den zweiten Schluck werden. Denn, wer einmal einen fast schwarzen, zugeholzten Süßling im Glas hatte, der sich „Toro“ nennt, und dieses Geschmacksbild im Hinterkopf abgespeichert hat, ist für lange Zeit konditioniert. Die Weine aus Wehlen haben ein Geschmacksbild, jene aus Menetou-Salon auch, das Geschmacksbild von Toro ist breiter als die Straße des 17. Juni…
Und es kommt noch schlimmer: über französische, zentralitalienische, österreichische oder deutsche Weine gibt es jede Menge Literatur. Nicht alles, was darin zu lesen steht, ist wahr, manches wurde wohl des Nachts am schlecht beleuchteten Schreibtisch erfunden. Aber es gibt eine grobe Information. Für Spanien gilt das nicht, die wenigen Bücher, die es gibt, triefen derart vor lauter Ehrfürchtigskeitsexzessen, dass die Lebensmittelampel von Julia K. ohne Verzögerung auf dunkelrot springen würde.
Gut (oder schlecht), die Verbraucher scheinen auch nicht willens zu sein, mal einen halben Fuffi für ein ordentliches Buch über spanische Weine auf den Tisch zu legen. Dann müssen sie halt weiter „Rioja“ trinken, ohne zu ahnen, was sie da wirklich im Glas haben.
Wir lernen: regionsnamen sollte man nur mit der langen Zange anfassen!
Die Zukunft sieht diesbezüglich nicht unbedingt rosig aus, denn in Spanien gibt es einer Tendenz hin zur Verfettung: große Bodegas werden immer fetter, García Carrión ist das Megabeispiel. Die sind inzwischen in fast zwanzig Regionen Spaniens vertreten, ihnen geht es aber nicht darum, die Eigenheiten jeder Region zu visualisieren. Sie wollen nur Weine auf den Markt bringen, die anders heißen als jene, die sie schon auf den Markt gebracht haben. Zusätzlich sollen sie zumindest ein klein wenig anders schmecken. Und: sie wollen alle zumindest halbwegs bekannten Regionsnamen besetzen, damit die geliebten Wettbewerber nichts anbieten können, was man selber nicht auch hat.
Schöne neue Welt! Text: el oso alemán